5. Oktober 2026, 7:22 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten
In dem kleinen europäischen Fürstentum Liechtenstein gibt es einen weltweit einzigartigen Wanderweg. Auf einer Strecke von 75 Kilometern kann man hier in fünf Etappen einmal das ganze Land und all seine elf Gemeinden zu Fuß kennenlernen. TRAVELBOOK-Autor Robin Hartmann war vier Tage auf dem Liechtenstein-Weg unterwegs. Was eine magische Nacht damit zu tun hatte und warum man lieber einen Tag Puffer für die Strecke einplanen sollte.
Ich sitze mitten im Nirgendwo, auf knapp 1000 Metern Höhe, und vor mir offenbart sich eine Welt im Miniaturformat. Unten im Tal leuchten Tausende von Lichtern in der klaren Nacht, am Himmel sind es noch einmal deutlich mehr. Ein magischer Anblick: Am Ende meines dritten Tages auf dem Liechtenstein-Weg habe ich ihn, um eine weitere Kehre biegend, völlig unerwartet gefunden. Eine gefühlte Ewigkeit bin ich bereits unterwegs, und jetzt liegt mir plötzlich scheinbar das ganze Land zu Füßen wie eine Modellbau-Szenerie. Die kalte, würzige Luft einatmen, das Ausatmen nicht vergessen, ansonsten nur staunen über die Erhabenheit dessen, was auf mich, man kann es nicht anders sagen, wie göttliche Schöpfung wirkt.
Zugegeben, mit derartigen sprichwörtlichen Höhepunkten hatte mich der Liechtenstein-Weg bis dahin eher nicht verwöhnt. Im Gegenteil, ein ums andere Mal hatte ich mich gefragt, was ich eigentlich hier machte. Dabei hatte ich so lange davon geträumt, diese weltweit einzigartige Wanderung einmal persönlich zu laufen. Denn auf gerade einmal 75 Kilometern Strecke kann man hier auf fünf Etappen das gesamte Fürstentum zu Fuß durchqueren und kommt dabei durch alle seine elf Gemeinden. Wie traumhaft hatte das geklungen und wie ernüchternd war nun teilweise die Realität gewesen.
Keine idealen Voraussetzungen
Ich gebe zu, die Voraussetzungen spielten nicht unbedingt zugunsten des Liechtenstein-Weges. Zuvor war ich fünf Tage in der absolut spektakulären, wilden Natur um das österreichische St. Anton am Arlberg gewandert und war ob der archaischen Bergwelt aus dem Staunen gar nicht mehr herausgekommen. Nun hatte ich mir also vier Tage Zeit genommen, um ganz Liechtenstein einmal zu erkunden. Doch bis ich wirklich zur Seele dieses so kleinen Landes vorstieß, sollte es eine ganze Weile dauern und auch jede Menge Nerven kosten. Denn der Liechtenstein-Weg, man kann es leider nicht anders sagen, ist in Teilen absolut katastrophal ausgeschildert. Beziehungsweise auch manchmal gar nicht. Und es gibt wohl kaum etwas, das ein leidenschaftlicher Wanderer mehr hasst.
Die Tour beginnt frohen Mutes am Bahnhof des österreichischen Ortes Feldkirch. Von dort fährt die Buslinie 11 nach Liechtenstein hinein, in knapp anderthalb Stunden einmal durch das gesamte Land und bis nach Sargans in der Schweiz. Ich steige jedoch schon kurz nach der Passkontrolle an der Grenze wieder aus, kaum zehn Minuten Fahrt, Schauplatz Zollamt Schaanwald. Hier soll meine Tour beginnen und sogleich sehe ich auch ein verheißungsvolles Schild mit der Aufschrift „Wanderweg“. Dieser führt dann in der Folge durch das Naturschutzgebiet Maurer Riet, Richtung Mauren. Aber leider nicht direkt dorthin, denn aufgrund einer unklaren Ausschilderung an einem Abzweig gehe ich das erste von am Ende unzähligen Malen falsch. Zwar nur kurz, aber das macht etwas mit dem Kopf. Eine Wanderung ist ja vor allem dann schön, wenn man nichts anderes als einfach nur laufen muss, weil man sich auf die Streckenführung absolut verlassen kann. Nun, auf dem Liechtenstein-Weg hatte ich mich leider nicht das letzte Mal verlaufen. Das war quasi nur ein kleiner Vorgeschmack gewesen.
