7. Juni 2026, 7:41 Uhr | Lesezeit: 13 Minuten
Seit Jahren schon durchstreift TRAVELBOOK-Autor Robin Hartmann unermüdlich die schönen Landschaften des Harz. Auf seinen teils mehrwöchigen Wanderungen begegnen ihm dabei auch immer wieder schöne und ungewöhnliche Gasthäuser, die einen Stopp auf einer langen Strecke erst so richtig besonders machen. Hier verrät er, wo man nach dem Essen Luchse beobachten kann, wo man zu Preisen von vor 20 Jahren isst, und welches Haus eine quasi ausgestorbene Tierart auf der Speisekarte hat.
8:30 Uhr an einem Dienstagmorgen, das Thermometer zeigt Mitte Mai zwei Grad Außentemperatur. Vor den Fenstern meines Zufluchtsortes, meines Refugiums, tobt ein Schneesturm, und ich staune mal wieder über die Launen meiner liebsten Wanderregion, dem Harz. Noch eben nach einer Nacht im Auto durchgefroren, wärme ich mich jetzt bei einem schönen Becher Tee, irgendwo im bergigen Nirgendwo, gut 500 Höhenmeter über dem kleinen Ort Ilfeld. Die ruppig-freundliche Bedienung serviert mir Rührei aus einer gusseisernen Pfanne, und noch immer kann ich nicht so richtig glauben, dass dieser Ort tatsächlich existiert, nicht nur meiner Fantasie entsprungen ist. Ich befinde mich im „Hufhaus“, einem der wohl ungewöhnlichsten Gasthäuser im ganzen Harz. Und fühle mich wie ein Schatzsucher, der soeben durch ein Zeitportal einen Sprung in eine längst vergangene Zeit gemacht hat.
Schon tags zuvor auf einer langen Wanderung hatte ich immer wieder Schilder gesehen, die auf ein „Hufhaus“ hinwiesen. Irgendwann fragte ich bei einem Stopp einen Einheimischen, was es damit auf sich hatte. Und merkte sofort: Ich war auf eine Goldmine gestoßen. Eines der Gasthäuser, die eine schöne Tour unvergesslich machen können. Der Ort als solcher existiert bereits seit 1698, war zunächst gräfliches Gestüt, dann Försterei, dann ein DDR-Erholungsheim. Seit 1991 im Besitz der Familie Lotter, scheint hier seitdem die Zeit einfach stehen geblieben zu sein. Die Preise, zu denen man exzellent speist, sind vergleichsweise niedrig, sodass man sich wundert, wie das überhaupt funktionieren kann.
DDR-Charme und Vorwende-Preise
Durch die Umstände meiner Wanderung hatte ich die Möglichkeit, im „Hufhaus“ sowohl Abendbrot, Frühstück als auch Mittagessen zu mir zu nehmen, und ich zahlte insgesamt mit Getränken weniger als 40 Euro. Allein die absolut vorzügliche Hirschleber, die ich nach einer langen Wanderung genoss, kostete gerade einmal 11,30 Euro. Mit drei Getränken und einem Germknödel als Dessert war ich immer noch unter 20 Euro. Ein Holzofen bollerte behaglich gegen den Weltuntergang draußen an und war ich morgens noch ganz allein gewesen, teilte ich mir jetzt den Raum mit einer ganzen Busladung fröhlich schnatternder Rentner. Mein Essen kam trotzdem unverzüglich, während aus der Tiefe des Raumes schon seit Stunden deutsche Schlagerlieder von der ewigen Liebe dudelten.
Die absolute Krönung war für mich aber das Interieur des ungewöhnlichen Restaurants, das noch immer an das DDR-Erholungsheim erinnerte. Nein, vielmehr, es war noch ganz und gar der alte Ort. Ein für mich skurriler Charme, der aber neben den Preisen täglich Gäste in Scharen anlockt. Und das, obwohl der Weg zum „Hufhaus“ durchaus abenteuerlich ist, führt er doch über eine unbefestigte Waldstraße. Oben angekommen, könnte man auf den ersten Blick den Eindruck bekommen, man habe einen Lost Place entdeckt – wahrscheinlich war dieser Gedanke aber nur den Wetterbedingungen bei meinem Besuch geschuldet. Es war an diesem Ort, an dem meine Idee geboren wurde, Ihnen endlich einmal eine Liste der schönsten und ungewöhnlichsten Gasthäuser im Harz zu präsentieren.
