2. August 2026, 7:06 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Im Jahr 1858 begann in dem kleinen niedersächsischen Ort Wietze in der Lüneburger Heide ein neues Kapitel in der Menschheitsgeschichte. Denn genau hier geschah es, dass bei Bohrungen auf der Suche nach Braunkohle eher zufällig zum ersten Mal Erdöl gefördert wurde. Heute erinnert in Wietze ein Museum an den fast vergessenen Geburtsort der Erdöl-Industrie.
Die niedersächsische Gemeinde Wietze, gelegen in der Lüneburger Heide zwischen Hannover und Celle, ist heute eher eine ruhige Kleinstadt. Von weitem jedoch sieht man schon einen Turm, der an die Zeit erinnert, als plötzlich die ganze Welt auf die Ortschaft mit ihren heute etwa 7400 Einwohnern schaute. Denn genau hier geschah es, dass durch einen Zufall zum allerersten Mal der heutzutage vielleicht wertvollste Rohstoff überhaupt zutage gefördert wurde: Erdöl. Es war ein Fund, der dem Nest einen beispiellosen Boom bescherte, und der den Startschuss gab in ein neues Industriezeitalter. Und auf einen weiteren solchen Boom hofft man nun in Wietze dieser Tage wieder. Doch dieses Mal geht es um eine andere Ressource, die man fördern möchte.
Es ist der 24. April 1858, als dem in Goslar geborenen Geologen Christian Konrad Hunäus eine sensationelle Entdeckung gelingt. Laut der offiziellen Tourismusseite der Lüneburger Heide hat ihn der hannoversche Königshof in das kleine Wietze geschickt, weil man hier einen begehrten Bodenschatz vermutet: Braunkohle. Bereits 1652 gab es in der Gegend die erste urkundliche Erwähnung eines schwarzen Schlamms, den die Bauern hier immer wieder zutage förderten und vielseitig verwendeten. Diesen nannten sie „Theer“ oder auch „Satansspeck“ und verkauften ihn gewinnbringend beispielsweise als Heilmittel. Aber auch zum Abdichten von Schiffs-Spanten verwendete man ihn bereits damals, und ebenso war er als Wagenschmiere beliebt.
Der Boom startete in Wietze
Laut allgemein verbreiteter Vermutung deutete dieser „Teufelsspeck“ darauf hin, dass sich in tiefer gelegenen Erdschichten Braunkohle befinden könnte. Man betrachtet die zähe schwarze Pampe als eine Art „Ausschwitzung“ des Rohstoffs. Hunäus setzte, auf der Suche nach dem Bodenschatz, eine Bohrung an – und führte damit stattdessen, unwissentlich, die erste Erdölbohrung aller Zeiten durch. Denn was er da in Wietze aus gut 36 Metern Tiefe statt der erhofften Kohle zutage förderte, konnte der Geologe zunächst einmal überhaupt nicht einordnen. Sein technischer Leiter war da schon etwas visionärer, meldete an den Königshof über den Vollzug zurück: „Die beträchtliche Menge des reinsten und äußerst bequem zu gewinnenden Teers wird dem Vaterlande, insbesondere dem Dorf Wietze (…) unabsehbaren Wohlstand und Segen bringen.“
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Hunäus selbst war es, der dem gefundenen Rohstoff als erster den Namen „Erdöl“ verlieh. Noch hatte er aber keine Ahnung davon, dass sein Fund schon bald die Gesellschaft, die Wirtschaft, ja, ein ganzes Zeitalter revolutionieren würde. Doch 1859 findet im US-Bundestaat Pennsylvania der pensionierte Zugführer Edwin Drake ebenfalls zum ersten Mal bei einer Bohrung Erdöl. Nur ein Jahr später gibt es vor Ort laut dem „WDR“ 2000 Bohrlöcher und es entfacht ein beispielloser Boom um das Schwarze Gold, der weltweit Wellen schlägt. Und plötzlich rückt in Deutschland das kleine Wietze wieder in den Fokus des öffentlichen Interesses. Dennoch gelingt es hier erst im Jahr 1899 dem Bohrmeister Friedrich Hasenbein, das erste Mal Erdöl in einer für die Industrie interessanten Menge zu fördern.
