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Tatunca Nara: Die rätselhaften Urwald-Morde und Legenden um den deutschen Hochstapler

Er behauptet, er sei ein Amazonas-Indigener

Die Rätsel um den deutschen Hochstapler Tatunca Nara und die Legende von Akakor und Akahim

Tatunca Nara
Tatunca Nara behauptet, er sei ein Indigener vom Volk der Ugha Mongulala, die in unterirdischen Städten leben sollen. Die Schildkröte auf seiner Brust sei ein Stammeszeichen. Das Foto zeigt ihn 2007 in seiner Hütte, 15 Kilometer vom Barcelos am Rio Negro (Amazonas) entfernt.Foto: Johannes Arlt/laif

Es ist eine Geschichte, die so verworren und undurchdringbar scheint wie der brasilianische Amazonas, in dem sich die Ereignisse zu großen Teilen abgespielt haben sollen. Sie handelt von geheimen Städten, unentdeckten Zivilisationen und Außerirdischen, aber auch von verschwundenen Abenteurern und ungeklärten Morden. Mittendrin: ein Mann aus Deutschland, der sich selbst Tatunca Nara nennt und behauptet, Häuptling des indigenen Volkes der Ugha Mongulala zu sein – und der bis heute frei in Barcelos am Rio Negro lebt.

Anfang der 1970er-Jahre taucht im brasilianischen Urwald ein Mann auf, der die Menschen vor Rätsel stellt. Er gibt an, Tatunca Nara zu heißen und Sohn eines indigenen Häuptlings der Ugha Mongulala und einer entführten deutschen Nonne zu sein. Von dem Stamm hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nie jemand gehört. Auch der seltsame Akzent und die Tätowierung einer Schildkröte auf seiner linken Brust werfen Fragen auf. Dass seine Mutter Deutsche gewesen sein soll, könnte immerhin sein europäisches Aussehen erklären. Und auch, warum Tatunca Nara offenbar des Deutschen mächtig ist, aber nur gebrochen Portugiesisch spricht.

Mehr zu diesem Fall erfahren Sie auch im TRAVELBOOK-Podcast „Tatort Reise“:

Die bizarre Geschichte über die Ugha Mongulala und die Städte Akakor und Akahim

Mindestens ebenso rätselhaft wie der Mann selbst sind die Dinge, die er erzählt, vor allem über sein Volk, die Ugha Mongulala, die gemeinsam mit 2000 Nazis in einer gigantischen unterirdischen Stadt namens Akakor bzw. in der Schwesterstadt Akahim leben und über einzigartige Technologien verfügen sollen.

Viele Personen, denen Tatunca Nara damals begegnet, geben nicht viel auf die wirren Erzählungen und tun ihn als Fantasten ab. Doch 1972 kommt es zu einer Begegnung, die fortan eine ganz neue Dynamik in die unglaubliche Geschichte des Tatunca Nara bringen sollte: Der vermeintliche Indigenen-Häuptling trifft den ARD-Korrespondenten Karl Brugger. Dieser ist so fasziniert von dem, was Tatunca erzählt, dass er ihn bittet, ihn nach Akahim zu bringen. Doch die Expedition scheitert.

Tatunca Nara mit Karl Brugger
Tatunca Nara (l.) mit dem ARD-Korrespondenten Karl Brugger in den 1970er-Jahren im AmazonasFoto: Archiv Wolfgang Brög

Was bleibt, sind Tonbandaufnahmen – aufgenommen während der Expedition –, auf denen Tatunca Nara detailreich die angebliche Geschichte seines Volkes beschreibt. „Mein Name ist Tatunca, ich bin Sohn Sinkaias, des letzten Fürsten von Akakor“, hört man Tatunca erzählen. „Akakor ist eine befestigte, aus Stein erbaute Stadt am Vorgebirge der Anden. Weiterhin existiert Akakor, Unterakakor, das sind Städte, bis 800 Meter unter der Erde reichende Höhlen, erbaut von unseren Herren oder Göttern, die wir Götter nennen, vor 12.000 Jahren. Die Hauptstadt Akakor selbst hat einen Durchmesser von ungefähr 5 Kilometern, hat leuchtende Wände, die nie erlöschen.“

Was Tatunca Nara von sich gibt, klingt, wie einem Science-Fiction-Roman entsprungen. So seien Außerirdische mit sechs Fingern und sechs Fußzehen in Flugscheiben vom Planeten Schwerta auf der Erde gelandet und hätten sich mit den Einheimischen im Amazonas vermischt. Dabei sei das Volk der Ugha Mogulala entstanden, das schließlich die gigantische unterirdische Stadt Akakor erschuf. Von Pyramiden ist die Rede, künstlichem Licht, das die Städte erhellt, verzweigten Tunnelsystemen, magischen Steinen, um in die Ferne zu blicken, der Ankunft der Goten im Jahr 570 „in der Zeitrechnung der weißen Barbaren“ – und natürlich von Gold und Silber.

Bei der gescheiterten Expedition von Brugger Anfang der 1970er-Jahre ist neben Tatunca Nara auch der bekannte brasilianische Filmemacher und Kameramann Jorge Bodanzky („Iracema“) dabei, der mit Brugger jahrelang zusammengearbeitet hatte. Im TRAVELBOOK-Interview verrät er, dass er schon früh an der Existenz von Akakor und Akahim gezweifelt hat. „Ich habe von Beginn an nie daran geglaubt, weil Tatunca auf mich nicht echt wirkte. Die Art und Weise, wie er sprach und auch wegen der Informationen, die zu dem Zeitpunkt in Manaus über ihn im Umlauf waren.“ So habe man sich schon damals erzählt, Tatunca sei ein Verrückter und kein Indigener. „Einige Personen in Manaus, die ihn kannten, hielten ihn für einen Hochstapler.“ Und auch Brugger habe das im Grunde gewusst, „aber er hat mir Folgendes gesagt: ‚Die Geschichte ist gut. Was für einen Journalisten zählt, ist die Geschichte.“