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Alte und neue Perlen
Seit Jahren durchstreife ich nun schon mein mittlerweile liebstes Wanderrevier weltweit. Und natürlich wird ein langer Tag draußen erst so richtig gekrönt, wenn man anschließend – oder auch gerne zwischendurch, oder beides – so richtig urig einkehren kann. Ich bin ein Genussmensch durch und durch, mitunter ein Gourmand, und kann an keiner guten Stube vorbeigehen. Das hat mir über die Zeit schon einen reichhaltigen Fundus an Gasthäusern eingetragen, auf die ich mich freuen kann. Mitunter entdecke ich aber auch immer wieder neue Perlen, und so denke ich, dass ich durchaus schon als Kenner gelten darf. Hier nun also meine ganz persönliche Hitliste der schönsten und ungewöhnlichsten Gasthäuser im Harz.
Unsere Reise beginnt oberhalb des Märchenortes Ilsenburg. Nach einem Aufstieg durch den hier noch gesunden Wald entlang des Ilse-Flusses und der archaischen Ilse-Wasserfälle hatte unser Weg meine Freundin und mich auf unserer allerersten Harzwanderung in das „Waldgasthaus Plessenburg“ mitten im Nationalpark Harz geführt. Seit 1776 als ursprünglich gräfliches Jagdhaus existent, ist es seit nunmehr 1973 eine ehrliche und preiswerte Gaststätte für müde Wanderer. Familie Krebs führt es mittlerweile in der dritten Generation und eine sehr gemütliche Stube lädt hier zum Verweilen ein. Die Wände holzgetäfelt, geschmückt mit diversen Jagd-Memorabilia wie Geweihen und sogar einem Wildschweinkopf. Im Sommer sitzt es sich auch wunderbar im schönen Biergarten unter hohen Bäumen.
Die spektakulärste Lage im Harz
Wildschweingulasch, Sülze, hausgemachter Kuchen – doch wer den heimlichen König der Harzer Küche probieren möchte, bestellt die deftige Erbsensuppe, auf Wunsch auch mit Wursteinlage. In den Wintermonaten von Dezember bis April finden hier auch die berühmten Wildtierfütterungen statt. Dann lassen sich mit Glück Hirsche, Rehe und anderes Wild aus der Nähe beobachten. Das „Waldgasthaus Plessenburg“ erreicht man zum Beispiel über eine tolle Rundwanderung, die in Ilsenburg startet und auch wieder endet. Für mich ist es sozusagen als „Mutter aller Gasthäuser“ und als meine erste kulinarische Erfahrung im Harz nicht von dieser Liste wegzudenken.
Die vielleicht spektakulärste Lage aller Gasthäuser auf dieser Liste hat die „Steinerne Renne“, wo man auch übernachten kann. Man erreicht sie zum Beispiel ab dem Ort Darlingerode über eine tolle Wanderung, die teils entlang des Flusses Holtemme führt. Direkt oberhalb der Lokalität stürzt sich der Fluss über eine spektakuläre Kaskade rauschend talabwärts. Ein Panorama, das man von der Terrasse des Gasthauses oder auch auf einer Brücke stehend genießen kann. Diese führt auf die andere Seite der namengebenden Steinernen Renne, die eine Art Schlucht ist. Die Küche ist einfach, aber deftig, und wiederum würde ich hier die Erbsensuppe mit Einlage empfehlen. Die ist immer eine sichere Bank, wenn man satt werden, aber noch weiter wandern möchte.
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Klippen und Burgruinen
Ein weiterer „Klassiker“, wo ich auf meinen Touren immer wieder gerne einkehre, ist das „Waldgasthaus Rabenklippe“ im Nationalpark Harz oberhalb von Bad Harzburg. Die Stube klein und rustikal, besticht die Institution besonders durch ihre absolut spektakuläre Sonnenterrasse. Von dieser überblickt man die weite Landschaft des Harz, und hat einen tollen Blick auf den mächtigen Sagenberg Brocken. Bei Wirt Andreas Gummich schmecken besonders seine hausgemachten Wildspezialitäten. Auch die „Rabenklippe“ ist ein absolutes Traditionshaus und existiert bereits seit 1874. Nach dem Essen hat man dann noch Gelegenheit zu einer ganz besonderen Begegnung: In einem angeschlossenen Gehege lassen sich mit etwas Glück drei Luchse beobachten. Auch die namensgebende Klippe kann man erklimmen.
