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Privatisierung der Küstenstreifen

Auf dieser beliebten Karibikinsel gibt es fast keine Strände für Einheimische mehr

Half Moon Resort, Rose Hall, auf Jamaika
Viele Strände auf der Karibikinsel Jamaika sind inzwischen privatisiert. Für die Einheimischen wird das zunehmend zum Problem (im Bild: Half Moon Resort, Rose Hall). Foto: Getty Images
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Anna Wengel
Freie Autorin

13. Januar 2026, 17:46 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Jamaika ist ein traumhaftes Reiseziel in der Karibik und eins, das zusehends mehr Touristen anzieht, die an den malerischen Stränden ihren Urlaub genießen wollen. Doch gerade die Strände Jamaikas polarisieren zusehends, denn der Zugang für die Jamaikaner wird selbst offenbar immer knapper.

Die Debatte ist nicht neu, nimmt angesichts verschiedener Klagen jedoch neue Fahrt auf: An Jamaikas Küsten sind etliche Touristeneinrichtungen entstanden, weitere Resorts, Hotels und Co. sind im Bau – und die beanspruchen die angrenzenden Strände für sich. Die Einheimischen fühlen sich zunehmend von ihren Stränden ausgeschlossen.

Hotels sperren Strände auf Jamaika für Gäste ab

Gerade einmal 0,6 Prozent der rund 1022 Kilometer langen jamaikanischen Küstenlinie seien öffentlich und den Jamaikanern frei zugänglich, schreibt die News-Seite des britischen TV-Senders BBC und beruft sich dabei auf die Organisation Jamaica Beach Birthright Environmental Movement (JaBBEM). Die Organisation prangert die, laut BBC seit rund 70 Jahren voranschreitende, Privatisierung der Strände und den Ausschluss der Jamaikaner aus ihrem natürlichen Lebensraum an. Teils bedeutet das, dass All-inclusive-Resorts, Hotels und Co. die Strände allein für ihre Gäste öffnen und alle anderen mittels Mauern, Zäunen und Co. von diesen aussperren. Teilweise bedeutet das auch, dass sie Eintritt verlangen, damit Nicht-Hotel-Gäste den Strand und seine Einrichtungen nutzen können.

Gerade in den letzten fünf Jahren sei die Zahl an abgeschotteten Resorts und ausländischen Bauprojekten massiv gewachsen, schreibt BBC. Das Geld, das mittels dieser Touristenhochburgen eingenommen werde, verbleibe jedoch zu gerade einmal 40 Prozent im Land. 60 Prozent gehen ins Ausland. Laut BBC sind bis zum Jahr 2030 bereits 10.000 neue Hotelzimmer geplant, viele direkt an der Küste. Das Problem der schon jetzt stark eingeschränkten Nutzung der Strände durch die Jamaikaner dürfte sich entsprechend verstärken.

Wieso kann man den Jamaikanern den Zugang zum Strand verbieten?

Der Grund dafür, dass die Küstenstreifen privatisiert werden und Einheimische von der Nutzung der Strände und des Meeres vor Jamaika ausgeschlossenen werden können, liegt im Beach Control Act aus dem Jahr 1956. Darin steht: „Niemandem stehen Rechte an oder über die Küstenvorlandgebiete dieser Insel oder den Meeresboden zu, außer solchen, die sich aus diesem Gesetz ableiten oder aufgrund dieses Gesetzes erworben oder gewahrt werden“ (Abschnitt 3, Absatz 4). Will sagen, niemand hat Anspruch auf Küste, Strand und Meer, der diese Rechte nicht gekauft oder anderweitig legal erhalten hat. Auch nicht diejenigen, die dort geboren wurden und leben.

Ferner heißt es in Abschnitt 4: Grundstückseigentümer, deren Angehörige und Gäste haben „das Recht, den an ihr Grundstück angrenzenden Teil der Küstenvorlandzone für private häusliche Zwecke zu nutzen, d. h. zum Baden, Angeln und für ähnliche Freizeitaktivitäten sowie als Zugang zum Meer für solche Zwecke“. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass alle anderen dort keinen Zugang zu Strand und Meer haben.

Die Rechtslage scheint auf den ersten Blick klar, die Fairness und Sozialverträglichkeit darin ist ein anderes Thema. Laut dem Vor-Ort-Bericht der BBC werden zunehmend Strände gesperrt, die Jamaikaner ihr Leben lang nutzten. Sei es zum Schwimmen und Entspannen, jedoch auch zum Fischen. Etlichen Einheimischen werden demnach durch die zunehmende Privatisierung Lebensorte und Einkommensmöglichkeiten genommen. „Wenn man die Jamaikaner vom Meer, von traditionellen Fischereipraktiken und ihrer Lebensgrundlage abschneidet, tötet man die Gemeinschaft“, zitiert BBC den JaBBEM-Anwalt Marcus Goffe. Er warnt: „Innerhalb von ein oder zwei Generationen wird es keine Gemeinschaft mehr geben.“

Kampf um Jamaikas Strände

JaBBEM wehrt sich seit seiner Gründung im Jahr 2021 gegen die Entwicklungen an Jamaikas Stränden und setzt sich für einen nachhaltigen Tourismus auf der Karibikinsel ein. Die Organisation fordert, das Strandkontrollgesetz aufzuheben, um den Jamaikanern ihren Lebensraum zu sichern, auf den sie, nach Meinung von JaBBEM, ein Geburtsrecht haben.

