9. Juli 2026, 10:18 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
TRAVELBOOK-Autorin Anna Chiodo (früher Wengel) hat ihre Norwegenreise kürzlich mit etwas beendet, das sie für sich selbst nie für möglich gehalten hätte: mit einer (Mini-)Kreuzfahrt. Wie es dazu kam und wieso sie sich selbst niemals auf einem Kreuzfahrtschiff gesehen hätte, hat sie für TRAVELBOOK aufgeschrieben.
„Würdest du jemals eine Kreuzfahrt machen?“, fragt mich mein Mann ganz unschuldig – und sieht sich sofort der Litanei einer Kreuzfahrt-Skeptikerin ausgesetzt, die er an dieser Stelle eher nicht erwartet hatte. Ich verabscheue Kreuzfahrten mit einer Leidenschaft, die ich sonst nur für mich positiv besetzten Themen angedeihen lasse. Irgendetwas triggert es in mir, dieses Konstrukt Kreuzfahrt.
Gründe gegen eine Kreuzfahrt
Umweltverschmutzung, das Klientel, das ich mir auf so einem Schiff vorstelle, die lange Zeit, die ich mit vielen Menschen auf sehr engem Raum verbringen müsste. Die vollgestopften Pools, vermutlich schlechten Performances und das generelle Feriencamp-Gefühl, das ich mir gedanklich zusammenbaue. Die diversen Auswirkungen auf alle anderen, die nicht auf dem Kreuzfahrtschiff, aber in dessen Nähe sind. Es gibt etliche Gründe, aus denen ich niemals eine Kreuzfahrt machen will. Viele von ihnen sind – zugegeben – ein Gedankenkonstrukt statt echtem, faktenbasiertem Wissen. Die Umweltverschmutzung einmal ausgenommen. Ebenso wie die Flut an Menschen, die aus den Kreuzfahrtschiffen an Land gespült werden und plötzlich ganze Straßenzüge verstopfen. Oder auch das Landschaftsbild, das die riesigen Schiffe verschandeln. Ein paar echte, weil selbst erfahrene Gründe habe ich anscheinend doch.
Sie alle zähle ich meinem Mann auf, als er mich ganz beiläufig fragt, ob mich eine Kreuzfahrt interessieren würde. Denn, da hat er ganz recht, müsste eine Kreuzfahrt nicht schon deshalb etwas für mich sein, dass ich das Meer nicht nur liebe, sondern mich regelrecht danach verzehre, wann immer ich nicht in der Nähe eines Ozeans bin? Eine Kreuzfahrt gäbe mir doch die Chance, nicht nur am, sondern sogar viele Stunden, Tage oder Wochen auf dem Wasser zu sein. Gutes Argument. Meine Antwort ist dennoch klar: „Nur über meine Leiche.“ Dramatisch untermalt mit entsprechenden Handgesten und aufgerissenen Augen. „Schau dir doch nur mal an, wie sehr diese hässlichen Klötze diese hübschen Straßen hier verschandeln“, sage ich, während ich weiterhin wild gestikulierend auf den ehrlich hässlichen Bootsklotz am Ende der hübsch gewundenen Holzhausstraße im norwegischen Bergen deute. Hübsch ist anders.
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Trotz Kreuzfahrtabscheu an Bord einer Mini-Cruise
Eine Woche später: An Deck eines nur minder hässlichen Bootsklotzes, über das ganze Gesicht strahlend, schon jetzt den Blick auf den Oslofjord tief in mir aufnehmend. Wie um alles in der Welt bin ich Kreuzfahrtunfan hier gelandet? Und wie um alles in der Welt kann es sein, dass es mir gefällt? Ganz einfach.
Mit dem Schiff von Norwegen nach Deutschland
Nur wenige Tage nach meiner Kreuzfahrtpredigt entschieden wir, dass es an der Zeit sei, den Rest unserer Norwegenreise zu planen – oder zumindest zu überlegen, wie und von wo aus wir zurück nach Deutschland fahren wollten. Drei Wochen Norwegen hatten wir angesetzt, zwei Wochen waren wir mittlerweile hier. Die ersten günstigen Optionen, die wir fanden, gefielen uns beide nicht so recht: Von Bergen aus gibt es eine Fähre nach Hirtshals in Dänemark. Die braucht knapp 18 Stunden. Die günstigste Option ist ein Liegesitz. Über Nacht mit unserer knapp fünf Jahre alten Tochter – kein idealer Plan. Für einen Aufpreis kann man eine Kabine mit oder ohne Fenster dazubuchen.
Die zweite Variante: zurück nach Kristiansand und von dort mit der gleichen Fähre zurück, mit der wir hergekommen waren: 2,5 Stunden, ebenfalls nach Hirtshals. Zunächst entschieden wir uns, diese zu nehmen und davor ein bisschen mehr Zeit im Südwesten Norwegens zu verbringen. Das war okay, aber auch irgendwie langweilig. Nicht wegen des norwegischen, sondern wegen des dänischen Abschnitts dieser Reise, den wir schon zu Beginn wenig spannend fanden.
