Urlaub an morbiden Orten

Was sich hinter dem neuen Trend „Dark Tourism“ verbirgt

Bei dem Massenmord der Roten Khmer an der eigenen Bevölkerung in Kambodscha wurden über 2 Millionen Menschen umgebracht. Über 100.000 starben auf den „Killing Fields“, wo man noch heute Schädel der Opfer anschauen kann
Bei dem Massenmord der Roten Khmer an der eigenen Bevölkerung in Kambodscha wurden über 2 Millionen Menschen umgebracht. Über 100.000 starben auf den „Killing Fields“, wo man noch heute Schädel der Opfer anschauen kann
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Was machen Sie im Urlaub? Fahren Sie an den Strand oder doch eher an Kriegsschauplätze? Schauen Sie sich Kunstausstellungen oder Massengräber an? Liegen Sie am Pool oder wohnen Sie einer Teufelsaustreibung bei? Was sich zynisch anhört, ist längst Realität und nennt sich „Dark Tourism“, also düsterer Tourismus, und ist ein globaler Reisetrend. Sogar der Streaming-Dienst Netflix widmet dem Thema nun eine eigene Serie. TRAVELBOOK erklärt, worum es geht, welche Orte besonders häufig besucht werden – und wo selbst Hartgesottene Grenzen ziehen.

Verstörend, grausam und abstoßend soll es in dem 200 Jahre alten Gefängnis zugehen. Schilder am Eingang warnen vor den makaberen Dingen, die kommen werden. Dazu gehören unter anderem lebensgroße Nachbildungen schwarzer Kinder mit einem Strick um den Hals neben Statuen vom Ku-Klux-Klan oder ein von Nazis angefertigter Lampenschirm aus menschlicher Haut. Das Littledean-Museum ist zwar wahrlich kein schöner Ort, aber skurrilerweise eine Touristenattraktion – und deswegen musste David Farrier es natürlich sehen, denn er ist der Protagonist in der neuen Netflix-Serie „The Dark Tourist“.

Auf seiner Reise will Farrier seiner eigenen Aussage nach die „Hot-Spots des Dark Tourism“ besuchen. Dark Tourism bezeichnet den Trend vieler Menschen, sich in ihrem Urlaub nicht nur mit Schönem zu befassen, sondern gezielt gruselige und verstörende Orte aufzusuchen. Diese wurden von dem britischen Forscher Dr. Philipp Stone sogar in Kategorien unterteilt: düstere Spaßfabriken, düstere Ausstellungen, düstere Verliese, düstere Ruhestätten, düstere Schreine, düstere Konfliktorte und düstere Orte des Völkermords. Stone ist Autor des Buchs „The Darker Side of Travel: The Theory and Practice of Dark Tourism“ und außerdem der Leiter des Instituts für düstere Tourismusforschung (iDTR).


An dem Institut definiert man „Dark Tourism“ so: „Dark Tourism ist die Besichtigung von Orten, Attraktionen und Ausstellungen, die sich mit Tod, Leid oder dem scheinbar Makaberen befassen. Unter den großen Begriff ‘Dark Tourism‘ fallen somit unter anderem Besuche von ehemaligen Schlachtfeldern, Kriegsgebieten, Gefängnissen, Friedhöfen sowie auch bestimmte Ausstellungen im Museum.“ Doch nicht nur Orte, sondern auch Attraktionen können unter den „Dark Tourism“-Begriff fallen. So werden auch Kriegsschauspiele, die Teilnahme an makaberen Ritualen oder gruselige Spiele dazu gezählt.

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Warum wird man zum „Dark Tourist“?

Doch was motiviert Menschen, in ihrer Freizeit an Orte zu reisen, die zumindest bedrückend, wenn nicht sogar beängstigend sind? Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. John Lennon, Co-Autor von „Dark Tourism“, erklärt das Phänomen in einem Interview mit der britischen Tageszeitung „The Daily Telegraph“ so: „Die Motiviation für solche Besuche ist der Wunsch nach wahrhaftigen oder symbolischen Begegnungen mit dem Tod.“

Sein Kollege Stone sieht den Todestourismus hingegen als Ventil einer Gesellschaft, die den Tod aus ihrem Alltag verbannt hat. Diesen Punkt bestätigt auch der deutsche Tourismus-Forscher Stefan Küblböck. Er hat aber noch eine andere Theorie: Er glaubt, dass die Menschen sich an Stätten des „Dark Tourism“ eher dem Leid anderer Menschen öffnen und sich dadurch selbst wieder menschlicher fühlen würden.

