28. Mai 2026, 10:23 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Die Sommerferien stehen kurz bevor und mit ihnen zu erwartendes Flughafenchaos. Und das hat bereits begonnen. Ein neuer Grund: die neue automatisierte digitale Grenzkontrolle der Europäischen Union.
Stundenlanges Schlangestehen am Flughafen sind die meisten seit 9/11 gewöhnt, spätestens jedoch seit der Corona-Pandemie und der danach ausgelösten Flut an Reisenden auf beliebte Ziele. Besonders im Sommer tummeln sich tausende Menschen in kleinen und großen Flughäfen, mitunter kommt es zu Chaos und Tumulten. Das ist nicht neu. Dieser neue Grund, der aktuell für Verspätungen und verpasste Flüge sorgt, ist es jedoch: die Einführung des europäischen Ein- und Ausreisesystems EES. Das betrifft theoretisch nur Nicht-EU-Bürger, also weder Deutsche noch die meisten europäischen Nachbarn. Dank des massiven Chaos, das sich nun an den Flughäfen abspielt, betrifft es sie aber doch.
Was ist EES?
„Das Einreise-/Ausreisesystem (EES) ist ein automatisiertes IT-System zur Erfassung von Nicht-EU-Staatsangehörigen, die sich zu einem Kurzaufenthalt einfinden“, erklärt die Europäische Union das neue System. Erfasst werden jene, die die Außengrenzen der 29 teilnehmenden europäischen Länder übertreten. Der „Kurzaufenthalt“ meine dabei einen Aufenthalt von bis zu 90 Tagen innerhalb von 180 Tagen. EES gilt demnach für alle Drittstaatler, unabhängig davon, ob sie ein Visum für zur Einreise benötigen oder nicht. Zu diesen gehören unter anderem auch Briten, US-Bürger, Australier und etliche weitere. Zypern und Irland nehmen trotz EU-Status nicht am EES teil und stempeln Reisepässe weiterhin manuell ab.
Beim EES scannen Reisende ihre biometrischen Reisepässe eigenständig an einem Selbstbedienungssystem. Ohne einen biometrischen Reisepass geht es nicht. Der EES-Kiosk erfasst dabei biometrische Daten wie Fingerabdrücke und Gesichtsbilder, wie die Lufthansa erklärt. Ebenfalls erfasst werden der Name, die Passdaten sowie der Ort der Ein- und Ausreise aus dem Schengenraum. Eine EES-Datenbank speichert die Daten. Darüber hinaus speichert das System vorherige Verweigerungen einer Einreise. Hat jemand die erlaubte Aufenthaltsdauer überschritten oder steht er oder sie auf einer Strafregisterliste, erkennt der EES-Kiosk das und meldet es den Grenzbeamten. In der Grenzkontrolle werden die erfassten Daten überprüft und – steht dem nichts im Wege – der oder die Reisende darf ein- beziehungsweise ausreisen.
Wozu ist EES gut?
Laut der EU-Infoseite hat das EES etliche Vorteile, ein entscheidender sei die Modernisierung und Effizienzsteigerung bei den Grenzkontrollen. Funktioniert es richtig, soll es diese erleichtern und beschleunigen.
Neben der Effizienz geht es beim EES um die Sicherheit innerhalb der Europäischen Union. Dank des elektronischen Systems sollen Ein- und Ausreisen in den Schengenraum besser nachvollzogen werden können. Und noch ein wichtiger Punkt wird darüber abgedeckt: „Durch die Nutzung von Fingerabdruck- und Gesichtsdaten wird verhindert, dass Personen die zulässige Aufenthaltsdauer überschreiten, falsche Identitäten verwenden oder die visumfreie Einreise missbrauchen“ , erklärt die EU. Das EES führe schlussendlich dazu, dass Grenzschutzbeamten und Strafverfolgungsbehörden Zugriff auf wichtige Reiseinformationen erhielten und so dabei unterstützt würden, „Sicherheitsrisiken zu erkennen sowie die Bekämpfung schwerer Kriminalität und des Terrorismus voranzutreiben.“
Warteschlangen an den Flughäfen
Nach mehrfachen Verschiebungen, holprigen Anfängen und technischen Schwierigkeiten wurde das neue Ein- und Ausreisesystem der EU im Oktober letzten Jahres schrittweise eingeführt. Seit dem 10. April 2026 ersetzt es laut der Europäischen Kommission „die Stempelung von Reisepässen und ermöglicht die automatische Erkennung von Personen, die die zulässige Aufenthaltsdauer überschritten haben“. Ohne Probleme verläuft die Einsetzung des neuen Systems jedoch nicht – und zu beschleunigten Kontrollen hat EES bislang vermeintlich kaum geführt, glaubt man den Horrorberichten von bis zu siebenstündigen Warteszenarien, die in den Sozialen Medien kursieren.
Seit dem Start von EES berichten Reisende in Europa von chaotischen Szenen, stundenlangem Warten ohne System bis hin zu verpassten Flügen. So wurden laut der britischen „The Times“ etwa in Frankreich „gravierende IT-Pannen bekannt“. Am hoch frequentierten Pariser Flughafen Charles de Gaulle seien die Systeme ausgefallen und die Pässe hätten manuell bearbeitet werden müssen. Ellenlange Warteschlangen inklusive. Auch in Griechenland wird von mehr als zwei Stunden Wartezeit berichtet. Das Land will EES für Briten deshalb sogar bis September aussetzen. In den britischen Städten Dover und Folkestone gab es offenbar so große technische Probleme, dass das ganze System abgeschaltet wurde.
