30. September 2026, 17:03 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Kürzlich durchquerte unser Autor in nur vier Tagen zu Fuß den Mini-Staat Liechtenstein. Und staunte unterwegs bei seiner Wanderung immer wieder über Dinge, die ihn in der Alpen-Mikronation überraschten – und zwar keineswegs immer positiv. Hier verrät er seine Liste der Dinge, die ihn auf seiner Tour am meisten verblüfften.
Ich liebe in meinem Leben als Weltreisender nur wenig mehr, als einen neuen Ort für mich zu entdecken. Wenn es dann gar ein ganzes Land ist, in dem ich noch nie zuvor gereist bin: umso besser, umso aufregender. Insofern war ich voll gespannter Ungeduld, als ich kürzlich eine Wanderreise nach Liechtenstein unternahm. In nur wenigen Tagen einmal durch das gesamte Land laufen, in dem Mini-Staat ist das möglich. Dabei sah und erlebte ich dann auch viele Dinge, die mich an der kleinen Alpen-Nation überraschten – und das leider keineswegs immer nur im positiven Sinne. Hier ist meine Liste der Dinge, die mich so richtig erstaunten.
Liechtenstein ist nach einem Menschen benannt
Wie man seinen Namen in das kollektive Gedächtnis der Geschichte einbrennt, macht nicht zuletzt gerade ein gewisser Präsident in den USA auf beschämende Weise vor. Man benennt einfach Dinge nach sich. Ein ganzes Land aber, da musste selbst ich als Vielgereister erstmal schmunzeln. Denn Liechtenstein war ursprünglich der Name einer Familie, und zwar einer der reichsten überhaupt während der Dynastie der Habsburger. Seit dem 10. Jahrhundert hatte der heutige Staat wechselnde Besitzer. 1699 dann kaufte Fürst Adam I. Andreas von Liechtenstein zunächst die Herrschaft Schellenberg, 1712 dann die Grafschaft Vaduz. Am 23. Januar 1719 fusionierte Kaiser Karl VI. diese gemeinsam zu einem neuen Land, nämlich dem heute noch existierenden Reichsfürstentum Liechtenstein.
Noch skurriler: Bis 1928 hatte das Fürstentum einen ausländischen Verwalter, die herrschende Adelsfamilie selbst lebte bis 1938 lieber in Wien. Seitdem residiert sie im Schloss Vaduz, spektakulär auf einem Hügel oberhalb der Hauptstadt der Mikro-Nation gelegen. Seit 1989 regiert Fürst Hans-Adam II. sein Land. Auf meiner Wanderung sagten mir ein paar Einheimische lachend, meist sei er aber gar nicht auf seinem Schloss. Sondern im Wald, wo er es liebte, leicht bekleidet herumzustreifen. Danach habe ich auf meiner Tour besonders rund um Vaduz stets Ausschau gehalten, aber habe keinen „Verdächtigen“ entdecken können. Erst kürzlich war Liechtenstein mal wieder in den Schlagzeilen: Man wolle in der Erbfolge ab sofort auch weibliche Mitglieder berücksichtigen, hieß es dort. Fortschritt kommt eben nicht immer von heute auf morgen.
Liechtenstein ist für ein Land unglaublich klein
Eigentlich sagt meine Unternehmung in Liechtenstein schon alles. Die Möglichkeit zu haben, in maximal fünf Etappen und wenigen Tagen durch ein gesamtes Land zu laufen, gibt es sonst so nirgendwo anders auf der ganzen Welt. Ich hatte daher sogar vorab fälschlicherweise gedacht, das Land sei ein Stadtstaat. Liechtenstein hat eine Fläche von gerade einmal 160 Quadratkilometern. Zum Vergleich: Berlin ist mit 891 Quadratkilometern mehr als fünfmal so groß wie der gesamte Staat. Alleine mein Heimatbezirk Spandau ist mit knapp 92 Quadratkilometern bereits mehr als halb so groß. Die Hauptstadt Vaduz hat nicht einmal 6000 Einwohner, und damit mehr als dreimal weniger als Grönlands Kapitale Nuuk. Trotz der geringen Größe gibt es 11 liechtensteinische Gemeinden. Je nach deren Höhenlage gehören diese zum Oberland bzw. zum Unterland. Liechtenstein ist das sechstkleinste Land weltweit.
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Der Liechtenstein-Weg ist unglaublich schlecht ausgeschildert
Stellen Sie sich einmal vor, Sie wollten den 300. Geburtstag Ihres Fürstentums so richtig gebührend feiern. Und anlässlich dieses ehrenvollen Tages einen Wanderweg einweihen, der weltweit einzigartig ist, weil man auf ihm ein ganzes Land zu Fuß durchqueren kann. Würden Sie dann nicht alles daran setzen, diesen nicht nur möglichst attraktiv zu gestalten, sondern auch sinnvoll auszuschildern? Nun, ich muss leider aus Erfahrung sagen, beides ist den Machern des Liechtenstein-Weges nur so mittelprächtig gelungen. Höchstens. Vor allem innerorts ist die Ausschilderung für die Strecke teilweise derart verwirrend, dass ich mich, versierter Wanderer seit Jahren, mehrfach hoffnungslos verlief. Irgendwie wirkt es so ein wenig, als sei den Initiatoren irgendwann die Lust ausgegangen, den Weg anständig auszuweisen.
