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„Gänseliesel“ in Göttingen

Die süße Geschichte um die „meistgeküsste Frau der Welt“

„Gänseliesel“
Der „Gänseliesel“-Brunnen auf dem Göttinger Marktplatz ist seit jeher ein beliebter Treffpunkt für Studenten der Stadt. Sie erweisen der Bronze-Statue auf ganz besondere Weise die Ehre Foto: picture alliance / Joko
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Robin Hartmann Autorenkopf
Freier Autor

25. Februar 2026, 10:35 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

In der niedersächsischen Studentenstadt Göttingen steht eine bei jungen Leuten ganz besonders beliebte Statue: das „Gänseliesel“. Und um diese dreht sich eine süße Tradition. Denn immer, wenn hier ein Uni-Abgänger seine Doktorarbeit verteidigt, muss er oder sie die bronzene Figur mit Blumen schmücken und küssen. Das kann mitunter schon mal in große Versammlungen ausarten, und einmal im Jahr gibt es sogar ein Fest zu Ehren der stummen Schönen. Die Stadt bewirbt die bekannte Attraktion daher sogar scherzhaft mit einem ziemlich cleveren Slogan.

Hätten Sie gewusst, dass die mutmaßlich „meistgeküsste Frau der Welt“ in der niedersächsischen Studentenstadt Göttingen ihr Zuhause hat? Seit nun genau 125 Jahren steht sie jeden Tag auf dem Marktplatz der Stadt vor dem Rathaus, egal bei welchem Wetter, und wartet auf ihre Verehrer. Oder Verehrerinnen, denn das „Gänseliesel“, so der Name der Dame, ist da nicht so wählerisch. Nicht, dass sie eine Wahl hätte, denn bei der stummen Schönen handelt es sich um eine Bronze-Statue, die den örtlichen Brunnen schmückt. Und um diese hat sich im Laufe ihres „Lebens“ eine sehr skurrile und süße Tradition entwickelt. Denn immer, wenn in Göttingen ein Uni-Absolvent seine Doktorarbeit erfolgreich verteidigt, muss er das „Gänseliesel“ besuchen.

Doch bei einem einfachen „Rendezvous“ bleibt es nicht. Der Galan oder die Galanin muss dem „Gänseliesel“ dem Brauch zufolge auch Blumen mitbringen und es zum Dank für die erfolgreiche Verteidigung der Doktorarbeit küssen. Laut der offiziellen Tourismuswebsite der Stadt Göttingen existiert dieser Usus bereits seit über 100 Jahren. Doch der Reihe nach: Am 8. Juni 1901 bezieht die bronzene Schönheit ihre Residenz als Zierde des Stadtbrunnens vor dem Göttinger Rathaus. Bereits 1898 hatte die Stadt einen Wettbewerb ausgerufen, um eben eine solche Verschönerung zu finden. Bei der Ausschreibung hatte das „Gänseliesel“ eigentlich nur den zweiten Platz belegt. Doch der Entwurf kam bei der Bevölkerung so gut an, dass sie seitdem statt des eigentlichen Siegers den Brunnen schmückt.

Gerichtsprozess um das „Gänseliesel“

„Gänseliesel“
Jedes Mal, wenn in Göttingen eine Student seine Doktorarbeit verteidigt, erhält das „Gänseliesel“ zum Dank Blumen und Küsse Foto: picture alliance/dpa

Die Tradition, das „Gänseliesel“ bei einem Dankes-Besuch mit Blumen zu schmücken und zu küssen, muss sich bereits kurz nach der Errichtung der Statue etabliert haben. Jedenfalls gibt es eine mehr als skurrile Geschichte darum. Denn damals musste noch jeder Neuimmatrikulierte den Gang zu der Brunnen-Schönheit antreten. Das viele Küssen wurde den Stadtvätern schon bald ein Dorn im Auge, weswegen sie gegen den studentischen Brauch sogar ein offizielles Verbot erließen. Rechtmäßig ist dieses tatsächlich bis heute in Kraft. Das wollten sich die jungen Akademiker jedoch nicht bieten lassen, und so kam es am Ende gar zu dem legendären „Kuss-Prozess“. Bei diesem wollte ein vielleicht etwas übermotivierter Jurastudent offiziell das Recht erstreiten, das „Gänseliesel“ fortan legal schmücken und küssen zu dürfen.

