30. Dezember 2025, 6:21 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Wiesbaden ist eine Stadt der Kontraste – und genau das macht sie so liebenswert. Sie ist die Kurstadt mit den heißen Quellen, die wunderschöne Stadt des Klassizismus, die hessische Landeshauptstadt und die Perle im fröhlichen Rheingau. TRAVELBOOK-Autor Frank Lehmann hat Wiesbaden und seine bunten Widersprüche hautnah erlebt.
Übersicht
Diese Orte zeigen das wahre Wiesbaden
Kunst trifft Popkultur
Unser Start ist das MuWi, das Hessische Landesmuseum für Kunst und Natur. Ein mächtiger klassizistischer Bau, in dem sich überraschend spannende Wechselausstellungen finden. Toll ist vor allem die Abteilung Jugendstil und Art Nouveau im Südflügel. Es ist eine herrliche Zeitreise, und das gilt nicht nur für das elegische Gemälde „Ophelia“ vom Maler Friedrich Heyser. Das Museum erhielt ganz neue Aufmerksamkeit für dieses Ölbild, denn die Single von Taylor Swift „The Fate of Ophelia“ zeigt die Sängerin als Ophelia, und seitdem pilgern die Swifties ins MuWi, um dort das Gemälde der Ertrinkenden zu bestaunen. Wer hätte gedacht, dass ein 200 Jahre altes Bild plötzlich zum Popkultur-Magneten wird?
Gegenüber dem MuWi in der Friedrich-Ebert-Allee dann ein klotziger Kontrast: Hier eröffnete 2018 das Rhein-Main-Congress-Center. Es bietet Platz für bis zu 12.500 Besucher und ist als modernes Veranstaltungszentrum direkt gegenüber vom MuWi eine mutige architektonische Herausforderung. Doch die luftigen Arkadengänge verleihen dem RMCC eine überraschende Leichtigkeit. Es ist ein architektonischer Clash, der funktioniert!
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Flanieren und naschen
Weiter geht es die Wilhelmstraße hinauf. Die alte Prachtstraße ist ein Juwel des Klassizismus und die dortigen Geschäfte zählen zur höheren Preisklasse. Die Einheimischen nennen die Straße liebevoll „Rue“ und ein Besuch im alteingesessenen Süßwarengeschäft Fritz Kunder ist für jeden Besucher seit 1898 ein Muss. Wer sich diese anspruchsvolle Confiserie nicht leisten kann und wer es weniger süß mag, der sollte 1000 Meter weiter in die Wellritzstraße gehen. Hier ist man auf einen Schlag in Anatolien gelandet. Zahlreiche türkische Restaurants wetteifern um Besucher. Gehen Sie ins Sultan oder in das Restaurant Harput – beide sind fast immer voll und sehr schmackhaft.
Gestärkt geht unser Spaziergang der Kontraste weiter. Wir erreichen das Museum Reinhard Ernst (MRE), das erst 2024 eröffnet worden ist und schon jetzt als Mekka der abstrakten Kunst gilt. Das fühlt man auch gleich, wenn man das weiße, kantige Äußere des Museums erblickt. Wer diese Kühle des MRE nicht mag, braucht nur wenige hundert Meter weiterzugehen. Hinter dem bezaubernden Stadtpark Warmer Damm erhebt sich mächtig das Staatstheater Wiesbaden. Unter Kaiser Wilhelm II. eröffnet, taucht man hier ein in die Pracht des Preußentums. Die Strahlkraft des Theaters ist groß und die Inszenierungen sind von hohem Rang.
Kurstadt-Glamour pur
Wer vom Klassizismus nicht genug bekommt, entdeckt direkt gegenüber das Alte Kurhaus, eines der prunkvollsten Festbauten Deutschlands. Es ist der gesellschaftliche Mittelpunkt der Kurstadt Wiesbaden und mit Spielbank und den Brunnen auf dem Bowling Green der Treff der Wiesbadener.
Nun heißt es: Shoppen! Dafür läuft man in Wiesbaden in die Kirchgasse. Man findet eine große Fußgängerzone mit den üblichen Geschäften. Hier zeigt sich leider auch, dass Wiesbaden im II. Weltkrieg von den Bomberflotten der Alliierten nicht verschont geblieben ist. Dies ist ein hartnäckiges Gerücht, das nicht stimmt – weite Teile der Innenstadt und das Kurviertel wurden im Krieg doch zerstört. Die grauen Klötze von Galeria am Mauritiusplatz, das wuchtig-hässliche Luisenforum und das leerstehende Kaufhof-Gebäude sind einige Beispiele für Bausünden der Nachkriegszeit, die wehtun. Wer sich nach dem Einkaufstrubel entspannen möchte, setzt sich auf die Bänke am Luisenplatz. Unter dem stolzen Pferd des Oraniendenkmals vergisst man schnell den Beton der 70er-Jahre.
Heißes Wasser und grüne Ruhe
Oder man spaziert zum Kochbrunnen. Es ist die bekannteste und heißeste Thermalquelle der Stadt und war im 19. Jahrhundert Zentrum der Wiesbadener Trinkkultur. Aus 2000 Metern Tiefe sprudeln 360 Liter pro Minute. Die artesische Quelle hat eine Temperatur von 66 Grad. Hier entdeckt man wieder die bezaubernde Schönheit der alten Kurstadt, den Reichtum der wilhelminischen Zeit, und es empfiehlt sich, nun das Nerotal entlangzuwandern. Der Park dort ist herrlich. Hohe alte Bäume, der plätschernde Schwarzbach, Spielplätze und die herrlichen denkmalgeschützten Villen sind einmalige Orte der Ruhe.