Als die kleine Kirche in Sedlec (Sedletz), einem verträumten Vorort des Touristenmagneten Kutná Hora (Kuttenberg), 1866 in den Besitz der Familie von Schwarzenbergs kam, lagerten sechs riesige Pyramiden aus Menschenknochen in der Kapelle – auf dem Friedhof war für diese kein Platz mehr gewesen. Die neuen Hausherren wollten die Kirche nicht mehr als solche nutzen, aber schön sollte sie sein. Also beauftragten sie den Holzschnitzer Frantièek Rint damit, das Interieur neu zu gestalten – mit dem Material, das er dort vorfand. Rint machte sich an die Arbeit, schmückte den Altar mit Schädeln, bastelte Girlanden aus Knochen, Kruzifixe aus Schenkelknochen, Kerzenhalter aus Totenköpfen – und schuf so die heutige, an Morbidität kaum zu übertreffende „Kapelle der Geister“. Die Top-Sehenswürdigkeiten in Tschechien

Diese kleine Kirche im ungarischen Sedlec (Sedletz) hat ein Interieur aus menschlichen Gebeinen. Ein Holzschnitzer schmückte im 19. Jahrhundert den Altar mit Schädeln, bastelte Girlanden aus Knochen, Kruzifixe aus Schenkelknochen, Kerzenhalter aus Totenköpfen – und schuf so die heutige, an Morbidität kaum zu übertreffende „Kapelle der Geister“.
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Weitere, relativ augenscheinliche Begründungen sind Neugier und Wissensdurst. So sollen Gedenkstätten, zum Beispiel von Genoziden, Kriegsverbrechen und Amokläufen, primär weiterbilden. Besuche in ehemaligen Konzentrationslagern und Gedenkstätten sind sogar für viele Schüler Pflicht, um sich an die Gräueltaten der NS-Zeit zu erinnern. Lennon gibt gegenüber dem „Telegraph“ zu bedenken: „Wären diese Orte nicht für Touristen zugänglich, könnte es zukünftige Generationen darin bestärken, diese schrecklichen Kapitel zu vergessen.“

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Zudem gibt es bei vielen Orten auch einen psychologischen Aspekt: Der Besuch ehemaliger Schreckensorte kann Betroffenen und deren Nachkommen beim Verarbeiten helfen.

Auch Auschwitz wird als Ort des „Dark Tourism“ aufgeführt. Hier geht man aber davon aus, dass die Mehrzahl der Besucher nicht aus Voyeurismus das ehemalige Konzentrationslager besucht.
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Bei anderen Orten aber kann durchaus der Voyeurismus im Vordergrund stehen. Ein Beispiel ist das Londoner Hochhaus Grenfell Tower, in dem bei einem schweren Brand im Juli 2017 72 Menschen starben. Touristen machten immer wieder Fotos von dem Gebäude – sehr zum Unmut der Anwohner und Betroffenen. Die Grenzen zwischen Wissensdurst und morbider Neugier sind scheinbar fließend. Auch David Farriers Reisen können kritisch betrachtet werden.

Spätestens bei Leichen rückt der Voyeurismus in den Vordergrund

In der Japan-Folge geht auch Farrier in den als „Selbstmord-Wald“ bekannten Aokigahara. Der Ort erlangte international Berühmtheit, nachdem der YouTuber Logan Paul hier ein Video gedreht hatte, in dem auch eine Leiche zu sehen war. Das Feedback für Paul war allerdings mehrheitlich negativ: Es folgte ein riesiger Shitstorm, YouTube wandte sich von ihm ab und letztendlich löschte Paul das Video und entschuldigte sich mit den Worten: „Ich bin auch nur ein Mensch, manchmal liege ich falsch.“

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Letztendlich bleibt es wohl dem gesunden Menschenverstand überlassen, wie weit man dem „Dark Tourism“ verfällt. Oder man macht es, wie der YouTube-Nutzer „Anonymus Q“. Er postete unter den Trailer von „Dark Tourist“: „Ich bin froh, dass er so mutig ist, damit ich sicher zu Hause sitzen und es mir anschauen kann“. Der Kommentar hat mittlerweile über 1800 Likes.