2. Juni 2026, 17:28 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten
Die CopenPay-Initiative der dänischen Hauptstadt belohnt Besucher für nachhaltiges Verhalten im Urlaub, BerlinPay testet derzeit die gleiche Idee. Unsere Autorin hat das Konzept in Kopenhagen getestet und berichtet von ihren Erfahrungen – und warum sie sich wundert, dass die Idee in Deutschland so kritisch gesehen wird.
Vergangenen Sommer stand ich an einem sonnigen Samstagvormittag auf einer Wildwiese des Naturparks Amager, der sich auf der gleichnamigen Insel in Kopenhagen befindet. Fast zärtlich steckte Rune Kjærgaard Lange die Sensenklinge auf den Stiel, dann demonstrierte er der Besuchergruppe aus Deutschland, wie man mit einer Sense das Gras kürzt: „Kleine Schwingungen und minimale Bewegungen reichen.“
Jeder Besucher bekam eine Sense in die Hand gedrückt und gemeinsam schwangen wir die Klingen im Sonnenschein voran. Durch die scharf geschliffenen Klingen fielen die Gräser nahezu von selbst und wir schafften es, zumindest eine Ecke dieser riesigen Wiese zu sensen – Erfolgsgefühle! – während Rune uns einzelne und seltene Blüten zeigte. Die durften stehenbleiben. Radler sausten vorbei, Familien mit kleinen Kindern gingen spazieren, Teenager sonnten sich. Jogger mit freiem Oberkörper schauten etwas irritiert zu uns rüber, den bleichen und konzentrierten Deutschen.
Das Naturschutzgebiet von Amagerfælled auf der westlichen Seite der Insel entstand durch Eindämmungsarbeiten während des Zweiten Weltkriegs und wurde damals militärisch genutzt. Heute gleicht es einem riesigen Stadtpark mit Wiesen, Seen sowie Wäldern mit Wildtieren und wird von den Einwohnern geliebt. Wir bekamen – ganz nebenbei – einen Einblick in den Lifestyle der dänischen Großstädter geschenkt. Aha, so lebt man hier also.
Ein Essen als Belohnung
Für die Senserei bekamen wir im Traktørstedet, dem dazugehörigen Restaurant des Naturparks, einen vegetarischen Gratis-Lunch: riesige Portionen knackiger Sommersalate mit saftigen Radieschen, frischen Möhrenschnipseln, geriebenem Weißkohl und Roter Bete. Genau die Sorte Salat, für die man zu Hause im Alltag schlichtweg zu faul sein kann.
Die CopenPay-Initiative startete 2024. Mit dieser Sommeraktion will die dänische Hauptstadt ihre Gäste zu nachhaltigem Verhalten animieren. Waren es 2024 noch vierzig Partner, stieg diese Zahl 2025 auf 100, darunter Hotels, Restaurants, Fahrradverleiher und Umweltinitiativen, die dazu ermutigen, sich nachhaltig in Kopenhagen zu bewegen. Eine Idee, so simpel wie betörend und umsetzbar: „Komm zu uns mit der Bahn, dann schenken wir Dir eine Yoga-Session.“ So fand ich mich im Crown Plaza Hotel auf einer Yogamatte mit duftendem Orangenöl auf dem Handrücken wieder. Atmen, Strecken, Duften. Allein durch die entspannte Anreise mit der Bahn. Durch eine feine Form des passiven Nichtstuns wurde ich daran erinnert, wie entspannend Yoga wirken kann.
Entspanntes Radeln durch die Großstadt
Und wie entspannt diese Stadt wirkt, falls man sie auf dem Fahrrad erkundet. Ich staune darüber, wie leise der Verkehr klingt: Elektrofahrzeuge stellen die Mehrheit der KfZ-Neuzulassungen, auch die Mehrheit der Taxis fährt mit Strom. Falls überhaupt ein Auto nötig wird. In der Hauptstadt fahren viermal mehr Fahrräder als Autos. 62 Prozent der Einwohner nehmen das Fahrrad, um an ihre Arbeitsstelle zu gelangen. Dies alles erzählte Christian Hougaard, Chef von Cycling Copenhagen, während wir durch das Viertel Ørestad radelten, entlang der Metrostrecke M1, deren Züge fahrerlos alle vier bis sechs Minuten eintreffen. Ebenfalls lautlos. Natürlich pünktlich.