Eine Neuentdeckung ist der „Burggasthof Hohnstein“, der einen Besuch der gleichnamigen Burgruine so richtig abrundet. Auf einer Höhe von gut 400 Metern thront sie über dem Ort Neustadt. Um das Jahr 1200 erbaut, wurde sie 1627 im Zuge des Dreißigjährigen Krieges (1618 bis 1648) durch Brandstiftung zerstört. Noch immer lohnt aber ein Besuch der gut erhaltenen Gemäuer, durch die ein weitläufiger Rundgang führt. Wer anschließend Appetit verspürt, nimmt Platz auf der Terrasse des Restaurants und genießt beim Warten auf sein Essen den Blick in das weite Harzer Land unter dem Burgberg. Das alte Fachwerkhaus strahlt, toprenoviert, auch von außen schon Gemütlichkeit aus, innen warten dann rustikale Einrichtung und ein echter Kachelofen.
Aus bester Erfahrung kann ich die Wildsülze empfehlen. Aber auch alle anderen Gerichte auf der Speisekarte dürften schmackhaft sein. Allein das Speisen in dieser einzigartigen Kulisse lohnt den steilen Aufstieg auf die Burg. Wer möchte oder muss, kann aber auch mit dem Auto anfahren. Der Burggasthof war schon einmal Sieger bei der Kabel1-Sendung „Mein Lokal, Dein Lokal“. Die Ruine hostet rund ums ganze Jahr auch zahlreiche Events, so zum Beispiel eine Halloween-Feier. Im Restaurant gibt es mitunter Live-Musik, Grill-Abende oder auch zünftige Ritter-Essen. Wenn Sie nicht zu deftig getafelt haben, können Sie im Anschluss an Ihr Mahl noch den alten Turm der Burg besteigen und eine umwerfende Aussicht genießen.
Entdeckung im Nebel
Nochmal aber zurück zur Wildsülze. Es war ein nebliger Tag Anfang November 2025, als ich mit meiner Freundin unterwegs war zu einer Wanderung. Irgendwann sah man fast gar nichts mehr, und wir entschieden uns stattdessen spontan für eine Einkehr. Vielmehr, schrie meine Freundin plötzlich bei dem Miniort Rothesütte begeistert auf, ich solle sofort das Auto anhalten. Und auf den Parkplatz des Restaurants „Kaminstube“ fahren, eine absolut zufällige Entdeckung. Diese erwies sich als Glücksfall. Im Inneren des gemütlich eingerichteten Lokals brannte tatsächlich sehr behaglich ein Kamin und die Chefin stellte eine hölzerne Tafel mit den Kuchen-Offenbarungen vor.
Ja, den Kuchen, den es in vielen Varianten hausgebacken und in wahrhaft absurden Portionen gibt, haben wir uns auch schmecken lassen. Aber erstmal bestellte ich eine Wildsülze mit Bratkartoffeln. Und die war so gut, dass ich der Wirtin anschließend noch ein paar Stück für den häuslichen Verzehr abluchste. Die „Kaminstube“ ist so ein richtiger Wohlfühlort, mit dem jedes Lifestyle-Magazin seine Seiten oder Influencer ihren Account schmücken könnten. Liebevoll eingerichtet, von echten Locals gemacht, authentisch. Die Betreiberin setzt zudem immer wieder auf überraschende Eigenkreationen wie Rosen-Latte-Macchiato. Unbedingt vorher reservieren, hier ist nur Samstag bis Montag geöffnet und der Laden ist längst kein Geheimtipp mehr.
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Das Beste von den Ziegen
Ganz in der Nähe von Rothesütte befindet sich dann der noch kleinere Ort Sophienhof und hier gibt es die legendäre „Ziegenalm“. In einem kleinen, aber sehr feinen Hofladen kann man zahlreiche Spezialitäten aus der Milch der namensgebenden Vierbeiner erwerben. Mein Geheimtipp wäre der Ziegen-Camembert mit Aschekruste, aber der ist so selten wie eine Blaue Mauritius. Auch köstlich sind die Frischkäse, und nicht nur Kinder lassen sich an einem warmen Tag wohl das herrlich cremige Ziegenmilch-Eis schmecken. Mein Favorit ist ganz klar Schoko, aber für jeden Geschmack ist da etwas dabei. Frische Landeier und andere hausgemachte Produkte runden das Angebot ab.