Die Luftfahrtindustrie hatte sich laut The Times für eine Verlängerung der sechsmonatigen Übergangsfrist eingesetzt, auch weil der 10. April in die Osterferien fiel. Sie warnte vor derartigen Engpässen, besonders an Drehkreuzen wie Amsterdam, Barcelona und Paris.
Stundenlanges Warten in Portugal
Gerade in Hochreisephasen wie den bevorstehenden Sommerferien wird es eng an Europas Flughäfen. Viele der kleineren sind zwar Drehkreuze, aber nicht auf derartige Warteschlangen ausgelegt. Ein Extrembeispiel ist etwa Portugal. In den sozialen Medien wurde zuletzt immer wieder von ausufernden Warteschlangen und vor allem -zeiten berichtet. Bis zu sieben Stunden sollen manche Reisende an den portugiesischen Flughäfen in Lissabon, Porto und Faro warten müssen. Die Warteschlangen reichen teilweise bis in den Duty-Free-Bereich. Vom Flughafen Faro gibt es auch Bilder, die Menschenmassen auf den Treppen vor den Kontrollen zeigen.
Eindrücklich ist etwa dieses Video von CNN:
Verschiedene Medien berichten, die aktuellen Warteschlangen rührten von Problemen mit dem neuen Ein- und Ausreisesystem EES her, darunter etwa technische Defekte. Es seien jedoch nicht die neuen Systeme allein, die die kleinen portugiesischen Flughäfen an ihre Belastungsgrenzen bringen.
Nicht nur EES verantwortlich für das Chaos?
So erklärt etwa ein Bericht der portugiesischen Newsseite „The Resident“, das Problem sei laut der Polizei in Porto nicht allein das EES, sondern vielmehr eine Kombination aus technischen und computerbezogenen Problemen sowie der hohen Zahl an Nicht-EU-Bürgern unter den Passagieren. Exemplarisch war hier der Sonntag vor gut einer Woche genannt worden, an dem rund 69.000 ebensolcher die drei portugiesischen Airports Porto, Lissabon und Faro passiert hatten. An diesem Tag habe es in Porto Wartezeiten von bis zu 130 Minuten gegeben. In Lissabon hätten Reisende bis zu 110 Minuten und in Faro bis zu 100 Minuten warten müssen. Berichte von bis zu sechsstündigen Wartezeiten wies die Polizei hingegen zurück.
Der portugiesische Staatssekretär für Infrastruktur, Hugo Espírito Santo, erklärte in einem Artikel auf der Plattform „Essential Business“, die ausufernden Warteschlangen gebe es längst nicht nur in Portugal: „Wir müssen erkennen, dass dies kein portugiesisches Problem ist, sondern im Moment ein europäisches Problem“, sagte der Staatssekretär. Auch Amsterdam, Mailand, München und Teneriffa hätten ähnliche Zustände. Er erklärte seine Unzufriedenheit über die Situation und sagte, man arbeite an einer Lösung der Probleme. Unter anderem soll das durch mehr personelle wie technische Ressourcen an den Flughäfen geschehen.
Laut „Essential Business“ dementierte die Europäische Union, dass die Warteschlangen an Portugals Flughäfen durch EES entstanden seien. Die Bearbeitungszeit pro Fluggast betrage demnach nur etwas mehr als eine Minute. Oftmals stünden die Wartezeiten nicht mit dem System, sondern anderen Faktoren in Verbindung.
Portugal hat seinerseits laut „The Times“ angefangen, die EES-Automaten auszuschalten, sobald die Warteschlangen zu lang werden.
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Welche Lösungen gibt es?
Das Abschalten der EES-Kioske ist eine temporäre Lösung, und inzwischen haben laut der britischen „Times“ viele Flughafen eine gesetzliche Klausel, die es ihnen erlaubt, manuelle Grenzkontrollen durchzuführen, wenn die technischen Systeme versagen oder der Betrieb massiv gestört wird. Die Europäische Union hat laut der Zeitung erklärt, EU-Länder, die in diesem Sommer mehr Flexibilität benötigten, könnten eine Übergangsfrist bis Anfang September nutzen.
Doch welche anderen Maßnahmen gibt es im Zusammenhang mit den Problemen mit EES mitten in der Sommerzeit? Eine Möglichkeit bietet laut verschiedener Medien die von der EU-Grenzschutzagentur Frontex entwickelte App „Travel to Europe“. Diese wurde als Pilotprojekt in Schweden und Portugal getestet und kann dort freiwillig genutzt werden. Mittels der App können Reisende sich vorab mit ihren persönlichen Daten und Reiseinformationen registrieren, wodurch die Wartezeiten an den Sicherheitskontrollen verkürzt werden könnten. Die Reisenden greifen an den EES-Kiosken dann per QR-Code auf ihre Registrierung zu, wie das Medienunternehmen „Travel Tomorrow“ schreibt.
Erste Erfolge
Bei allen Schwierigkeiten, die das neue System bislang hervorbringen mag, gab es laut übereinstimmenden Medienberichten jedoch bereits erste Erfolge. So schreibt etwa „The Times“, schon in seinen ersten sechs Monaten in Betrieb, also zwischen Oktober und März, hätte EES 4000 Menschen dabei erwischt, dass sie ihren erlaubten Aufenthalt überzogen hatten. Darüber hinaus seien knapp 66 Millionen Ein- und Ausreisen registriert worden sowie 32.000 Einreiseverweigerungen. Mehr als 800 von ihnen seien als Sicherheitsrisiko für die Europäische Union eingestuft worden.
EES ist übrigens nicht das Ende der neuartigen Einreiseszenarien: Für dieses Jahr ebenfalls geplant, ist im vierten Quartal die Einführung der immer wieder verschobenen neuen Einreisegenehmigung ETIAS.