7. August 2026, 17:11 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Das Disgusting Food Museum im Herzen Berlins zeigt in einer spannenden und lehrreichen Ausstellung ungewöhnliche Nahrungsmittel aus aller Welt. Und obwohl viele der „Exponate“, die man zum Teil sogar vor Ort verkosten kann, auf den ersten Blick wirklich absonderlich scheinen, setzt man hier keinesfalls auf billige Schockwirkung. Sondern vielmehr auf einen Bildungsauftrag mit einer ehrenwerten Botschaft. TRAVELBOOK-Autor Robin Hartmann war vor Ort, hat gestaunt und sich durchprobiert.
Dienstagmittag in Berlin, ganz in der Nähe des Checkpoint Charlie, Ortszeit 11.54 Uhr. Ich stehe neugierig mit ein paar anderen vor den Türen zu Berlins vielleicht ungewöhnlichster Ausstellung, dem Disgusting Food Museum. Also dem Museum für ekelhaftes Essen. Eine Freundin hatte mir im Urlaub davon erzählt, und ich mir sofort gedacht: Das wollen wir doch mal sehen, bzw. uns ansehen. Am Eingang ein Schild: „Jenseits der Grenzen des guten Geschmackes“. Darunter kleingedruckt ein Warnhinweis: „Manche Inhalte der Ausstellung können physisches und psychisches Unwohlsein auslösen“. Eine Frau, die mit mir wartet, sagt, ein bisschen ängstlich: „So schlimm wird es schon nicht werden – hoffe ich … “
Das Disgusting Food Museum zeigt seit 2021 ungewöhnliche „Exponate“ aus der ganzen Welt. Und zwar in Form von Speisen und Getränken, die dem Betrachter, wie der Name schon nahelegt, auf den ersten Blick ekelhaft erscheinen mögen. Doch um eine billige Schockwirkung und Marketing mit Brechreiz geht es vor Ort überhaupt nicht, wie ich sehr schnell von Museumsleiterin Alexandra Bernsteiner erfahre: „Wir versuchen, unseren Gästen zu vermitteln, dass es in anderen Ländern völlig normal ist, Dinge zu essen, die uns auf den ersten Blick widerlich erscheinen mögen.“ Ja, die Bezeichnung „ungewöhnlich“ treffe es eigentlich besser. Man sei aber ein ursprünglich aus dem schwedischen Malmö stammendes Franchise, und der Name tatsächlich vertraglich so vorgegeben. In Wahrheit gehe es aber eher darum, Besucher über Essgewohnheiten weltweit aufzuklären.
Mit Vögeln gefüllte Robbe
Diese erhalten am Eingang, eher als Gag, eine Kotztüte, aber man kann ja nie wissen. Auf einem Schild steht: Zwei Tage seit dem letzten Brechreiz. Insgesamt haben sich seit Eröffnung hier 118 Menschen übergeben müssen. Ein Mitarbeiter an der Probiertheke, an der man auch einige der „Ausstellungsstücke“ verkosten kann, erzählt, nicht ohne zu grinsen, erst kürzlich habe es einen Mann gleich zweimal hintereinander erwischt. Also, mit einem leicht mulmigen Gefühl hinein in das Disgusting Food Museum, das mit nur einem großen Saal relativ überschaubar ist. „Bei uns geht es nicht wirklich um ekelhaftes Essen“, so Bernsteiner. „Sondern eben um ungewohnte Dinge, die man hierzulande nicht kennt, und die daher vielleicht auch als kulturell fragwürdig eingestuft werden.“
Dem möchte man hier eine neue Art von Verständnis entgegensetzen. Zunächst einmal mit zahlreichen Schaukästen, in denen sich Beispiele für ungewöhnliche, manche würden sagen, ekelhafte, Nahrungsmittel, befinden. Zum Beispiel Kiviat, aus Grönland stammend. Das ist eine frisch ausgeweidete Robbe, die mit bis zu 500 kleinen Vögeln gefüllt wird. Sodann vergräbt man den Kadaver, bis die Vögel fermentiert sind. Und genießt diese dann, indem man ihnen den Kopf abbeißt und die Säfte aus dem Körper saugt. Dagegen auch in Deutschland hergestellt und erhältlich ist von Milben „verfeinerter“ Käse und vergorene Stutenmilch, „in Bio-Qualität“, wie Bernsteiner bemerkt.
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Der Ekel-o-Mat
An vielen Exponaten kann man auch riechen, wie zum Beispiel der auch als „Stinkfrucht“ bekannten Durian aus Asien. Meine Freundin verbot mir 2025 auf einem Trip nach Bali, diese zu kaufen. Na gut, es riecht ein bisschen faulig, aber so richtig verstehe ich nicht, warum das Obst selbst in Asien vielerorts im öffentlichen Raum verboten ist. Genauso wenig schockiert mich der „Altar der Stinkekäse“, von denen ich manche selbst regelmäßig in meinem Kühlschrank habe – bzw. auf dem Balkon, wenn mir meine Freundin die Lagerung in der Wohnung untersagt. Lustig ist der Ekel-o-Mat: Hier kann man sein Gesicht hineinstecken und auf Knopfdruck einen Geruch freisetzen. Eine Kamera hält dann die Reaktion fest.