Für den kleinen oder großen Hunger setzt die „Almstube“ auf lokale Produkte und hausgemachte, frische Küche. In der sehr gemütlichen Stube hängen Schwarz-Weiß-Fotografien aus der Geschichte des Ortes und der Betreiber-Familie Liebig, ein Lehmofen mit einer fellgekrönten Sitzbank lädt zum Anlehnen und Aufwärmen ein. Zu vielen Zeiten können die Tiere in dem Freiland-Betrieb auch beobachtet werden. Man kann auf der „Ziegenalm“ auch eine Unterkunft buchen, zudem gibt es regelmäßig Führungen über den weitläufigen Hof. Geheimtipp: Sophienhof ist ein Halt auf der Strecke der Harzer Schmalspurbahn. Wer möchte, reist hier stilecht wie ein Adliger auf seinen Landsitz mit der Dampflok an. Ganz klar einer meiner liebsten Orte im gesamten Harz.
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Zu Tisch mit Füchsen und Waschbären
Eine weitere Neuentdeckung machte ich wiederum auf meiner aktuellsten Harzwanderung bei dem schönen Bergort Hohegeiß. Von hier aus kann man in das malerische Wolfsbachtal hinabsteigen. Eine Art Urwald, in den der Mensch bereits seit Jahrhunderten nicht mehr eingreift und wo besonders alte und hohe Fichten wachsen. Der namensgebende Wolfsbach fließt und rauscht entlang des Weges, und dann ist da noch die sehr schöne und fantastisch gelegene „Wolfsbachmühle“. Die Lokalität ist allein schon aufgrund ihrer Lage unbedingt einen Besuch wert und daher auch überaus beliebt. Die gute, frische Küche tut ihr Übriges dazu. Bei den netten deutsch-niederländischen Betreibern kann man auch wohnen und dann abends noch auf einen Absacker an ihrer Bar sitzen.
Dabei kann es schon mal passieren, dass sich im Garten Füchse und Waschbären zu einer ganz eigenen Wildtierfütterung einfinden. Man erzählte mir, regelmäßig würden im Wolfsbachtal auch Luchse gesichtet, aber leider konnte ich persönlich den Tieren nicht weiter auf die Spur kommen. Dafür genoss ich ein gut portioniertes Wildgulasch zu einem fairen Preis, bevor ich meine Tour fortsetzte. Bei der Zubereitung sang die Köchin/Betreiberin aus der Küche gut gelaunt zu Rocksongs lautstark mit, da schmeckte es gleich noch einmal besser. Etwas skurril sind die Speisekarten, auf denen die Gerichte zuerst auf Niederländisch angepriesen werden. Bei gutem Wetter kann man auf der großen Sonnenterrasse über dem Bach das Leben genießen.
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Ein fast ausgestorbenes Tier essen
Die letzte Station unserer kulinarischen Reise durch die Harzer Gasthäuser führt in den kleinen Ort Tanne. Denn hier hat man die Chance, eine wahre Rarität zu kosten. Nämlich ein Tier, das eigentlich bereits ausgestorben war. Die Rede ist von einer besonders schönen Rinderrasse, dem Harzer Roten Höhenvieh. Dieses war in den 1980er Jahren am Rande des Verschwindens. Doch dann fand man in einem Labor in Gießen die Spermaprobe eines Bullen, dank derer die erste Nachzucht gelang. Heute tummeln sich wieder etwa 1000 Mutterkühe dieser Art auf den hügeligen Harzer Weiden. So viele, dass ihr Fleisch in dem Restaurant „Brockenbauer“ mit angeschlossenem Hofladen verkostet werden kann.
Dieses wirkt trotz der sehr gemütlichen Einrichtung im unteren Bereich zunächst einmal fast wie ein Imbiss, doch die Küche ist absolut hervorragend. Den Titel „Steakhouse“ trägt das Etablissement völlig zu Recht, denn hier wissen die Köche, was sie tun. Mein Rumpsteak vom Harzer Roten Höhenvieh kam perfekt medium-rare, dazu ein wahrer Mount Everest an Kartoffelspalten. War ich kurz nach Öffnung noch ganz allein, füllte sich das Lokal sehr schnell auch mit größeren Gruppen. Im Hofladen kann man anschließend auch noch shoppen, natürlich auch Produkte von der seltenen Kuh. Die Lokalität ist insgesamt etwas hochpreisiger, aber wann hat man denn schon einmal ein beinahe ausgestorbenes Rind im Angebot?