US-Tourist auf Andamanen-Insel mit Pfeilen getötet

Wie viele komplett „unkontaktierte“ Völker gibt es eigentlich noch?

Indigene Völker
Einige indigene Völker wehren, um sich zu schützen, Flugzeuge oder Drohnen mit Pfeilen ab
Foto: dpa Picture Alliance

Es gibt sie noch, Menschengruppen, die abgeschieden von jeglicher Zivilisation leben. Kommen sie in Kontakt mit der Außenwelt, droht ihnen der Tod. Deshalb wehren sich viele gegen Eindringlinge – wie auch kürzlich im Fall eines US-amerikanischen Touristen, der seinen Leichtsinn mit dem Leben bezahlte. Aber wie viele solcher „unkontaktierten“ Völker es eigentlich weltweit noch, und was sind die größten Bedrohungen für sie? TRAVELBOOK sprach mit einer Expertin.

Auf den Andamanen, einer Inselgruppe im Indischen Ozean, wurde am Samstag ein US-Amerikaner von Angehörigen des Sentinelesen-Volkes getötet. Der 27-Jährige hatte sich von Fischern auf die entlegene Insel North Sentinel Island bringen lassen, wo er auf das indigene Volk stieß, das ohne Kontakt zur Außenwelt lebt. Laut verschiedenen Medienberichten habe der Amerikaner entgegen sämtlicher Warnungen der indischen Behörde gehandelt.

Dass die Behörden gewarnt haben, sieht Stephen Corry, der Direktor von Survival International, einer Organisation, die sich für die Rechte indigener Völker einsetzt, anders. In seinem Statement zu dem tödlichen Vorfall stellt er klar: „Diese Tragödie hätte niemals passieren dürfen. Die indischen Behörden hätten den Schutz der Insel durchsetzen müssen, um für die Sicherheit der Sentinelesen und die von Außenstehenden zu sorgen. Stattdessen haben die Behörden vor einigen Monaten eine der Beschränkungen aufgehoben, die die Insel der Sentinelesen vor ausländischen Tourist*innen geschützt hatten. Dies hat genau die falsche Botschaft gesendet und möglicherweise zu diesem schrecklichen Ereignis beigetragen.“

Begegnung könnte fatale Folgen für Sentinelesen haben

Laut Corry sei es möglich, dass sich die Sentinelesen durch das Eindringen des US-Amerikaners in ihren Lebensraum mit einer für sie todbringenden Krankheit infiziert haben, gegen die sie keine Immunität besitzen. Die Gefahr bestehe, dass das ganze Volk ausgerottet wird.

Der Vorfall auf der Andamanen-Insel zeigt, wie bedroht indigene Völker sind, kommen sie in Kontakt mit der Außenwelt. Wie viele solcher „unkontaktierter“ Völker es weltweit überhaupt noch gibt und welche Gefahren ihnen drohen, erklärt Politikwissenschaftlerin Linda Poppe von Survival International Deutschland im Gespräch mit TRAVELBOOK.

TRAVELBOOK: Wie viele Völker ohne Kontakt zur Außenwelt gibt es?

Linda Poppe: „ Viele von ihnen leben in der unzugänglichen Grenzregion zwischen Peru und Brasilien. Die örtlichen Behörden kontrollieren die Gebiete regelmäßig und dokumentieren, wie es ihnen geht und wo man sie gesehen hat. Nach Experten-Schätzung existieren wahrscheinlich jedoch deutlich mehr unkontaktierte Völker, vor allem in entlegenen Gebieten in Indonesien und Papua-Neuguinea.“

Wie leben diese Menschen?

„Viele dieser Gruppen leben bereits seit Jahrhunderten, wenn nicht seit Jahrtausenden auf ihrem Land, einige ziehen als Nomaden umher. Durch die behördliche Überwachung in der Amazonas-Region kann man davon ausgehen, dass die Stämme in guter Verfassung sind.“

Hier filmt eine Drohne ein bislang unbekanntes, isoliertes Urwaldvolk

Wie sieht die Bedrohung konkret aus?

„Existentiell bedroht werden die unkontaktierten Menschen durch Landraub und Drogenschmuggler, aber auch durch Missionare oder Touristen. Die isolierten Stämme wollen keinen Kontakt und machen dies zum Beispiel deutlich, indem sie auf überfliegende Flugzeuge mit Pfeil und Bogen schießen oder Abwehr-Zeichen im Wald hinterlassen.“

Was, wenn es doch zum Kontakt kommt?

„Zum einen droht die Gefahr gewaltsamer Auseinandersetzungen mit den Eindringlingen. Die unkontaktierten Menschen können aber auch durch eingeschleppte Krankheiten sterben, da ihr Immunsystem darauf nicht vorbereitet ist. Besonders schlimm sind Atemwegserkrankungen. Die Hälfte eines infizierten Stammes stirbt meist innerhalb von zwei bis drei Jahren.“

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Dos and Don’ts für Reisen in ein indigenes Gebiet

Wer eine Reise in ein Gebiet plant, wo noch indigene Menschen leben, sollte sich über die langfristigen Auswirkungen Gedanken machen, die eine Begegnung mit den dort lebenden Menschen haben könnte.

  • Informieren Sie sich vor Reiseantritt sorgfältig über das Gebiet!
  • Reisen Sie nur mit seriösen Touranbietern!
  • Unterstützen Sie Firmen, die mit indigenen Gemeinden zusammenarbeiten und Einnahmen fair teilen!

Vor allem aber sollten Sie die Lebensweise des indigenen Volkes respektieren. Fotografieren oder filmen Sie die Menschen nur, wenn diese damit einverstanden sind.

Übrigens: Für viele beliebte Nationalparks weltweit wurden früher Millionen Indigene illegal aus ihren angestammten Gebieten vertrieben. Und diese Vertreibungen finden bis heute statt. Solche Gebiete sollten Sie nicht besuchen.

 

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