Da verpasst man seinen Abzweig, weil die Schilder in der Ortslage kaum sichtbar angebracht sind. Oder auch gleich ganz fehlen. Da wird man durch ein ganzes Dorf komplett über Asphalt geleitet, obwohl es dort nicht das Geringste zu sehen gibt. Da zeigen Schilder mitunter sogar in zwei Richtungen gleichzeitig, sodass der weitere Weg zum ermüdenden Ratespiel wird. Ich dachte anfangs, meine tägliche Desorientierung läge daran, dass ich den Weg genau andersherum absolvierte, als es die offizielle Website empfahl. Innerhalb von vier Tagen traf ich aber einige andere Wanderer in unterschiedlichen Stadien der Frustration, die sich genauso wie ich bereits mehrfach verirrt hatten.
Die Liechtensteiner sind überaus freundlich und ortskundig
Das führt mich zu meiner nächsten Überraschung, und zwar einer durchweg positiven. Ich habe noch nirgendwo auf der Welt so viele patente und ortskundige Menschen getroffen, wenn ich mal wieder nicht weiterwusste. Und das war tatsächlich jeden Tag mindestens einmal der Fall. Egal in welchem Alter, meine Gesprächspartner wussten eigentlich immer, wo es für mich denn jetzt weitergehen würde. „Ach ja, da vorne fehlt das Schild“, „Die alte Römerstraße, die ist da hinten“ – stets erhielt ich eine fachkundige Information, die mich zuverlässig vor dem Durchdrehen bewahrte. Denn nichts hasst ein Wanderer mehr als unklare Ausschilderungen.
Zudem waren die Liechtensteiner unglaublich freundlich. Als ich einen Herren bat, mir meine Wasserflasche wieder aufzufüllen, schenkte er mir dazu noch zwei weitere. Marke Evian, standesgemäß, das Land ist eines der reichsten der Welt. In einer Bäckerei packte mir die Verkäuferin ein belegtes Brötchen umsonst mit in meine Einkaufstüte. Zwei Senioren luden mich auf die Terrasse ihres bereits seit Jahren geschlossenen Restaurants ein, als ich sie nach der Möglichkeit fragte, irgendwo ein kühles Bier zu trinken. In Vaduz servierte man mir ein herrliches Käsefondue, obwohl das eigentlich erst ab zwei Personen zu bestellen war. Und bei einem besonders frustrierenden Umweg durch einen Ort wegen schlechter Ausschilderung brachte mich ein junger Mann kurzerhand mit seinem Auto an den richtigen Anschlusspunkt.
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Liechtenstein hat keinen Flughafen, keine Autobahn, kein Militär
Wollen die Liechtensteiner in den Urlaub fliegen, müssen sie dazu ins Ausland. Die nächstgelegenen Airports sind in Friedrichshafen, St. Gallen oder Zürich. Eine Autobahn gibt es ebenfalls nicht, aber fahren die Menschen meiner Erfahrung nach dennoch so schnell wie eben möglich. Leider führte nämlich ein nicht unerheblicher Teil des Liechtenstein-Weges direkt neben Straßen her. In gerade einmal knapp anderthalb Stunden durchquert der Bus der Linie 11, aus dem österreichischen Feldkirch kommend, das gesamte Land bis zur Endstation in Sargans in der Schweiz. Liechtenstein ist außerdem eines von nur vier Ländern auf der ganzen Welt, das kein eigenes Militär hat. 1799 war man zum letzten Mal Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen, als Napoleons Truppen auf dem Weg nach Österreich hier plündernd und brandschatzend durchmarschierten.
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In Liechtenstein sind die Nummernschilder schwarz
Eine Sache, um die ich die Liechtensteiner sofort beneidete, sind ihre coolen schwarzen Nummernschilder auf jedweder Karosse. Damit ist das Land der letzte europäische Staat, der diese ungewöhnliche Färbung beibehalten hat. Vorne steht immer das Kürzel FL für „Fürstentum Liechtenstein“. Während andere Länder wegen der vermeintlich besseren Lesbarkeit irgendwann zu weißen bzw. gelben Schildern wechselten, hat man hier seit der Einführung 1916 unverändert das Schwarz beibehalten. Der Anteil an hochpreisigen Wagen der Luxusklasse war hier übrigens besonders hoch. Genau wie der an Elektro-Autos.
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Liechtenstein wirkt mitunter wie eine Modellbau-Landschaft
Aufgrund der geringen Größe des Landes wirkte es für mich, gerade aus der Höhe betrachtet, mitunter wie eine beschauliche Modellbau-Landschaft. An einem besonderen Abend, auf 1000 Meter Höhe, stellte ich mir genau das vor, und beobachtete stundenlang das Vorbeifahren der kleinen Züge und das Glitzern der Lichter im Tal. Auch die Innenstadt von Vaduz wirkt wie eine Miniaturausgabe einer „echten“ Metropole. In nur knapp 10 Minuten hat man sie durchlaufen, schmunzelt zum Beispiel über das wie das Knusperhaus aus Grimms Märchen aussehende Parlamentsgebäude. Meine Kollegin Lena Braun hat diesem Phänomen bei TRAVELBOOK bereits einen ganzen Artikel gewidmet.