23. April 2026, 17:30 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten
Seit mehr als 20 Jahren reist unser Autor unermüdlich um die ganze Welt. Kein Ziel zu fern, zu exotisch, zu abenteuerlich. Solo-Reisen bieten ihm dabei ganz besondere Reize, die er immer wieder genießt. Denn auf sich allein gestellt lernt man in der Fremde viele wichtige Lektionen, die wertvoll für das ganze Leben sein können. Hier berichtet Robin Hartmann von den Dingen, die ihn die Zeit unterwegs gelehrt hat.
Jeder, der schon einmal allein auf Reisen war, wird es bestätigen können. Der Reiz der Fremde wird auf einmal noch stärker, die Abenteuer-Sensoren sind besonders sensibel. Was dort draußen irgendwo wartet, ist für den, der mit offenen Augen und offenem Herz zu sehen versteht, mitunter nicht nur ein weiterer Haken auf der Bucket List. Sondern eine wichtige Lektion für das ganze Leben. Ich habe das Privileg, schon mein ganzes Leben von meinen Reisen lernen zu dürfen, und seit 20 Jahren tue ich das auch sehr gerne solo, nur für mich. Ich denke, es ist nicht übertrieben oder pathetisch zu sagen, dass mich dieses Glück zu einem besseren, vollständigeren Menschen gemacht hat.
Das Erste, was mir meine Reisen bzw. die Lust darauf beigebracht hat, sind fünf Sprachen. Schon früh war ich fasziniert von der Möglichkeit, unterwegs kommunizieren zu können, denn eine Sprache ist einer der Schlüssel zu einem Land und den Türen der Menschen, die dort leben. Meine Mutter arbeitete als Englischlehrerin, diese Sprache lernte ich also quasi nebenbei. Nach dem Abi stand ich dann zusätzlich mit neun Jahren (eher schlechtem) Schul-Französisch da, und einer letztlich ziemlich leichten Wahl. Alles in die Tonne kloppen oder die Sprache noch einmal von vorne, richtig lernen.
„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“
Ich bewarb mich als Kinderanimateur in französischen Feriendörfern und sprach Französisch nach vier Aufenthalten fließend. Nur einige Jahre später begann ich dann an der Uni mit Spanisch, was mir von Anfang an erheblich leichter fiel. Bis heute liebe ich die Melodie dieser Sprache und ihre kraftvollen Ausdrücke (womit nicht Schimpfwörter gemeint sind). Auch hier war es ein Auslandsaufenthalt in Mexiko, mehrere Monate lang, der den eigentlichen Grundstein für meine heutigen Kenntnisse legte. In späteren Jahren hatte ich das Privileg, ein halbes Jahr in Madrid zu leben und über den Zeitraum von vier Jahren dreimal mehrere Monate durch ganz Südamerika zu reisen.
„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“ – so sagte es einst der große Philosoph Wittgenstein. Ich für meinen Teil wollte nie hinnehmen, dass dieser Faktor mir eine Grenze setzen würde, stattdessen wollte ich liebe- und respektvoll gegen sie anrennen, mir so die Herzen der Menschen in anderen Ländern öffnen. Sicher haben auch Sie schon einmal erlebt, wie Augen leuchten, wenn Sie auch nur ein Wort in einer fremden Landessprache sagen. Als wäre diese eigentlich selbstverständliche und zumindest erwartbare Geste ein großes Geschenk. Ich lerne für jedes Land, in das ich reise, vorab schon einmal die Grundbegriffe für „Hallo“, „Mein Name ist“ und vor allem „Danke“. Schon zahlreiche Male hat mir das auf Reisen sehr besondere Erlebnisse beschert.
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Leichter Freunde finden
In Panama lud mich eine Familie erst zu einem Picknick und dann mehrere Tage zu sich nach Hause ein. In Marokko spendierte man mir auf der Straße Pfefferminztee. In Griechenland nahm mich ein Fischer mit aufs Meer, seinen Tagesfang verladen. Nicht selten machte man mir wegen meiner Bemühungen auf Märkten deutlich niedrigere Preise als anderen Reisenden. Dieser Unterschied, wie ich von Fremden, die ich ja als Freunde gewinnen wollte, wahrgenommen wurde, war besonders stark in Süd- und Mittelamerika. Wer nur Englisch sprach, war mitunter schnell als „Gringo“ abgestempelt. Eine abfällige Bemerkung, eigentlich reserviert für US-Amerikaner und ihr leider auch auf Reisen nicht selten überhebliches Weltbild.
Die zweite Lektion, die unmittelbar mit dem Lernen der Sprachen einhergeht, aber natürlich für sich selbst stehen muss, ist der Respekt vor anderen Kulturen. Reisen lehren Respekt davor, dass Menschen anderswo anders sind, und dass genau das das Fantastische an unserer großen weiten Welt ist. Wer hier genau hinhört und zuguckt, kann vieles für sein eigenes Leben lernen. Auf Reisen ist man ein Gast in einem anderen Land, und so sollte man sich auch verhalten. Neugierig, mit allen fünf Sinnen genießend, aber dabei stets respektvoll. Wer dann noch ein Geschenk wie ein paar Brocken Sprache anzubieten hat, kann nur gewinnen. Und wird mit umso unvergesslicheren Erinnerungen und noch mehr Durst auf das nächste Abenteuer heimkehren.
