14. Oktober 2026, 17:34 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Die im Jahr 2003 im italienischen Treviso gegründete Accademia del Tiramisù sieht sich als Hüter und Bewahrer der wohl beliebtesten Süßspeise des Landes. Diese, in der Region Venetien erfunden, hat eine bewegte Vergangenheit, die mit der Geburt des Staates Italien zu tun hat. Und der Legende nach auch mit einem Freudenhaus. TRAVELBOOK erzählt die Geschichte des Desserts und seiner Akademie und verrät, welche Zutaten es für ein echtes Tiramisù braucht.
Dass die Italiener leidenschaftliche Menschen sind, ist wohl mehr als nur ein bloßes Klischee. Und besonders wenn es ums das Thema Essen geht, tritt diese Passion immer wieder zutage. Die italienische Küche, einfach und frisch, hat nicht umsonst längst die Welt erobert. Und das gilt auch für die wohl beliebteste Süßspeise des Landes, das herrlich cremige Tiramisù. Ein Dessert, so berühmt, dass sich seit 2003 eine Organisation dessen Hütung und Bewahrung annimmt. Die Rede ist von der Accademia del Tiramisù, einer in Treviso in Venetien gegründeten Organisation. Es gilt heute als allgemein akzeptiert, das der legendäre Nachtisch dort seine Ursprünge hat. Manche sagen sogar, er könnte ursprünglich in einem Freudenhaus der Stadt entstanden sein.
Laut der offiziellen Website der Accademia del Tiramisù beginnt dessen Geschichte etwa in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Seine Wurzeln hat es wohl in einem anderen Dessert, dem sogenannten „Sbatutin“. Einer recht einfachen Crème aus Eigelb und Zucker, genossen vor allem bei den Bauernfamilien auf dem Land. Dieses bereicherten die Menschen dann um individuelle weitere Zutaten wie Likör, Kakao, Kaffee, Wein, Biskuits, Sahne, Ricotta und/oder Butter. Bis zur Entwicklung des heute als traditionell anerkannten Tiramisù-Rezeptes sollte es aber noch eine Weile dauern. Erst 1902 taucht ein Vorgänger der weltberühmten Süßspeise in der Chronik „La scienza in cucina e l’arte del mangiar bene von Pellegrino Artusi“ auf.
Patriotisches Dessert
Artusi beschreibt das „Biscottini Puerperal“, eine Löffelspeise aus Eigelb, Zucker und ungesüßtem Kakao. Es sind einige derselben Zutaten, die sich heute im Tiramisù wiederfinden. Dieser, wenn „echt“, besteht aus genau sechs Ingredienzien: Zucker, Eigelb, Mascarpone, ungesüßtem Kakao, Mokka-Kaffee und Savoiardi, also Löffelbiskuits. Und diese waren ein durchaus patriotischer Beitrag der Anhänger des Staates Italien, der sich Mitte des 19. Jahrhunderts noch in der Entstehung befand. Der Name Savoiardi weist auf die lokale Herkunft der Biskuits aus dem Königshaus Savoyen im Piemont hin.
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Eine weitere essenzielle Zutat, die Mascarpone, stammt ursprünglich aus der Lombardei. Mit der Verwendung dieser landestypischen Beigaben bekannte man sich zu der Idee Italien, wo vorher oft, vor allem in wohlhabenderen Häusern, zur Zubereitung des Tiramisù Zutaten verwendet wurden, die noch auf die Wiener Konditoreitradition der österreichisch-ungarischen Monarchie zurückgingen. Vielleicht stammt aus dieser Zeit auch der Name des Desserts, das im Dialekt Venetiens ursprünglich „Tire-me-su“ hieß. Und das wiederum bedeutet so viel wie „richte mich auf“ oder „gib mir Kraft“. Die Leckerei wird aber im Volksmund auch „Dessert der Sünde“ genannt. Und das hat eine nicht ganz jugendfreien Hintergrund.
Ursprung in einem Freudenhaus?
Laut einer Legende nämlich könnte das Tiramisù ursprünglich auch in der Altstadt von Treviso geboren worden sein, und zwar in einem zu dieser Zeit sehr bekannten Freudenhaus. Demnach wurde der Nachtisch am Ende eines langen Abends den besuchenden Herren gereicht, mit dem Satz „Adesso ve tiro su mi“. Übersetzt bedeutet das „Jetzt richte ich euch wieder auf“. Was genau da wieder aufgerichtet werden sollte, ist aber nicht überliefert. Das Dessert könnte aber auch in dem lokalen Restaurant „Tre Scalini“ in seiner heutigen Form entstanden sein. Chroniken nennen im Jahr 1947 gesichert die erst Erwähnung des Nachtischs auf Konditorei-Niveau.
