Transnistrien

Das Land in Europa, das niemand kennt

Rîbnița, Transnistrien
Die Stadt Rîbnița liegt im Norden von Transnistrien
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Sie haben ihre eigene Währung, Pässe und ein Militär. Und dennoch: Transnistrien gibt es eigentlich nicht. Der De-facto-Staat wird von keinem anderen Land der Welt anerkannt – nicht einmal von dem, das dafür verantwortlich ist, dass Transnistrien heute überhaupt noch existiert.

Bekannt ist über diesen Nicht-Staat wenig, nur, das Transnistrien de jure immer noch zu Moldawien gehört, aber sich im Sommer 1992 nach einem blutigen Konflikt von dem Land abgespalten hat – die Menschen in Transnistrien halten auch heute mehrheitlich noch „Väterchen Russland“ die Treue, und das bringt eine besondere Brisanz in die Sache: Die russische Regierung sichert auch heute noch die „Unabhängigkeit“ Transnistriens mit einer etwa 1000 Mann starken „Friedenstruppe“, die transnistrische Armee selbst zählt laut „Spiegel“ schätzungsweise 15.000 Kämpfer unter Waffen.

Transnistrien

Der Grenzübergang zwischen Moldavien und Transnistrien – seit fast 30 Jahren ein Spannungsherd
Foto: Getty Images

Von keinem anderen Staat anerkannt

Laut einhelligen Medienberichten ist Transnistrien daher so etwas wie der letzte verbliebene Staat der Sowjetunion, in der Hauptstadt Tiraspol steht in Form eines Kampfflugzeuges ein martialisches Kriegerdenkmal, die Medien verbreiten anti-westliche Propaganda. 160.000 der etwa 500.000 Einwohner des Landes haben einen russischen Pass, 80.000 einen ukrainischen, spätestens seit der Krim-Annexion durch Moskau schwelt der Konflikt zwischen Russland und seinen Widersachern auch in Transnistrien selbst wieder.

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Die Mächtigen des Landes ficht das indes nicht an, Transnistrien tritt dank seiner Schutzmacht selbstbewusst auf, hat mit dem Transnistrischen Rubel eine eigene Währung, stellt auch Pässe aus – mit denen man allerdings nirgendwo einreisen kann, da der Staat ja international nicht anerkannt wird, nicht einmal von Russland. Durchaus anerkannt wird von den Vereinten Nationen allerdings der reale Konflikt in und um Transnistrien, weshalb man Moskau auch im Juni 2018 in einer nichtbindenden Resolution dazu aufforderte, seine Truppen von dort abzuziehen. Laut „Spiegel“ kamen die Gegenstimmen zu der Resolution unter anderem aus Russland, Syrien, Iran und Nordkorea.

Drogen- und Menschenhandel?

So viel Lärm um ein Land, das gerade einmal 200 km lang und bis zu 20 km breit ist – und das, obwohl oft belächelt und als „Freilichtmuseum des Kommunismus“ bezeichnet, durch und durch kapitalistisch ist. De facto könnte man sogar sagen, Transnistrien wird nicht von Politikern regiert, sondern von einer alles beherrschenden Firma mit dem skurrilen Namen „Sheriff“. Denn laut „ntv“ gehören „Sheriff“ nicht nur sämtliche Tankstellen im Land, sondern auch die einzige Supermarktkette, ein Verlag, der Mobilfunkkonzern sowie ein Fernsehsender und der Fußballclub FC Sheriff, der sogar schon auf internationaler Bühne in Erscheinung trat.

Dem Konzern, der von zwei ehemaligen KGB-Agenten gegründet wurde, werden auch windige Machenschaften und Geschäfte bis hin zum Drogen-, Waffen- und sogar Menschenhandel nachgesagt. Die Macht im Land sichert der Konzern dadurch, dass viele der Politiker früher für „Sheriff“ gearbeitet haben oder immer noch arbeiten, so zum Beispiel auch der aktuelle Präsident, der dort einst Sicherheitschef war.

Der Ami, der im umstrittenen Niemandsland sein Königreich gründete

Laut Schätzungen hat sich die Bevölkerungsanzahl des Landes seit seinem Bestehen etwa halbiert, was vor allem an der politischen Isolation und mangelnden Perspektiven für junge Menschen liegen dürfte. Interessant: Vom Auswärtigen Amt wird Transnistrien zwar erwähnt, aber nur bei den Reise- und Sicherheitshinweisen für die Republik Moldau bzw. Moldawien – und wird hier als „abtrünniger Landesteil“ bezeichnet. Weiter heißt es: „Reisende, die sich nach Transnistrien begeben, werden darauf hingewiesen, dass eine konsularische Betreuung durch die deutsche Botschaft Chișinǎu grundsätzlich nicht erfolgen kann.“

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