Tatunca Nara im Amazonas
Tatunca Nara alias Günter Hauck blickt auf das Hochplateau, wo sich angeblich die unterirdische Stadt Akahim befindet. Bei den spitzen Hügeln im Hintergrund soll es sich laut seine Aussagen um Pyramiden handeln. Foto: Archiv Wolfgang Brög

„Die Chronik von Akakor“ erscheint und wird zum Esoteriker-Hit

Karl Brugger, der keinen einzigen Beweis für die Existenz der subterranen Städte hat, entschließt sich, ein Buch zu schreiben: „Die Chronik von Akakor. Erzählt von Tatunca Nara, dem Häuptling der Ugha Mongulala“ erscheint 1976. Gleich zu Beginn des Buches berichtet Brugger von Zweifeln bei seiner gescheiterten Expedition. „Auch ich habe ein ungutes Gefühl: Gibt es die Stadt Akakor überhaupt? Können wir Tatunca Nara vertrauen? Das Abenteuer ist stärker als unsere aufkommende Angst.“

Karl Bruggers Buch ist vor allem bei Esoterikern beliebt. Auch der Pseudowissenschaftler Erich von Däniken, der ganze Bücher über Besuche Außerirdischer auf der Erde geschrieben hat, interessiert sich für die Geschichte von Tatunca Nara. Schließlich scheint sie seine wilden Theorien zu bestätigen. Was Erich von Däniken, der sogar ein Vorwort für Bruggers Buch schreiben sollte, zunächst nicht ahnt: Tatunca Nara hatte sich von ihm inspirieren lassen. Wie Jorge Bodanzky TRAVELBOOK erzählt, habe Brugger bei der gescheiterten Expedition ein Buch von Erich von Däniken dabei gehabt. Tatunca, der den Autor nicht gekannt habe, habe begonnen, es zu lesen. „Und er hat dann die Schriften geübt, die Däniken in seinem Buch hat – und die er dann in der Folge als die Schriften von Akakor genutzt hat“, so Bodanzky.

„Die Geschichte ist so verrückt. Tatunca hat von Däniken kopiert, und Däniken hat später Tatunca aufgesucht, um gewissermaßen Teile seines eigenen Betrugs wiederzugeben.“ Irgendwann erkennt auch Erich von Däniken in Tatunca Nara einen Hochstapler. Ein Interview mit TRAVELBOOK lehnte er ab. Über seinen Sekretär lässt er ausrichten: „Er meinte, dass dies nicht nötig sei, da er alle seine persönlichen Erfahrungen im Buch ‚Was ich Jahrzehnte lang verschwiegen habe‘ veröffentlicht habe.

In den Jahren nach dem Erscheinen der „Chronik von Akakor“ jedenfalls zieht es zahlreiche Abenteuerlustige nach Barcelos am Rio Negro, um nach den sagenumwobenen Städten aus „Die Chronik von Akakor“ zu suchen – natürlich mit der Hilfe von Tatunca Nara. Er hat es dank des Buches zu einem gewissen Ruhm gebracht und bietet sich als Führer bei Expeditionen an, 1983 sogar für den berühmten Jacques Cousteau. Ziel soll die unterirdische Schwesterstadt von Akakor sein: Akahim in der Serra Aracá an der Grenze zu Venezuela. Laut Tatunca sei sein Volk zwischenzeitlich hierhergezogen.

Doch keine Tour schafft es jemals dorthin. Für drei Abenteurer wird es eine Reise ohne Wiederkehr: Der US-Amerikaner John Reed verschwindet 1980, drei Jahre später trifft es den Schweizer Herbert Wanner und 1987 die Deutsch-Schwedin Christine Heuser. Und auch Brugger erleidet inmitten dieser Serie ein unwahrscheinliches Schicksal: Er wird Anfang 1984 in Rio de Janeiro mitten auf der Straße erschossen.

Die wahre Identität von Tatunca Nara

Den Fällen um Reed, Wanner und Heuser gemein ist die Tatsache, dass sie alle Kontakt zu Tatunca Nara hatten. Doch während es sich bei Reed und Heuser bis heute offiziell um Vermisstenfälle handelt, ist bei Herbert Wanner aus dem Schweizer Zofingen zumindest gesichert, was mit ihm passiert ist: Er wurde im Januar 1984 mit einem Kopfschuss mitten im Urwald ermordet. Einheimische entdecken im Urwald ein Skelett, das später Herbert Wanner zugeordnet werden kann.

Fortan interessiert sich auch die Polizei für Tatunca Nara, in erster Linie natürlich die Schweizer Behörden. Laut Polizeikommando des Kantons Aargau ist es der Schweizer Botschafter in Brasilien, der zu dem Schluss kommt, dass es sich bei Tatunca Nara um einen deutschen Staatsbürger handeln muss. Schon zu diesem Zeitpunkt zeigen sich die brasilianischen Behörden wenig kooperationsbereit. Ein Fakt, der sich durch die gesamte Geschichte Tatunca Naras wie ein Schutzfilm durchziehen sollte.

Dank der Schweizer entrollt sich nach und nach ein Gewirr aus Lügen, an dessen Ende zumindest die wahre Identität des rätselhaften Mannes steht. Sie bitten das BKA in Deutschland um Hilfe. Die Beamten befragen wiederum auch Rüdiger Nehberg, was er über den Verdächtigen weiß. Der 2020 verstorbene Survival-Experte hatte Tatunca Nara und auch Karl Brugger 1982 bei seiner Expedition zu den Yanomami kennengelernt und war sich schnell sicher gewesen, dass an dem Mann so einiges nicht stimmte. Und tatsächlich: Tatunca Nara ist weder Sohn eines Indigenen-Häuptlings noch einer entführten deutschen Nonne. In Wahrheit handelt es sich um Hansi Günter Richard Hauck aus Grub am Forst (Franken), geboren am 5. Oktober 1941.

