Zwischen Politik-Tourismus und Salsa

Warum es falsch ist, Kuba zu romantisieren

Che Guevara, Havanna, Kuba
Eines von den unzählbaren Che-Guevara-Wandbildern in Havanna
Foto: Getty Images

Viele Europäer, die nach Kuba reisen, kehren enttäuscht und gestresst nach Hause zurück. Den Möchtegern-Kommunisten ist der Karibik-Staat nicht kommunistisch genug, den Fans vom Salsa und Glamour der 50er ist er zu arm und chaotisch. Warum man dem Land unrecht tut, wenn man es nur als Sehnsuchtsprojektion betrachtet.

„In Kuba musst du ins Arbeitslager für einen Joint. Wusstest du das?“, wettert er und bläst mir dabei Rauch ins Gesicht. Weil wir nicht im Schutz seiner Wohnküche, sondern im dreckigsten Teil von Havana Centro mitten auf der Straße stehen, raucht er kein Gras, sondern eine filterlose Zigarette. An uns vorbei läuft ein Touristenpaar mit langen Gesichtern. Sie fragen nach der Richtung in die Altstadt. Appo erklärt ihnen freundlich den Weg und lacht, als er sich wieder zu uns umdreht. „Die Gringos sind genervt, weil wir alle Reggaeton hören und keinen Salsa.“ Tatsächlich wummert aus dem Fenster gegenüber gefühlt zum zehnten Mal hintereinander „Súbeme la radio“ von Enrique Iglesias. Zusammen mit dem unvermeidlichen „Despacito“ bildet der Song gerade den Alltagssoundtrack der kubanischen Hauptstadt. 

Havana Centro leidet unter dem Hurrikan "Irma"

Eine Straße in Havana Centro steht unter Wasser. Der Hurrikan „Irma“ hat Kuba im September schwer getroffen.
Foto: dpa picture alliance

Obwohl Appo den Reggaeton deutlich mehr liebt, ist es der Salsa, der ihn ernährt. Der 26-Jährige bringt Touristen illegal bei, wie man sich dazu bewegt. Was er als Tanzlehrer pro Woche verdient, ist etwa das Zehnfache von dem, was die Regierung ihm für seinen offiziellen Job im Monat bezahlt. Appo ist Lastwagenfahrer. Nach dem staatlichen Tarif bekommt er dafür 20 Dollar im Monat und darf laut Gesetz keiner zweiten Tätigkeit nachgehen. Doch auf einen solchen Nebenverdienst ist er angewiesen.

Denn „seit Obama und die Stones auf Kuba waren“, sind die Preise für Essen, Verkehr und Transport so gestiegen, dass 20 Dollar im Monat noch weniger zum Leben reichen als vor der Rückkehr der US-Amerikaner. Sogar Ärzte fahren mittlerweile freiwillig Taxi, um sich etwas dazuzuverdienen. Denn das meiste Geld lässt sich mit Touristen machen. Und die kommen in Strömen. Sie sind begierig, das Land von „Guantanamera“ zu erkunden, bevor es sich allzu sehr „amerikanisiert“. Schnell noch hinfliegen, schnell, schnell, bevor es sich nicht mehr lohnt.

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Sag Kuba, und die Leute werden singen: „Chan-Chan-Chan!“

Aber in den Augen vieler ist es im Jahr 2017 schon zu spät für eine Reise nach Kuba. Schließlich, so die Standardbelehrung Nummer 1, wenn man die Reise dann doch wagt, „gibt es das echte Kuba nicht mehr“. Natürlich meinen diese Menschen nie Kuba, wenn sie Kuba sagen. Diejenigen, die einen ob des Schicksals, das Land nicht vor 2008 gesehen zu haben, aufrichtig bedauern, waren in der Regel nie dort.

Wenn sie vom echten Kuba, das es nicht mehr gibt, reden, träumen sie von glamourösen Frauen in Petticoats, die zwischen Havannas Nachtclub Tropicana und der Uferpromenade Malécon in prächtigen Oldtimern hin- und herkutschiert werden, während die schwarzen Männer mit den weißen Hüten an der Ecke Son singen, aus einem Mundwinkel eine Cohiba rauchen und aus dem anderen den Petticoats hinterherpfeifen. Sie haben keinen Militärstaat mit einem autoritären Einparteiensystem im Kopf, auch kein junges Land mit einer lebendigen Kultur, die sich gegen eben diesen Militärstaat auflehnt, sondern eine Projektionsfläche.

Die einen sind Anhänger des Hemingway-Kubas: Macho-Alltag im sinnlichen Havanna, mit Rumba und Salsa, knallbunte, halb verfallene Kolonial-Fassaden, Hahnen- und Boxkämpfe, pures, noch nicht vom westlichen Duktus verpanschtes Testosteron.

Die anderen sind politische Touristen, die nach einer kommunistischen Utopie lechzen und am Kult um das „Götterpaar“ Guevara/Castro teilnehmen möchten. Manch einer fliegt direkt weiter nach Caracas, um sich in den aktuell action-geladeneren Ruinen eines anderen Polit-Eldorado der Linken umzuschauen.

