26. April 2026, 14:47 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten
Wer unterwegs schnell in Kontakt zu anderen Menschen kommen und zudem noch Reisebudget sparen möchte, für den sind Hostels genau der richtige Ort für eine Übernachtung. Oder auch mehrere, denn mitunter werden diese Unterkünfte sogar zu einer Homebase für Abenteuer, zu einem richtigen Wohlfühlort. Unseren Autor zieht es daher auch mit über 40 Jahren immer mal wieder in Hostels. Was er dabei erlebt hat, und was man bei der Wahl beachten sollte, verrät er hier.
Wenn es um Reisen geht, bin ich ein bisschen wie Dr. Jekkyl und Mr. Hyde. Oder auch wie Goethes „Faust“, in dessen Brust, ach, zwei Seelen wohnen. Ein Teil von mir schätzt die Einsamkeit der Natur, berauscht sich an Abenteuern abseits jeglicher Zivilisation. Der andere sucht gierig nach Kontakt zu Mitmenschen jeden Alters, die wie ich vom Reisefieber befallen sind. Eine meiner Seiten schätzt die Ruhe und Exklusivität etwas gehobenerer Unterkünfte, während die andere es laut, einfach und mitunter auch ein bisschen schäbig mag. Da ich mir als Freiberufler mein Urlaubsbudget stets weise einteilen muss, um so viel wie möglich sehen zu können, gewinnt auch mit über 40 Jahren bei der Wahl meines Schlafplatzes häufig noch die wildere meiner beiden Seelen. Und dann zieht es mich immer wieder in Hostels.
Die vielen Vorteile von Hostels liegen vor allem für jüngere Reisende klar und offen auf der Hand. Zunächst einmal sind sie natürlich sehr viel günstiger als andere Übernachtungsvarianten wie Ferienwohnungen, Airbnbs oder Hotels. Zum anderen, und das ist auch heute noch für mich das Hauptargument für eine oder mehrere Übernachtungen in Hostels, lernt der offene Reisende hier sehr schnell andere Menschen und auch Gleichgesinnte kennen. Hostels sind Begegnungsstätten, nicht selten auch der intimeren Art, sie sind aber auch Reisebörsen, auf denen man seine Pläne und Ideen für Sightseeing mit anderen Gästen tauschen kann. Sie sind Partnervermittlungen, denn nicht selten findet man hier auch Menschen, mit denen man dann gemeinsam weiter reist.
Schule des Lebens
Hostels sind ein Markt für Rezepte aus aller Welt, ein Umschlagplatz für Travel Hacks. Nicht selten auch, wenn man sich besonders wohlfühlt, ein Ort, an dem man wieder Kraft tankt für die Strapazen, die das Reisen mit sich bringen kann. Ein Ort, an dem das innere Kind mit knallbunter, phantasievoller Einrichtung bedient wird. Eine Therapiecouch, wo man getrost einmal vermeintlich „klassische“ Lebensmodelle hinterfragen bzw. negieren kann, und wo einem dann begeistert aus den meisten Kehlen vielstimmig und -sprachig Zuspruch widerfährt. Ein Auffangbecken mitunter für gestrandete Existenzen, denen das Unterwegssein zum einzigen Lebensinhalt geworden ist. Eine Schule des Lebens, in der 24 Stunden am Tag Unterricht ist, und keiner Noten braucht. Eine Heimat für Aussteiger auf Zeit, wo nichts wichtig zu sein scheint, außer dem Hier und Jetzt.
Hostels sind offene Geschichtsbücher, in die sich jeder eintragen darf. Orte der Toleranz, an denen jeder willkommen ist. Wo man in nach alter Wäsche stinkenden Dorms mit 12 Betten nach langen Tagen trotzdem nicht schlafen kann, weil immer etwas los ist, und zudem garantiert immer jemand schnarcht. Orte, wo man Freunde fürs Leben kennenlernt, auch wenn die Dauer dieses Lebens unterwegs nur ein paar Wochen oder Monate sein mag. Hostels sind sichere Rückzugsorte, wenn einen der nächste Kulturschock erwischt, wo alles fehlen darf, aber auf keinen Fall das WLAN. Wo man Nächte erlebt, über die Popmusiker in ihren Liedern singen, und Tage, die sich auch ein altgriechischer Dramatiker einfach ausgedacht haben könnte.