Zeit für das Wesentliche
Bescheidenheit ist eine der wichtigsten Lektionen, die das Leben unterwegs auf Reisen lehren kann. In den meisten Reiseländern haben die meisten Menschen nämlich sehr viel weniger als wir. Zumindest, wenn man materiellen Besitz als Parameter für diese Berechnung ansetzt. Dennoch sind sie so oft so viel glücklicher und wirken unbeschwerter als wir. Es gibt zahlreiche Bücher, die sich mit der Frage beschäftigen, wie das eigentlich sein kann. Die Antwort ist meiner Meinung nach einfach. Diese Menschen können sich noch auf das Wesentliche fokussieren, und materielle Güter haben fast nie und nirgendwo auf der Welt etwas damit zu tun. Es ist ein Irrglauben, zu denken, Besitz und Wohlstand würde den Menschen freier machen. Im Gegenteil, diese Dinge können wie Fesseln auf den Geist und das Herz wirken.
Wer viel hat, muss auch viel tun, um diesen Standard zu halten, statt sich auf die wesentlichen Dinge des Lebens zu konzentrieren. Zum Beispiel Zeit zu haben, die man mit seinen Lieben verbringen kann. In fast allen Reiseländern hat die Institution Familie noch einen höheren Stellenwert als bei uns. Leider haben offenbar nicht wenige in ihrem Dauerlauf im Hamsterrad vergessen, dass Geld dich nicht in den Arm nimmt, wenn du traurig bist. Wer dagegen weniger Materielles besitzt, kennt oft noch die wahren Werte, die das Leben reicher machen können. Solchen Menschen zuzuhören, und sich ihre „Tricks“ abzugucken, kann viel für das eigene Leben lernen.
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Kulturschock wird zu Komfortzone
Vielleicht ist Neugier nicht unbedingt eine Lektion, die das Reisen erst lehrt. Wer reist, tut dies meistens aus Neugier, doch eigentlich kann dahinter viel mehr stecken. Ein offenes Auge und ein offenes Herz werden uns nämlich nicht nur viel Wissenswertes bescheren. Sondern mitunter auch dafür sorgen, dass sich ein ablehnendes, beklemmendes Gefühl der Fremdartigkeit, auch als Kulturschock bekannt, zu etwas Wunderbarem wandeln kann. Einem Hunger nämlich, ein anderes Land und seine Menschen so vollständig wie möglich begreifen zu wollen. Mehr sehen zu wollen als nur die vermeintlichen Sehenswürdigkeiten, die jeder Touristenführer besingt.
Wer nun allein auf Reisen geht, ist für all diese möglichen Lektionen sehr viel offener. Bereits zu zweit wird man von außen als eine in sich abgeschlossene Einheit wahrgenommen. Verlässt sich selbst nur allzu oft auf die Sicherheit innerhalb der Herde. Abenteuer aber beginnt genau da, wo die eigene Komfortzone aufhört. Wo man sich traut, den Fremden um Rat oder Hilfe zu bitten. Wo man etwas Mutiges tut, dass man sich selbst vorher gar nicht zugetraut hätte. Etwas, woran man wächst, Schritt für Schritt zu einem anderen, selbstbewussteren Menschen wird.
Planen Sie nichts
Allein die Planung einer (Solo-) Reise ist eine ungeheure Anstrengung. Wer vorher nicht wenigstens ein bisschen angespannt, vielleicht gar ängstlich wäre, ist wirklich bereits ein abgekochter Profi. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich vor einem Urlaub allein einen Tag vorher mit den Nerven völlig am Ende zu Hause saß, und eigentlich lieber in der Sicherheit meiner vier Wände geblieben wäre. Was könnte nicht alles schiefgehen? Werde ich sicher wieder nach Hause kommen? Was, wenn das alles eine einzige große Schnapsidee war? Wer diese Bedenken letztlich überkommt, wird einen überwältigenden Sieg erleben, nämlich über sich selbst und seine Ängste. Es ist auch dieses Gefühl, das mich am Ende immer wieder in die Ferne zieht.
Zuletzt vielleicht noch eine etwas aberwitzig klingende, aber sehr sinnvolle Lektion. Planen Sie so wenig wie möglich. Verabschieden Sie sich bereits vorab von allen Plänen und vorgefertigten Blaupausen über ein Land und seine Menschen. Seien Sie wie ein leeres, offenes Buch, wenn Sie in der Fremde ankommen. Ein Buch, dass Sie selbst und all ihre Erlebnisse dann nach und nach füllen. Wer nichts erwartet, kann auch nicht enttäuscht werden. Und ohnehin wäre es eine beispiellose Dummheit, ob eines Geschenks wie einer Reise Enttäuschung zu spüren. Hören Sie auf, die aktuelle Reise mit früheren Erfahrungen zu vergleichen. Sofort! Kein Land ist wie das andere, und jedes ist auf seine eigene, magische Weise einzigartig.
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Betrachten Sie die Welt stattdessen stets mit Neugier wie ein Puzzle, dessen Teile sie zusammenfügen wollen. Jedes einzelne Stück trägt dazu bei, dass Sie ein größeres Bild sehen, die Welt ein wenig besser verstehen. In einem meiner zahlreichen Nebenjobs arbeite ich als Dozent an Schulen, wo ich regelmäßig über meinen Beruf als Reisejournalist berichte. Wirklich immer stellt mir dann irgendjemand die Frage, welches Land denn mein liebstes sei, wo es mir am besten gefallen habe. Ich sage dann stets, dass sich diese Frage für mich nicht sinnvoll beantworten lässt. Denn ich fühle mich als Kind dieser Welt, und meine Seele ist sicher zu einem Teil Deutsch, aber genauso auch Latino, Afrikaner und Asiate. Vielleicht ist das noch eine weitere Lektion für das Reisen: Sich überall zu Hause fühlen zu können.