20. Mai 2026, 17:02 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Günstig, digital, unkompliziert: Vieles spricht auf den ersten Blick für Zugreisen mit Flixtrain. Auch TRAVELBOOK-Autorin Laura Pomer war dem speziellen Charme des kleinen Deutsche-Bahn-Mitbewerbers zeitweise erlegen und bereit, kleinere – und, man muss es sagen, beinahe obligatorische – Komplikationen im Reiseverlauf zu akzeptieren. Doch zwischen „nicht perfekt“ und „massiv unzuverlässig“ liegt eine ziemlich große Spanne, wie sich mit der Zeit zeigte. Bei TRAVELBOOK erklärt sie, warum sie nie wieder mit Flixtrain reisen würde – beziehungsweise es nicht einmal mehr versucht. Immerhin zeigen die Erfahrungen zahlreicher Fahrgäste, dass eine gebuchte Verbindung bei dem Anbieter nicht zwangsläufig bedeutet, dass der Zug am Ende auch tatsächlich fährt.
Auch kurzfristig gebuchte Fahrten mit Flixtrain sind meist günstiger als bei der Deutschen Bahn – wobei sich die Preise zuletzt (zumindest auf der Strecke zwischen Berlin und Frankfurt) angenähert haben. Positiv ist zudem, dass sich Fahrten unkompliziert digital umbuchen oder stornieren lassen, oft noch bis 15 Minuten vor Abfahrt. Auch das Konzept wirkte lange überzeugend: wenige Züge, dafür möglichst voll besetzt und damit vergleichsweise effizient. Dazu kam eine fast familiäre Stimmung, die Reisen mit FlixTrain manchmal eher wie eine Klassenfahrt wirken ließ als wie klassischen Fernverkehr.
Dies waren einst meine Argumente dafür, den Anbieter eine Zeit lang trotz einiger Schwächen gegenüber der Deutschen Bahn vorzuziehen. Näheres dazu erklärte ich in diesem persönlichen Artikel. Heute muss ich diese Einschätzung allerdings zurücknehmen.
Warum ich keine Zugreisen mehr mit Flixtrain buchen werde
Als regelmäßige Zugreisende habe ich die Abläufe beider Unternehmen im Blick. Denn auch Flixtrain-Verbindungen lassen sich in der Reiseauskunft der Deutschen Bahn einsehen, wenn auch nicht direkt dort buchen. Viele würden davon wohl ohnehin eher Abstand nehmen: Zu oft wirken die Verbindungen unzuverlässig, Verspätungen sind häufig, Ausfälle keine Seltenheit. „Fahrt entfällt“, und das nicht selten sehr kurzfristig.
Ein Fahrgast berichtete Anfang 2026 bei der Nutzerplattform Reddit, dass sein Flixtrain von Frankfurt nach Berlin nur vier Minuten vor Abfahrt gestrichen wurde. Diese Information kam per SMS und Mail – die Reisenden standen natürlich bereits am Gleis.
Kurzfristige Ausfälle und chaotische Kommunikation
Ein Ausfall ist natürlich ärgerlich, doch immerhin gibt es einen kleinen Lichtblick: Betroffene können sich den Fahrpreis erstatten lassen, ebenso bei Verspätungen ab 60 Minuten. Alternativ besteht die Möglichkeit, eine Ersatzbeförderung zum Zielort zu organisieren, auch mit der Deutschen Bahn. Das entspricht faktisch einem Flexticket, das am Reisetag oft deutlich teurer ist. Die Kosten dafür übernimmt Flixtrain in der Regel. Diese Kulanz ist dem Unternehmen durchaus zugutezuhalten.
Doch dann kann es mitunter sein, dass es den Aufwand nicht gebraucht hätte. Denn es kommt vor, dass Flixtrain-Ausfälle zunächst angekündigt werden, der vermeintlich unpässliche Zug dann aber doch noch einfährt. Von entsprechenden Erfahrungen berichten ebenfalls Nutzer auf Reddit.
Flixtrain lehrt die Kunst des Wartens
„Neulich habe ich nach langer Zeit mal wieder aus der Not (DB-Verbindungen waren noch teurer) spontan eine durchaus hochpreisige Verbindung mit Flixtrain gebucht, nur etwa eine Stunde vor der geplanten Abfahrt. Am Bahnhof angekommen, wurde zunächst eine Verspätung von 20 Minuten angezeigt. Ärgerlich, aber verkraftbar.