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Billiger Alkohol und Drogendealer
Ich selbst schätze an Hostels vor allem den Kontakt zu Reisenden und Gleichgesinnten aus aller Welt. Es ist wunderbar, seine Sprachkenntnisse aufzufrischen und neue Geschichten zu hören. Geschichten, die teilweise wirklich inspirieren, und die man, anders als die ollen Kamellen daheim, nicht schon tausendmal in tausend Varianten gehört hat. Es sind ja auch die Menschen und die gemeinsamen Erlebnisse mit ihnen, die einen Urlaub unvergesslich machen können. Und ja, mit mittlerweile über 40 Jahren möchte, muss ich mir selbst dann mitunter auch manchmal beweisen, dass ich im Geiste immer noch so jung bin, wie ich mich gerne wähne. Auch wenn das heißt, dass ich nächtelang nicht zur Ruhe komme, weil in meinem Dorm mit den 12 Betten garantiert mal wieder jemand schnarcht.
Ich gebe zu, die Übernachtung in Hostels kostet mich mittlerweile manchmal mehr Kräfte als noch vor zehn Jahren. Denn natürlich geht es für viele, vor allem junge Gäste, auch und mitunter ausschließlich darum, die Reise zu einer einzigen, dauerberauschten Party zu machen. Hostels leisten dem mit zahllosen Motto-Abenden und billigem Alkohol nicht selten bewusst Vorschub. Mitunter firmieren die Mitarbeiter auch als Drogendealer oder zumindest Kontaktmänner. Und so ist es eben manchmal sehr laut, an Schlaf auch ohne die zuverlässigen Schnarcher nicht zu denken. Vielerorts habe ich meine Matratze schon auf einen ruhigen Gang oder eine Dachterrasse gezerrt, weil der Lärmpegel für mich anderswo nicht auszuhalten war.
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Abenteuer in aller Welt
Doch die Vorteile überwiegen (noch) ganz klar, allen voran die oft sehr erfrischenden Gespräche. Ich bin jetzt seit 13 Jahren Freiberufler, und auch in anderen Lebensbereichen ein sehr freiheitsliebender Mensch. Es tut der Seele einfach gut, andere Menschen zu treffen, die ebenfalls einer Existenz im Hamsterrad entkommen möchten, bzw. bereits entkommen sind. Denn natürlich brauche auch ich, wie jeder andere Mensch, hin und wieder einmal die Bestätigung, „richtig“ zu leben. Und nirgendwo finden Schöngeister diese wohl so zuverlässig und beständig wie in Hostels. Auf Reisen ist jeder dein Bruder oder deine Schwester, wenn du Herz und Augen weit offen hast.
Und mit diesen selbstgewählten Familienmitgliedern habe ich im Laufe der Jahre schon tolle Abenteuer erlebt. Wir haben in den Llanos, einer gewaltigen Savanne zwischen Venezuela und Kolumbien, Piranhas geangelt und gegrillt. Den höchsten Berg Panamas bei Nacht bestiegen, um dann bei Sonnenaufgang den Atlantik und den Pazifik gleichzeitig sehen zu können. Sind mehrere Tage durch die felsige Einsamkeit des marokkanischen Rif-Gebirges gewandert, wo Haschisch-Bauern uns in ihre Häuser einluden, und ein ganzes Dorf ungläubig unsere Durchreise bestaunte. Auf Grönland Saiblinge aus einem eisigen Bach gefischt, und sie dann beinahe an wilde Hunde verloren.