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Umweltverschmutzung und Gesetzlosigkeit
Im ersten Jahr förderte man so in Wietze 2500 Tonnen Erdöl pro Zeiteinheit zutage. Pünktlich zur Jahrhundertwende waren es bereits 27.000 Tonnen pro Zeiteinheit. In der Lüneburger Heide bricht ein wahrer Ölrausch aus. Bauern verpachteten ihre Felder zu Höchstpreisen an die Öl-Jäger, Straßen und eine Eisenbahnlinie nach Celle wurden gebaut, der Fluss Aller kanalisiert und schiffbar gemacht. Für die tausenden von Arbeitern errichtete man immer neue und größere Wohnsiedlungen, die Firmendirektoren bauten sich herrschaftliche Villen. Gleichzeitig herrschte vor Ort zunehmend eine Wild-West-Stimmung, es kam zu Gesetzlosigkeiten und mitunter zu Schießereien. Öl, das zum Beispiel bei Überschwemmungen in die Gewässer gelangte, vergiftete die Felder.
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Zeitweise deckte die Förderung in Wietze 80 Prozent des damaligen gesamtdeutschen Bedarfs an Erdöl. 1909 erreichte sie ihren absoluten Höhepunkt, Mitte der 1930er-Jahre gab es vor Ort 52 Förder-Gesellschaften. Zu dieser Zeit hatte man jedoch in Deutschland längst rentablere Ölfelder aufgetan. Zudem drängte das Öl, das man mittlerweile industriell auch in den USA, Südamerika und am Persischen Golf gewann, auf den heimischen Markt. 1964, nach 1600 erfolgreichen von insgesamt 2000 Bohrungen vor Ort, stellte man daher schließlich den Betrieb in Wietze ein. Bereits am 29. September 1970 eröffnete vor Ort das Deutsche Erdölmuseum, das bis heute an die Epoche erinnert, die das Öl der kleinen Stadt beschert hatte.
„Die Geschichte kennen ja viele nicht“
2025 brachte die ARD-Serie „Schwarzes Gold“ vielleicht zum ersten Mal einer breiteren Öffentlichkeit dieses kaum bekannte Kapitel deutscher Industriegeschichte zur Kenntnis. In Wietze erhofft man sich davon einen ganz neuen Boom, wie es auf TRAVELBOOK-Nachfrage aus dem Deutschen Erdölmuseum heißt – nämlich einen Besucherboom. „Die Geschichte kennen ja viele noch gar nicht.“ Höhepunkt der etwa anderthalbstündigen Touren sei der Außenbereich des Museums. Dort kann man viele der alten Förderinstrumente teils noch an ihren originalen Stellen sehen. „Und unser Förderturm ist mittlerweile das Wahrzeichen von Wietze.“ Das Interesse sei bereits vor der ARD-Serie groß gewesen. „Hinterher sind die meisten Besucher begeistert und sagen, das hätten sie so gar nicht erwartet.“
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Übrigens wird in Deutschland auch bis zum heutigen Tage Öl gewonnen. Laut dem „NDR“ waren es im Jahr 2023 immerhin 1,6 Millionen Tonnen. Der Großteil davon stammt aus dem Wattenmeer von der Bohr- und Förderplattform „Mittelplate“, wo seit der Inbetriebnahme 1987 mehr als 40 Millionen Tonnen gewonnen werden konnten. Die heutige Fördermenge deckt allerdings nur noch gerade einmal zwei Prozent des aktuellen gesamtdeutschen Bedarfs. Die Stadt Celle ist bis heute ein wichtiges Zentrum der weltweiten Öl-Industrie. Die hiesige Bohrmeisterschule bildet seit 1937 internationale Fachkräfte auf dem Gebiet aus. In Wietze selbst mag es zwar heute ruhig geworden sein. Doch der Ort wird für immer als der bekannt sein, wo der weltweite Ölboom seinen Anfang nahm.