Geburtsurkunde Hansi Richard Günter Hauck
Die Geburtsurkunde von Hansi Richard Günter Hauck, der aus Deutschland floh und im brasilianischen Urwald als Tatunca Nara wieder auftauchteFoto: Archiv Wolfgang Brög

Günter Hauck hatte Frau und Kinder

Nicht nur ist der Mann ein waschechter Franke, er hat auch Frau und Kinder. Kurz vor der Geburt des dritten Kindes hatte er die Familie am 10. Januar 1966 „böswillig“ verlassen, wie die Ehefrau Christa Hauck laut Landgericht Nürnberg-Fürth angibt. Die Ehe wird geschieden.

Die Polizei erfährt auch, dass Günter Hauck alias Tatunca Nara 1966 an Bord der „Dorthe Oldendorff“ nach Südamerika reist, dort von Bord schleicht und in Venezuela schließlich festgenommen und nach zwischenzeitlicher Flucht abgeschoben wird. Hauck wird zu diesem Zeitpunkt wegen unterlassener Unterhaltszahlungen gesucht. Interessant: Schon damals soll sich der Franke als Indigener ausgegeben haben, was zur Folge hatte, dass man bei ihm in Venezuela eine schizoide Psychopathie diagnostizierte, wie Nehberg u. a. in seinem Buch „Abenteuer Urwald“ berichtet.

In Deutschland muss Hauck schließlich in Untersuchungshaft und schafft es nach der Gerichtsverhandlung, bei der er wegen unterlassener Unterhaltszahlungen verurteilt wird, im Jahr 1968 an Bord der „Luise Bornhofen“ nach Rio de Janeiro, wo er sich absetzt. Anfang der 1970er-Jahre taucht er dann als besagter Tatunca Nara im Amazonas-Gebiet auf. Nicht nur das: Er bekommt sogar brasilianische Ausweisdokumente, die ihn als Tatunca Nara und Indigener ausgeben. 1971 lernt er in Porto Velho schließlich die deutschstämmige Brasilianerin Anita Katz kennen, die er 1972 heiratet. Aus der Ehe gehen zwei Kinder hervor: Seder und Angelic.

Seine deutsche Ex-Frau sollte er einige Jahre später wiedersehen: 1989 organisiert der damalige „Bunte“-Journalist und spätere TRAVELBOOK-Chefredakteur Manfred Hart eine Begegnung – mitten im Urwald. Hauck erkennt Christa sofort wieder und sagt erstaunt: „Du auch hier?“ Beide reden die halbe Nacht. Sie weint, wie sie später auf dem Rückflug erzählt.

Tatunca Nara und die Mord-/Vermisstenfälle

Es gibt eine ganze Reihe von Indizien, die den Verdacht für das Verschwinden bzw. den Tod von John Reed, Herbert Wanner und Christine Heuser auf Tatunca Nara lenken, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass alle zuletzt mit ihm gesehen wurden und er allen versprochen haben soll, sie zu seinem Volk zu bringen.

Der Fall John Reed

John Reed ist sich sicher, dass die Legende der Steinstädte Akakor und Akahim wahr ist. Völlig geblendet schreibt der 28-Jährige am 25. November 1980 in einem TRAVELBOOK vorliegenden Brief seiner Familie: „Letzte Nacht war ich beim Gespräch mit Tatunca überzeugt davon, dass seine Geschichte echt ist. […] Er wird mir sein Volk zeigen, das nun komplett in Akahim (Venezuela) lebt – und die außerirdischen (?) Maschinen (die noch immer funktionieren).“

John Reed mit einem Fisch im Amazonas
John Reed glaubte fest an die Legenden von Akakor und Akahim. Er verschwand bei einer Expedition mit Tatunca Nara. Sein Schicksal ist bis heute nicht eindeutig geklärt.Foto: Archiv Wolfgang Brög

In seinem letzten Brief schreibt John: „Liebe Familie. Hi. Ich mache mich heute auf den Weg nach Akahim. Ich glaube mehr denn je an Tatuncas Ehrlichkeit und gute Absichten. Macht ihm keine Schwierigkeiten – er ist mein guter Freund. Ich werde wahrscheinlich im Frühling zurückkehren. Tatunca sagt, er wird mich zu dieser Zeit abholen.“ Er schließt mit den Worten: „Ich bin in Sicherheit. John.“ Reed wird nie mehr gesehen.

Der letzte Brief von John Reed an seine Familie
„Ein oder zwei Tagesmärsche von Akahim entfernt“, steht oben auf dem letzten Brief von John Reed an seine FamilieFoto: Archiv Wolfgang Brög

Selbst Tatunca Nara deutet in verschiedenen Gesprächen an, dass der Abenteurer umgekommen sei. Eine Version lautet: Reed habe auf eigene Faust versucht, zu den Ugha Mongulala zu gelangen, habe es geschafft und dort gelebt, aber sei dann getötet worden, weil er einem Mädchen zu nah gekommen sein soll. Laut Tatunca Nara habe der US-Amerikaner ihm vor seinem Verschwinden vier Briefe gegeben, die er dann dem US-Konsul weitergegeben habe. Die Sache mit den weitergegebenen Briefen entspricht, wie sich im Nachhinein zeigen wird, der Wahrheit. Allerdings sagt das über Reeds Schicksal nichts aus.

Tatunca befeuert das Gerücht, John Reed habe es womöglich ans Ziel geschafft. Am 5. Oktober 1983 schreibt er auf Deutsch in einem Brief voller Fehler an dessen Familie: „Ich habe John in einen vollkommen unerforschten Gebiet gelassen . das er dord bleiben wollde erfuhr ich erst als er mir Briefe an seiner Mutter an die Polizei und an Karl Brugger gab adio sagte und zwischen den Bäumen verschwand.“ Und am Ende ergänzt er: „Meine Indios Sprechen von einen weisen blonden Mann der in den Gebied gesichtet wurde.“

In dem Dokumentationsfilm „Das Geheimnis des Tatunca Nara“ von Wolfgang Brög aus dem Jahr 1990 erzählt der Schweizer Ferdinand Schmid, Tatunca habe ihm bei einer Akahim-Expedition unterwegs eine Hängematte mit Knochen gezeigt und gesagt, es handele sich um die von John Reed. Von dessen Schwester Sandy damit konfrontiert, tat Tatunca es laut einem Bericht der „Los Angeles Times“ ab: „Das ist absurd“, soll er ihr entgegnet haben. Der Fall John Reed, vermerkt unter der NCIC-Nummer M-572060542, ist bis heute ungelöst.