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Viel Asphalt
Einmal in Mauren, lerne ich eine andere, ziemlich nervige Eigenschaft der Strecke kennen. Denn diese führt teils dank der wirklich absurdesten Umwege und Wirrungen einmal durch einen kompletten Ort. Keine Milchkanne, die man unterwegs ausließe. Was den Anteil an Asphalt, auf dem man sich auf den 75 Kilometern bewegt, leider drastisch erhöht. In meinem Fall laufe ich nun also durch ein Wohngebiet. Mit wirklich luxuriösen, architektonisch hochmodernen Häusern. Dann noch vorbei an der örtlichen Kirche. Mehr oder weniger der einzige verlässliche Fixpunkt übrigens, wenn Sie sich, wie ich, des Öfteren innerhalb eines Ortes hoffnungslos verlaufen sollten.
Ein erster Wow-Moment, als dann hinter Mauren die Obere Burg Schellenberg eine kurze Rast und einen grandiosen Ausblick auf die Berge offenbart. Anschließend geht es endlich durch Wald, vorbei an der Ruine der Unteren Burg – und verlässlich auf das erste richtig große Ärgernis der Tour zu. Denn ab der Ruine folge ich den Schildern, die besagen, dass es bis zu meinem Tagesziel Ruggell noch gerade einmal 45 Minuten sind. Hochmotiviert schliddere ich den schlammigen Waldweg runter, folge weiterhin den Hinweisen. Und stehe an der nächsten Kreuzung plötzlich mit dem Paukenschlag da: Bis nach Ruggell seien es von hier aus noch eine Stunde und vierzig Minuten, heißt es plötzlich.
Örtliche Balzrituale
Es dunkelt schon und so suche ich mir irgendwann nahe dem Ort einen ruhigen Schlafplatz. Den Ärger etwas verdampfen lassen. Zuvor hatte ich mich nämlich ob mangelhaft angebrachter (und kaum noch sichtbarer) Beschilderung mal wieder verlaufen. Am nächsten Morgen leitet mich der Liechtenstein-Weg dann einmal durch ganz Ruggell, bevor ich über ein Waldstück nach Gamprin gelange. Dann entlang der Ufer des Rheins nach Bendern mit seiner schönen Kirche.
In Eschen lädt mich ein nettes Paar auf die Terrasse seines bereits seit Längerem geschlossenen Gasthauses auf ein Bier ein. Die Restaurants würden überall entlang des Liechtenstein-Weges langsam aussterben. Keiner wolle mehr im Service arbeiten. Corona habe da viel kaputtgemacht, auch in einem vergleichsweise so wohlhabenden Land. Meine Laune steigt, als ich in einer Bäckerei bei einem Kaffee und einem süßen Teilchen die Dorfjugend bei ihren Balzritualen beobachten darf. Ein Junge, vielleicht 15, fährt auf seinem Traktor vor und stoppt ihn auf einem normalen PKW‑Parkplatz. Die anderen drehen abwechselnd knatternd ein paar Runden auf zwei alten, frisierten Mopeds. Als hätte mein Nervensystem geahnt, dass es diese Kraftreserven brauchen würde, leitet mich die Strecke weiter zum Etappenziel Nendeln. Und zielsicher in die nächste Katastrophe.
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Die kleinste Hauptstadt Europas
Hier führt der Liechtenstein-Weg zunächst durch ein Industriegebiet. Und in der Folge direkt entlang einer stark befahrenen Schnellstraße. Müßig zu sagen, dass die Ausschilderung innerorts derart verwirrend ist, dass ich erst einmal mehrere zunehmend frustrierte Ehrenrunden drehe. Anschließend wird es dann aber endlich wieder mal so richtig schön, als ich mich einen steilen Waldweg nach Planken hochquäle. Die kleinste Gemeinde Liechtensteins empfängt mit erhabenen Ausblicken auf Tal und Berge. Ansonsten glänzt sie aber wie jeder Ort bislang auch durch völlige Abwesenheit jedweder Sehenswürdigkeiten.
