Segen oder Fluch?

Tourismus-Boom in Lissabon verändert die ganze Stadt

Alfama, Stadtteil in Lissabon, Portugal
Portugals Hauptstadt Lissabon erlebt einen Tourismus-Boom – Einheimische stehen dem gespalten gegenüber
Foto: Getty Images

Schon lange ist Lissabon kein Geheimtipp mehr. Touristen tummeln sich in der portugiesischen Hauptstadt, wohin das Auge reicht. Nicht nur TRAVELBOOK-Autorin Laura Graichen ist genervt vom unaufhaltsamen Wandel ihrer Lieblingsstadt: Die größten Veränderungen gibt es für die Einheimischen – und die sind sich noch nicht einig, ob ihnen die Entwicklung ihrer Heimat gefällt oder nicht.

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Lissabon-Hype treibt Mieten hoch

Viele Fluggesellschaften bieten mittlerweile günstige Flüge in die Stadt an der Atlantikküste an. 2017 sind laut dem Portugiesischen Institut für Statistik (INE) sechs Millionen Urlauber nach Lissabon gereist – eine Steigerung um 9,4 Prozent zum Vorjahr, was eine halbe Million Besucher mehr bedeutet. Und diese Massen an Touristen müssen untergebracht werden. Neben Hotels sind dabei vor allem Airbnb-Wohnungen beliebt, die in eigens sanierten Häusern direkt in der Altstadt liegen. Für Urlauber die perfekte Lösung, für Einheimische eine Bedrohung ihrer Existenz: Aufgrund der kostenintensiven Renovierungen vieler verfallener Lissabonner Gebäude steigen die ursprünglich sehr niedrigen Mieten plötzlich rasant an. Außerdem sind Hausbesitzer meist gar nicht mehr daran interessiert, ihre Wohnungen an Einheimische zu vermieten, wenn sie die auch gut zahlenden Touristen anbieten können. „Da sind für den Vermieter leicht 2000 Euro und mehr im Monat drin, mit Einheimischen dagegen höchstens 800 Euro“, erklärte Maria Eugenia Palma, Vertreterin des Lissabonner Mieterverbandes, gegenüber der „Deutschen Welle“.

Der Bezirk Setubal in Lissabon, Portugal

Vor allem ältere Bewohner Lissabons müssen wegen des Tourismus-Booms um ihre Bleiben bangen
Foto: Getty Images

Viele Lissabonner müssen ins Umland ziehen

Familien, die schon jahrelang in besagten Gebäuden wohnen, können oftmals die Mieten wegen der Erhöhungen nicht mehr stemmen. Die Löhne in Portugal sind im europäischen Vergleich sehr niedrig: Im Jahr 2016 betrug der durchschnittliche Bruttomonatslohn 1104 Euro, wie Germany Trade & Invest berichtet, die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland für Außenwirtschaft und Standortmarketing. Auch Heranwachsende und Pärchen stehen vor einer großen finanziellen Herausforderung, wenn sie auf der Suche nach den ersten eigenen vier Wänden sind. „Junge Paare, die in ein gemeinsames Leben starten wollen, müssen außerhalb von Lissabon nach Wohnungen suchen, seitdem es unmöglich geworden ist, mit dem portugiesischen Lohn Apartments in der Stadt zu kaufen oder zu mieten“, beklagt die 23-jährige Lissabonnerin Beatrice gegenüber TRAVELBOOK, die mit ihrem Freund zusammenziehen will.

Tomás, ein Pilot der portugiesischen Airline TAP, gibt dafür sogar konkrete Beispiele: „Im Zentrum von Lissabon zu leben, ist unmöglich. Außer für ein Paar, das ich kenne (wobei ihre Eltern Millionäre sind). All meine Freunde leben in Vororten und müssen hohe Mieten bezahlen, die jedoch nichts im Vergleich zu den Mieten im Zentrum sind. Ihr durchschnittliches Einkommen liegt bei ungefähr 800 Euro, wobei zu bedenken ist, dass es viele gibt, die nur um 650 Euro verdienen, und die monatliche Miete liegt bei ungefähr 900 Euro für eine kleine Einzimmerwohnung. Also entweder muss man mit jemandem zusammenziehen oder bei seinen Eltern wohnen bleiben.“

