Bild.de Hier geht es zurück zu Bild.de

Trier, Bonn, Köln, London

Hier lebte und arbeitete Karl Marx

Im Jahr seines 200. Geburtstages ist Karl Marx allgegenwärtig. Der Mensch hinter dem Mythos ist dabei mitunter schwer zu fassen - es sei denn, man folgt ihm auf seiner Odyssee quer durch Westeuropa.

London West End
Im teuren Londoner Stadtteil Primrose Hill befindet sich das Wohnhaus von Engels – hier mit Blick auf den Stadtteil «West End».

Das perfekt erhaltene Haus von Engels befindet sich in der Regents Park Road 122 im superteuren Stadtteil Primrose Hill. Hippe Läden und Cafés reihen sich aneinander, und der gleichnamige Park Primrose Hill lockt mit einer fantastischen Aussicht über London.

Migranten beerben den Migranten Marx

Der Weg zu Marx führt über eine alte Eisenbrücke und quer über den steil ansteigenden Haverstock Hill, der die Londoner Innenstadt mit Hampstead verbindet. Ein kurzer Weg, nur wenige Straßen, und doch sind es unterschiedliche Welten: Marx‘ Adresse, die Maitland Park Road, ist geradezu trist. Das vierstöckige Haus, in dem der Autor des „Kapitals“ seine letzten acht Lebensjahre verbrachte, steht nicht mehr, stattdessen ist hier sozialer Wohnungsbau entstanden. Viele Bewohner sind Migranten – wie Marx es war.

Kostenlos! Hier gibt’s den TRAVELBOOK-Newsletter!

Es ist die Endstation eines Lebenswegs, der ganz woanders beginnt – im fernen Rheinland-Pfalz, in Trier. Ein Besuch dort macht vor allem eines deutlich: Der sozialistische Cheftheoretiker war selbst kein Proletarier. Dafür reicht ein Blick auf sein barockes Geburtshaus. Es hat durchaus etwas Herrschaftliches.

Marx´Geburtshaus in Trier
Februar 2018: Das Geburtshaus von Karl Marx in der Brückenstraße in Trier. Heute befindet sich hier das Karl-Marx-Museum.

Das Haus in der Brückenstraße beherbergt heute ein Museum, das aber nicht mehr über die ursprüngliche Einrichtung verfügt und bisher hauptsächlich textlastige Schautafeln bot. Am 5. Mai 2018 – Marx‘ 200. Geburtstag – soll es neu gestaltet wiedereröffnen. Marx selbst hatte nie Erinnerungen an das Haus, denn schon ein Jahr nach seiner Geburt zog die Familie in die Simeongasse um.

Trunkenheit in Bonn

Mit 18 Jahren verließ Marx seine Heimatstadt und ging zum Studieren nach Bonn. Im Universitätsmuseum im Kurfürstlichen Schloss sind Originaldokumente ausgestellt, die vermerken, dass er „wegen nächtlichen ruhestörenden Lärmens und Trunkenheit“ im Studentenkarzer eingebuchtet wurde. Merkwürdigerweise hat sich das Museum deshalb zu einem Pilgerort für Touristen aus der Volksrepublik China entwickelt. „Sie amüsieren sich darüber“, erzählt Archivdirektor Thomas Becker. „Vielfach sind sie sehr beeindruckt – wir haben aber auch schon die absolut gegenteilige Reaktion gehabt.“

Marx´Grab in London
Karl Marx starb am 14. März 1883 im Norden Londons. Er wurde drei Tage später auf dem Highgate Cemetery bestattet. Sein Grab ziert ein bombastisches Denkmal, das aus den 1950er Jahren stammt.

Da ihm seine Veröffentlichungen bald Probleme mit den preußischen Behörden brachten, setzte sich Marx 1845 nach Brüssel ab. Auch hier muss man sich nicht in die einstigen Arbeiterviertel begeben, um dem Autor des „Kommunistischen Manifests“ nachzuspüren. Nein, der Weg führt geradewegs zum Grand Place. Hier befindet sich die Kneipe, in der er mit anderen Exilanten aus Deutschland zu debattieren pflegte. Das prächtige Zunfthaus mit der Nummer 9 ist leicht an dem barocken Schwan über der Eingangstür zu erkennen.

Das Revolutionsjahr 1848 verbrachte er dann überwiegend im liberalen Köln. Dort verlegte er die einflussreiche „Neue Rheinische Zeitung“. Leider sind die Redaktionsräume am Heumarkt im Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges untergegangen.

Autogrammkarte
Der deutsche Philosoph, Schriftsteller und Politiker Karl Marx – hier auf einer Zeichnung von Wladimir Dworan «Marx in den siebziger Jahren», nach einem Auschnitt der Originalfotografie von John Mayall (vor dem 24.08.1875 entstanden), die von Marx als eine Art frühe «Autogrammkarte» in verschiedenen Ausschnitten und Größen verwendet wurde.