„Ich sehe schon, ein Profi“, sagt Bernsteiner fast ein wenig enttäuscht, als ich auf meinen Bildern nicht mal ein wenig das Gesicht verziehe. Womöglich liegt das daran, dass ich als Vielgereister selbst schon so einige ungewöhnliche Gerichte probiert habe, die andere wohl als eklig bezeichnen würden. Bei mir bewirken die Exponate jedenfalls kein Unwohlsein und auch keinen Schock, eher kindliche Neugier. Schwer zu ertragen sind dagegen die auf Bildschirmen zu sehenden Videoinstallationen, die die Gräuel der Massentierhaltung zeigen. „Bei dem Anblick sind uns auch schon Gäste umgekippt.“ Man habe sich bewusst entschieden, die Videos zu zeigen, um die Besucher den Begriff des vermeintlich Ekelhaften hinterfragen zu lassen.
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In Urin gekochte Eier
Ich staune mich weiter durch die Ausstellung, schmunzele zum Beispiel über den chinesischen „Drei-Penis-Wein“ (enthält Robben-, Hirsch- und Hunde-Phallus). Oder auch Kuh-Urin, verpackt in handelsüblichen PET-Flaschen wie ein Erfrischungsgetränk. Bernsteiners Lieblingsexponat sind übrigens die „Virgin Boy Eggs“, und das ist dann selbst für mich mehr als gewöhnungsbedürftig. Ebenfalls aus China stammend, handelt es sich dabei um im Urin von männlichen Kindern gekochte Eier. „Seit kurzem sind sie von der UNESCO sogar als Weltkulturerbe anerkannt“, sagt Bernsteiner, auch etwas kopfschüttelnd. Über Geschmack lässt sich ja, zum Glück, bekanntlich nicht streiten. Dennoch bin ich froh, dass es das an der Probiertheke nicht gibt.
Denn natürlich zieht es mich auch dorthin. Irgendwo zwischen Übermut und echter Neugier möchte ich alles probieren, was hier angeboten wird. Und so koste ich mich erst einmal durch ein ganzes Sortiment frittierter Insekten. Weniger eklig als es vielleicht klingen mag, vor allem, wenn man bedenkt, dass von der EU längst mehrere Arten offiziell zum Verzehr und der Produktion von Lebensmitteln freigegeben sind. Also rein mit der Heuschrecke und dem Junikäfer, die ehrlich gesagt nach überhaupt nichts schmecken. Je weiter ich gehe, desto erwartungsfroher werden auch die Gesichter der Mitarbeiter. Mit irgendetwas muss dieser Sonderling doch zu schocken sein, scheinen sie zu denken.
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Letzte Hemmschwelle
Doch es ist wie verhext. Alles, wovor ich vorab schmunzelnd gewarnt werde, schmeckt am Ende nicht nur interessant, sondern mir teils sogar gut. So wie das fermentierte Tofu, das ich mir bestens als Brotaufstrich vorstellen kann. Auch das Stinky Tofu ist auf der Zunge nicht schlecht, da allerdings rebelliert mein Bauch das einzige Mal entschieden und sofort. Auf die Kotz-Ehrenliste komme ich trotzdem nicht, mein Spitzname „Eisenmagen“ stammt schließlich nicht von ungefähr. Richtiggehend enttäuscht bin ich daher auch von dem sardischen Käse, den mir Bernsteiner als absolut letzte Hemmschwelle beschreibt, und der dann meinen Gaumen nicht mal kitzelt. Ich meinerseits verspreche, mit einem von mir geliebten, für viele sicher zumindest ungewöhnlichen Käseprodukt bald einmal wiederzukommen.
Auf die diversen Chili-Soßen, die teils mehrere hunderttausend Scoville aufweisen, verzichte ich aus Erfahrung von Vornherein. Ja, ich will meinen Horizont erweitern und meine Geschmacksknospen zu neuen, merkwürdigen Orten entführen. Aber ich brauche nun wirklich niemandem etwas zu beweisen. Und so muss ich herzlich lachen, als ein Jugendlicher nach Verkostung dieser Soßen mit Tränen in den Augen, von seiner wütenden Mutter ins Schlepptau genommen, das Disgusting Food Museum fluchtartig verlässt. Wer selber einmal kommen möchte, hat dafür von Freitag bis Dienstag von 12 bis 18 Uhr Gelegenheit. Die Preisgestaltung ist dynamisch, so kostet ein Ticket für Erwachsene zwischen 10 und 17 Euro, ermäßigt zwischen sieben und 12 Euro.