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Warum man eigentlich nicht in die Vereinigten Arabischen Emirate reisen sollte

Nebliges Dubai
Dubai entwickelt sich zum immer beliebteren Reiseziel. Zurecht?
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Wer nicht genauer hinschaut, der wähnt sich als Tourist in den Vereinigten Arabischen Emiraten im fast perfekten Urlaubsparadies: Für verhältnismäßig wenig Geld und Flugstunden bekommen Touristen luxuriöse Hotelanlagen, architektonische Meisterwerke und importierte Kultur – dazu Meer und Sonnengarantie. Doch was viele Urlauber ignorieren: Menschenrechte werden ignoriert, Presse- und Meinungsfreiheit sind eingeschränkt – Kritiker landen im Gefängnis. Und die großen Bauprojekte werden von Arbeitsmigranten errichtet, die zum Teil unter unwürdigen Bedingungen leben müssen. Ist Urlaub in den VAE überhaupt vertretbar?

Immer mehr Urlauber zieht es nach Dubai. Laut Euromonitor International 2018 reisten 2017 15,8 Millionen Menschen in die Metropole in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Damit landete Dubai auf Platz sieben der meistbesuchten Städte der Welt im Jahr 2017. Auch Abu Dhabi erfreut sich wachsender Beliebtheit. Was die Menschen an den Städten der Wüstennation reizt? Der allgegenwärtige Luxus und die futuristischen Architekturwunder, die Hitze und die Strände, und für einige Auswanderer sind es auch die attraktiven Jobs in einem vermeintlich sicheren Land, das sich modern und zum Teil westlich orientiert darzustellen versucht. Von Menschenrechtsverletzungen und dem blutigen Bürgerkrieg im Jemen, in dem die VAE stark involviert sind, merkt man so gar nichts an den blitzblanken Stränden vor den gigantischen Skylines.

Importierte Kultur

Die Vereinigten Emirate investieren massiv in den Tourismus: Sie erschaffen künstliche Inseln, riesige Hotels, richten 2020 die Weltausstellung aus und bezahlen Milliarden für Prestige-Projekte, die aus Europa importiert werden. So zum Beispiel der 2017 eröffnete Louvre II in Abu Dhabi, entworfen vom französischen Stararchitekten Jean Nouvel. Mehr als eine Milliarde Euro zahlten die VAE an das französische Original in Paris, um das neue Gebäude für 30 Jahre Louvre nennen zu dürfen.

Der Original-Louvre dagegen musste zustimmen, neue Säle in Paris zu bauen, die zeitlich unbegrenzt den Namen eines einstigen Emirs von Abu Dhabi tragen und in denen ausschließlich muslimische Kunst gezeigt werden soll.

Architekt Nouvel wurden für das Riesenprojekt Traumkonditionen angeboten: Für die Baukosten des Museums gab es keinerlei Budgetgrenzen. Ähnliche Bedingungen boten die Vereinigten Arabischen Emirate dem Guggenheim Museum und dem British Museum an: Alle drei Museen sollen Teil eines gigantischen Kulturkomplexes auf der künstlichen Insel Saadyat vor Abu Dhabi sein, in direkter Nachbarschaft zum VAE-Campus der renommierten US-amerikanischen New York University (NYU), der bereits seit mehreren Jahren dort steht.

Es handelt sich bei allen um Institutionen, die für Meinungsfreiheit, Pluralismus und Demokratie stehen – und der Westen verkauft sie für Geld an ein Land, in dem all das nicht oder nur unzureichend existiert. Eine vermeintliche „Insel des Glücks“ – so heißt Saadyat auf Arabisch – wird zu einer Ansammlung seelenloser Kopien, die nur auf Prestige ausgerichtet ist.

Saadyat

Die Planung für Saadyat ist noch lange nicht abgeschlossen
Foto: DPA Picture Alliance

„Eine Illusion der Modernität“

Den Preis für Saadyat, die Hotels und die Museen zahlen in Wirklichkeit nicht die Prinzen von Abu Dhabi, sondern die Millionen von ausländischen Arbeitsmigranten, die sie errichten müssen: für einen Hungerlohn, zum Teil ohne Urlaub und in Ermangelung an Rechten.

„Saadiyat ist eine Illusion der Modernität, die die Ausbeutung der Arbeitsmigranten verschleiert“, sagt Professor Andrew Ross, ein Mann, der die Arbeiter, die den Louvre und die NYU Abu Dhabi gebaut haben, über Jahre begleitet und interviewt hat.