Der dritte Tag beginnt bei absolutem Kaiserwetter mit der Besteigung eines Aussichtsturms über Schaan und schon bin ich in die Hauptstadt Vaduz gelaufen. Die kleinste Hauptstadt Europas hat nicht einmal 6000 Einwohner. Das Zentrum, an einer Haltestelle tatsächlich liebevoll als „Städtle“ bezeichnet, präsentiert sich sauber, aufgeräumt, attraktiv. Hier ist es dann auch, wo man die wenigen Touristen des am wenigsten besuchten Landes auf unserem Kontinent trifft. Und zwar alle auf einmal, was nach gefühlt hundert Jahren Einsamkeit auf dem Rest der Strecke dann doch ein mittelschwerer Schock ist.
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Käse-Fondue und Ausblicke
Neben der sehenswerten Museumsmeile gibt es hier endlich auch gleich eine ganze Auswahl an Restaurants und in dem noblen „Chapter Two“ serviert man mir dann tatsächlich ein göttliches Käse-Fondue, nachdem ich meine traurigsten Welpenaugen aufgesetzt habe. Normalerweise gibt es das hier nämlich nur für zwei Personen. Keine so kluge Wahl allerdings angesichts der Tatsache, dass es nun, vorbei am Schloss Vaduz, dem nicht zugänglichen Sitz der Fürstenfamilie, auf dem Liechtenstein-Weg für die nächsten Stunden insgesamt 700 Höhenmeter steil bergauf geht. Der Lohn ist jedoch ungleich größer, als ich dann bei dem denkmalgeschützten Gehöft Prufatscheng auf das weite Land unter mir staune. Ein wahrhaft unglaublicher Anblick, der die ganze Schönheit des kleinen Landes in all seiner Glorie offenbart.
Was folgt, ist der eingangs erwähnte Abend unter dem Glanz der Lichter im Tal und am Himmel. Eine Aussicht, an der ich mich einfach nicht sattsehen kann. Stundenlang genieße ich dieses Open-Air-Kino auf meinem Logenplatz, einer Bank vor einem alten Bauernhaus. In der Dämmerung hatten zuvor noch ein paar Gämsen gegrüßt, jetzt scheint die ganze Welt auf die Größe einer Spielzeug-Landschaft komprimiert. Frisch ausgeruht geht es am nächsten Morgen zu einem üppigen Frühstück in Triesenberg, dann steil hinab auf Waldwegen ins Tal. Heute verlaufe ich mich einmal nicht, denke ich hochmotiviert, und tappe dann folgerichtig in Triesen natürlich in die nächste innerörtliche Falle.
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Zum Abschluss ein Festmahl
Hier ist die Ausschilderung des Liechtenstein-Weges derart verwirrend, dass sich irgendwann ein netter Einheimischer meiner erbarmt und mich mit seinem Auto am nächsten Anschlusspunkt wieder absetzt. Ich fühle mich in meinem Wanderstolz ultimativ gedemütigt, zumal ich vorab auch bereits mehrmals vergeblich versucht hatte, Google Maps zurate zu ziehen. Mit gemischten Gefühlen geht es dementsprechend nun nach Balzers, dem Ziel der letzten Etappe. Übrigens empfiehlt die offizielle Website des Trails, diesen dort zu starten. Aber da ich schon immer meinen ganz eigenen Kopf hatte, dachte ich mir vorab: Ich laufe einfach andersherum, was soll schon schiefgehen? Vier Damen, aus der „richtigen“ Richtung entgegenkommend, bestätigen mir aber, sie hätten sich gleich zu Beginn auch erst mal gehörig verlaufen.
Was bleibt, ist der triumphale Einzug nach Balzers, wo sämtliche Gaststätten an einem Sonntag geschlossen haben, nicht aber der örtliche Coop-Supermarkt. Ich besteige dann noch den 60 Meter hohen Hügel, auf dem die imposante Burg Gutenberg hoch über der Rheinebene thront. Ich kann immer noch nicht glauben, dass es das jetzt gewesen sein soll. Immerhin bin ich einmal quer durch ein ganzes Land gelaufen, wo also ist meine verdammte Parade? Doch auch hier, wie im Rest des Landes, sind die Straßen leer. Es mehrt sich der Eindruck, durch ein gewaltiges Museumsdorf gelaufen zu sein. Ein ganzes Land, und ich war vier Tage da, habe aber gefühlt kaum etwas gesehen, kaum irgendwo echte Berührungspunkte gehabt. Immerhin, ein standesgemäßes Abschiedsbankett bekomme ich dann doch noch. Vor dem Supermarkt grillen sie Würstchen.