10. Dezember 2025, 6:38 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Wenn schon Brot, dann Vollkornbrot – so denken immer mehr gesundheitsbewusste Esser. Denn es enthält deutlich mehr Ballaststoffe, Vitamine und Mineralstoffe als Brotsorten aus einfachem Weizenmehl. Selbst in Frankreich, dem Land des Baguettes, zeichnet sich ein deutlicher Wandel im Umgang mit Brot ab. Wie stark der Konsum der berühmten Teigstange – seit 2022 übrigens immaterielles UNESCO-Kulturerbe – in der „Grande Nation“ zurückgegangen ist, welche Faktoren dafür verantwortlich sind und warum es sich durchaus schwierig gestalten dürfte, das Kulturgut in seiner klassischen Form zu retten: Das alles hat sich TRAVELBOOK genauer angesehen.
Den Deutschen ist oft gar nicht bewusst, wie hoch der Baguette-Konsum in Frankreich tatsächlich war. Wie CNN erläutert, gehörte das stangenförmige Weißbrot dort früher zu jeder der drei täglichen Mahlzeiten: Morgens wurde es als offene „Tartines“ mit Butter und Marmelade oder Schokoladen-Nuss-Aufstrich gegessen, mittags als Sandwich und abends als obligatorischer Begleiter zu traditionellen, saucenreichen Schmorgerichten. Das Bild morgendlicher Gänge zur Boulangerie, um ein frisches Baguette zu kaufen, oft begleitet von süßem Gebäck wie Brioche oder Croissants, war in Frankreich früher Alltag. Heute ist es das nicht mehr. Dominique Anract, Präsident der nationalen Vereinigung der handwerklichen Bäcker und Konditoren in Frankreich (CNBPF), erklärt CNN, dass die jüngere Generation diese Tradition nicht weitergetragen hat. „Wir sehen, dass sich diese jungen Menschen am Wochenende über ein traditionelles Baguette freuen, wenn sie ihre Eltern besuchen“, schildert er. Es werde also geschätzt, sei aber längst kein klassisches Grundnahrungsmittel mehr.
Warum der Baguette-Verzehr in Frankreich zurückgegangen ist
Wie Umfragen der CNBPF zeigen, hat mehr als ein Drittel der französischen Bevölkerung seinen Brotkonsum insgesamt reduziert. Auch die Statistiken belegen: Der Baguette-Verzehr in Frankreich ist seit Jahrzehnten rückläufig. In der Fachzeitschrift „Les Nouvelles de la Boulangerie-Pâtisserie“ wird auf Zahlen des Observatoire du Pain hingewiesen, einer anerkannten französischen Referenzinstitution. Diesen zufolge sank der durchschnittliche Konsum von rund 140 Gramm Brot pro Person und Tag in den 2000er-Jahren bis Mitte der 2010er-Jahre auf etwas über 100 Gramm.
Verschiedene Faktoren haben zu dieser Entwicklung beigetragen. Hierzu zählt ein gesteigertes Bewusstsein für gesunde Ernährung ebenso wie für Lebensmittelverschwendung. Laut einer Untersuchung der Umweltorganisation Too Good To Go landen bei sechs von zehn Personen, die Baguette kaufen, regelmäßig hart gewordene Teile des Weißbrots im Müll. Deshalb greifen auf der anderen Seite vermehrt Verbraucher zu länger haltbaren Brotsorten.
Veränderte Ernährungsgewohnheiten verdrängen das Baguette
Passend zu diesen veränderten Trends ist ein Aufstieg sogenannter „Neobäcker“ zu beobachten. Dabei handelt es sich um neuartige Betriebe, die auf alternative Brotsorten setzen, wie zum Beispiel Sauerteigbrote, die auch bei uns in Deutschland seit einiger Zeit sehr beliebt sind, sowie Vollkornbackwaren. Diese Brote sind nicht nur länger haltbar, sondern punkten auch mit einem vollwertigeren Image. Sauerteig etwa gilt als leichter verdaulich und wertvoller Nährstofflieferant, der aufgrund seines behutsameren Einflusses auf den Blutzuckerspiegel zudem länger satt machen soll.
Daneben gehen junge Menschen heute mehr auswärts essen, erklärt Dominique Anract. Fast Food habe das Kochen zu Hause verdrängt und somit auch einen Teil der Baguette-Tradition.
Diese deutsche Brotsorte gehört zu den 50 besten der Welt
Wirtschaftlicher Druck auf Bäckereien verstärkt das Problem
Wirtschaftlicher Druck auf handwerkliche Bäckereibetriebe verstärkt die Baguette-Krise. Darauf machten im Januar 2023 Hunderte Bäcker in Paris mit Demonstrationen aufmerksam. Viele von ihnen trugen Schürzen und Baguettes in der Hand, andere nur Plakate mit ihrer Botschaft. Sie verwiesen auf die Anerkennung des Nationalbrotes als immaterielles Kulturerbe durch die UNESCO. Das Kulturgut soll geschützt werden, doch die Menschen, die es herstellen, stehen vor enormen Herausforderungen – unter anderem durch steigende Energie- und Rohstoffpreise, hohe Betriebskosten und die Konkurrenz industrieller Massenware.
Möglichkeiten, der Baguette-Krise zu begegnen
Gleichzeitig zeigen die aufgezeigten Konflikte Möglichkeiten auf, den veränderten Ansprüchen und somit der „Baguette-Krise“ zu begegnen. Hierbei steht die offenbar nötige Unterstützung handwerklicher Betriebe weit vorne. Daneben schlägt die Initiative Too Good To Go etwa vor, das Baguette – traditionell ist es 65 Zentimeter lang – kleiner zu backen, um die Verschwendung von hart gewordenen Teilen zu vermeiden. Auch könnte man die Ansätze von Neobäckereien als sinnvolle Impulse betrachten und Baguettes beispielsweise mit Vollkornmehl und aus Sauerteig herstellen, um gesundheitsbewusste Konsumenten anzusprechen.
Man muss aber auch sagen: Die vermeintlichen Lösungen vermögen es vielleicht, die Lebensfähigkeit des Baguettes im Alltag zu verlängern, und womöglich können sie die Backkunst im Allgemeinen sichern. Allerdings gehen sie im Zweifelsfall mit einer Veränderung des Produkts einher. Denn klar ist natürlich auch: Ein Sauerteig-Baguette ist kein klassisches Baguette. Zwischen Tradition und Moderne muss ein Balanceakt gefunden werden, wenn das Kulturgut Baguette überleben soll. Wie dieser aussehen könnte, bleibt wohl bis auf Weiteres unklar.