2. Dezember 2025, 17:15 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Avignon ist eine Stadt, die ihre Narben voller Stolz trägt. TRAVELBOOK-Autor Frank Lehmann hat sie besucht und verrät, warum die raue Schwester von Aix-en-Provence die besseren Geschichten erzählt.
Südfrankreich ist zu jeder Jahreszeit ein wunderbares Ziel. Hier glänzen zwei Orte als Stars der Provence: Avignon und Aix-en-Provence. Aix strahlt mit eleganter Belle-Époque-Architektur, schicken Boutiquen und dem Ruf als kulturelles Zentrum der Region. Avignon hingegen wirkt wie die wilde, ungeschliffene Schwester: weniger glatt, aber umso authentischer. Avignon zeigt stolz seine Narben der Geschichte – die alten Steine der Stadtmauer, die halbzerstörte Brücke, die engen Gassen, in denen das Mittelalter greifbar wird.
Lassen wir also das schöne Aix links liegen, die Stadt ist sowieso mit Kunstliebhabern überfüllt. Ab geht es nach Avignon, der rauen Stadt am Ufer der Rhône.
Blick über den Fluss vom Fort Saint-André
Es empfiehlt sich, nicht in der Altstadt zu starten, sondern auf der anderen Seite der Rhône, im vergessenen Vorort Villeneuve-lès-Avignon: Hier thront das Fort Saint-André, ein mächtiges Bauwerk aus dem 14. Jahrhundert, das wie ein stummer Wächter über die Stadt und den Fluss blickt.
Von seinen Mauern aus öffnet sich ein Panorama, das einen sofort gefangen nimmt: Die Altstadt Avignons mit ihren mittelalterlichen Türmen, den verwinkelten Gassen und dem mächtigen Papstpalast liegt einem zu Füßen. Der Wind trägt den Duft von Lavendel und wildem Thymian herüber, während die Sonne die steinernen Fassaden der Festung in warmes Gold taucht. Ja, in Villeneuve spürt man die Seele der Region abseits der Touristenströme.
Die berühmte Brücke aus dem Kinderlied
Wir wechseln auf das andere Ufer der Rhône. Hier steht die Brücke Pont Saint-Bénézet. Sie ist mehr als nur ein Lied. Sie ist berühmt, besser bekannt als die „Brücke von Avignon“. Dank des Kinderlieds kennt sie jeder, und tatsächlich ist sie ein Symbol der Stadt. Doch die Realität ist etwas weniger romantisch: Nur vier der ursprünglich 22 Bögen stehen noch, der Rest wurde von den Fluten der Rhône weggespült. Trotzdem lohnt sich ein Besuch – nicht nur wegen des Liedes, sondern wegen des magischen Blicks auf den Fluss und die Stadt.
Wer mag, kann auch das kleine Museum auf der Brücke besuchen, das ihre bewegte Geschichte erzählt. Abends, wenn die Lichter der Altstadt sich im Wasser spiegeln, wird klar: Hier wurde Geschichte geschrieben, und das seit dem Jahr 1177.
In die Vergangenheit zurückversetzt
Zurück in Avignon betritt man durch ein gewaltiges Tor den Papstpalast, das größte gotische Bauwerk Europas. Spannend wird der Besuch mit dem Tablet, das man am Eingang erhält. Mittels Augmented Reality erwachen die leeren Gemächer plötzlich zum Leben. Man sieht die Päpste durch die Gänge schreiten, hört das Flüstern der Diplomaten und spürt die Macht, die hier einst konzentriert war. Man taucht tief in das Mittelalter ein und wird schnell Teil einer Zeitreise. Am besten, man bucht gleich ein Dreier-Ticket für die Brücke, den Papstpalast und die Päpstlichen Gärten. Geld gespart!
Wer anschließend in der Altstadt durch die Rue de la République schlendert, kommt am Hôtel de Ville vorbei, einem prächtigen Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, das mit seiner neoklassizistischen Fassade beeindruckt. Gleich daneben liegt die Opéra Grand, ein Juwel der Belle Époque. Wer Glück hat, kann hier eine Aufführung besuchen und die opulente Innenausstattung bewundern. Selbst wenn keine Vorstellung stattfindet, lohnt sich ein Blick von außen – besonders abends, wenn die Fassade beleuchtet ist, denn hier begegnen sich Eleganz und Kultur.
Buntes Treiben und Orte für Ruhesuchende
Wer nach so viel Architektur und Geschichte eine Pause braucht, findet sie an der Place de l’Horloge, dem pulsierenden Zentrum Avignons. Unter den schattigen Platanen sitzt man in einem der vielen Cafés und beobachtet das bunte Treiben: Straßenkünstler, Marktstände mit regionalen Köstlichkeiten und das lebhafte Gespräch der Einheimischen. Wir haben hier die Crêpes im Le Cid Café genossen. Lecker, bezahlbar und ein schneller, freundlicher Service.
