29. Juli 2026, 12:25 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Vielfahrer mit der Deutschen Bahn fürchten derzeit vielleicht vor allem Verspätungen ihrer Reisen und Zugausfälle. Doch wie Mitarbeiter der DB-Bordgastronomie aus ihrem Arbeitsalltag und teilweise auch aus eigener Erfahrung wissen, lauern im Zug noch ganz andere, oft unterschätzte Gefahren. Im Gespräch mit TRAVELBOOK berichten sie, dass viele Fahrgäste erstaunlich sorglos mit ihren Wertsachen umgehen – und Diebe genau das ausnutzen.
Vielleicht gehören auch Sie zu den Menschen, die auf Reisen etwas vertrauensselig sind. Wer mehrere Stunden im Zug unterwegs ist, verlässt seinen Platz schließlich irgendwann – sei es für einen Gang zur Toilette oder um sich im Bordrestaurant einen Kaffee zu holen. Und mal ehrlich: Nehmen Sie für jeden kurzen Weg tatsächlich Ihren Laptop, Ihre Tasche oder alle Wertsachen mit? Mitarbeiter des Unternehmens, in diesem Fall der DB-Bordgastronomie, würden definitiv dazu raten. „Ich jedenfalls würde niemals meinen Laptop allein lassen“, sagt eine Bordstewardess im Gespräch mit TRAVELBOOK. Dafür, so berichtet sie, gebe es einen guten Grund.
DB-Mitarbeiter warnen vor Dieben im Zug
Wie die Informantin – sie möchte anonym bleiben – berichtet, kommt es immer wieder zu Diebstählen im Zug. Einer der Gründe dafür: Anders als beispielsweise bei Flugreisen, wo Passagiere auf mehr als nur ein gültiges Ticket kontrolliert werden, gibt es im Fernverkehr keine Zugangskontrolle vor dem Einsteigen. Grundsätzlich kann jeder einen Zug betreten – mit oder ohne Ticket und auch unabhängig von seinen Absichten. Genau das machen sich manche Täter zunutze.
Das Ganze habe häufig System. Diebe steigen an einem Bahnhof ein, laufen durch die Waggons und halten Ausschau nach unbeaufsichtigtem Gepäck oder Wertgegenständen. Finden sie etwas, steigen sie oft schon an der nächsten Station wieder aus.
Für viele Kleinkriminelle ist das Stehlen ein Hobby
Eine Situation sei ihr besonders im Gedächtnis geblieben. Zwei Jugendliche seien in einen Zug eingestiegen und hätten sich auffällig für das Gepäck der Reisenden interessiert. Schließlich hätten sie nach einem Koffer gegriffen. Sie und ein Kollege seien eingeschritten, die Polizei wurde verständigt.
Beeindruckt habe das die jungen Hobby-Diebe allerdings kaum. Sie hätten die Mitarbeiterin provozierend angesehen – nach ihrem Eindruck mit einer klaren Botschaft: Das ist uns völlig egal. „Selbst wenn sie diesmal erwischt würden, könnten sie ihr Glück einfach im nächsten Zug erneut versuchen“, so der genaue Gedanke, glaubt sie. Die beiden seien minderjährig gewesen und hätten offenbar wenig Sorge vor Konsequenzen gehabt.
Genau solchen Kleinkriminellen machen es Fahrgäste oft sehr leicht. „Ich beobachte es immer wieder, dass Passagiere im ICE ihren Laptop auf dem Platz liegen lassen, während sie kurz zur Toilette gehen oder sich einen Kaffee holen. Viele Fahrgäste sind sehr leichtsinnig“, sagt sie.
Wie man sich beim Bahnfahren vor Dieben schützt
Wie unter der Krise der Deutschen Bahn vor allem die Beschäftigten leiden
Diebe greifen auch nach dem Eigentum der Zugmitarbeiter
Interessant: Nicht nur Reisende werden dabei zu Opfern, auch die Wertsachen des Personals geraten immer wieder ins Visier von Dieben. „Die wollen an unsere Taschen, sogar unsere Diensttelefone! Dabei können sie damit gar nichts anfangen.“ Denn die Dienstgeräte des Bordpersonals sind speziell für den Bahnbetrieb eingerichtet. Sie dienen der internen Kommunikation und dem Zugriff auf betriebliche Anwendungen. Für Diebe dürften sie daher kaum interessant sein.
Offenbar lautet die Devise mancher Täter trotzdem: erst einmal mitnehmen. Vielleicht verbirgt sich ja doch etwas Wertvolles darin. Einer Kollegin sei einmal ihre Schlaftasche gestohlen worden. Diese habe sie benötigt, weil sie zu den DB-Mitarbeitern zählt, die mehrtägige Umläufe mit planmäßigen Übernachtungen außerhalb des Heimatorts haben. Die Deutsche Bahn bucht ihren Angestellten dann Hotelübernachtungen. „In dieser Tasche waren alle wichtigen Dinge der Kollegin: ihr Portemonnaie, in dem sich neben Geldkarten auch ihr Ausweis befand, ihr Schlüssel, und so weiter. Der Dieb hätte also bei ihr zu Hause einsteigen können“, berichtet die Mitarbeiterin. Die Frau habe bei der nächsten Gelegenheit die Schlösser austauschen lassen.
Einem Kollegen, der ebenfalls mit TRAVELBOOK gesprochen hat, wurde bereits das Portemonnaie gestohlen – aus seinem Rucksack, der im Mitarbeiterabteil gelegen habe. Das zeigt wohl, wie furchtlos die Diebe vorgehen.
Keine Security standardmäßig im Zug
Anders als viele Reisende vermuten könnten, fährt nicht auf jeder Verbindung Sicherheitspersonal mit. Kommt es also zum Notfall, werden Beamte benachrichtigt. Diese steigen dann bei einer nächsten Station auf der Strecke zu. Dass Sicherheitsfachkräfte von vornherein mitfahren, ist nach Aussage der beiden DB-Mitarbeiter in der Regel höchstens auf Nachtverbindungen der Fall oder auf bestimmten Strecken, die für Probleme bekannt seien. „Meistens sind zufällig Polizeibeamte an Bord“, verrät die Bordstewardess aus dem Alltag.
Doch angesichts der zunehmenden Gewalt gegen DB-Mitarbeiter sollten Angestellte besser nicht auf einen Zufall angewiesen sein. Wie TRAVELBOOK kürzlich berichtete, nehmen Attacken gegen Beschäftigte der Deutschen Bahn zu. Dabei bleibt es nicht immer bei verbalen Anfeindungen. Im Rahmen eines Pilotprojekts werden Mitarbeiter im Kundenkontakt auf Wunsch mit Bodycams ausgestattet.
Unsere Informantin wurde ebenfalls schon wiederholt angeschrien und bepöbelt, berichtet sie; körperliche Angriffe oder Drohungen habe sie bislang jedoch nicht erlebt. Bodycams lehne sie trotzdem ab. „Ich möchte nicht in Angst leben“, sagt sie. Schließlich arbeite sie in der Gastronomie, nicht im Sicherheitsdienst.
Der wichtigste Rat der beiden an Reisende ist einfach: Wertgegenstände nie unbeaufsichtigt lassen. Laptop, Handtasche oder Portemonnaie sollten auch für einen kurzen Gang zur Toilette mitgenommen werden. Denn wer glaubt, im ICE passiere schon nichts, könnte sich täuschen.