10. November 2025, 21:33 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Naturkatastrophen wie Super-Taifun „Fung-Wong“ und Hurrikan „Melissa“ zerstören ganze Regionen, oft auf längere Zeit. Einwohner stehen mitunter vor dem Nichts. Angesichts der Not, die Natur- und andere Katastrophen für die Bewohner zerstörter Orte mit sich bringen, stellen sich so manche Reisende die Frage, ab wann es vertretbar ist, (vormalige) Katastrophengebiete wieder zu besuchen. TRAVELBOOK hat mit Prof. Dr. Dirk Reiser von der Hochschule Rhein-Waal gesprochen, und versucht eine Einschätzung.
Teile der Philippinen kämpfen aktuell mit Überschwemmungen, ausgelöst durch den Super-Taifun „Fung-Wong“. Es ist absehbar, dass die Bewohner viele Wochen und Monate, vielleicht sogar Jahre mit den Folgen der Wind- und Wassermassen zu tun haben werden. Erst vor rund zwei Wochen rauschte Hurrikan „Melissa“ über Jamaika, die Schäden liegen in Milliardenhöhe. Naturkatastrophen wie diese beschäftigen die Welt regelmäßig, angesichts der zunehmenden Klimakrise mehr und mehr. Entsprechend müssen sich auch Reisende darauf einstellen, dass ihre Urlaube von Naturkatastrophen betroffen sein können. Viele stellen sich entsprechend die Frage, ab wann Urlaub an einem Ort, der von einer Katastrophe heimgesucht wurde, wieder möglich ist. Hinzu kommt die Frage, ab wann es überhaupt wieder ethisch vertretbar ist, Urlaub in einem Katastrophengebiet zu machen. Die Antwort ist vielschichtig.
Übersicht
Sicherheit geht vor
Zunächst einmal, bevor es überhaupt an die ethischen Aspekte geht, stellt sich die Frage nach der Sicherheit. Gab es etwa ein Erdbeben, sollten Reisende sichergehen, dass ihre Urlaubsregion sicher genug ist, es also nicht zu Folgebeben kommt. Das Gleiche gilt für Wirbelstürme, Hurrikans und Co., die wie Erdbeben oftmals schwere Verwüstungen, Überschwemmungen und Erdrutsche nach sich ziehen. Dauert die Naturkatastrophe an beziehungsweise sind ihre Folgen massiv, kann man mitunter gar nicht hinfahren – und sollte es auch nicht. Das Gleiche gilt für Kriege – auch wenn diverse Reiseanbieter, die zum Beispiel Touren durch zerstörte Gebiete in der Ukraine anbieten (TRAVELBOOK berichtete), dem sicher widersprechen würden. Wir von TRAVELBOOK stehen jedoch klar hinter diesem Standpunkt: Sicherheit geht vor.
Neben den offensichtlichen Risiken, gibt es weitere Sicherheitsaspekte, die bedacht werden wollen, wie zum Beispiel eine nach der Katastrophe ansteigende Gewaltkriminalität. So ist zum Beispiel in den Reisehinweisen des Auswärtigen Amts für Jamaika zur Zeit zu lesen: „Von nicht notwendigen Reisen nach Jamaika wird abgeraten. Die Gefahr von Überfällen bei Überlandfahrten in den Katastrophengebieten ist derzeit besonders hoch. Dies trifft insbesondere auf alleinreisende Frauen zu.“ Wer sich unsicher ist, findet beim Auswärtigen Amt in der Regel eine erste Einschätzung.
Eine realistische Vorstellung der Lage vor Ort, kann bei der Entscheidung, ob man einen Urlaub trotz Katastrophenlage antritt, ebenfalls helfen. So erklärt etwa Prof. Dr. Dirk Reiser von der Hochschule Rhein-Waal im Gespräch mit TRAVELBOOK: „Es ist wichtig, sich genau anzuschauen, was genau wo passiert ist und welche Teile überhaupt wie betroffen sind“. So sei mitunter nur ein Teil eines Landes betroffen, andernorts gehe das Leben wie gewohnt weiter. Aber: „Ist die Infrastruktur komplett zerstört, kann man natürlich nicht herumreisen.“
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Eine persönliche Entscheidung
Nun zur Frage, ab wann es von einem ethischen Standpunkt aus vertretbar ist, in ein Katastrophengebiet zu reisen. Hier gibt es verschiedene Aspekte, die bedacht werden sollten. Das erklärt auch Prof. Dr. Reiser, der sich in seiner Arbeit schwerpunktmäßig mit nachhaltigem Tourismusmanagement beschäftigt. Für ihn ist die Entscheidung des Wann eine persönliche, die jeder für sich treffen muss. Er erklärt: „Es gibt Leute, die sind da ganz brutal. Die sagen, ich habe meinen Urlaub gebucht, also fahre ich auch.“ Andere entschieden sich dagegen, mitunter aus Angst um ihre Sicherheit, teils jedoch auch, weil sie das Ausmaß der Zerstörung und des Leids gar nicht sehen wollen. „Jeder muss selbst entscheiden, womit er sich wohlfühlt“, sagt Reiser.