Nach der Revolution ab nach London

Als der Elan der Revolution 1849 verpuffte, verließ Marx seine Heimat, um nie mehr zurückzukehren. Er zog mit seiner Frau Jenny von Westphalen – eine echte Adelige, worauf er ungemein stolz war – und drei kleinen Kindern nach London. Genauer: ins Ausgehviertel Soho. In der Dean Street 28 erinnert an ihn eine der blauen Plaketten, mit denen die Stadt auf berühmte Bewohner hinweist.

Vermerkt über Karzerhaft
Zeitgenössischer Vermerk (roter Pfleil links) über die Inhaftierung des jungen Karl Marx im Studentenkarzer (mit Abbildung des Karzers rechts) – ausgestellt im Universitätsmuseum im Kurfürstlichen Schloss in Bonn.

1856 konnte es sich Marx dank einer kleinen Erbschaft von Jenny erlauben, in eine bessere Gegend im Norden Londons zu ziehen, nach Hampstead. Zunächst wohnte er im Haus Grafton Terrace 46, das von außen unverändert erhalten ist. Nach weiteren Erbschaften mieteten sie 1864 sogar ein frei stehendes Haus mit großem Garten ganz in der Nähe: Modenas Villas Nr. 1, in der Maitland Park Road. Dieses Haus ist schon lange zu Staub zerbröselt. Schließlich zog das Ehepaar 1875 in ein kleineres Haus mit der Adresse Maitland Park Road 41.

Auch interessant: 13 Dinge, die man vor dem ersten London-Besuch wissen sollte

Wohnhaus von Engels
Das Wohnhaus von Friedrich Engels in der Regents Park Road 122 im teuren Londoner Stadtteil Primrose Hill.

Mit dem Bus, damals noch von Pferden gezogen, fuhr Marx jeden Tag zur British Library, wo er von morgens bis abends im Lesesaal anzutreffen war. Er arbeitete dort an der „ökonomischen Scheiße“, wie er es nannte. Gemeint war „Das Kapital“. Sonntags entspannte sich Marx mit seiner Familie auf Hampstead Heath, einem Wald- und Wiesengebiet, auch heute noch eines der beliebtesten Ausflugsziele der Londoner.

Marx´erstes Haus in Hampstead
Marx‘ erstes Haus im Londoner Stadtteil Hampstead, Adresse Grafton Terrace 46, ist nahezu unverändert erhalten. Hier lebte er von 1856 bis 1864.

Marx lebte von 1849 bis zu seinem Tod 1883 in London, aber er bewegte sich dort fast ausschließlich unter Landsleuten und verlor nie seinen starken deutschen Akzent. Anfang der 1880er Jahre ging es mit seiner Gesundheit bergab. Als Engels am Nachmittag des 14. März 1883 zu seinem üblichen Besuch bei ihm in der Maitland Park Road eintraf, fand er ihn tot in seinem Lieblingssessel am Kamin vor. Drei Tage später, am 17. März, wurde Marx im benachbarten Highgate neben der 15 Monate zuvor verstorbenen Jenny bestattet.

Block mit Sozialwohnungen
Ein Block von Sozialwohnungen steht heute an der Stelle des Hauses, in dem Marx die letzten acht Jahre seines Lebens verbrachte und auch starb.

Ein Besuch auf dem verwunschenen Friedhof ist der krönende Abschluss der Marx-Reise. Schiefe Kreuze, verwitterte Grabsteine, halb überwuchert von Bäumen und Sträuchern – und dann plötzlich der Kopf eines bärtigen Riesen. „Charlie“, wie er hier auf dem Friedhof genannt wird. Das bombastische Grabdenkmal stammt aus den 1950er Jahren. Marx als Ikone, als Held des Sozialismus. Aber wer es bis hierher geschafft hat, ahnt nun, dass sich hinter dem Prophetenbart ein echter Charakterkopf verbarg: ein Mensch mit Ecken und Kanten, mit dem man zu gern mal einen Abend im Pub verbracht hätte.

Anreise nach London

Karl Marx' Spuren in Europa
Karl Marx feiert in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag. Auf einer Reise durch Westeuropa – etwa nach Trier, Brüssel und London – können Urlauber den Spuren seines Lebens folgen.

Anreise und Formalitäten: Nonstop-Flüge gibt es von den meisten deutschen Flughäfen. Per Zug fährt man mit dem Eurostar zentral im Hauptbahnhof St Pancras ein. Deutsche Staatsangehörige brauchen für die Einreise nur einen gültigen Personalausweis.

Währung: Das britische Pfund ist nach der Brexit-Entscheidung deutlich billiger geworden und kostet jetzt noch 1,12 Euro.

Deine Datensicherheit bei der Nutzung der Teilen-Funktion
Um diesen Artikel oder andere Inhalte über Soziale-Netzwerke zu teilen, brauchen wir deine Zustimmung für