7. Mai 2026, 13:09 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Die 32-jährige Susanne ist seit vielen Jahren begeisterte Italien-Reisende und der festen Überzeugung, dass sie den dreisten Maschen mancher Trickbetrüger in ihrem Lieblingsland niemals zum Opfer fallen würde. Doch genau das passierte ihr in ihrem letzten Urlaub in Neapel – und sie ärgert sich bis heute, dass sie trotz aller Vorsicht am Ende doch einem perfiden Trickbetrug aufgesessen ist. Bei TRAVELBOOK warnt sie vor der Masche.
Protokoll: Alexandra Cavelius
Es war mein letzter Tag in Neapel, den wollte ich nutzen, um mir auf einem Straßenmarkt noch ein Kleidchen zu kaufen. Blauer Himmel, geschäftiges Treiben, dazwischen Straßenmusik und die Rufe von Marktschreiern. Ich liebe diese Stimmung aus neapolitanischer Lebensfreude zwischen farbenfrohen Ständen, an denen es preiswerte Kleidung, Antiquitäten, Obst genauso wie frischen Büffelmozzarella oder andere Leckereien gibt.
Mit meiner Freundin kam ich gerade vom Hauptbahnhof und wollte die Straße überqueren, als ein junger Italiener uns auf Englisch ansprach: „Hi, schöne Frauen, ich verkaufe für meinen Bruder seine Kamera. Sie ist neu. Er braucht dringend Kohle … ganz billig zu haben.“ Und schon zog er aus seiner weißen Tüte eine im Karton neu verpackte Digitalkamera. Er zeigte auf das Preisschild. 2049 Euro. „Für 500 Euro gebe ich sie ab“, sagte er und zog ein Gesicht als habe er auf eine Zitrone gebissen. Ihm bliebe nichts anders übrig.
Das sei sicher einer dieser Gauner, die einen mit miesen Tricks irgendeine Schmuggelware unterjubeln wollen, sagte ich zu meiner Freundin. Am Unterarm zog sie mich weiter, da sie ohnehin kein Interesse daran hatte. Allerdings war ich selbst vom Anblick dieser Kamera sofort gefangen, denn genau so ein Gerät wollte ich schon immer haben. Und genau dieses Glitzern in meinen Augen hatte mein Gegenüber offenbar sofort erkannt und charmant, in gebrochenem Deutsch, gekontert. „Nein, ich bin kein Gauner!“ Das sei total unfair. „Ich bin Antonio!“ Da lachten wir. Noch.
Tolle Story, aber hereinlegen lasse ich mich nicht
Dann berichtete Antonio, in einer Mischung aus gebrochenem Deutsch und Englisch, zwischen Drama und Komödie schwankend, die Lebensgeschichte seines „spielsüchtigen Bruders.“ Die freie Hand fest ans Herz gedrückt. Tolle Story, gut erzählt. Es hatte funktioniert. Der Kerl war uns auf Anhieb sympathisch, selbst wenn seine Geschichte unglaubwürdig schien. Aber es war auch egal, denn ich hatte nur das Gerät im Visier. In Windeseile schilderte er mir alle Vorzüge des Apparates. Neu, voll funktionsfähig, macht super Bilder und Filme. Und ich dachte: „Warum nicht mal etwas riskieren und so ein tolles Gerät so billig kaufen?“ Falls mir irgendetwas verdächtig erscheinen sollte, ließ ich einfach die Finger davon, überzeugte ich mich selbst.
In dem Moment kamen offenbar zufällig zwei Kumpels auf Antonio zu, die ihn fröhlich begrüßten und auf die Schulter klopften. Da zischte ich meiner Freundin zu: „Lass uns das Spiel umdrehen. Ich handele ihn mit dem Preis noch herunter. Und wir beide passen einfach genau auf, dass er uns nicht wie bei einem Hütchen-Spiel etwas anderes unterjubelt.“ Vier Augen sahen nicht nur besser, sie übersahen nichts, war ich sicher.
