North Sentinel Island

Auf dieser Insel droht Lebensgefahr durch ein isoliertes Urvolk

Das verwackelte Foto zeigt, wie schwierig es ist, sich der Insel zu nähern. Sofort wird man mit Pfeil und Bogen attackiert und auf Abstand gehalten.
Foto: Mauritius Images

Auf einer kleinen Insel im Indischen Ozean lebt ein Volk, dem niemand zu nahe kommen sollte – denn die Sentinelesen begegnen jedem Eindringling mit Pfeil und Bogen im Anschlag. Wer es wagt, einen Fuß auf North Sentinel Island zu setzen, riskiert sein Leben. Die Insulaner haben einen guten Grund, derart rabiat gegen Fremde vorzugehen. Denn ihre Isolation rettete dem Stamm das Überleben. Ein Satellit nahm die Insel ins Visier.

Erst 2006 wurden zwei Fischer vor North Sentinel Island tot aufgefunden. Und als im Jahr 1981 ein Frachter vor der Insel kenterte, war es wohl nur dem Taifun zu verdanken, dass die 33 Mann der „Primrose“ überlebten: Denn wegen der hohen Wellen konnten die Eingeborenen nicht mit ihren Kanus zum Schiff rüberrudern und von ihren Waffen Gebrauch machen – und so konnte die Besatzung nach und nach per Helikopter aus dem Sperrgebiet ausgeflogen werden.

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NORTH SENTINEL ISLAND

Wenn überhaupt, so sollte man North Sentinel Island nur aus gebührendem Abstand betrachten, wie hier aus der Luft
Foto: dpa picture alliance

Der Kontakt zur Zivilisation wurden den Sentinelesen fast zum Verhängnis

Ihrer Wehrhaftigkeit verdanken es die Sentinelesen – direkte Nachfahren der ersten Menschen, die auf ihrer Wanderung aus Afrika vor ungefähr 55.000 Jahren die Andamanen-Inseln besiedelten, und im Lebensstil diesen bis heute sehr ähnlich geblieben sind –, dass es sie überhaupt noch gibt. Andere indigene Stämme der Inselgruppe im Indischen Ozean wurden fast vollständig ausgelöscht, nachdem sie in Kontakt kamen mit der Zivilisation. Viele wurden versklavt, die meisten erlagen Krankheiten, gegen die sie in der Abgeschiedenheit keine Abwehrkräfte entwickeln konnten. Und die, die überlebten, werden heute zuweilen Touristen vorgeführt.

Auch North Sentinal Island wollte man besiedeln, die Ureinwohner zurückdrängen. 1879, zum Beispiel, verschleppte man ein älteres Paar und einige Kinder der Sentinelesen gewaltsam von der Insel. Die Erwachsenen erkrankten schnell und starben schließlich, woraufhin man die Kinder wieder zurückschickte – mit verschiedenen Geschenken und offenbar auch diversen Erregern, doch der Stamm überlebte die eingeschleppte Epidemie wie auch alle anderen Annäherungsversuche aus der Zivilisation.

Natürlich interessierten sich auch immer wieder Forscher, Filmemacher und Fotografen für das geheimnisvolle Volk. 1974 gelangen einem Filmteam aus Indien aufsehenerregende Aufnahmen von den Sentinelesen. Hier geht es zu der Dokumentation „Man in Search of Man“ aus dem Jahr 1974:

Keiner weiß genau, wie viele Menschen dort leben

Zuletzt wollten die Inder aus der Insel eine Kokosnuss-Plantage machen – und die Sentinelesen zu Bauern. Um die Insulaner gefügig zu machen, besuchte man sie regelmäßig und lud am Strand Geschenke ab: Kokosnüsse, ein Schwein, eine Plastikpuppe. Doch nachdem die Inder mitansehen mussten, wie die Ureinwohner das Schwein und die Puppe erst mit Pfeilen attackierten und dann verbuddelten, gaben sie schließlich auf und ließen den Stamm in Ruhe. 1996 wurde die Insel zum Sperrgebiet erklärt.

Seitdem sind die „Steinzeitmenschen“ tatsächlich ganz sich selbst überlassen. Nur alle zehn Jahre, wenn Volkszählung ist, werden sie gestört. Dann bringt man ein paar Kokosnüsse an den Strand – das einzige Geschenk, über das sich die Insulaner tatsächlich freuen – und zählt aus sicherer Entfernung, wie viele Menschen, von den Gaben angelockt, aus dem Gebüsch kommen. Nach dieser Methode geht man von einer Population von 50 bis 80 Menschen aus. Doch wie viele genau es sind, weiß man nicht.

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Drohnen in den Dschungel?

Und so war es tatsächlich ruhig geworden um den isolierten Stamm und North Sentinel Island – bis, ja bis ein Satellit der Europäischen Weltraumorganisation Esa die Insel 2014 ins Visier nahm. Der Satellit war ins All geschickt worden, um unzugängliche Regionen zu dokumentieren und zufälligerweise gleichen Namens wie die Insel selbst – wobei Sentinel für Wächter steht –, und tastete mit seinem Hightech-Radar die Oberfläche der Insel ab. Die Bilder von North Sentinel Island waren die ersten, die von „Sentinel-1A“ veröffentlicht wurden.

Nun war also wieder viel die Rede von diesem fast in Vergessenheit geratenen Stamm. Der Mythos wird durch solche Ereignisse befeuert, die Fragen rund um die Sentinelesen drängen erneut nach Antworten, und schon wird überlegt, wie man den letzten Geheimnissen der Insel auf die Spur kommen kann, ohne von Pfeil und Bogen durchbohrt zu werden. Mit Drohnen zum Beispiel.

Nur ist davon auszugehen, dass sich die Ureinwohner gegen die unbekannten Flugobjekte vermutlich auf ähnliche Weise zur Wehr setzen werden wie einst gegen den Heli, der nach dem Tsunami 2004 über die Insel kreiste: Mit Pfeil und Bogen zielte ein Sentinelese auf den Hubschrauber.

Touristen sollen die Andamanen boykottieren

Doch wie lange noch werden sich die Angehörigen des isoliertesten Stammes der Erde gegen die übergriffige Zivilisation, die neugierigen Besucher, zur Wehr setzen können? Survival International, die globale Bewegung für die Rechte indigener Völker, setzt sich dafür ein, dass die Rechte der indigenen Völker der Andamanen respektiert werden. Mit unkontaktierten Völkern wie die Sentinelesen sollte man keinen Kontakt aufnehmen, da dies eine Lebensgefahr für die Mitglieder des Volkes darstellt, betont die Organisation.

Und Unterstützer wie Survival haben die Sentinelesen bitter nötig. Denn auch wenn sie ihre Pfeile aus dem Metall fertigen, das sie in den havarierten Schiffen finden – die Wahl ihrer Waffen ist begrenzt.

Survival ruft außerdem zum Tourismusboykott der Andamanen-Inseln auf, solange dort „Menschensafaris” stattfinden.

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