Die angebliche Hängematte von John Reed
Das soll die im Urwald gefundene Hängematte von John Reed sein, in der sich offenbar noch Knochen befunden haben sollenFoto: Archiv Wolfgang Brög

Der Fall Herbert Wanner

Es ist der 13. November 1983, als der zu diesem Zeitpunkt 22-jährige Herbert Wanner zu seinem dritten Brasilien-Besuch antritt. Es sollte sein letzter werden. „Seinen Eltern gegenüber äußerte Wanner Herbert, dass er in Brasilien einen gewissen Tatunca Nara aufsuchen würde“, heißt es in einem Bericht des Polizeikommandos des Kantons Argau von 1989. Tatunca Nara habe der junge Förster bereits aus einem früheren Besuch gekannt. Weiter heißt es: „Am 10. Dezember 1983 traf bei den Eltern Wanner in Zofingen ein Brief ihres Sohnes ein, in welchem diesen mitgeteilt wurde, dass er in Barcelos eingetroffen sei und bei Tatunca Nara Logis bezogen habe.“

Es sollte das letzte Lebenszeichen von Herbert Wanner sein.

Tatunca Nara mit dem später ermordeten Schweizer Herbert Wanner
Tatunca Nara mit dem später ermordeten Herbert Wanner am Rio Negro. Der Schweizer hatte dem vermeintlichen Indigenen-Häuptling auch Waffen organisiert.Foto: Archiv Wolfgang Brög

Etwa ein halbes Jahr später wird ein Skelett entdeckt. Unter den Einheimischen wird spekuliert, wer der Tote sein könnte. Doch erst ein Schweizer Zahnarztehepaar, das sich bei einer Tour die mysteriösen Knochen zeigen lässt, sollte das Rätsel zu lösen helfen. Auffällig: Der Hinterkopf des Schädels weist ein Einschussloch auf. Und die beim Skelett gefundene Schweizer Barettmütze trägt die Initialen H. W. Aus dem Vermisstenfall Wanner wird ein Mordfall. Dem detektivischen Eifer des Zahnarztehepaars ist es letztlich zu verdanken, dass die sterblichen Überreste anhand des Gebisses zweifelsfrei Herbert Wanner zugeordnet werden können. Das gefundene Projektil: ein „Flintenlaufgeschoss der Marke Brenneke“. Laut Schweizer Polizei-Bericht geben die Einheimischen an, dass nur „Tatunca Nara Besitzer einer Waffe mit einem solchen Kaliber sei und sicher mit dem Tod des bislang Unbekannten zu tun haben könnte.“ Die Ermittler gehen davon aus, dass Wanner zwischen Mitte und Ende Januar 1984 getötet wurde.

Das Skelett von Herbert Wanner
Das Skelett von Herbert Wanner: Der Hinterkopf wies ein großes Einschussloch aufFoto: Archiv Wolfgang Brög

Tatunca hatte schon vor dem Fund der sterblichen Überreste den Eltern Wanners gegenüber den Ahnungslosen gegeben und in einem Brief behauptet, ihr Sohn habe Barcelos im Februar 1984 in Richtung Venezuela verlassen. Am 14. Februar jedoch werden Traveller-Schecks im Wert von 2000 Dollar eingelöst – mit einer offensichtlich gefälschten Unterschrift, wie Wolfgang Brög in seiner Dokumentation zeigt. Ein mögliches Motiv könnte also Geld gewesen sein. Denn Wanner soll bereits beim vorherigen Besuch Geld an Tatunca verliehen haben, für ein neues Schiff. Wollte der Schweizer es zurück und musste deshalb sterben?

Der Fall Christine Heuser

Als Christine Heuser das Buch „Die Chronik von Akakor“ in die Hände bekommt, ist für sie sofort klar: Tatunca Nara ist der Mann aus ihrem früheren Leben. Die Deutsch-Schwedin scheint empfänglich fürs Esoterische. Tatsächlich gelingt es der Yoga-Lehrerin, Kontakt zu Tatunca Nara aufzunehmen und ihn zu besuchen. Sie kehrt daraufhin nach Europa zurück, überzeugt, dass es Akahim tatsächlich gebe.

Christine Heuser im Amazonas-Regenwald
Christine Heuser im Amazonas-Regenwald. Die Deutsch-Schwedin wird bis heute spurlos vermisst.Foto: Archiv Wolfgang Brög

1987 schreibt sie einer Freundin: „Maria, ganz rasch einen Bescheid, dass ich am 21/6 ab Frankfurt nach Rio – Manaus – zu Tatunca fliege. Briefe von ihm kamen nie an – er aber rief an und bat, dass ich so schnell wie möglich kommen solle – wir haben dann ca. 2 Monate Zeit füreinander.“ Dieses Mal will Tatunca Nara sie auch zu seinem Volk bringen, doch in Brasilien kommt es zu einem handfesten Streit, bei dem sie angeblich gefordert haben soll, dass Tatunca sich von seiner brasilianischen Frau Anita Katz Nara trennen sollte. Er selbst bestätigt das so ähnlich.

In einer Aussage gegenüber der brasilianischen Polizei, die TRAVELBOOK vorliegt, erklärt er, Heuser habe ihn für eine Tour zu seinem Volk anheuern wollen und auch Sex verlangt. Er habe dies jedoch abgelehnt und sie gezwungen, sein Schiff zu verlassen, nachdem sie eine Nacht darauf verbracht hatte. Auch gibt er an, Heuser habe unter psychischen Problemen gelitten und damit gedroht, Suizid zu begehen. Daraufhin habe er ihr gesagt, „sie solle, wenn sie sich umbringen wolle, das weit weg vom Boot tun“.

