Im vollen Zug

Kann ich Senioren von meinem reservierten ICE-Sitz vertreiben?

Mann im ICE
Wer sich einen kostenpflichtigen Platz im Zug reserviert, will diesen auch nutzen. Doch was tun, wenn dort dann jemand sitzt, der den Platz ganz offensichtlich benötigt?
Foto: dpa picture alliance

Ist der Zug voll, freut man sich über den reservierten Sitzplatz. Doch was ist, wenn dort bereits ein viel älterer, gebrechlich wirkender Mensch sitzt? Wie verhält man sich nun korrekt, ohne in einen Fettnapf zu treten? Und welche Möglichkeiten bietet die Bahn an?

Es gibt Fragen, die man sich kaum zu stellen traut, weil sie, nun ja, moralisch verwerflich sein könnten. Zu solchen gehört auch folgende: Darf man einen viel älteren, gebrechlich wirkenden Menschen in einem vollen Zug vom Sitz vertreiben, wenn man für diesen Platz eine Reservierung hat. Rechtlich ist die Situation klar: Anspruch auf den Platz hat derjenige mit der Reservierung. Aber da ist natürlich noch die Frage der Höflichkeit. Sie lautet nicht: Kann ich den Platz einfordern? Sondern:

Manchmal kann man sich gut für eine kurze Fahrt in den Flur stellen. Eventuell findet sich auch ein anderer Sitz, oder man will eh erst mal in das Restaurant gehen.

Aber manchmal will man arbeiten, schlafen oder es sich einfach für die langen Stunden Fahrtzeit an einem Ort gemütlich machen – also den reservierten Platz gerne einnehmen. Zumal es ja auch sein kann, dass in einem überfüllten Zug der Zugführer Reisende ohne Sitzplatz auffordern muss, auszusteigen und den Folgezug zu nehmen.

Auch interessant: Warum bekomme ich bei der Bahn weniger Entschädigung als bei Flügen?

Was Sie für die Person auf Ihrem Sitz machen können

Wenn einen nun das schlechte Gewissen drückt, einen Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit vom reservierten Sitzplatz wegzubitten, gibt es noch Optionen für den betroffenen Mitreisenden. Für bestimmte Zielgruppen gibt es reservierte Plätze im Zug, etwa für Menschen mit schwerer Behinderung. Darauf weist die Bahn hin. Im Regionalverkehr gibt es vielfach auch Piktogramme an Sitzen, die darauf hinweisen, dass Schwangere diese in Anspruch nehmen können.

Der Bahnsprecher rät: Man könne auch mit dem Zugbegleiter Kontakt aufnehmen. Der habe unter Umständen noch die Möglichkeit, solche Reisenden in der vielleicht nicht so überfüllten ersten Klasse unterzubringen. „Das ist immer eine Vor-Ort-Entscheidung, es gibt keinen Rechtsanspruch darauf“, betont der Sprecher.

9 Tricks, wie man im Zug garantiert einen Sitzplatz findet

Wichtig: Seien Sie höflich!

Freiherr Knigge hält es für wichtig, dass man den Mitreisenden freundlich anspricht. „Wenn jemand nur sagt ‘Stehen Sie auf, das ist mein Platz!‘, dann ist das schon sehr besitzergreifend und aggressiv.“ Stattdessen könne man die Situation auch mit einer höflicheren Anrede angehen – und damit vielleicht sogar eine Überraschung erleben. „So eine Anrede produziert eine positive Stimmung. Mir ist es dann schon passiert, dass mein sitzender Nachbarn einem Stehplatzinhaber seinen Platz anbot, da er eh gleich den Zug verlassen musste“, erzählt Knigge.

Würde man aber aggressiv den Mitreisenden auf dem reservierten Sitzplatz dazu auffordern, diesen zu räumen, erzeugt das insgesamt eine schlechte Stimmung. „Und dann bietet sich auch keiner aus dem Umfeld an, zu helfen“, vermutet Knigge. „Die Menschen mögen nun mal eine angenehme Stimmung lieber als eine unangenehme. Und sie mögen es nicht, wenn jemand ständig meckert.“

Auch interessant: So lustig reagieren Bahn-Mitarbeiter auf technische Pannen  

Bahn erstattet Geld für Reservierung nicht

Er hat aber auch Verständnis dafür, dass Menschen schon mal auf ihr Anrecht pochen. „Ich nehme mich da selbst gar nicht aus“, sagt der Bahn-Vielfahrer Knigge. Manchmal verhalte man sich dabei auch etwas ungeschickt und wirke womöglich unbeabsichtigt aggressiv. „Die Basis für höflichen Umgang ist Gelassenheit. Man sollte reflektieren: Ist man gerade latent gestresst? Wie gehe ich damit um?“, rät Knigge.

Wenn man freiwillig auf die Reservierung verzichtet und sich aus Rücksicht auf den älteren Reisenden einen anderen Platz sucht, ins Restaurant geht oder gar steht, kann man laut Bahnportal das Geld für die Reservierung nicht zurückverlangen.