3. Dezember 2025, 7:11 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Sushi, Ramen, Matcha und mehr: Japanische Speisen und Getränke sind in Deutschland längst ein schierer Hype. Doch auch umgekehrt können einige deutsche kulinarische Kulturgüter die Japaner überzeugen – eines davon ganz besonders: der gute alte Baumkuchen. Dort ist er als „Baumukuhen“ so beliebt, dass er inzwischen gar als einheimische Spezialität gilt. Wie es dazu gekommen ist?
In der Weihnachtszeit ist in Deutschland Hochsaison für Plätzchen, Stollen und andere klassische Festtagsgebäcke. Auch der Baumkuchen gehört traditionell dazu. In Japan dagegen ist sein Genuss keineswegs auf die Winterzeit beschränkt. Dort sei Baumkuchen sogar noch beliebter als bei uns und geradezu „allgegenwärtig“, heißt es etwa auf der Plattform Reddit. Man bekomme ihn, einzeln verpackt, in jedem Konbini, also jedem Mini-Markt. Nutzer berichten zudem von einem großen Kaufhaus in Tokio, das sogar eine eigene offene Baumkuchen-Bäckerei betreibt, in der Besucher zuschauen können, wie das Gebäck Schicht für Schicht entsteht.
Wie Baumkuchen nach Japan kam
Es soll bereits im Mittelalter in Italien Gebäck gegeben haben, das in seiner Schichttechnik an heutigen Baumkuchen erinnert. Allgemein gilt jedoch, dass die moderne, heute populäre Form des Feingebäcks erstmals in Deutschland entstand – genauer gesagt in Salzwedel. Dort soll, so heißt es auf der Website der Traditionskonditorei Königlicher Salzwedeler Baumkuchen, im Jahr 1843 die Wirtsfrau Luise Lentz in einem Gasthof erstmals den köstlichen „Baumkuchen“ serviert haben.
Einige Jahre später wurde der „König der Kuchen“, wie er oft genannt wird, in Japan „von einem deutschen Kriegsgefangenen des Ersten Weltkriegs eingeführt, der zufällig Bäcker war“, berichtet ein Nutzer auf Reddit. Gemeint ist Karl Joseph Wilhelm Juchheim. Der rheinhessische Konditor war 1909 nach Qingdao in China gegangen, um in deutschen Betrieben zu arbeiten. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde er interniert und in das Gefangenenlager Bandō in Japan gebracht.
Das Geheimnis des perfekten Franzbrötchens
Wo der Glückskeks wirklich herkommt
Kriegsgefangenenausstellung machte das Gebäck bekannt
Während seiner Internierung nahm Juchheim wie andere Kriegsgefangene auch an einer großen Ausstellung in Tokushima teil. Dort stellte er vor Publikum Baumkuchen her. Dies ist die erste belegte öffentliche Präsentation des Gebäcks in Japan und im Ausstellungskatalog des Bandō POW Museums dokumentiert.
Nachdem Karl Juchheim aus der Internierung entlassen worden war, gründete er im Jahr 1921 zusammen mit seiner Frau eine Konditorei in Yokohama – richtig: in einer der Städte, die nur zwei Jahre später vom Großen Kantō-Erdbeben erschüttert wurden. Die Naturkatastrophe, die zu den verheerendsten der japanischen Moderne zählt, zerstörte das frisch aufgebaute Geschäft der Juchheims. Sie verließen Yokohama und wagten mit einer Konditorei in Kobe einen Neuanfang. Baumkuchen behielten sie konsequent im Sortiment – er wurde das Aushängeschild des Geschäfts und machte es immer bekannter.
Nach dem Tod von Karl Juchheim übernahm seine Frau die Leitung. Dies war im Jahr 1945, zum Ende des Zweiten Weltkriegs also – einer Zeit, in der westliche Süßwaren in Japan zunehmend beliebter wurden, wie die Lebensmittelhistorikerin Katarzyna Cwiertka in ihrem Buch „Modern Japanese Cuisine“ schreibt. Sie galten demnach als modern und hochwertig und wurden auch gern als exklusive Aufmerksamkeiten verschenkt. Die Konditorei Juchheim profitierte von diesem Trend, und bald eröffneten weitere auf Baumkuchen spezialisierte Bäckereien in Japan. Über die Jahre hat er sich fest etabliert.
Japanischer Baumkuchen verglichen mit deutschem
Während in Deutschland und speziell in Salzwedel noch heute mehrere traditionelle Konditoreien existieren, die Baumkuchen nach Originalrezept zubereiten, ist man in Japan experimentierfreudiger. Dort gibt es das Gebäck in den unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen. Auch kann es beispielsweise in Eisbechern landen.
Ein Nutzer auf Reddit merkt an, dass sich die Konsistenz des japanischen Baumkuchens von der des „echten“ deutschen unterscheide: Er sei „saftiger und fluffiger“. Während einige ihn als weniger süß empfinden, finden andere ihn deutlich süßer. Es ist wahrscheinlich, dass es eine Vielzahl unterschiedlicher Interpretationen gibt, was auch zeigt, wie sehr das Gebäck über Landesgrenzen hinweg adaptiert und geschätzt wird.