Ross ist Experte und Aktivist für Arbeiterrechte und forscht und lehrt an der Stammuniversität der NYU in New York City. Außerdem ist er eines der einflussreichsten Mitglieder von „Gulf Labour“, einer internationalen Koalition aus Künstlern und Wissenschaftlern, die sich für die Rechte der Arbeitsmigranten in den Golfstaaten einsetzt.

Gulf Labour, Amnesty International, die UN und Human Rights Watch dokumentierten die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen auf den Baustellen und in den Camps von Saadiyat in mehreren, öffentlich einsehbaren Berichten zwischen 2009 und 2018: In manchen Camps gibt es kaum sanitäre Anlagen, ein Verlassen der Anlage ohne Erlaubnis ist nicht gestattet. Ein Arbeiter teilt sich ein Zehn-Quadratmeter Zimmer mit bis zu zehn anderen. Unbezahlte Überstunden und Zwölf-Stunden-Tage gehören zur Normalität. Verletzt sich ein Arbeiter, muss er die ärztliche Behandlung selbst bezahlen. Die Löhne sind aber so niedrig, dass die Männer in so einem Fall gezwungen sind, Kredite beim Arbeitgeber aufzunehmen. Sie haben weder die Möglichkeit zu klagen noch ihren Vertrag selbstständig zu beenden.

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Das Kafala-System ist eine moderne Form der Sklaverei

Schuld an diesen Bedingungen ist das sogenannte Kafala-System: ein in allen Golfstaaten verbreitetes, archaisches Arbeitsrecht. In diesem System werden Arbeitsmigranten gezwungen, bei der Einreise in die Emirate ihren Pass abzugeben. Außerdem müssen sie einen Kredit beim Arbeitgeber aufnehmen, der die anfänglichen Kosten des Flugs in die Emirate, der Unterkunft und der Verpflegung abdeckt. Die ersten Jahre arbeiten die Männer diesen Kredit ab und verdienen wenig oder überhaupt nichts.

Arbeiter in Dubai

Arbeitsmigranten in Dubai leben zum Teil unter miserablen Bedingungen
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Das Durchschnittsgehalt liegt bei etwas mehr als 260 Dollar im Monat. Der „New York Times“, die über den Bau des NYU Campus in Abu Dhabi ausführlich berichtete, sagte ein Arbeiter 2014: „Es ist alles ein gigantischer Schwindel. Ich würde jedem, der herkommen will, davon abraten.“

Als auch der „Observer“, der „Guardian“ und andere große Zeitungen über das Kafala-System und die Zustände auf der Louvre- und der NYU-Baustelle berichteten, schafften die VAE das System 2014 offiziell ab. Weiterhin wurde auf Saadiyat ein Vorzeige-Arbeitercamp gebaut und 2017 ein Gesetz zum besseren Schutz der Arbeiterrechte verabschiedet. Doch alle Reporte von Menschenrechts-Organisationen, die zwischen 2014 und 2017 erschienen, kamen zu dem Schluss, dass sowohl das Kafala-System weiterhin in Kraft ist als auch die meisten Arbeiter immer noch in menschenunwürdigen Bedingungen leben und arbeiten.

„Alle Änderungen am Arbeitsrecht sind rein kosmetisch, sie existieren zwar auf dem Papier, aber sie werden nicht umgesetzt“, bestätigt auch Professor Ross, der viele Male mit Golf Labour in den Arbeitercamps vor Ort war.

Immer mehr Touristen, aber keine Menschenrechtsorganisationen mehr

2015 wurde Professor Ross die Einreise in die Emirate verboten: Bis heute darf er das Land nicht betreten. Im selben Jahr wurde auch sämtlichen Vertretern von Amnesty International und Human Rights Watch der Zutritt zur Louvre-Baustelle auf Saadiyat verwehrt. Kurz darauf wurden beide Organisationen vollständig aus dem Land verbannt. Im November 2017, kurz vor der feierlichen Eröffnung des Louvre, wurden zwei akkreditierte Schweizer Reporter, die die Zustände in den Camps der Arbeiter filmten und fotografierten, in Gewahrsam genommen und mehr als 50 Stunden ohne Kontakt zur Außenwelt von der Polizei festgehalten. Sie wurden nach eigener Aussage bis zu ihrer Freilassung teilweise neun Stunden am Stück verhört.

