23. Januar 2026, 14:47 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
TRAVELBOOK-Autor Robin Hartmann arbeitete vor mittlerweile über 20 Jahren für ein paar Monate als Animateur in Feriendörfern in der Schweiz und in Frankreich. Hier erzählt er von Kids außer Kontrolle, pöbelnden Eltern und gelben Kängurus.
Ihre Schläge und Tritte kommen regelmäßiger und kräftiger. Fast schon könnte man meinen, hinter diesem kindlichen Energieausbruch stecke echte Aggression. Ihr Lachen klingt wie Siegesgeheul, weil sie wissen, dass sich ihr Gegner, also ich, nicht wehren kann, ja, nicht wehren darf. Ich liege am Boden und wälze mich hin und her, kostümiert als riesiges gelbes Känguru, definitiv einer der Tiefpunkte meines bisherigen, jungen Lebens. Zu diesem Zeitpunkt bin ich 20 Jahre alt, habe noch nicht lange die Schule beendet und meinen ersten Job im Ausland angetreten, als Animateur in einem Schweizer Ferienclub. Und ja, das ist tatsächlich eine meiner ersten Aufgaben: Mich als Maskottchen des Ressorts, besagtes gelbes Känguru, von Kindern willfährig traktieren lassen.
Meine Arbeit als Animateur liegt 2026 bereits mehr als 20 Jahre hinter mir. Und doch haben sich viele Erlebnisse von damals so tief auf meine Seele gebrannt, dass ich mich an sie erinnere, als wären sie erst gestern passiert. Und ja, natürlich ist diese Zeit auch eine prägende in meinem Leben gewesen, denn es war ja ganz und gar nicht alles schlecht. Sondern vieles auch einzigartig und sehr aufregend.
In der Schule nichts fürs Leben gelernt
Damals hatte ich den Job tatsächlich über die Zeitung des Arbeitsamts gefunden. Ich war fast ein Jahr aus der Schule raus, Abitur, danach Endstation Ratlosigkeit. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was ich denn nun fortan mit meinem Leben anfangen sollte. Einen geregelten Alltag hatte ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht. Lange schlafen, zu viel kiffen – in der Schule hatte ich jedenfalls nichts für mein jetziges Leben gelernt. Die Chance, im Ausland zu arbeiten, erschien mir da wie ein Rettungsanker. Mal raus aus den festgefahrenen Strukturen. Und die Arbeit als Animateur versprach ja auch mehr als nur einen Hauch von Abenteuer. Außerdem wollte ich neun Jahre Schulfranzösisch nicht einfach dem Verfall preisgeben, und so ging ich ziemlich gespannt zu dem Job-Casting.
Kurze Zeit später hatte ich dann die Zusage, und stieg frühmorgens am Berliner Bahnhof Zoo in den Zug, der mich in einen kleinen Ort im Schweizer Nirgendwo bringen würde. Irgendwann mitten in der Nacht kam ich völlig gerädert an, zog meinen Koffer über vereiste Straßen immer bergan zu dem schlossähnlichen Ferienkomplex, und betrat so zum ersten Mal eine sehr eigene Welt. Eine, in der geregelte bzw. vertraglich festgeschriebene Arbeitszeiten nichts galten. Wo Kollegen und Urlauber mich zu etwa gleichen Teilen beanspruchten und bepöbelten. Eine Welt, in der ich für den Dauerauftrag als Kinder-Animateur 250 Euro die Woche verdienen würde, bei gerade einmal (theoretisch) einem freien Tag.
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Wein zu jeder Mahlzeit
Das Konzept der Ferienclub-Kette, in der ich angeheuert hatte, war (und ist vermutlich auch heute noch) denkbar einfach. Eltern geben ihre Kinder direkt nach der Anreise ab und sehen sie dann bis zum Ende des Urlaubs so wenig wie möglich. Um das Entertainment der Kleinen haben sich die Mitarbeiter zu kümmern. Mami und Papi genießen derweil ihren Aufenthalt, der unter anderem völlig freien Zugang zu den gut gefüllten Weinschränken zu jeder Mahlzeit beinhaltet. Abends bejubeln sie dann vielleicht in fortgeschritten angetrunkenem Stadium ihre Kleinen, während die sich bei einer völlig dilettantischen Darbietung lächerlich machen. Natürlich nie so lächerlich wie ich als Animateur. Denn ich muss unterdessen als gelbes Känguru verkleidet herumhüpfen. Oder für die erwachsenen Gäste den Ententanz tanzen. Nichts geht Urlaubern über den Ententanz, so viel kann ich Ihnen, lieber Leser, versichern.