Die Fahrradwege verlaufen strikt getrennt zwischen Straße und Radweg. Aus diesem Konzept entstand der Begriff „copenhagenize“, der bis an das andere Ende der Welt strahlt. Selbst im australischen Sydney tragen die dortigen Fahrradspuren den Namen „Copenhagen Lanes“. Dazu existieren eigene Rad-Regeln: Rechte Hand hochgestreckt in die Luft bedeutet: „Achtung, ich stoppe“. Damit die hinten folgenden Radler nicht blindlings aufprallen.
Wir sahen hypermoderne Bauten wie 8TALLET mit 476 Wohnobjekten, vom Penthouse bis zum Town House mit eigenem Garten. Der Grundgedanke dieses neuen Viertels: Raum für Entwicklung, Lebensqualität und Aktivität zu schaffen. Und charmant im Konzept mitgedacht: die Möglichkeit, dass Kinder sich gegenseitig zu Fuß besuchen können. Alle deutschen Familien auf dem Land würden bei dieser Idee begeistert aufatmen: Endlich keine langen Autofahrten mehr, um das Kind zu Freund A, B oder Z hinbringen und abholen zu müssen. Doch Christian Hougaard hat auch Kritik übrig: „Hier wurde mit diesen riesigen Bürokomplexen zu groß gedacht. Es fehlen kleinere Flächen mit Platz für Cafés, Boutiquen oder gemütliche Eckkneipen. Das Viertel muss noch wachsen.“
Kopenhagen ist nachhaltig und kreativ
Zum Ausgehen und Arbeiten fahren oder radeln die Einwohner des Viertels immer noch in die angesagten Innenstadt-Viertel wie Vesterbro oder Østerbro. Kopenhagen gilt laut UNESCO als die Welthauptstadt der Architektur. Das fiel mir auf unserer Biketour zufällig auf: Diese Häuser in gedrehten Formen. Häuser, die optisch eine Acht bilden. Fröhliche farbige Fassaden und eine Straße mit Häusern, die aus recycelten Ziegelsteinen neu erbaut wurden. Wunderbare Badestellen. Wohnungen mit eigenem Bootssteg vor der Tür. Eine schwimmende Pop-up-Kirche im Kanal auf einem Boot. So kreativ wie pragmatisch.
„Alle wollen nachhaltig handeln, aber kaum jemand schafft das komplett“, sagt Jonas Løvschall-Wedel, Pressesprecher von Wonderful Copenhagen, der Tourismusorganisation der Stadt, die die Idee zu CopenPay entwickelte. Daher seien die Angebote mit Absicht niedrigschwellig gehalten. Nach der großen Resonanz der Initiative – 98 Prozent der Teilnehmer äußerten sich positiv – erwartet CopenPay noch mehr Zulauf. Touristen schätzen nach Beobachtung von Jonas Løvschall-Wedel die Gelegenheit, neue Erfahrungen zu sammeln, Kopenhagen anders kennenzulernen, den Aufenthalt zu verlängern und dabei noch etwas Sinnvolles zu tun.
Diese Aktionen bietet CopenPay
Die Reichweite der Aktionen wird kreativ umgesetzt: Im 25hours Indre Hotel gibt es etwa für den Nachweis, mehr als 5000 Schritte gegangen zu sein, einen Kaffee. Das Museum für zeitgenössische Kunst Arken bei Ishøj belohnt das Säubern des Strandes auch mit einem Kaffee. Zudem setzt CopenPay auf Vertrauen. Der Star-Architekt Bjarke Ingels wandelte die städtische Müllverbrennungsanlage keilförmig um, begrünte sie und legte auf dem steilen Hang eine Sommerskipiste mit Tellerlift an. Aus Abfall wird Energie gewonnen. Wer 20 Minuten auf dem Copenhill carven will, muss nur das Foto eines Leihrades oder Metrotickets vorzeigen. Wer im Hafen schwimmen will, sollte zu Fuß oder mit dem Fahrrad kommen und einem Mitarbeiter von Copenwater das Codewort „Fisch“ zuflüstern. Im futuristischen Dänischen Architektur-Center (DAC) wird die Bestellung einer frisch zubereiteten veganen Mahlzeit mit einer Führung durch das Haus belohnt.
Wer ein Elektroboot des Anbieters GoBoat an Island Brygge mietet und während der Bootstour Müll aus dem Wasser der Kanäle käschert, bekommt den Charterpreis für das Boot erstattet. Immerhin 799 Kronen (105 Euro) für bis zu acht Personen pro Boot und Stunde gespart! Allerdings wurde diese Aufgabe zu einer kniffligen Herausforderung: Weit und breit war in den sauberen Kanälen kein Müll zu sehen. Das Wasser schien glasklar, an mehreren Badestellen stürzten sich Kinder wie Erwachsene begeistert in das kühlende Nass. Wie zum Beweis, dass die Stadtgewässer hervorragende Badequalität besitzen. Als doch eine einsame Getränkedose vorbeitrieb, brach mittlere Panik unter den Freizeitkapitänen aus. Jeder wollte diese verflixte Dose.
