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Internationaler Disput

Bizarrer Streit um diesen unbewohnten Felsen mitten im Meer

Rockall ist ein unbewohnter Felsen im Nordatlantik
Rockall ist ein unbewohnter Felsen im Nordatlantik Foto: picture alliance / NHPA/Avalon | Paulo de Oliveira
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Anna Wengel
Freie Autorin

5. Januar 2026, 18:29 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Ein Felsen im Nordatlantik ist seit mehr als 50 Jahren Gegenstand eines Streits zwischen dem Vereinigten Königreich, Irland, Dänemark und Island. Was es mit dem Disput um „Rockall“ auf sich hat und wieso die Länder Interesse an dem kleinen, unbewohnten Felsen inmitten des Ozeans haben – TRAVELBOOK informiert.

Die Briten wollen ihn, die Iren wollen seine Unabhängigkeit, die Dänen und Isländer wollen den Boden um ihn herum: Der kleine Felsen Rockall ist seit vielen Jahren Dauerstreitthema der Nachbarländer. Und nicht nur Großbritannien, Irland, Dänemark und Island mischen dabei mit. Auch Greenpeace schaltete sich in der Vergangenheit ein und errichtete auf Rockall kurzzeitig sogar einen eigenen Staat. Die ungelöste Geschichte von Rockall.

Was und wo ist Rockall?

Erstmals offiziell vermerkt ist Rockall offenbar auf einer portugiesischen Karte aus dem Jahr 1550. Dort als „Rochol“ bezeichnet, gibt es verschiedene Theorien zum Namen des Vulkangipfels, der, weit entfernt vom Festland, im Nordatlantik zwischen 17 und 21 Meter hoch aus dem Wasser ragt. Das mit Guano bedeckte Eiland liegt etwa 354 Kilometer westlich der schottischen Inselkette Äußere Hebriden. Rund 425 Kilometer ist es von Irland entfernt.

Der Fels ist gerade einmal 25 Meter breit und 30 Meter lang (am Sockel), unbewohnt und auch kaum bewohnbar. Auch deshalb, weil der Granitfelsen mitunter von hochhaushohen Wellen frequentiert wird, wie der TV-Sender Arte in einer Dokumentation berichtet. Unter anderem wird der Name „Rockall“ auf „Rocabarra“ zurückgeführt, seinerseits ein Felsen aus der gälischen Mythologie, dessen drittes Auftauchen das Ende der Welt bedeuten soll. Auch das gälische „Roc-ail“, übersetzt je nach Quelle „ganz Fels“ oder „brüllend“, wird vermutet. Gesichert ist keine der Theorien.

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Britische Annexion 1955

Die streitbare Geschichte um den kleinen Felsen beginnt später, Mitte des vergangenen Jahrhunderts, und damit mitten im Kalten Krieg. Bereits im 19. Jahrhundert, genauer seit dem Jahr 1811, interessieren sich die Briten für den Felsen im Nordatlantik, nachdem Matrosen der Royal Navy ihn zunächst erklommen und andere Militärs seine Position während einer Expedition 20 Jahre später vermessen haben. Doch wichtig wird er für das Vereinigte Königreich erst, als dieses Atomraketen testen will und Angst hat, die Sowjets könnten sie von dem Niemandsland aus ausspionieren. Daraufhin annektiert Großbritannien den Steinriesen am 18. September 1955, inklusive Flaggenhissen und Tafelanbringen. Mit dem Island of Rockall Act aus dem Jahr 1972 wird Rockall zu einem Teil des Vereinigten Königreichs und gehört fortan zu Schottland. Der Felsen verwandelt sich kurzerhand in eine Insel. Damit untersteht Rockall fortan dem Seerechtsabkommen der Vereinten Nationen, was bedeutet, dass sich die britischen Ansprüche über den Felsen hinaus ins Meer erstrecken, wo neben Fischaufkommen auch Öl vermutet wird. Zumindest in der Theorie.

Britische Annexion Rockalls am 18. September 1955
Britische Annexion Rockalls am 18. September 1955 Foto: picture alliance/United Archives | 91050/United_Archives/TopFoto
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Streit um Rockall

Die britischen Ansprüche rufen wiederum die Iren auf den Plan, die der Zugehörigkeit Rockalls, der umliegenden Gewässer sowie des Meeresbodens zum britischen Empire widersprechen. Sie erklären, Rockall sei nicht bewohnbar, womit Großbritannien – nach einer neuen Version des Seerechts – keine Ansprüche auf das umliegende Gewässer inklusive Meeresboden, Öl-, Gas- und Fischvorkommen habe. Die Briten unterzeichnen die Konvention mit diesem Artikel (Art. 121,3 SRÜ) erst einmal nicht und der Streit geht weiter.

Im Versuch, die Besitzansprüche seines Landes zu stärken, erklimmt der ehemalige britische Soldat Tom McClean im Jahr 1985 die Insel. 40 Tage bleibt er dort und beweist damit, dass Rockall zumindest zeitweilig bewohnbar ist.

Die Verhandlungen zwischen Irland und Großbritannien gehen weiter. Im November 1988 einigen sie sich schließlich auf ein Abgrenzungsabkommen über den Meeresboden in der Region. Mit diesem nicht einverstanden, schalten sich jetzt Dänemark und Irland ein. Sie bekräftigen ihrerseits eigene Ansprüche auf den Meeresboden in der Region.

Rockall wird Hauptstadt von Waveland

Gut zehn Jahre später, im Jahr 1997, gibt es einen neuerlichen Streit um Rockall, allerdings mit neuem Hauptakteur. Im Westen des Granitfelsens wird mittlerweile nach Öl und Gas gesucht – das wiederum passt der Umweltschutzorganisation Greenpeace nicht. Die schickt im Rahmen ihrer Kampagne „Atlantic Frontier Campaign“ drei Aktivisten nach Rockall, die den Felsen besetzen und wenige Tage später für unabhängig erklären. Von Rockall aus ruft Greenpeace den neuen Weltstaat Waveland aus, eine Mikronation, deren Hauptstadt fortan Rockall sein soll. Die Aktivisten bleiben 42 Tage – und damit länger als jeder andere. Zumindest bis jetzt. Während und als Teil dieser Greenpeace-Aktion zum Schutz des angrenzenden Meeres vor Ölverschmutzungen durch Bohrungen beantragen rund 15.000 Menschen die Staatsangehörigkeit Wavelands. Es gibt Pässe, Briefmarken und sogar Botschafter. Waveland bricht schließlich zusammen, doch die Greenpeace-Aktion zeigt Wirkung.

Großbritannien erkennt das UN-Seerechtsübereinkommen schließlich an, inklusive der schwächenden Klausel. Geklärt ist der Streit zwischen den Ländern damit jedoch nicht. Weiterhin beansprucht das Vereinigte Königreich Rockall für sich, inklusive des umliegenden Küstenmeeres, während Irland dem Anspruch weiterhin widerspricht. So geraten Schottland und Irland regelmäßig über die Fischereirechte in der Region in Disput und die Geschichte geht weiter.

Zwischendrin stellte übrigens ein weiterer Brite einen neuen Rekord auf Rockall auf: 45 Tage verbrachte Nick Hancock im Jahr 2014 auf dem Felsen – und damit länger als alle anderen, die dort seit dem 19. Jahrhundert verweilten.

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