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Wir haben während absolut apokalyptischer Gewitter gemeinsam am offenen Fenster gesessen und Gitarre gespielt. Haben unser Zuhause mitten im Nirgendwo mit einer riesigen Kolonie Seelöwen geteilt. Standen am geografischen Mittelpunkt der Erde und auf Dächern von besetzten Hochhaus-Ruinen. Haben Partys gefeiert, zu denen die ganze Stadt kam. Hostels können die Homebase für all diese Geschichten und Abenteuer sein. Aber man muss auch ein wenig darauf achten, wie man aus den zahlreichen Angeboten das Richtige für sich herausfindet. Ich verrate Ihnen hier gerne, worauf ich dabei achte.
Zunächst einmal, und das dürfte vielleicht für nicht wenige, vor allem junge Reisende das Schwierigste sein: Vergessen Sie das Internet als Recherchequelle. Natürlich werden Sie dort mit ein paar Klicks ein mannigfaltiges Angebot finden, aber diese Vorab-Auswahl eliminiert vollständig den Reiz des Abenteuers. Gerade an Orten, wo richtig was los, ist, werden Sie keinerlei Probleme haben, auch erst bei Ankunft einen Schlafplatz zu finden. Den können Sie dann zudem vorab auch noch live in Augenschein nehmen, statt oft geschönten Bildern im Netz vertrauen zu müssen. Ansonsten kann es Ihnen nämlich auch passieren, dass Sie den ganzen Urlaub (unfreiwillig) mit denselben Menschen verbringen müssen.
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Das Grauen von „Wonderwall“
Vor allem junge Reisende vertrauen mittlerweile offenbar blind Bewertungsportalen. Sowohl, was die Sehenswürdigkeiten, als auch die Hostels angeht. Folgerichtig finden sich dann aber auch alle an denselben Orten wieder, nur weil irgendwelche Menschen im Web denen eben so und so viele Sterne gegeben haben. Wer sich traut, sich von diesen Methoden zu lösen, kann mit etwas Glück viel „echtere“ Erfahrungen machen. Das Gleiche gilt für Restaurants, Bars, Clubs und jegliche andere Einrichtung. Machen Sie sich selbst ein Bild, das nicht von einem Bildschirm stammt.
Mein zweiter Tipp: Achten Sie darauf, ob es in Ihrer Unterkunft eine Hostel-Gitarre gibt. „Wo man singt, da lass dich nieder“, dieser Spruch kommt nicht von ungefähr. Wenn es die Möglichkeit gibt, zu musizieren, deutet das auf ein Haus hin, in dem man besonders aufgeschlossene Menschen kennenlernen kann. Vorsicht jedoch: Es besteht die Möglichkeit, dass Sie ihren Lieblingssong danach hassen. Ich weiß, wovon ich rede, denn mir (und wahrscheinlich zahllosen anderen) ging es mit „Wonderwall“ von Oasis so. Ein Lied, das wirklich absolut jeder spielen kann, der auch nur einmal für fünf Minuten eine Gitarre in der Hand hatte. Und das tun die Leute dann auch. Glauben Sie mir, Sie werden dieses Stück in Hostels sehr oft hören.
Hostels, die auch gemeinsame Exkursionen anbieten, sind für mich immer besonders interessant. Ein gutes Haus sollte (mehrtägige) Kurztrips im Programm haben, und dafür auch eigens geschulte Mitarbeiter beschäftigen. Denn solche Erlebnisse sind es, die aus einer größeren Gemeinschaft von zufällig gemeinsam Gestrandeten im besten Fall einen verschworenen, inneren Kreis machen. Doyens, die dann wiederum den Neuankömmlingen die Geheimnisse eines Ortes weitergeben können, wie eine heilige Fackel. Ich selbst habe mein nächstes Hostel-Abenteuer übrigens bereits gebucht, im Herbst 2026 geht es nach Budapest. Solange ich die Schnarcher in meinem Zimmer noch irgendwie überstehe, solange werde ich Hostels lieben.