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Einheimische vermeiden Touri-Hotspots

Von den Wohnungsproblemen aufgrund des angestiegenen Tourismus‘ bekomme ich als Besucherin des kleinen Paradieses am Tejo nichts mit. Dafür merke ich gravierende Unterschiede, wenn ich im Zentrum unterwegs bin oder Restaurants und Bars besuchen will. Wo man früher in aller Ruhe die Stadt, ihre unvergleichliche Architektur und die Geschichte auf sich wirken lassen konnte, kann man sich heute vor Trauben von Reisenden nicht mehr retten. Ein Besuch bei meiner Lieblingseisdiele Santini wird zur harten Geduldsprobe. Ausflüge in die Stadt gestalten sich zu Slalomläufen um Scharen von fotografierenden Entdeckern und leidenschaftlichen Shoppern. Für ein Dinner an der Promenade oder in einem zentralen Restaurant muss ich schon mal Wartezeiten von mindestens einer Stunde in Kauf nehmen, sofern mir überhaupt ein Platz in Aussicht gestellt werden kann. Diese Entwicklung macht vor allem denjenigen zu schaffen, die in Lissabon leben.

Kleine alteingesessene Restaurants oder Cafés, die in Portugal als Tascas bekannt sind, werden oft von hippen und fotogenen Szene-Lokalen verdrängt – die locken vor allem junge Menschen (mit Instagram-Accounts) an und bringen aufgrund höherer Preise mehr Geld ein. „Wenn ich mit meinen Freunden ausgehe in Restaurants oder Bars, dann gehen wir zu Orten, die nur wir kennen. Wo man günstige Mahlzeiten und typische, portugiesische Angebote bekommt. Wir gehen dorthin, weil alle neuen Läden nur mit dem Fokus auf die Touristen eröffnet wurden“, erklärt der 28-jährige Sebastião, der seit seiner Geburt in Lissabon lebt, TRAVELBOOK. Sogar auch bei Einheimischen beliebte Orte wie der Bairro Alto, wo sich abends die Straßen mit trinkenden und gut gelaunten Menschen füllen, würden er und seine Freunde mittlerweile meiden – zu groß sei der Andrang von Touristen.

Rio Maravilha Restaurant und Bar in der Lx Factory, Lissabon

Szene-Lokalen wie das Rio Maravilha auf dem alten Fabrikgelände Lx Factory sind bei Touristen besonders beliebt
Foto: Getty Images

Zerstört der Tourismus-Boom Lissabons Charme?

Nicht alles an Lissabons Bewohnern auf Zeit ist aber negativ. Die meisten heruntergekommenen oder unbenutzten Orte wurden wegen des aufblühenden Tourismus modernisiert, was der Stadt Geld einbringt. Der Verkehrsknotenpunkt Cais do Sodré machte einen richtigen Imagewandel durch: Früher bei Drogenabhängigen und Prostituierten beliebt, ist er heute bei Reisenden total angesagt. Dasselbe gilt für das alte Fabrikgelände Lx Factory, das mittlerweile dank zahlreicher moderner Shops, Restaurants und Bars einer der Hauptanlaufpunkte für Touristen ist. Aus einer alten Stadt mit zerfallenen Gebäuden und schmutzigen Gegenden wurde eine belebte zeitgemäße Metropole, die bei einer Wahl der beliebtesten Hauptstadt Europas sogar Dauer-Szene-Reisezielen wie Berlin, Paris oder London Konkurrenz machen kann. Doch genau das könnte meiner Herzstadt zum Verhängnis werden, wie Lissabonnerin Paula (58) im Interview mit TRAVELBOOK zu bedenken gibt: „Eines Tages werden wir aufwachen und es wird nicht mehr unser Lissabon sein, weil es zu international geworden ist. Uncharakteristisch – wie alle anderen europäischen Hauptstädte!“

Die Seilbahn Elevador da Bica in Lissabon

Kann Lissabon seinen Charme trotz Hunderter Touristen wahren?
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