In einem Schreiben an die deutschen Behörden, in dem er sich zu den Verdächtigungen rund um Reed, Wanner und Heuser äußert und alle Schuld von sich weist, erklärt Tatunca erneut voller Fehler: „Cristine verbrachte eine Nacht an Bord meines Schiffes wir unterhieten uns und am Morgen des folgenden Tages musste ich Cristine halb gewaltsam von Bord meines Schiffes endfernen.“

Laut Hauck sei Christine Heuser nach dem Vorfall weitergezogen. Die 47-Jährige wird nie wieder lebend gesehen.

„Mit ihrem Tod habe ich jedoch nicht das Geringste zu tun“

Die Ermittlungen der deutschen Behörden machen Günter Hauck bzw. Tatunca Nara offenbar nervös. Er wehrt sich gegen den Verdacht und formuliert in einer eidesstattlichen Versicherung im September 1989: „Tatsächlich habe ich nämlich mit den mir vorgeworfenen Todesfällen Heuser, Wanner und Reed nicht das Geringste zu tun. Ich kenne zwar diese Personen und habe mit ihnen auch Expeditionen in den Urwald unternommen. „Mit ihrem Tod habe ich jedoch nicht das Geringste zu tun.“

Tatunca Nara streitet jede Beteiligung ab, gibt sich ahnungs- und ratlos, stellt sich selbst als Opfer dar und versucht – auch mit der Hilfe von Bekannten und Freunden –, jeden Verdacht von sich schieben. Teils verstrickt sich Tatunca dabei in absurde Widersprüche, revidiert vorher Erzähltes und konstruiert immer neue Lügengebäude zu den Fällen und seiner Herkunft.

Wie kam Hauck an seine brasilianischen Papiere, die ihn als Tatunca Nara ausweisen?

Egal, wie sehr man versucht, Ordnung in die Geschichte um Tatunca Nara zu bringen – immer wieder stößt man auf Ungereimtheiten, Sackgassen, neue Fährten und vor allem: Fragen. Wie hat es ein Hansi Günter Richard Hauck aus Grub am Forst in Bayern geschafft, an echte brasilianische Dokumente zu kommen, die ihn als Tatunca Nara und Indigenen ausgeben? Schwarz auf Weiß steht dort: Tatunca Nara, geboren am 10. Juli 1938, Vater Sinkaia Nara, Mutter Ana Nara (in anderen Dokumenten auch Reina oder Reinha Nara).

Der brasilianische Ausweis von Tatunca Nara
Günter Hauck ist es gelungen, für seine erfundene Identität als Tatunca Nara einen brasilianischen Ausweis zu bekommen Foto: Archiv Wolfgang Brög

Die deutsche Polizei versucht mehrfach, bei ihren Kollegen in Südamerika Amtshilfe zu bekommen. Sie weisen darauf hin, dass Tatunca Nara als Günter Hauck identifiziert worden sei und sich dieser somit mit einer falschen Identität in Brasilien aufhalte – und dass er dringend verdächtigt sei, Morde begangen zu haben. Im Zuge der Ermittlungen befragt die brasilianische Polizei Tatunca Nara zu den Beschuldigungen. Der streitet jedoch alles ab und nutzt die Gelegenheit, seine Mär der indigenen Abstammung sogar noch weiterzuspinnen.

Die wirren Aussagen des Tatunca Nara

Das Protokoll seiner Aussage vom 21. September 1987, das TRAVELBOOK vorliegt, ist stellenweise so absurd, dass es einem schlechten Roman entstammen könnte. So sei 1959 im Dschungel eine brasilianische Militärmaschine abgestürzt und er habe die Überlebenden aus den Fängen von Indigenen befreit. In Manaus habe der deutsche Konsul ihm als Sohn einer Deutschen sodann ermöglicht, mit einem Schiff nach Europa zu reisen. Vom brasilianischen Militärs habe er dann ein Dokument bekommen, das ihm als Indigener Schutz bieten sollte und das ihn als Tatunca Nara ausweist. In Hamburg angekommen, hätte sich die brasilianische Botschaft geweigert, das Dokument anzuerkennen, weshalb er als Günter Hauck eingebürgert worden sei. In Deutschland habe er dann bis 1967 gelebt. So gibt er es zu Protokoll. Und in abgewandelter Form – teils widersprüchlich – immer wieder.

Und auch wenn das meiste bewiesenermaßen erfunden ist: Es deutet einiges darauf hin, dass das brasilianische Militär bei der Beschaffung seiner Papiere behilflich gewesen sein könnte. Für eine Verbindung zum Militär spricht auch die Aussage seiner Frau Anita Katz vom 29. Juli 1988. Darin gibt sie an, dass Tatunca Nara, nachdem sie sich kennengelernt hatten, auf der Militärbasis in Manaus gelebt habe. Seine Briefe hätten den Stempel der Basis getragen.

Warum schützen die brasilianischen Behörden Tatunca Nara?

Trotz des dringenden Tatverdachts und der damit einhergehenden Befragungen und Bitten der deutschen Behörden um Amtshilfe kommt Tatunca ungeschoren davon. Der Mann, dem Kapitelverbrechen vorgeworfen werden, kann sogar ein einwandfreies Führungszeugnis vorweisen. Einzig 1999 wird er der Biopiraterie bezichtigt, weil er gemeinsam mit mehreren Deutschen am Rio Negro mit 350 Zierfischen und Pflanzen erwischt worden sein soll. Eine Lappalie im Vergleich zu den Mord-Vorwürfen.

Diese verfolgen die brasilianischen Behörden nicht weiter. Auch Anfragen des BKA, vor Ort ermitteln zu dürfen, verlaufen ins Leere. Es scheint, als stünde Tatunca Nara unter besonderem Schutz. Den deutschen Ermittlern sind die Hände gebunden.