Aktuell laufen fünf Gerichtsverfahren, wie auf der Internetseite der Organisation zu lesen ist. Dabei geht es etwa um den bekannten Bob Marley Beach. An diesem kämpfen die Rastafari-Gemeinden laut BBC gegen ein 200-Millionen-Dollar-schweres Luxusresort. An anderer Stelle, dem Providence Beach in Montego Bay, sollen Wasserbungalows der Hotelgruppe Sandals Resorts International entstehen. Inklusive Privatisierung des angrenzenden Strands. Am Little Dunn’s River und der Blue Lagoon wird lokalen Rafting-Anbietern bereits seit August 2022 der Betrieb verboten. Das fünfte Gerichtsverfahren um die Strände von Jamaika gilt dem Mammee Bay Beach. Dieser wurde 2020 von einem ausländischen Investor gekauft und ein Luxusresort errichtet. Inklusive einer Betonmauer, die all diejenigen vom Strand ausschließt, die nicht zum Resort gehören.

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Behörde erkennt Notwendigkeit des Strandzugangs an

Die Nationale Umwelt- und Planungsbehörde Jamaikas, kurz NEPA, die dem jamaikanischen Ministerium für Wirtschaftswachstum und Beschäftigungsförderung untersteht, erklärte in einer Mitteilung aus dem Jahr 2017: „Die Nutzung des Strandes und der Strandanlagen muss ein fester Bestandteil des Lebens der Bürger Jamaikas sein.“

Zugleich relativierte sie das Ausmaß der Ausgrenzung, indem sie erklärte: „Diskussionen über den öffentlichen Zugang zu Stränden konzentrieren sich in der Regel auf das Gefühl der Ausgrenzung von bestimmten Stränden, insbesondere von Stränden, die zu Hotels gehören.“ Die Hotelstrände gelten demnach als „die besseren Strände“, so dass die Meinung vertreten werde, „dass es nicht genügend öffentliche Strände gibt, die als Alternative zur Verfügung stehen“. Tatsächlich habe man gerade seit des In-Kraft-Tretens des Beach Control Acts die meisten öffentlichen Strände geschaffen, schrieb NEPA damals. Viele von ihnen seien jedoch im Laufe der Jahre aufgrund begrenzter finanzieller Mittel vernachlässigt worden. Die Einrichtungen seien verfallen, teils von Hausbesetzern übernommen und andere durch Küstenerosionen zerstört worden. Daher habe man bereits 2014 beschlossen, „eine nominale Eintrittsgebühr für diese Strände zu erheben“. Damit sollten Instandhaltungs- und Entwicklungsmaßnahmen unterstützt werden.

Die Behörde erkannte an, „dass mehr Küsten- und Strandabschnitte der Insel für die Öffentlichkeit zugänglich und zur Nutzung und Erholung verfügbar sein müssen.“ Neben dieser Anerkennung versprach sie, dass künftig an einer Richtlinie gearbeitet werde, bei der das Strandkontrollgesetz geändert werden sollte, um „der Öffentlichkeit das Recht zu gewähren, sich entlang der Küste zu bewegen und im Meer zu baden“, „jedoch vorbehaltlich der Rechte von Lizenzinhabern und privaten Grundstückseigentümern.“

TRAVELBOOK wollte genauer wissen, was das für die Einheimischen bedeutet, wie NEPA die Lage für Jamaikaner einschätzt, was die Regierung für mehr öffentlichen Zugang zu den Stränden tut, und wie die Zukunft der Strände auf Jamaika aussehen soll. Eine entsprechende Anfrage seitens TRAVELBOOK an NEPA blieb bis zum Redaktionsschluss unbeantwortet.

Was können Jamaika-Touristen tun?

Ob die Klagen Erfolg haben und wie es mit den Stränden und Rechten der Einheimischen daran weitergeht, wird sich zeigen. Doch bereits jetzt können Touristen, die nach Jamaika reisen, natürlich einiges tun, um die Einheimischen zu unterstützen. In erster Linie ist das die direkte Unterstützung vor Ort. Etwa, in dem man in die lokale Infrastruktur und in nachhaltigen Tourismus investiert. Das bedeutet Übernachten in inhabergeführten Unterkünften, wie etwa kleinen Pensionen und Hotels von Jamaikanern. Das bedeutet Essen in lokal betriebenen Restaurants sowie Einkäufe auf Märkten und in Geschäften der Einheimischen. Bei Aktivitäten bedeutet das auch, auf lokale Unternehmen zu setzen, die Umweltschutz und Nachhaltigkeit im Blick haben. Kurzum, es bedeutet, das Jamaika der Jamaikaner zu besuchen und sein Geld dort zu lassen, wo es direkt bei den Bewohnern ankommt.

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