Auch für emiratische Menschenrechtler und Journalisten endet die freie Meinungsäußerung meist mit dem Gefängnis. Der Anwalt Mohammed Al-Roken, einer der berühmtesten Aktivisten aus dem Land, wurde 2013 zu zehn Jahren Haft verurteilt. Im Dezember 2018 bestätigte die Staatssicherheitskammer des obersten Bundesgerichts in Abu Dhabi eine zehnjährige Haftstrafe gegen den prominenten Menschenrechtsverteidiger Ahmed Mansoor.

Auch Touristen können Opfer der Justizgewalt werden

Viele Touristen denken, dass sie von der harten Verfolgung verschont bleiben. Doch immer wieder beweisen die Emirate genau das Gegenteil: Wie unter anderem die BBC berichtete, wurden 2012 drei britische junge Männer festgenommen, ein Jahr festgehalten und nach eigener Aussage mit Elektroschocks betäubt und geschlagen, weil sie synthetisches Cannabis besessen hatten. Weitere Beispiele waren die folgenden Fälle, über die internationale Medien berichteten: Sowohl eine Australierin als auch eine Norwegerin gingen bei Aufenthalten in Dubai zur Polizei, weil sie vergewaltigt wurden. Beide wurden daraufhin wegen außerehelichen Geschlechtsverkehrs verhaftet und verurteilt. Erst unter großen internationalem Druck wurden beide Urteile fallengelassen.

Medien werden in den Vereinigten Emiraten komplett zensiert, kritische Berichterstattung ist nicht möglich. Auch die Nutzung von sozialen Netzwerken wird streng überwacht. Wer sich regierungskritisch äußert, kann mit Haftstrafen rechnen. Sehr üblich in den Vereinigten Emiraten ist die Bestrafung mit Peitschenhieben, wie Fälle in der Vergangenheit zeigen.

Sollte man im Urlaub das System unterstützen?

Reisen ist zweifelsohne eines der schönsten Dinge der Welt. Aber man muss auch hinterfragen, was die Konsequenzen sind. Wenn man in Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate reist, unterstützt man mit dem Geld, das man in dieses Land bringt, nicht auch die Politik, die in diesem Land gemacht wird? Sieht man über den Massenmord an den Rohingya in Myanmar hinweg, wenn man dorthin fliegt? Über die politischen Gefangenen in den kubanischen Straflagern? Über die Diskriminierung von Schwulen und Lesben in Tunesien? Zahlt man nicht indirekt dafür, diese Systeme zu unterstützen?

Immerhin reisen gerade genau aus diesen Gründen viele Menschen nicht mehr in die Türkei. Der Unterschied zwischen diesen Staaten und den Vereinigten Arabischen Emiraten ist jedoch folgender: Wenn man nach Kuba oder Myanmar reist, kommt zumindest etwas von dem Geld, das man für Essen, Unterkunft und Transport ausgibt, bei der lokalen Bevölkerung an. Die meisten Bürger können nicht für ihre Regierung in Rechenschaft gezogen werden. Man begegnet den Menschen des Landes und kann sich ihrer teils schweren Lebensbedingungen bewusst werden. In den Vereinigten Arabischen Emiraten und anderen Golfstaaten dagegen wird man nicht nur von 90 Prozent der Bevölkerung vollständig isoliert, sondern man unterstützt in direkter Weise die krasse Ausbeutung, der sie ausgesetzt ist.

Auch Professor Ross kommt zu dem Schluss: „Es nicht möglich, auf ethische Weise in die VAE zu reisen. Leider gibt es dort immer mehr Touristen und immer weniger Menschenrechtsaktivisten.“

Anmerkung der Redaktion: Auch TRAVELBOOK hat in der Vergangenheit häufiger über die Vereinigten Arabischen Emirate als Reiseziel berichtet. Uns ist bewusst, dass uns nun mangelnde Stringenz vorgeworfen werden kann.

Allerdings sollte ein glaubwürdiges  Reisemagazin kritische Aspekte in Zusammenhang mit einem Land nicht grundsätzlich ausblenden, sondern sich mit ihnen auseinandersetzen und jenen Stimmen Gehör verschaffen, die auf etwaige Missstände hinweisen.

Deshalb halten wir es für richtig und wichtig, diesen Artikel zu veröffentlichen – immer im Bewusstsein der Tatsache, dass ein Land mehr ist als sein politisches System und Natur, Kultur und Menschen viel Anlässe bieten, auch positiv zu berichten.