Dann doch lieber gärtnern? Im idyllischen Øens Have, einer grünen Oase, die an eine städtische Farm erinnert, gedeihen Mangold, Liebstöckel, Erbsen, Zucchini, Knoblauch, Gurken, Tomaten oder Kresse. In Refshaleøen, einem ehemaligen Industriegebiet, summen die Bienen, die drei Hühner tragen Namen und scharren in köstlichen Überresten der Gemüse und Kräuter. Wer im Garten mit anpackt, kommt nicht nur in Kontakt mit Kopenhagener Einwohnern und Gästen aus aller Welt, sondern bekommt auch ein frisches regionales und saisonales Gericht in der gemütlichen Jurte serviert. Und wird dieses Erlebnis und diesen Ort nicht so schnell vergessen.
Kopenhagen belohnt Touristen, die per Zug anreisen
Was ist eigentlich Slow Travel?
Mediale Häme für BerlinPay
Wenn ich mit diesen wunderbaren Erfahrungen nun über BerlinPay nachlese, leuchten bei mir Fragezeichen im Kopf auf.
„Putzurlaub in Berlin?“, titelt „Der Tagesspiegel“. Hier wird das negative Narrativ erzeugt und nicht die Belohnung betont. Besondere Skepsis scheint in Bayern zu herrschen. Eine Glosse aus der „Süddeutschen Zeitung“ trägt die Überschrift: „Idee für die Tonne“. In einer späteren Fassung heißt es: „An die Arbeit, Urlauber!“ Und weiter wird versucht, die Hauptstadt und die Initiative möglichst negativ darzustellen: „Berlin ist weder bekannt für seine Gastfreundschaft noch für seine Sauberkeit (…) Gut, Geld gibt’s nicht, man weiß um die chronisch klammen Kassen der ,Arm, aber sexy‘-Bundeshauptstadt, stattdessen ,kleine Vorteile‘ oder ,besondere Berlin-Erlebnisse‘, was auch immer damit gemeint ist.“ Die Autorin empfindet die Initiative offenbar als Zumutung, schlägt Berlin gar „Voluntourismus“ vor: „Die also Menschen im Urlaub nicht nur ans Arbeiten bringen, sondern sie auch noch dafür zahlen lassen.“
Warum so viel Häme? Warum kann man einer in Dänemark bewährten Idee in Deutschland nicht einfach mal eine Chance geben? Ich liebe die Idee von CopenPay: Man kommt mit Einheimischen ins Gespräch, gerät an Orte, die nicht zu den Insta-Spots gehören, aber durchaus das Potenzial dafür mitbringen. Seltsam, wie sehr die Dänen sich feiern, und wie die deutschen Medien offenbar brennend gerne zuerst das Haar in der Suppe suchen.
Für Kopenhagen eine Erfolgsstory
Auf der Website von Wonderful Copenhagen lese ich nach: „Es bietet Besuchern die Möglichkeit, Kopenhagen auf eine zutiefst lokale Art und Weise zu erleben – und macht Reisende so zu aktiven Teilnehmern statt zu passiven Konsumenten.“ Und weiter: „Wir haben gesehen, wie viele unserer Besucher nach anderen und sinnvolleren Erlebnissen suchen. Touristen wollen nicht mehr nur eine Stadt sehen – sie wollen ein Teil davon sein. CopenPay gibt ihnen diese Möglichkeit“, so Søren Tegen Petersen, CEO von Wonderful Copenhagen.
Zudem werden einige vielversprechende Ergebnisse und Veränderungen aufgelistet, die CopenPay bisher mit sich gebracht hat:
- Über 30.000 teilnehmende „Voluntouristen“ seit dem Start
- Über 100 Reiseziele weltweit haben Interesse am CopenPay-Modell bekundet
- Die Fahrradvermietungen stiegen während der Initiative um 59 Prozent
- Sieben von zehn Teilnehmern gaben an, ihre Gewohnheiten zu Hause geändert zu haben
- 98 Prozent würden CopenPay weiterempfehlen
Entweder brennt man für eine Idee oder man verurteilt sie von vornherein aufgrund eines medialen Wordings. Ich sehe gerade nur gute Gründe für eine adaptierte Erfolgsstory aus dem hyggeligen Nachbarland mit Wachstumspotenzial. Gerade für Deutschland.