„Die Indizien für den Mord an Wanner sind so erdrückend. Jedes Gericht in Deutschland würde ihn schuldig sprechen.“ Das sagt der deutsche Filmemacher Wolfgang Brög im Gespräch mit TRAVELBOOK. In seiner damals in der ARD ausgestrahlten Doku „Das Geheimnis des Tatunca Nara“, an der auch Rüdiger Nehberg beteiligt ist, entlarvt Brög den vermeintlichen Indigenen als deutschen Hochstapler. Noch heute lebt Brög im Amazonas auf seiner Lodge Cheiro do Mato am Rio Apuaú, in der Nähe von Novo Airão, nur ca. 260 Kilometer Luftlinie von Barcelos entfernt. Er bietet mit „Amazonas Reisen“ Touren für Touristen an.

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Wolfgang Brög vor einem Baum mit der Inschrift: „Tatunca Mörder“

Für seinen Film befragt Wolfgang Brög 1990 auch den damals zuständigen Staatsanwalt in Manaus. Der bestätigt, dass die brasilianische Bundespolizei Untersuchungen angestellt habe, die „seltsamerweise zum Erliegen gekommen sind“.

Arbeitete Hauck für das brasilianische Militär?

Im Gespräch mit TRAVELBOOK äußert Wolfgang Brög eine eigene, wenngleich gewagte Theorie, warum die brasilianischen Behörden Tatunca Nara schützen. Es stecke viel politische Brisanz dahinter. So soll Hauck während seiner Tätigkeit für das brasilianische Militär bzw. den Militär-Geheimdienst DOI-CODI unter anderem an einem strategischen Punkt an einem Fluss gearbeitet haben. „Und meine These ist ja, dass das Ganze mit illegalem Uranabbau zusammenhängt“, sagt Brög. „Und darum rührt da keiner dran an der Geschichte.“ Als Indiz für die These sieht er, dass just, als der Uranpreis gefallen sei, Hauck begonnen habe, Expeditionen mit Touristen zu machen.

Das zeige, dass das Militär dann seine Dienste nicht mehr gebraucht habe. Laut Brög soll auch die Internationale Atombehörde IAEA Brasilien damals wegen Aktivitäten im illegalen Uranabbau gerügt haben. Tatsächlich gibt es im Amazonas Uranvorkommen. Ob jedoch in dem Gebiet um den Rio Padauiri wirklich ein illegaler Abbau stattfand, lässt sich nicht belegen. Eine Nachfrage von TRAVELBOOK ließ die IAEA unbeantwortet.

Tatsächlich kann sich Brög auf ein Papier aus den Unterlagen der Staatsanwaltschaft berufen, das auch TRAVELBOOK vorliegt. Darin wird ein namentlich nicht genannter Informant zitiert, dessen „Identität geschützt“ werden müsse. Die Person gibt an, er habe Tatunca Nara 1972 am Wasserfall Cachoeira da Aliança am Rio Padauiri kennengelernt und von dessen Informantentätigkeit für den Militär-Geheimdienst und seinem engen Kontakt zum damaligen und 2015 verstorbenen Major Thaumaturgo Sotero Vaz (später General) erfahren habe. Tatunca habe die Beamten mit Informationen über Politiker und der Indigenen-Behörde FUNAI versorgt.

Weiter erklärte der anonyme Informant in dem Bericht, er habe in der Region auch Mitglieder der nord-amerikanischen religiösen Organisation „Novas Tribos“ angetroffen. „In dieser Zeit waren die Leute von Novas Tribos in der Region bereits im Bereich der Erschließung von Mineralien (Atommineralien) tätig, deren Vorkommen schon zuvor vom Projekt Radam bestätigt worden waren.“ Tatunca Nara soll auch zu den Novas Tribos (heute bekannt als Ethos360) Kontakt gehabt haben. Die Gruppe hatte – und hat dies auch heute noch – auch zum Ziel, die Indigenen zu evangelisieren. In dem Bericht erklärt der anonyme Informant, Thaumaturgo habe ihn gewarnt, Tatunca Nara sei ein Doppelagent.

Trotz einer Rekord-Zuschauerbeteiligung für seinen Film verzichtet Wolfgang Brög auf eine Fortsetzung mit neuen Informationen, „weil ich würde garantiert nicht mehr leben, wenn ich da weiter rumgebohrt hätte“, erzählt er TRAVELBOOK.

TRAVELBOOK fragte auch Jorge Bodanzky, warum Tatunca Nara trotz der Indizien noch immer auf freiem Fuß ist. Seine Antwort: „Tatunca war Informant des Militärs während der Militärdiktatur. Dadurch hat er es geschafft, einen Schutz zu bekommen, den er bis heute hat.“ Bodanzky beruft sich dabei unter anderem auf Aussagen des Staatsanwalts João Bosco de Sá Valente, der Ende der 1980er-Jahre Untersuchungen zu Tatunca Naras Militär-Kontakten durchgeführt hatte. Dieser soll im Laufe der Ermittlungen auch herausgefunden haben, dass Nara 1969, bevor er in Brasilien auftauchte, als Schatzmeister für die Guerilla-Gruppe Tupamaros gearbeitet haben soll. Er sei dann geflüchtet, nachdem er Geld gestohlen hatte, das für den Kauf von Waffen vorgesehen war.

Hauck, der grandiose Geschichtenerzähler und Dschungelkenner

Zumindest die Frage, weshalb so viele Menschen Tatunca Nara die unglaublichen Geschichten über Akakor und der Schwesterstadt Akahim abgenommen haben, lässt sich beantworten: Tatunca Nara scheint – da sind sich fast alle, die ihn getroffen haben, einig – ein grandioser Erzähler zu sein. Das bestätigt auch Jorge Bodanzky, der ihn mehrfach getroffen hat: „Er war eine absolut sympathische Person. Ein guter Geschichtenerzähler. Sehr redselig, aber sehr sympathisch.“

Ein Mann, der verschiedene Fakten und Legenden vermischt und zu neuen verwebt. Der Geschichten so fesselnd, detailreich, nuanciert und mit einer solchen Überzeugung wiedergibt, dass viele ihm attestieren, er sage die Wahrheit – oder aber: dass zumindest ein Fünkchen davon drinsteckt. In Wolfgang Brögs „Das Geheimnis des Tatunca Nara“ bekommt man einen Eindruck davon, wie der Mann, der fließend Deutsch mit leichtem fränkischem Einschlag spricht, seine Zuhörer einlullt. Auf jede Frage Brögs hat Tatunca Nara eine Antwort, lächelt dabei charmant und gibt seine Version des Geschehenen so wieder, dass man sie kaum zu hinterfragen wagt.

