Einst gefährlichstes Hochhaus Südafrikas

Der „Höllenturm“ in Johannesburg ist jetzt eine Touristenattraktion

Der Ponte Tower in Johannesburg
Der Ponte Tower ist heute das Wahrzeichen des Bezirks Hillbrow – früher wurde er von Kriminellen bewohnt
Foto: Getty Images

Einst herrschte im Ponte Tower in Johannesburg das organisierte Verbrechen – und genau diese windige Vergangenheit zieht heute Touristen an. Wo früher Perspektivlosigkeit war, genießen Besucher heute ganz unbeschwert den Ausblick und lassen dafür einiges über sich ergehen...

Der 1975 eröffnete, kreisrunde Ponte Tower mit seinen 173 Metern Höhe steht heute für die wechselhafte Geschichte des Kap-Staats. Als weithin sichtbares Wahrzeichen wirkt er wie ein Leuchtturm im Beton-Elend des zu Apartheidzeiten sehr gefragten Stadtviertels Hillbrow, das zum Zentrum einer neuen Gesetzlosigkeit wurde, in dem immer noch Chaos, Schmutz und Gewalt gedeihen.

Sex, Drogen und Waffen

Ponte Tower

Der Innenhof des Ponte City Towers
Foto: dpa Picture Alliance

Ponte Tower – das war zunächst eine Kleinstadt, 1974 errichtet mit Schwimmbädern, Restaurants und Boutiquen für eine weiße Elite. Doch der Bau wandelte sich noch zu Apartheid-Zeiten zu einem vertikalen Slum. Im Innenbereich stapelte sich zuweilen mehrere Stockwerke hoch der Müll. Skrupellose Gangster hatten den Wohnblock im Griff, in dem von Sex über Drogen bis hin zu Waffen fast alles zu haben war. Heute hat sich dieses Bild komplett gewandelt: Wer den Turm dieser Tage betreten will, muss laut „Süddeutsche Zeitung“ eine langwierige Prozedur über sich ergehen lassen, bei dem Fingerabdrücke gescannt werden und man seinen Pass abgeben muss.

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Denn 2010 hatte die Stadt genug von dem Bild des Ponte Tower als „Höllenturm“, wollte ihr Image pünktlich zum Start der Fußball-WM in Südafrika verbessern. Die Folge: Der Turm wurden zwangsgeräumt, der Müll mit Gabelstaplern beseitigt, wobei sogar Leichen auftauchten. Schließlich wurden die wieder frei gewordenen Wohnungen saniert und vermietet, mittlerweile leben „nur noch“ 2500 Menschen hier, zu einer Miete zwischen 100 und 450 Euro. Wer heute Müll aus dem Fenster wirft, hat laut „Süddeutsche“ am nächsten Tag seinen Räumungsbescheid auf dem Tisch. Selbst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier war hier Ende 2018 und hat den Ausblick genossen.

Führungen durch den „Höllenturm“

Ponte Tower in Johannesburg, Südafrika

Hier besucht eine Gruppe Touristen den Ponte Tower
Foto: dpa picture alliance

Im Ponte Tower gibt es mittlerweile sogar Führungen: „Fast 95 Prozent unserer Besucher sind Touristen, viele davon aus Deutschland, Frankreich oder den USA“, sagt Gilbert Mwapé, der die Besucher herumführt. Südafrikaner seien eher selten dabei, sagt der gebürtige Kongolese und meint: „Da arbeiten wir noch an Vorurteilen.“ Von der 52. Etage schweift der Blick weit hinüber zum Vorort Sandton, wo zum Jahreswechsel mit dem 234 Meter hohen Leonardo-Turm gerade Afrikas höchstes Wohngebäude fertiggestellt wurde – davor hielt der Ponte Tower selbst diesen Rekord. Es ist eine Art Gegenentwurf zum Ponte-Turm: Johannesburgs Finanzwelt hat sich dort nach dem Ende der Apartheid ihre neue Hochhaus-Kulisse gebaut.

Die Hilfsorganisation „Dlala Nje“ des Journalisten Nickolaus Bauer hat seit einigen Jahren ein Büro im Ponte Tower und versucht, dessen Negativ-Image zu wenden und zugleich den Kindern und Jugendlichen Orientierung zu geben. Sie organisiert auch Touren durch das Hochhaus. „Bisher hatten wir mehr als 20.000 Besucher“, schätzt Bauer, dessen Vorfahren einst aus Österreich nach Südafrika auswanderten.

Kriminalität bleibt ein Problem

Die Idee für die Hochhaus-Touren entstand nach Dreharbeiten für einen der vielen Filme in dem Hochhaus, bei denen sich eine rege Nachfrage abzeichnete. Obwohl die Organisation kaum Werbung dafür macht, sind diese Touren längst kein Geheimtipp mehr. Die Besucher kommen überwiegend aus dem Ausland: „Viele Junge, aber auch Rentner“, erklärt Bauer und seufzt: „Prinz Harry und seine Meghan wollten bei ihrem Südafrika-Besuch eigentlich auch kommen – aber der südafrikanische Personenschutz war dann doch zu skeptisch.“

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Doch auch wenn Afrikas einst berüchtigstes Wohnhaus mittlerweile befriedet ist, bleibt das Viertel Hillbrow, in dem es steht, ein unter Kriminalität ächzender Problembezirk. Die „Süddeutsche“ schätzt unter Berufung auf einen Einheimischen, dass es allein im Zentrum von Johannesburg immer noch etwa 120.000 Mietverhältnisse gibt, die aus sogenanntem „Wohnungs-Highjacking“ entstanden sind: Hierbei besetzen Gesetzlose Immobilien und vermieten sie dann. Im einstigen „Höllenturm“ dagegen gibt es mittlerweile sogar Wohnungen, die man als Urlauber über Buchungsportale mieten kann.

 

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