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1970 dann wurde das Tiramisù erstmals auf der Speisekarte des heutigen Restaurants „Le Beccherie“ in Treviso angeboten. Die Accademia Italiana della Cucina erkannte das Rezept offiziell an, und damit war eine Legende geboren. Dasselbe Rezept, das das Haus bis heute verwendet, wurde 1983 als das einzig wahre und allgemeingültige in dem Werk „La cucina trevigiana“ (Die Küche aus Treviso) festgehalten. Am 12. April 2003 gründete sich in der Stadt die Accademia del Tiramisù, die bis heute über diesen Standard wacht. Deren Mission ist es laut der offiziellen Webseite, „den Grundsätzen historischer, kultureller und gastronomischer Vermittlung folgend, die wahre geografische Herkunft und die echten Zutaten des traditionellen Rezepts bekannt zu machen.“
Globale Ikone
Tiziano Taffarello, Präsident der süßen Akademie, sagt auf TRAVELBOOK-Anfrage: „Die Idee zur Gründung der Accademia del Tiramisù ist vor etwa 30 Jahren in mir gereift. Im Laufe der Jahre haben wir hochkarätige Persönlichkeiten und Experten in unsere Struktur eingebunden, um das ‚Phänomen Tiramisu‘ ganzheitlich zu erforschen: Historiker, Küchen- und Chefkonditoren (darunter Olympiasieger), Eiskonditoren-Weltmeister, Universitätsdozenten und -professoren, Soziologen, Chemiker, Degustatoren, Food-Blogger, Fotografen und Markenbotschafter. Unsere Stärke liegt genau in dieser Multidisziplinarität.“ Das Engagement basiere auf ehrenamtlichem Einsatz und der Leidenschaft der Mitarbeiter.
„Wir widmen uns kontinuierlich der historischen Forschung, der kulturellen Vermittlung, der Organisation von Events, der Beantwortung internationaler Presseanfragen sowie der Unterstützung wissenschaftlicher und akademischer Arbeiten. Darüber hinaus organisieren und begleiten wir Fernsehbeiträge, Masterclasses, Showcookings, Teambuilding-Events, Tiramisù-Wettbewerbe und stellen Jurymitglieder für entsprechende Wettbewerbe.“ Jeder, der die Leidenschaft für Tiramisù teile, könne übrigens einen Aufnahmeantrag stellen. Für die Vollmitgliedschaft vonnöten sei aber eine Schulung, ein Wissenstest und eine Probezeit. Tiramisù sei eine „globale und identitätsstiftende Ikone“.
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Süße Abschlussarbeit
Eine besondere Ehrung erhält das beliebte Dessert im Jahr 2012 in Form der ersten Abschlussarbeit weltweit zu dem Thema. An der Universität von Trient verteidigt eine Frau ihre Studie „Cultural Experiences in Italian Oenogastronomic Tourism: Treviso, the city of Tiramisù“. Historische Belege und eine umfassende Bibliografie bewiesen damals wiederum, dass die weltberühmte Süßspeise tatsächlich aus Treviso stammt. Eine zweite vergleichbare Arbeit zu dem Thema stammt von der Universität in Udine. 2024 wird der Tiramisù aus Treviso mit dem Gütesiegel „Prodotto Agroalimentare Tradizionale“, also „traditionelles Lebensmittelerzeugnis“, gewürdigt.
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Aushängeschild der Gastronomie
Auch heute ist in der Stadt neben dem Tiramisù auch seine Urform, das „Sbatutin“, beliebt. Jungen Müttern, Kindern und alten Menschen schenkt man hier als Zeichen der Zuneigung immer noch Savoiardi. Die Accademia del Tiramisù hat aktuell 16 Mitglieder. Neben Konditoren und Küchenchefs von internationalem Rang sind auch Wissenschaftler an Bord. Die selbsternannte Akademie gibt Schulungen und Veranstaltungen zu der Süßspeise. Wer das von dem Konsortium gehütete Rezept verwendet, kann sein Restaurant oder Konditorei auch entsprechend zertifizieren lassen. Dieses Rezept findet man natürlich auch auf der offiziellen Webseite.
Zu den Gründen, warum man sich so sehr für die Süßspeise einsetzt, sagt Taffarello: „Das Tiramisù ist das weltweit berühmteste italienische Dessert und ein Aushängeschild unserer Gastronomie – umso mehr jetzt, da die italienische Küche im Jahr 2026 als immaterielles Kulturerbe der Menschheit von der UNESCO anerkannt wurde. Es identifiziert sich auf unlösbare Weise mit der Stadt Treviso: Es verbindet die Geschichte der Region mit ihren Menschen und ist fester Bestandteil der venezianischen Volkskultur. Für uns ist es eine echte Visitenkarte in der Welt: Tiramisu ist synonym mit Treviso.“
Zudem sei es ein nicht unerheblicher Wirtschaftsfaktor, generiere alleine auf dem italienischen Markt jährlich Umsätze von mehr als 350 Millionen Euro. „Viele Touristen kommen nach Treviso, um das ‚echte‘, originale Tiramisù zu verkosten, die historischen Stätten der Stadt zu besuchen und auf den Spuren der Persönlichkeiten zu wandeln, die seine Geschichte geprägt haben.“