Wolfgang Brög (r.) mit Rüdiger Nehberg (Mitte) bei den Dreharbeiten zu „Das Geheimnis des Tatunca Nara“
Wolfgang Brög (r.) mit Rüdiger Nehberg (Mitte) bei den Dreharbeiten zu „Das Geheimnis des Tatunca Nara“Foto: Archiv Wolfgang Brög

Hinzu kommt: Tatunca scheint den Amazonas so gut zu kennen wie kaum ein anderer. Auch dieses Wissen weiß er offenbar geschickt mit seinen Fantastereien zu verbinden. So gibt es bei Barcelos mit der Guy-Collet-Schlucht tatsächlich die tiefste Höhle Südamerikas. Ausgerechnet ein italienisches Team eines Vereins namens „Akakor Geographical Exploring“ erkundete sie 2007 erstmals bis zu einer Tiefe von 670 Metern. Ihr Führer bei der Expedition: kein Geringerer als Tatunca Nara, der mittlerweile auch als Mitglied des Vereins geführt wird. Ist diese Schlucht etwa ein Indiz dafür, dass es die unterirdischen Städte Akakor bzw. Akahim wirklich geben könnte? Natürlich nicht. Dennoch bleibt da auch immer dieser Hauch, es könnte das Eldorado vielleicht doch geben. Ein Hauch, der Verschwörungstheoretikern und Esoterikern oftmals schon reicht. Für Wolfgang Brög jedoch steht fest: Hauck ist „ein notorischer Lügner“. Er lüge, „wenn er das Maul aufmache“.

Karl Bruggers Tod – Auftragsmord oder Raubüberfall?

Karl Brugger will die Hoffnung jedenfalls nicht aufgeben, dass es im Dschungel des Amazonas womöglich doch Spuren einer bislang unentdeckte Zivilisation gibt. Er, der Tatunca Naras Erzählung schriftlich festgehalten und so zur Legende erhoben hatte. Und der es – wie alle anderen auch – ebenfalls nicht schafft, auch nur einen Hauch eines Belegs für die Existenz der sagenumwobenen Städte zu bekommen. Im Gegenteil. Es kommt zum Bruch zwischen Brugger und Tatunca, der seinen Anteil am Erfolg des Buches möchte, von dessen Inhalt er sich später distanziert. So soll er über Brugger und „Die Chronik von Akakor“ zu Rüdiger Nehberg gesagt haben: „Der Mann hat mich nicht mal gefragt, ob er das schreiben darf. Vor allem ist das alles gelogen. 90 Prozent seines Buches sind unwahr.“

Brugger plant, so heißt es, eine eigene Expedition – ohne Tatunca Nara. Doch dazu soll es nie kommen. Am 1. Januar 1984 wird er nach einem Besuch eines Restaurants mit Ulrich Encke, der ihm als ARD-Korrespondent nachfolgen sollte, in Ipanema in Rio de Janeiro auf der Straße erschossen. Mutmaßlich ein Raubüberfall, so heißt es. Brugger habe gerade seine Brieftasche herausholen wollen, als der Täter schießt. Er zielt offenbar direkt auf die Brust, ausgerechnet dorthin, wo der Deutsche sich eine Schildkröte tätowiert hatte – wie jene von Tatunca. Dabei hatte dieser Rüdiger Nehberg erklärt: „Das ist das Zeichen meines Stammes. Wer es nachmacht, den muss ich töten. Stammesgesetz.“

Könnte es sein, dass Tatunca hinter dem Mord von Brugger steckte? Sicher ist: Der selbst ernannte Häuptling war zu dem Zeitpunkt erwiesenermaßen nicht in Rio de Janeiro und kommt für die Tat nicht infrage. Auch die Aussagen des mittlerweile verstorbenen Ulrich Encke passen nicht zu Tatunca: Er beschreibt den Mörder als „dunkelhäutig, dünn, jung und mit vorzeitiger Glatze“. Dieser sei dann auf einem roten Motorrad geflüchtet, das von einem blonden Komplizen gefahren worden sei.

Während Bruggers Kollege Jorge Bodanzky von einem missglückten Raubüberfall eines „Amateurs“ ausgeht, wie er TRAVELBOOK erzählt, vermutet Wolfgang Brög mehr dahinter. „Es war ein Auftragsmord von höherer Stelle, weil dieser Mensch zu neugierig wurde.“

Bis heute ist der Mord an Karl Brugger nicht aufgeklärt. Zwar wird in der frühen Ermittlungsphase ein gewisser Luis Gabriel de Sousa, Spitzname: Cabeça, beschuldigt, doch Encke kann den Mann nicht als Täter identifizieren.

In Brasilien verjährt Mord nach 20 Jahren – in Deutschland läuft das Verfahren formell noch

So unglaublich es auch klingen mag: Die Person, die Herbert Wanner erschossen hat und vermutlich auch am Verschwinden von Reed und Heuser beteiligt ist, wird sich nicht mehr vor einem brasilianischen Gericht verantworten müssen. Grund: In dem südamerikanischen Land verjährt Mord nach 20 Jahren. Dies bestätigt auch der Gerichtshof des Bundesstaats Amazonas auf Anfrage von TRAVELBOOK.

In Deutschland verjährt Mord nicht. Allerdings besteht wenig Hoffnung, dass es hierzulande zu einem Prozess kommt. Dafür müsste er nach Deutschland kommen – eine Auslieferung der brasilianischen Behörden ist jedoch unwahrscheinlich.