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Und obwohl dieser Gerichtsstreit letztlich verloren ging, war die Kuss-Tradition um das „Gänseliesel“ durch nichts und niemanden mehr aufzuhalten. Allerdings veränderte sie sich im Laufe der Zeit. Denn zunächst waren es bald nur noch die männlichen Doktoranden, die das „Gänseliesel“ schmücken und küssen durften. Dem Zeitgeist entsprechend dürfen das natürlich heute auch weibliche Absolventen. Und das kann laut der Seite des Stadtmarketings mitunter einen ganz schönen Andrang geben, kommen doch manchmal auch bis zu 60 erfolgreiche Uni-Abgänger gleichzeitig. Zur Tradition ist es ebenfalls geworden, die Doktorhüte möglichst bunt und fantasievoll zu schmücken. Als die Statue 2001 ihren 100. Geburtstag feierte, gab es ihr zu Ehren sogar eine Art Volksfest – und das im wahrsten Sinne des Wortes.

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Auch in Japan verehrt

Denn damals war es für 100 Minuten einfach jedem gestattet, das „Gänseliesel“ zu küssen. Um einen sicheren Abgang zu garantieren, hatte die Stadt dafür sogar eine hölzerne Empore errichten lassen. Denn nicht selten war es zuvor passiert, dass ein Student beim Klettern in den Brunnen ausrutschte und dabei so richtig nass wurde. Auch heute kommt es dazu mitunter noch. Auch wenn es im Brunnen längst einen Trittstein für mehr Kuss-Sicherheit gibt. Seit 1990 befindet sich die Original-Statue übrigens im Göttinger Museum, geht aber mitunter auch heute noch manchmal als Opern-Requisite auf große Tour. Das „Gänseliesel“ ist aber nicht nur bei den Studenten beliebt, sondern auch bei Touristen aus aller Welt. Besonders solchen aus Asien.

„Gänseliesel“
Früher besuchten nur männliche Studenten das „Gänseliesel“. Heute feiert hier jeder seinen Abschluss Foto: Christoph Mischke/Göttingen Marketing GmbH

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In Japan geht die Verehrung gar so weit, dass eine Nachbildung des „Gänseliesel“ in einem Vergnügungspark auf der Insel Hokkaido steht. Und das bereits seit 1989. Das Stadtmarketing bewirbt die beliebte Statue mitunter auch scherzhaft als die „meistgeküsste Frau der Welt“. Und steckt seine Mitarbeiter notfalls gar in Doktoranden-Kostüme, wenn mal Vertreter der Medien Bilder brauchen, aber gerade kein echter Absolvent zur Hand ist. Natürlich ist der Brunnen mit der Schönen auch ein bekannter Treff- und Versammlungspunkt. Zum Beispiel beim Public Viewing oder für Protestaktionen. Und einmal im Jahr feiert ganz Göttingen mit zehntausenden Gästen das „Gänseliesel“-Fest. 2026 wird es bereits zum 30. Mal stattfinden.

Großes Fest zum 30-jährigen Jubiläum

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Eine Mitarbeiterin des Stadtmarketings sagt dazu auf TRAVELBOOK-Anfrage: „Dieses Jahr wird besonders groß gefeiert, und zwar vom 27. bis 30. September. Normalerweise ist es immer nur ein Tag. Wir wählen jedes Jahr auch ein ‚echtes Gänseliesel‘, das dann die Stadt repräsentiert.“ Zudem gibt es diverse Veranstaltungen wie einen Kunsthandwerksmarkt, Live-Musik und Tanzaufführungen. Der Hype um die „meistgeküsste Frau der Welt“ sei auch heute noch ungebrochen. „Sie ist definitiv eine zentrale Figur in Göttingen. Wir haben etwa 25.000 Studenten, und alle Fakultäten, von der Germanistik bis zur Astrophysik, machen ihr ihre Aufwartung.“ Übrigens: Die Figur stammt eigentlich aus einem Märchen der Brüder Grimm. Dort heißt sie „Gänsemagd“.

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