Desillusionierte Linke

Ibai Cuevas (Name geändert) ist so ein politischer Tourist, ein baskischer Feuerwehrmann und Politikstudent, der in seiner Heimat Pamplona der radikalen Linken angehört, sich für eine unabhängige, baskische Nation einsetzt und ein glühender Che-Verehrer ist. Wir begegnen uns zufällig in einem Sammeltaxi auf dem Weg nach Holguin. Auch Ibai ist von Kuba enttäuscht: „Die ganze Kontrolle, die ganzen Polizisten überall erinnern mich an zu Hause“, sagt er missmutig. Wegen der jahrelangen ETA-Anschläge im Baskenland sind die polizeilichen Kontrollen in dieser Region Spaniens besonders streng.

In Kuba ist es ähnlich: Alle paar Kilometer werden Autos an Kontrollpunkten angehalten, Taxifahrer werden auf Lizenzen überprüft, Zivilisten, die Anhalter-Touristen mitgenommen haben, mit Bußgeldern bestraft, Kofferräume nach den verhassten Drogen untersucht. Während sich die Flaschenpalmen-Vegetation, die draußen an uns vorbeizieht, stundenlang nicht verändert, erzählt Ibai enthusiastisch von Protesten gegen Madrid und wie er einmal auf einer Demo in Bilbao von der Polizei festgenommen wurde. „Bei uns hat auch niemand mehr Lust auf unsere Regierung“, kommentiert unser Fahrer, kurz bevor wir den fünften Kontrollpunkt auf unserer Reise erreichen. „Niemand hat mehr Lust auf diesen sogenannten Sozialismus.“ Ibai sieht geknickt aus. In einer Woche geht es für ihn weiter nach Venezuela.

Die Melodien zu beiden Sehnsüchten – das Kuba des US-amerikanischen Glamours und das Kuba der nostalgischen Linken – haben Wim Wenders und die Jungs von Buena Vista Social Club geliefert. Sag das Wort Kuba und Europäer singen : „Chan-Chan-Chan!“

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Havanna

Eine kubanische Familie läuft an einer Landesflagge vorbei: Viele identifizieren sich nicht mehr mit dem System, was ihnen von der Regierung aufgezwungen wird.
Foto: DPA Picture Alliance

 

Nicht Nostalgie, sondern Elendstourismus

Der gemeine Kuba-Tourist will das nicht wahrhaben. Zumindest nicht auf Kosten einer noch weiteren Öffnung des Landes. Ein Kuba, das Argentinien oder Costa Rica gleichen würde und somit auch dem Rest der von der freien Marktwirtschaft und der Globalisierung bestimmten Welt. Und das ist es, was viele Europäer und US-Amerikaner nicht sehen wollen: Sie sehnen sich nach einem Ort, der vom rasanten Wandel unserer eigenen Gesellschaften, der Vermischung und damit auch Vereinheitlichung aller Kulturen, verschont bleibt. Ein Ort, der einen nicht an zu Hause erinnert.

Was man als naive Nostalgie durchgehen lassen könnte, trägt eine hässliche Wahrheit in sich.

Er ist ein fester Bestandteil der westlichen Romantisierung Lateinamerikas. Und er wäre noch zu tolerieren, wenn er nicht so hoffnungslos heuchlerisch wäre. Denn natürlich wollen die Touristen sich nicht wirklich mit Autokratie, Armut und mangelhafter Infrastruktur beschäftigen (geschweige denn mit der westlichen Mitschuld an diesen Zuständen in Lateinamerika), sondern nur mit der idealisierten Vorstellung dieser Dinge. Folgt dann der Zusammenprall von erhoffter Zeitreise und unbequemer Realität, sind viele Kuba-Besucher enttäuscht und fliehen in die für die Touristen herausgeputzten Strandorte wie Cayo Coco oder Varadero. Zu Hause erzählen sie dann, dass es wirklich anstrengend und hässlich in Kuba gewesen sei. Der schwarze Mann mit dem weißen Hut hat ihnen nämlich auch eine falsche Zigarre angedreht! 

Straße in Havanna

Eine typische Straße in Havanna
Foto: Getty Images

„Ich habe es mir anders vorgestellt“

Hinzu kommt das komplizierte System mit den zwei Währungen. Stundenlang Schlange stehen müssen, um Geld zu wechseln. Dass es in Wahrheit überhaupt kein Akt ist, sich die nationale Währung zu beschaffen, ist vielen nicht klar. Statt sich darum zu bemühen, den echten Alltag zu verstehen, ist man enttäuscht, dass die meisten kubanischen Familien zum Entertainment nicht in das Propagandablatt „Granma“ schauen, sondern lieber vor dem Fernseher bei brasilianischen Telenovelas mitfiebern. Wer es sich leisten kann, tummelt sich auf den Parkbänken der öffentlichen Grünanlagen, wo man für etwa zwei Dollar die Stunde beschränkten Internetzugang hat und sich online nach der Außenwelt ausstrecken kann. Am Malecón fahren die bunten Cadillacs vorbei und es werden köstliche Mojitos gereicht, aber man kann auch nicht die Kinderprostitution übersehen, die es dort gibt.

In den Gesprächen, die man dann auf Kuba führt, schwingt die Enttäuschung unterschwellig immer mit.

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Wer als Europäer nach Kuba kommt, der sehnt sich schnell nach den Annehmlichkeiten seiner Heimat. Man wünscht sich Exotik ohne Sorgen. Aber die gibt es nun mal nicht. Wer hinfliegt, der sollte sich auf die Wirklichkeit einstellen. Und seine romantisierten Vorstellungen von Lateinamerika zu Hause lassen. Dann gibt es ein lebendiges und aufregendes Kuba zu entdecken. Aber eben auch eines, in dem man für einen Joint ins Arbeitslager geschickt wird. 

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