TRAVELBOOK fragte bei der zuständigen Hamburger Staatsanwaltschaft nach, ob und in welchen Fällen noch ermittelt wird. Antwort: „Das Verfahren ist seit 1995 vorläufig gem. § 205 StPO wegen Abwesenheit des Beschuldigten eingestellt. Es handelt sich damit formell um ein noch laufendes Verfahren.“ Die gestellten Fragen bezögen „sich auf [immer noch] ungeklärte Mord-/Vermisstenfälle, zu denen wir aus ermittlungstaktischen Gründen derzeit keinerlei Angaben machen“. Dies gelte „im Prinzip auch bereits für Ihre frühere Frage nach einer etwaigen Verstrickung des H.“

Was ist aus Günter Hauck alias Tatunca Nara geworden?

Günter Hauck ist mittlerweile 81 Jahre alt (als Tatunca Nara 84) und lebt heute nach wie vor frei in Barcelos. 2019 starb seine Frau Anita Katz Nara nach langer Krankheit, seitdem ist er Witwer. Er hat sogar einen Facebook-Account. Unter seinen 18 Freunden sind vor allem Familienmitglieder, darunter sein Sohn Seder, der weiterhin in Barcelos lebt, und seine Tochter Angelic, die zwischenzeitlich nach Frankreich gezogen ist, sowie einige Enkel.

Auf dem sozialen Netzwerk hat Tatunca Nara nur einen Beitrag gepostet: sein Profilbild. Das war am 20. September 2020, also nach dem Tod seiner Frau. Darauf zu sehen ist ein alter Mann mit zerzausten, grauen Haaren, dunklen Augen und trübselig in die Kamera blickend.

Tatunca Nara: Profilbild auf Facebook
Am 26. September 2020 wurde dieses Foto von Tatunca Nara bzw. Günter Hauck auf einem gleichnamigen Facebook-Profil hochgeladen

Ein Foto, das sein Sohn am 17. Oktober 2017 auf Instagram veröffentlicht hat, zeigt Tatunca Nara mit Brot in der Hand. Seder schreibt dazu: „Papa, wie er beim Schach verliert.“

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Auf Facebook gibt es noch weitere Accounts, die unter dem Namen Tatunca Nara laufen. Möglicherweise sind es weitere Registrierungen von ihm persönlich oder von Fremden. Interessant ist jedoch, dass unter den Freunden eines dieser Accounts neben Sohn Seder und einer Enkelin auch sein jüngster Sohn aus der geschiedenen Ehe in Deutschland auftaucht. Tatsächlich gab es sogar Kontakt zwischen beiden, bei dem der Sohn am Ende sogar zur Erkenntnis gelangt, bei Tatunca Nara handele es sich nicht um seinen Vater.

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2022 klagt Tatunca Nara wegen einer Doku über ihn

In den vergangenen Jahren wurden die Fälle um Tatunca Nara immer wieder von Medien aufgegriffen. Für Facebook Watch wurde 2019 sogar eine Doku-Reihe namens „Der Fluch von Akakor – Der verlorene Schatz des Regenwaldes“ produziert. Darin kommt auch Wolfgang Brög zu Wort. Investigativ-Reporter Paul Connolly gelingt es zudem, Tatunca Nara in Barcelos aufzulauern und ihm Fragen zu stellen. Neue Erkenntnisse liefert die Produktion aber nicht.

Als Discovery Channel die Doku jedoch Anfang 2022 in Brasilien ausstrahlt, reagiert Tatunca Nara. Am 3. März 2022 reicht er über seinen Anwalt eine Klage ein. Laut Brög deswegen, weil er gesagt habe, dass Tatunca „Deutscher, ein Killer und ein Lügner“ sei, so der Filmemacher zu TRAVELBOOK. „Jetzt prozessiert er gegen mich, was mir ganz recht ist. Denn über einen befreundeten Anwalt habe ich erst mal erklärt: Es gibt keinen Tatunca Nara. Der Mann heißt Hauck“. Die Klage hätte so zu einem Boomerang für Tatunca Nara werden können, weil die brasilianischen Behörden den Vorwurf Brögs überprüfen müssten.

Recherchen von TRAVELBOOK zeigen allerdings, dass das Verfahren am 22. Juni 2022 eingestellt wurde. Beschuldigt war auch nicht Brög direkt, sondern die für die Ausstrahlung verantwortlichen Firmen: Discovery Networks Brasil sowie Terra Vermelha Filmes. Somit endet auch diese Möglichkeit, Tatunca Nara wegen seiner falschen Identität zu überführen, in einer Sackgasse.

Auf TRAVELBOOK-Nachfrage, ob dem Gerichtshof in Manaus bekannt sei, dass Tatunca Nara eigentlich Hansi Richard Günter Hauck sei, heißt es, in den Verzeichnissen gebe es keine derartigen Informationen. Auf erneute Nachfrage wiegelte das Gericht ab. Es bestätigte lediglich, dass der Name Tatunca Nara in fünf Verfahren auftaucht und er bei allen als Kläger auftrat, nicht jedoch als Beschuldigter.

Verschwörungstheorien wuchern weiter

Es ist also sehr wahrscheinlich, dass Günter Hauck sich tatsächlich nie vor Gericht den schweren Vorwürfen stellen muss. Stattdessen wuchern die Verschwörungstheorien um Akakor und Akahim weiter. 2008 bediente sich sogar Steven Spielberg der Legende und verquirlte sie in „Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels“. Aus Akakor machte der Regisseur einfach Akator.

Trotz der angeblichen Städte voller Gold und Silber, dem großen Interesse von verschrobenen Mystikern und Esoterikern aus aller Welt sowie eines Hollywoodfilms, der seine Geschichte aufgriff – zu Reichtum hat es Tatunca Nara nie gebracht. Auch Jorge Bodanzky bestätigt im Gespräch mit TRAVELBOOK: „Tatunca ist arm. Er hat kein Geld und lebt sehr bescheiden.“

Stattdessen holen ihn die dunklen Seiten seiner Vergangenheit immer wieder ein. Sein deutscher Bekannter Mathias H., der ebenfalls in Barcelos lebt, wollte sich auf TRAVELBOOK-Nachfrage zwar nicht zu Tatunca Nara äußern, schrieb aber dann noch Bezeichnendes: „Ich sage immer zu ihm, dass er die Geschichte nun endlich auf sich ruhen lassen soll.“

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