Er selbst sei vor einigen Jahren nach einem Erdbeben in Marokko mit einer kleinen Studentengruppe in das Land gereist, erzählt er im Gespräch mit TRAVELBOOK. Im Vorhinein hätten er und seine Mitreisenden sich jedoch gut über die Lage vor Ort informiert. Dazu gehörten neben der Gefahrenlage auch die Frage, wie man den Leuten vor Ort am besten helfen könne, zum Beispiel durch Kleiderspenden. Reiser erzählt: „Der Reiseanbieter hat sogar gesagt, Touristen sollten gerade jetzt kommen, weil sie die Einnahmen vor Ort bräuchten.“
Einheimische finanziell unterstützen
Geld ist bei der Frage, ob man in ein Gebiet reist, das vor einer Katastrophe heimgesucht wurde, einer der wichtigen Faktoren. Denn: Tourismus ist für viele Regionen eine wichtige Einnahmequelle. Gerade nachdem etwa ein Hurrikan, Taifun, Erdbeben oder Ähnliches eine Region zerstört hat, braucht es Geld, um die Orte wieder aufzubauen. Zum einen geht es dabei um die Infrastruktur, wie Strom, Straßen und Co. Zum anderen geht es um die verschiedenen Zuhause der Menschen vor Ort, wurden etwa Häuser abgedeckt oder auch gänzlich zerstört. Und nicht zuletzt geht es auch um die Einnahmequellen der Einwohner.
Allerdings kommt das Geld der Touristen nicht immer unbedingt dort an, wo es am meisten gebraucht wird. Reisende können an dieser Stelle helfen, indem sie etwa in familiengeführten Pensionen, kleinen Hotels und Co. übernachten sowie in lokalen Restaurants von Einheimischen essen. Sie können also gezielt ihr Geld bei den Bewohnern vor Ort ausgeben, statt es etwa in große Ketten zu investieren.
Keinen Katastrophen-Tourismus betreiben
Ein anderer Aspekt ist der Katastrophen-Tourismus. Teilweise werden Touren durch zerstörte Gebiete angeboten, bei denen man sich die Auswirkungen direkt anschauen kann. Man fährt vorbei an zerstörten Existenzen und kann mitunter zusehen, wie vielleicht jemand unter Tränen versucht, noch letzte Habseligkeiten aus seinem Haus zu retten. Geht es um derartigen Katastrophen-Tourismus, ist die Frage angebracht: Würden Sie selbst wollen, dass ein Bus voller gut genährter Touristen an Ihnen vorbeifährt, während Sie gerade damit kämpfen, dass Sie alles und vielleicht sogar alle verloren haben? Die dann vermutlich sogar noch ihre diversen Smartphones zücken und tausende Fotos machen, sodass nicht nur Ihr zerstörtes Haus, sondern vielleicht auch noch Ihr tränenüberströmtes Gesicht in den diversen sozialen Medien sichtbar werden? Vermutlich wollen das die wenigsten.
Reiser erklärt: „Man sollte das nach ethischen Aspekten betrachten. Ob man da nun als Voyeurist hinfährt, kann man ja selbst entscheiden.“ Es gebe entsprechende „Disaster-Touristen“, die aus voyeuristischen Gründen an solche Orte fahren würden, oder beim Dark Tourism auch jene, die extra an Orte reisten, „weil da viele Menschen gestorben sind.“ Andere reisten jedoch auch an ebendiese zerstörten Orte, um als Freiwillige zu helfen.
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Helfer vor Ort werden
Wurde ein Ort von einer Katastrophe heimgesucht, gibt es oftmals vieles, das wieder aufgebaut werden muss. Entsprechend braucht man viele helfende Hände. Hinzu kommt die direkte Hilfe im Anschluss, etwa um die Verpflegung der Bevölkerung sicherzustellen oder auch Notunterkünfte wie Zelte aufzubauen. Statt einen „normalen“ Urlaub zu buchen, könnten Touristen sich dazu entscheiden, gezielt in ein Katastrophengebiet zu reisen und dort mit anzupacken.
Wer gern direkt vor Ort helfen möchte, sollte jedoch davon absehen, auf eigene Faust in Krisengebiete zu reisen, steht man mitunter schlicht im Weg und behindert die Arbeit vor Ort durch eventuellen Übereifer. Verschiedene seriöse Organisationen ebenso wie Kirchen und lokale Einrichtungen organisieren Freiwilligeneinsätze und können einschätzen, was und wer wo gebraucht wird.
Wann kann man wieder in ein Katastrophengebiet fahren? Ein Fazit
Es geht bei der Frage, ab wann man ein Katastrophengebiet wieder besuchen kann, also nicht allzu sehr um die genaue zeitliche Einschätzung, sondern vielmehr um den respektvollen Umgang mit den Betroffenen. Wer unbedingt eine zeitliche Einschätzung haben möchte, dem kann vielleicht dieser Ansatz helfen: Wer aktiv beim Wiederaufbau helfen will, kann kurz nach der Katastrophe anreisen, solange die Hilfe gut organisiert ist. Wer Urlaub machen, dabei aber nachhaltigen Tourismus praktizieren, also etwa in lokale Unternehmen investieren möchte, kann anreisen, wenn das Land wieder für Tourismus geöffnet ist. Er oder sie sollte dann aber unbedingt respektvoll und umsichtig mit den Betroffenen umgehen. Wem das alles egal ist und wer bloß in einem All-inclusive-Hotel entspannen will, sollte überlegen, ob ein anderes Reiseziel vielleicht gerade die bessere Option sein könnte. Für Reiser steht fest: „Wann man in ein Katastrophengebiet reist, ist eine individuelle Entscheidung.“