Gibt es noch unentdeckte Ecken? Ja, denn auch jenseits der Touristenpfade hat Avignon mehr zu bieten als die großen Sehenswürdigkeiten. Wer sich in die Rue des Teinturiers verirrt, findet eine der malerischsten Gassen der Stadt: Ein kleiner Bach plätschert zwischen den alten Häusern, an denen einst Tuchfärber ihre Waren trockneten. Heute reihen sich hier kleine Galerien, Antiquariate und gemütliche Weinbars aneinander – perfekt für einen entspannten Nachmittag.
Ein weiteres Juwel ist die Île de la Barthelasse, eine grüne Insel in der Rhône, die man mit einer kleinen Fähre oder über die Pont Édouard Daladier erreicht. Hier gibt es keine Touristen, nur Radwege, Picknickplätze und den Blick auf die Skyline Avignons. Ideal, um mit einem Glas Rosé aus der Region das Stadtpanorama zu genießen.
Beeindruckende Stadtmauer
Wer durch die Altstadt spaziert, begegnet immer wieder der mächtigen Stadtmauer. Sie ist ein steinernes Zeitzeugnis, das nie zerstört wurde. Avignons mittelalterliche Stadtmauer ist eines der besterhaltenen Befestigungssysteme Frankreichs. Erbaut schon im 14. Jahrhundert unter Papst Innozenz VI., umhüllt sie die Altstadt wie ein schützender Mantel. Besonders beeindruckend sind die massiven Wehrtürme.
Die Ringmauern um die Altstadt gehören zum UNESCO-Welterbe, hier findet man heute die schönsten Spazierwege der Stadt. Von den hohen Mauern aus hat man nicht nur einen fantastischen Blick auf die Rhône und die umliegende Landschaft, sondern spürt auch die Authentizität einer Stadt, die sich ihren mittelalterlichen Charakter bewahrt hat. Während andere Städte ihre Mauern opferten, um zu wachsen, blieb Avignons Befestigung fast unversehrt – ein echter Glücksfall für Geschichtsliebhaber!
Die Altstadt ist übrigens ein Paradies für Fußgänger. Avignon hat in den letzten Jahren gezielt Verkehrsberuhigungsmaßnahmen umgesetzt, um die Innenstadt autofreier und lebenswerter zu gestalten. Rund um den Palais des Papes ist alles weitgehend für den Autoverkehr gesperrt, was den historischen Charme der Stadt bewahrt. Die Stadt setzt auf nachhaltige Mobilität, etwa durch den Ausbau von Radwegen und die Förderung des öffentlichen Nahverkehrs, um den Individualverkehr weiter einzudämmen und die Lebensqualität zu steigern.
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Kunst und Kulinarik
Wer aber nicht nur in der Historie wandeln will, dem sei die Sammlung Lambert empfohlen, das Museum für zeitgenössische Kunst. Yvon Lambert hatte der Stadt ein außergewöhnliches Ensemble bedeutender Werke aus der zweiten Hälfte des 20. und dem frühen 21. Jahrhundert geschenkt. Die Collection Lambert präsentiert dort ehrgeizige Ausstellungen von nationalem Rang.
Nach den vielen Erkundungen kehren wir ein im Grand Cafe Barretta auf der Place Saint Didier. Moderne Cuisine trifft sich mit bezahlbarer Bodenständigkeit. Abends wird es voll – es empfiehlt sich, zu reservieren.
Vorfreude auf das Festival d’Avignon
Wenn Avignon in einen charmanten Winterschlaf fällt, so weiß man, dieser dauert nicht lange und im Sommer kommt wieder das berühmte Festival d’Avignon. Es ist eines der weltweit größten Theater-Festivals, das nicht nur den großen Innenhof des Papstpalastes und die Theater der Stadt bespielt, sondern auch Tanz, Zirkus, Musik und Live-Performances in die ganze Altstadt trägt. Das Festival hat einen mächtigen offiziellen Teil, glänzt aber vor allem mit dem „Festival Off“, das im Juli drei Wochen lang über 1500 kleine Shows in die Stadt trägt.
So ist also Avignon eine Stadt, die überrascht! Die Stadt an der Rhône ist mehr als nur eine Station auf der Reise durch die Provence. Es ist eine Stadt, die ihre Geheimnisse langsam preisgibt: in den stillen Winkeln von Villeneuve, auf der berühmten Brücke, im prunkvollen Papstpalast, an den lebendigen Plätzen und in den Gassen, die nach Lavendel und Geschichte riechen. Hier gibt es keine auf Hochglanz polierte Fassade, sondern echtes provenzalisches Leben zwischen Märkten, Theater-Festivals und versteckten Weinbars. Wer bereit ist, hinter die Fassaden zu schauen, wird belohnt – mit einer Stadt, die nicht nur schön, sondern auch unvergesslich ist.
Ist Avignon die vergessene kleine Schwester von Aix en Provence? Nein! Sie ist diejenige, die bunte Geschichten erzählt, während Aix oft nur bewundert wird.