Ich klickte mich noch ein paar Minuten weiter durch die verschiedenen Optionen und entdeckte schließlich diese: Von Oslo nach Kopenhagen, rund 17 Stunden, in einer Kabine. Das gefiel mir besser. Die dänische Hauptstadt hatten wir auf dem Hinweg ausgelassen, da wir statt des ursprünglich angedachten Land- den Wasserweg genommen hatten. Außerdem hatten wir uns alle drei in die hübsche, entspannte Hauptstadt Norwegens verliebt – und konnten es kaum erwarten, dort noch ein paar Tage länger verbringen zu dürfen. Nicht zuletzt hatte keiner von uns je in einer Bootskajüte übernachtet – für unser Kind wie für uns klang das nach der besten Option. Also buchte ich – um schließlich in die lachenden Augen meines Mannes zu blicken: „Dir ist schon klar, dass du gerade eine Kreuzfahrt gebucht hast?“ Schande über mein Haupt. Ja, das hatte ich. Und ich freute mich darauf.
Realität an Bord der Nordic Pearl von Go Nordic Cruiseline
Wenn es auch kein großes, mit Entertainment überladenes Kreuzfahrtschiff war, bestätigte die Erfahrung an Bord der Mini-Cruise von Go Nordic doch etliche der Ideen, die ich mir im Vorhinein gemacht hatte. Mein erster Blick auf das Schiff blieb direkt an einem rundbauchigen, sonnenverbrannten Mann hängen, der mit der einen Hand eine Bierflasche hielt und sich mit der anderen großflächig den rotgebrannten Bauch eincremte. Später sah ich ihn beim Essen wieder, wo er rotgesichtig und kaum mehr nüchtern breitbeinig durch den Raum stolzierte.
Bis auf diese eine Begegnung hielt sich die Klientel-Klischeekeule jedoch in Grenzen. Vielmehr erschienen mir die Gäste der Mini-Cruise von Oslo auf dem Weg nach Kopenhagen wie ein Querschnitt der Gesellschaft in dieser Region: blonde Mamas mit ihren Kindern, indische Großfamilien, hübsch herausgemachte ältere Herrschaften, deutsche Familien auf der Rückreise und norwegische auf dem Weg in den Urlaub. Paare in Loungewear, stark duftende Freundesgruppen in ihren Zwanzigern, die sich mit den diversen Sale-Angeboten des Schiff-Shops eindeckten, alleinreisende Frauen in jungem und Männer in mittlerem Alter.
Menschen, Partystimmung, Essen und Meer
Von meiner zuvor proklamierten Ballermann-Stimmung fehlte fast jede Spur. Ja, der Pool an Deck war überfüllt. Ja, in der Nacht dröhnten laute Bässe aus dem Nightclub an mein Ohr, die ich mir wegwünschte. Und natürlich gab es auch ein bisschen Gedränge am Buffet. Und doch, die Freude überwog die ganze Zeit. Nicht nur, weil mein Kind sich kaum noch einkriegte vor Spaß an Pool, Kinderbereich, überlebensgroßem blauen Monster und ausklappbarem Doppelstockbett in unserer ehrlich gemütlichen Kabine. Auch nicht nur, weil mein Mann und ich zu unserer Freude vor einem Buffet mit jeder Menge Seafood standen.
Für mich war es – natürlich – allem voran das Wasser. Der ewige Blick in die Weite, von dem ich einfach nicht genug bekam. Vom Deck aus, aus dem Restaurant heraus und – weil ich zum Glück die rund 90 Euro mehr für eine Unterkunft mit Fenster investiert hatte – direkt aus unserer Kabine heraus. Egal, wohin ich blickte: Wasser. Dank der Mitternachtssonne sogar dann noch, als mein Kind schon selig eingekuschelt über mir schlief. Dieser Blick allein war es wert.
Fazit
Werde ich nun zur Kreuzfahrtfahrerin? Vermutlich nicht. Denn auch, wenn ich diese Mini-Cruise ehrlich genossen habe und mir gut vorstellen kann, eine so kurze Tour anstelle einer Fähre noch einmal zu machen, graut es mir weiterhin vor einer längeren Zeit mit so vielen Menschen auf einem Schiff. Will ich weiterhin nicht Teil der Massen sein, die von Schiffen in Straßen fließen und Orte an ihre Belastungsgrenzen bringen. Will ich auch nicht Teil des unschönen Bildes werden, das Kreuzfahrtschiffe an den schönsten Orten der Welt zeichnen. Und ebenso und vor allem will ich nicht Teil des Problems sein, das Kreuzfahrtschiffe für die Umwelt darstellen. Wenn es auch Anstalten gibt, diese stückweise klimafreundlicher zu gestalten (TRAVELBOOK berichtete), sind sie nach wie vor umweltschädlich. Das zeigte unter anderem das NABU-Ranking der Reedereien aus dem letzten Jahr.