Meine Freundin stieg aufs Spiel mit ein und winkte ab. „Lass das! Zu teuer.“ Sogleich verzog ich missmutig meine Augenbrauen und gab ihr Recht. „Stimmt, das kann ich nicht zahlen“. Zuerst blieb Antonio beim Preis, da das Gerät funkelnagelneu sei, wand sich jedoch sichtlich unter meinem ungnädigen Blick. Da redeten seine Freunde auf ihn ein. „Gib ihr die Kamera, du brauchst doch das Geld für deinen Bruder …“ Schließlich gab er sich vermeintlich geschlagen, ließ Schultern und Kopf kurz hängen, und meinte dann mit einem schiefen Grinsen im Gesicht: „Ok, weil du es bist! 300 Euro.“ Aber wir sollten die Straßenseite wechseln, meinte er, da hier zu viel Gedränge sei.
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Abgezockt in der Nebengasse
Es stimmte. Auf der Straße war zu viel los. Wir schwenkten rechts über die Kreuzung, hinüber in eine ruhigere Gasse, wo aber auch noch andere Leute waren, sodass wir uns als zwei Frauen in Begleitung dreier junger Männer sicher genug fühlten. Sein Freund fing sogleich an ein lustiges Lied anzustimmen, „Amore mio…“, und Antonio verwickelte mich in ein Gespräch, wie dankbar er sei, dass ich die Kamera kaufe. Aber es sei besser, wenn uns keiner bei der Geldübergabe beobachte. Und plötzlich blickte er sich verunsichert um und sagte: „Weißt du, ich habe hier auch Feinde.“ Oh! Das machte uns nervös. Besonders als einer seiner Freunde das Wort „Mafia“ fast beiläufig erklärend hinzufügte. „Machen wir lieber schnell“, drängte Antonio zur Eile. Seine Freunde umringten uns wie eine Schutzmauer. Die Stimmung war mit einem Mal angespannt.
Eine rasche Entscheidung war jetzt gefragt. Kritisches Denken ausgeschaltet. Sonst verlor ich gleich die Chance! Ich wollte endlich die weiße Tüte mit der Kamera haben. „Erst die Tüte, dann das Geld“, sagte ich und fand mich sehr schlau dabei. „Achtung“, warnte da einer der Freunde, „da hinten sind sie, Antonio, wir müssen weg!“ Susanne und ich blickten aufgeregt dahin, wo alle hinblickten. Aber wir sahen nichts. Und hatten längst verloren. Emotion schlug Verstand. Und Gier machte bekanntlich blind.
Über inszenierte Ablenkung, Mafia und andere „bad boys“
Die inszenierte Ablenkung hatte Antonio längst genutzt, um mir die Tüte in die Hand zu drücken, mein Geld abzunehmen und sich zu verabschieden: „Ciao, Bella! Verschwindet hier, das ist kein sicherer Ort.“ Schon waren die Jungs im Getümmel untergetaucht. Aufgeregt eilten meine Freundin und ich zurück zum Hauptbahnhof. Freudig erregt, die Beute gesichert in der weißen Tüte. Aber wieso schüttelte der alte Herr, der uns mit Antonios Gang beobachtet hatte und an der Ampel entgegenkam, entrüstet den Kopf und mahnte: „Bad business! Bad boys!“?
Aufgeschreckt riss ich vorm Bahnhof die Tüte auf, öffnete die Packung mit der Kamera und fand darin ungefähr 400 Gramm Salz. „Verdammt“, sagte ich und warf die Tüte wütend in den Mülleimer. Uns sofort war uns klar, wie dumm wir gewesen waren. Seine Freunde hatten auch weiße Tüten in den Händen gehabt und in aller Eile mit Antonios Tüte getauscht, als wir die Hälse gereckt hatten. „Da hast du wohl das teuerste Salz der Welt gekauft“, schmunzelte meine Freundin. Und ich murmelte verdrossen. „Ja, selbst schuld.“ Gegen solche trainierten Profis hat man als Laie einfach keine Chance. Also Leute, lasst lieber die Finger von solchen Geschäften mit Fremden – auch wenn das Gegenüber noch so vertrauenswürdig erscheint!