Die Tage beginnen früh im sogenannten Mini-Club, wo wir die nicht selten vollkommen verzogenen Blagen zu betreuen haben. Danach geht es an die frische Luft. Bei meinem ersten Aufenthalt in der Schweiz wird dann standesgemäß Ski gefahren, in den Sommerdörfern darf es auch leichtere Unterhaltung wie Boule, Bogenschießen oder Golf sein. Nicht selten hatte ich als Animateur mit vielleicht drei Kollegen eine Gruppe von gut 30 Kindern im Alter von 2 bis 14 Jahren zu betreuen. Kaum ist ein Kind getröstet, weint schon wieder das nächste. Das ist der reguläre Teil des Tages. Was danach passiert, ist völlig offen. Sicher ist nur: Ruhepausen gibt es kaum, denn es muss immer jemand bespaßt werden. Und abends erhoben die Erwachsenen Anspruch auf uns Animateure.
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Unzweideutige Avancen
Dabei als junger Mann einen kühlen Kopf zu behalten, ist mitunter nicht leicht. Denn immer wieder gab es unzweideutige Annäherungsversuche von alleinstehenden Müttern oder auch Kolleginnen. Der Ferienclub ist eine offene Dating-Börse. Mein widerlicher Zimmerpartner gibt damit an, allein in diesem Jahr mit über 80 Frauen geschlafen zu haben. Ich will ganz offen zugeben, dass auch ich mich mehrfach auf solche Abenteuer eingelassen habe. Als Animateur ist man offenbar auch Projektionsfläche für Begehrlichkeiten. Oder ein Blitzableiter. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich einem Vater deutlich sagte, seine liebe Tochter könne leider das Spielgeld aus dem Monopoly nicht mit auf ihr Zimmer nehmen, weil das Spiel ja für alle da sei. Dieser Vater drohte mir dann, während er sein Kind auf dem Arm hielt, vor versammelter Mannschaft mit Schlägen.
Als Animateur muss man aber solche Situationen herunterschlucken. Genau wie die folgende: Eine Mutter fragte mich, wie sich ihr, gelinde gesagt, schwieriger Junge, denn in der Gruppe so verhalte. Ich hielt Ausflüchte oder Schönfärberei für nicht angemessen. Und sagte ehrlich, ihr kleiner Engel sei, vorsichtig ausgedrückt, auffällig. Das wiederum hatte meine Gruppenleiterin gehört. Sie packte mich nun am Kragen, schleifte mich aus dem Zimmer und bellte mich an, was mir denn einfiele. Man dürfe Kunden ja vieles sagen, aber niemals die Wahrheit über ihre Kinder. Überhaupt wurde jeder Schritt, den ich in den Clubs machte, stets aufmerksam und teils eifersüchtig von Kollegen und Chefs überwacht. Und darunter waren dann doch ein paar sehr skurrile Charaktere.
Die Arroganz der Muttersprachler
In einem der Sommerclubs auf Korsika arbeitete ich mit dem Neffen des Mannes, der für den Musiker Lou Bega den Superhit „Mambo No. 5“ geschrieben hatte. Generell muss ich hier leider auch ein weitverbreitetes Vorurteil aus persönlicher Erfahrung bestätigen. Denn viele französischsprachige Kollegen verhielten sich mir und jedem anderen gegenüber, der nicht perfekt ihre Sprache sprach, mit einer Arroganz, die mitunter wirklich ekelhaft war.
Ich erinnere mich daran noch so genau, weil mein Plan, mein Schulfranzösisch aufzupolieren, wirklich sehr gut funktionierte. Bereits bei meinem zweiten Aufenthalt als Animateur sprach ich quasi fließend, träumte sogar in der Fremdsprache. Und das Verhalten der Kollegen war plötzlich wie ausgewechselt. Jetzt gehörte ich zu einem unsichtbaren inneren Kreis, und andere wurden an meiner Stelle malträtiert. Ich denke da an eine nächtliche Gesellschaft in einem der geteilten Zimmer, bei der es den Franzosen völlig egal war, dass ihr israelischer Kollege gerne schlafen wollte. Sie machten Licht und laute Musik, und behandelten ihn wie Luft. Das war mal ich, dachte ich zu dem Zeitpunkt. Zu feige, die neue „Freundschaft“ durch Einspruch zu gefährden.
Mein letzter Auftritt als Animateur war dann an Skurrilität kaum zu überbieten. Das Unternehmen flog mich tatsächlich für nur ein Wochenende an die Côte d’Azur ein. Meine Existenzberechtigung in diesem Nobel-Club blieb mir und wohl auch allen anderen völlig unklar. Danach wurde ich nie wieder für die Arbeit bei dem französischen Unternehmen angefragt. Rückblickend bin ich auch 20 Jahre später immer noch dankbar für diese Zeit, denn sie hat mir einige unvergessliche und teils auch sehr bizarre Erinnerungen beschert. Heute mache ich übrigens gelegentlich als Reiseleiter immer noch ähnliche Erfahrungen. Nur, dass ich keine Kinder mehr babysitten muss, sondern Erwachsene. Aber wer mal ein gelbes Känguru war, der kann mit fast allem umgehen.