Hoch hinaus über Wiesbaden
Am Ende des Parks nehmen wir die alte Bergbahn – hoch tuckert sie zum Neroberg. Seit 1888 fährt diese Standseilbahn die Besucher in vier Minuten hinauf zum besten Aussichtspunkt der Stadt. Natürlich könnte man die 83 Meter Höhenunterschied auch laufen. Doch diese Museumsbahn ist einfach wunderbar. Oben auf dem Berg glänzen die goldenen Türme der russisch-orthodoxen Kirche, man entspannt sich unter dem Neroberg-Tempel und lässt von der Löwenterrasse den Blick über den großen städtischen Weinberg schweifen – hier ist das beste Stadtpanorama von Wiesbaden. Im Biergarten des Restaurants Der Turm ist man bestens aufgehoben, und der nahe Wald des Taunus rauscht im Hintergrund. Der Neroberg ist einfach Spitze!
Geheimtipp: Wer noch mehr Ruhe sucht, geht zum Freizeitgelände Alter Friedhof. Er diente unter anderem als Ruhestätte für das Haus Nassau und gilt mit zahlreichen Denkmälern als einer der schönsten Friedhöfe Deutschlands. Die Schönheit des Parks wird sehr gut bewahrt, weil er nur tagsüber geöffnet ist. Die Parkwächter wachen über ihr kleines Paradies und verschließen regelmäßig abends die Tore. Hier sind auch die besten Kinderspielplätze der Stadt zu finden! Lohnt es sich da noch, zum Nordfriedhof zu fahren? Ja! Denn der Nordfriedhof liegt eingebettet in die Wälder des Taunus, und ein Spaziergang ist wie ein Museumsbesuch. Das Kolumbarium, die Ehrengräber und Familiengruften sind einen entspannten, langen Besuch wert.
Tief im Taunus
Jetzt wollen wir auch die Außenbezirke von Wiesbaden erkunden. Wiesbaden liegt nicht nur am Rande des Taunus, nein, weite Teile der Stadt ragen tief hinein in die schönen Wälder dieses alten Mittelgebirges. Wer stramme Waden hat, wandert hoch zum Jagdschloss Platte. Hier gibt es leckere Wildgerichte. Gestärkt wandern wir weiter zum Kaiser-Wilhelm-Turm auf dem Schläferskopf. Hinunter geht es durch sanfte Wiesen den Wellritzbach entlang. Unbedingt im Landhaus Diedert stoppen.
Halt, liegt Wiesbaden denn nicht auch am Vater Rhein? Stimmt, obwohl das Zentrum der Altstadt doch circa sieben Kilometer entfernt ist. Wir machen uns auf den Weg und sind schon wieder in einem tollen Park gelandet: Der frei zugängliche Schlosspark Biebrich ist voller Überraschungen. Die Ruine der kleinen Mosburg ist einen Stopp wert, bis man dann am Rhein ankommt und dort das Schloss Biebrich erreicht. Bis 1841 lebten in diesem großzügigen Barockanwesen die Fürsten und Herzöge von Nassau. Heute kann man das Lustschloss besichtigen, und das dortige Café verwöhnt mit leckerem Kuchen. Setzen Sie sich auf die Terrasse und lassen Sie die Rheindampfer an sich vorbeiziehen.
Brutal schön
Wer nun wieder auf der Suche nach den Kontrasten ist, verlässt das Barockschlösschen und begibt sich 1,5 Kilometer weiter nach Mainz-Amöneburg. Der Name täuscht: Man ist hier nicht in Mainz, sondern immer noch in einem Stadtteil von Wiesbaden. Hier treffen sich die Fans des Brutalismus, denn hier ist der Stammsitz des Betonherstellers Dyckerhoff. Ja, der Anblick dieser Fabrik ist wirklich brutal!
Also fahren wir die Mainzer Straße hinauf, um wieder ins Zentrum zu kommen. In dieser langen Straße sieht man, wie hässlich Wiesbaden sein kann: billige Funktionalbauten, Büroklötze. Auch das Statistische Bundesamt ist nur ein grauer Quader. Wie erfrischend ist da die Bahnhofstraße mit ihren herrlichen Altbauten und natürlich auch das neobarocke Landeshaus, das ganz im roten Mainsandstein gebaut wurde. Hier versteht man auch, warum man die ganze Altstadt von Wiesbaden in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufnehmen wollte. Wiesbaden sei ein Stadtdenkmal des Historismus, war die Begründung. Doch 2016 ist die Stadt leider aus dem Verfahren ausgeschieden. Das stört uns nicht, wir schlendern über den großen Wochenmarkt am Dern’schen Gelände. Hier ist die gute Stube der Stadt. Ob im August bei den Rheingauer Weinwochen oder im Dezember beim weihnachtlichen Sternschnuppenmarkt – hier trifft man sich vor der schönen Kulisse des Alten Rathauses.
Klassik, Kur und Kontraste
Vergessen Sie nicht die Marktkirche am Schlossplatz, ein architektonisches Juwel. Der nassauische Landesdom wurde mit 6,5 Millionen Ziegeln erbaut. Danach spazieren wir wieder die „Rue“ entlang und erfreuen uns am Prachtboulevard und den vielen herrlichen Seiten der ehemals mondänen Kurstadt, die noch viel von ihrem Glanz versprüht. Hier zeigt die Stadt noch einmal, was sie kann: Klassik, Kur und Kontraste – alles auf einmal.