Am Gleis kamen dann jedoch immer weitere Minuten hinzu. Natürlich erst, nachdem die ursprünglich angekündigte Abfahrtszeit längst verstrichen war. Und plötzlich fielen mir alte Flixtrain-Erfahrungen wieder ein: warten, nicht wegkönnen, keine Informationen haben und niemanden fragen können. Verfügbares Servicepersonal am Berliner Hauptbahnhof betont, nicht für Flixtrain zuständig zu sein, manchmal ein wenig genervt von den Fragen gestrandeter Fahrgäste, was man wohl auch nachvollziehen kann.
Eine Freundin erzählte mir einmal von eineinhalb Stunden Wartezeit am Gleis, ohne jede Durchsage. Irgendwann fuhr irgendein Zug ein. Die wenigen verbliebenen Wartenden stiegen mit mulmigem Gefühl ein – immerhin war es am Ende tatsächlich der richtige.
In meinem Fall war nach über 60 Minuten Schluss. Ich verließ den Bahnsteig und stieg in einen Zug der Deutschen Bahn, zahlte über die App stolze 192 Euro. Die Rechnung ging natürlich an Flixtrain.“
Notgedrungenes Zusammenrücken am Bahnsteig
Was ich einst als familiäre Stimmung unter den Fahrgästen beschrieben habe – beziehungsweise unter den Wartenden, die es gern wären –, ist, wie meine Erfahrungen eindrücklich zeigen, in Wahrheit weniger Ausdruck entspannten Reisens als vielmehr eine Notgemeinschaft am Bahnsteig; oder auch mit etwas „Glück“ im Zug. Gerade wenn Züge ausfallen oder Informationen fehlen, wird aus der vermeintlichen Leichtigkeit des Konzepts schnell ein gemeinsames Ausharren. Man rückt zwangsläufig zusammen, schon allein durch die enge Situation am Gleis.
Was es wirklich bedeutet, wenn bei der DB die „Zugbindung aufgehoben“ ist
So war meine erste Fahrt im Flixtrain
Das Hauptproblem: Die Unsicherheit wird normalisiert
Flixtrain verpatzt es und steht am Ende zumindest finanziell dafür gerade, etwa durch Erstattungen oder alternative Ticketregelungen. Trotzdem entsteht zunehmend der Eindruck, dass Verspätungen und Ausfälle keine Ausnahme sind, sondern fast schon Teil des Systems. Auch Flixtrain nutzt das überlastete Schienennetz der Deutschen Bahn und ist damit ebenso von Baustellen, Streckensperrungen oder technischen Problemen betroffen. Anders als die DB verfügt das Unternehmen aber über deutlich weniger Reserven, Fahrzeuge und Personal, um solche Situationen aufzufangen. Für Fahrgäste macht das einen spürbaren Unterschied.
„Schreiben Sie doch auch mal über das Chaos, wenn ein Flixtrain gecancelt wird“, schrieb mir kürzlich ein echauffierter Leser als Reaktion auf einen kritischen TRAVELBOOK-Artikel über das offene System der DB, das mitunter dazu führen kann, dass spontane Mitreisende aus überfüllten Zügen verwiesen wurden. „Dann ist nämlich die Bahn die Alternative, weil Flixtrain so selten fährt und keine Ersatzzüge stellt.“ Als staatlich geprägtes Unternehmen habe die DB andere Verpflichtungen als private Anbieter.
Im Nachhinein möchte ich dem Leser zustimmen. Die damalige Kritik an der Deutschen Bahn würde ich heute etwas anders formulieren. Denn vor allem zuletzt habe ich es immer wieder sehr bewusst mitbekommen, dass die DB dann einspringen musste, wenn Flixtrain-Verbindungen ausfielen und Passagiere irgendwie doch noch ans Ziel gebracht werden mussten.
Wie soll man Flixtrain ernst nehmen?
Geradezu absurd wirkt zusammenfassend der Anspruch, mit dem Flixtrain erst kürzlich auftrat. Das Unternehmen kündigte offiziell milliardenschwere Investitionen, neue Hochgeschwindigkeitszüge und eine ernsthafte Konkurrenz zum ICE an. Öffentlich positioniert es sich als moderne Alternative zur Deutschen Bahn – günstiger, digitaler, effizienter.
Doch im Reisealltag fällt es zunehmend schwer, Flixtrain überhaupt als verlässlichen Fernverkehrsanbieter ernst zu nehmen. Denn wer schon regelmäßig daran scheitert, seine wenigen täglichen Verbindungen stabil fahren zu lassen, wirkt kaum wie ein Unternehmen, das kurz davor steht, die Deutsche Bahn ernsthaft herauszufordern.
TRAVELBOOK hat bei Flixtrain nachgefragt, ob dem Unternehmen die Problematik bekannt ist und welche Maßnahmen zur Verbesserung der Betriebsstabilität geplant sind. Eine Antwort steht bislang aus.