15. Mai 2026, 16:59 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Autorin Anna Chiodo (ehemals Wengel) hat mehrere Jahre in Aljezur gelebt, einem beliebten Surferort an der portugiesischen Algarve. Für TRAVELBOOK hat sie aufgeschrieben, wie sich das Leben in der Urlaubsregion angefühlt hat.
„Life in paradise“, „living the dream“, so oder so ähnlich die diversen Hashtags, die ich vor gut zehn Jahren unter so ziemlich jeden Instagram-Post schrieb. Denn das war es. Ein Paradies, ein Traumleben. Nur wenn viele Urlauber kamen, war es teils ein bisschen weniger paradiesisch. Wurden es zu viele, bin ich kurzzeitig weggefahren und habe woanders Urlaub gemacht, zu Hause in Berlin zum Beispiel.
Alltag an Portugals Algarve
Dieses Paradies, von dem ich hier gerade anfange zu schwärmen, ist die Algarve in Portugal, genauer: Aljezur. Das Städtchen an der portugiesischen Südwestküste war jahrelang Sehnsuchtsort und schließlich Zuhause für mich. Zwei Jahre lang lebte ich auf diesem zauberhaften Stückchen Erde und liebte es. Fast jeden Tag. Denn alles, was ich mir vorgestellt hatte, das Meer, die Ruhe am Meer, die Sonne, die vielen freundlichen und einem alternativen Lebensstil aufgeschlossenen Menschen, dieser entspannte Lebensstil, die hübschen Surfer, all das war da und noch mehr.
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Fast jeden Tag stand ich früh mit oder vor der Sonne auf, trank Kaffee auf meinem Balkon mit einer traumhaften Aussicht über das Städtchen. Der Balkon hing an einer netten Dreizimmerwohnung, für die ich damals nur sehr wenig Miete zahlen brauchte. Nach meinem Kaffee fuhr ich mit meinem klapprigen alten und heiß geliebten VW Polo los zur ersten Yogastunde. Anschließend ging es zum Frühstück ins Café, für einen kurzen Sprung ins Meer oder einen Spaziergang an den Strand oder, wenn ich gerade viel Arbeit hatte, direkt an den Schreibtisch. Der bestand nicht selten aus meinem seitwärts im Auto platzierten Schoß und Blick aufs Meer.
Ähnlich entspannt wie die Vor- waren meist auch die Nachmittage. In meinem ersten Jahr in Portugal hatte ich eine gute Freundin, mit der ich viel Zeit verbrachte. Wir sahen uns fast jeden Tag, gingen im Meer, Pool oder am See schwimmen, spazieren oder zum Yoga oder versuchten uns am Surfen. Einen nicht geringen Teil meiner Zeit verbrachte ich zudem allein, sitzend auf Klippen. Lesend oder schreibend, nachdenkend und träumend. Ganz besonders gern in der bunt gemalten Melancholie portugiesischer Sonnenuntergänge. Denn nicht nur Zeit hatte ich dort im Überfluss, sondern auch Ruhe. Eine Ruhe, die ich nicht kannte aus meinem trubeligen, von Arbeit, Freundinnen und mitunter toxischen Liebschaften geprägten Berliner Leben. In Aljezur war das anders. Um mich herum war es fast immer ruhig. So ruhig, dass ich das Chaos in mir drinnen plötzlich viel besser hören konnte. So ruhig, dass ich Zeit hatte, mich mit diesem zu beschäftigen.
Damit diesem Chaos nicht langweilig wurde, sorgte ich gerade an den Abenden gern und oft für neues. Ich war Single und Ende zwanzig und ging gern und viel aus. Möglichkeiten dazu gab es einige. Besonders sobald die Saison anfing und sich alle in den drei, vier Bars, die eigentlich Restaurants waren, in Vale da Telha tummelten oder auf dem freitäglich wiederkehrenden Hippiefestival im Monchique-Gebirge trafen. Mit allen meine ich etliche andere Zugewanderte wie mich, Menschen, die hier schon ihr Leben lang lebten, Urlauber, die immer wieder kamen und solche, die den Surferstadtcharme gerade zum ersten Mal entdecken.
Das war Alltag, mein Leben im Paradies. Ein Leben, an das ich heute, zehn Jahre älter, nicht mehr Single und inzwischen Mama, gern zurückdenke. Mir in Teilen zurücksehne und versuche, wieder neu zu erschaffen. Und doch hat sich vieles verändert. In mir und in Aljezur. Das Leben, das ich damals geführt habe, wäre heute so gar nicht mehr möglich.
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Wohnraum finden im Urlaubsort
Meine eigenen Veränderungen einmal beiseite gelassen, ist es auch der Urlaubsort, der sich verändert hat. Ich kenne Aljezur und Vale da Telha seit meiner Kindheit, damals war es dort sehr ruhig, um nicht zu sagen verschlafen. Das hat sich geändert. Bereits in den Jahren, in denen ich dort lebte, hat der Tourismus merklich angezogen. Heute ist es nochmal extremer. Viele haben Portugal plötzlich auf dem Schirm und erkannt, dass man in der traumhaften, von Klippen und Traumstränden gezeichneten Algarve wunderbar Urlaub machen und leben kann. Und nicht wenige haben das Potenzial erkannt und die damals günstigen Häuser gekauft und aus vormaligen Bruchbuden traumhafte Ferienwohnungen und Eigenheime gemacht.
Als ich damals versuchte, eine Wohnung oder ein Haus zur Miete zu finden, war es schwierig. Teilweise, weil es dank des Naturparks nicht allzu viele Häuser gibt (zum Glück!), teils auch schlicht in Ermangelung entsprechender Wohnbörsen. Aber man fand sie und sie waren meist nicht allzu teuer. Als meine Familie und ich vor ein paar Jahren wieder versuchten, vor Ort ein Haus zur Miete zu finden, stießen wir auf zwei extreme Veränderungen: Die Preise hatten sich teils weit mehr als verdoppelt, außerdem werden viele Unterkünfte nur noch saisonweise vermietet. Als Familie mit Kleinkind, die gern dauerhaft wiederkommen wollte, keine wirklich gute Option.
Häuser zum Kauf gibt es natürlich auch – ebenfalls mit deutlichen Preissteigerungen. Vor zehn Jahren habe ich kurzzeitig überlegt, ein Haus zu kaufen. Das Objekt meiner Wahl kostete damals rund 65.000 Euro. Ein vergleichbares Haus bekommt man heute für rund 350.000 Euro und mehr. Dass ich mir wünschte, ich hätte das Haus damals gekauft, ist nicht nur leicht untertrieben.
Steigende Preise
Wie ich berichten auch viele Portugiesen und Zugezogene, die vor Ort arbeiten davon, wie viel schwieriger das Leben geworden ist. Schwieriger, weil teurer. Die meisten arbeiten für sehr geringe Löhne und können sich derartig angestiegene Mieten nicht leisten. Haben sie Glück, gibt es Häuser im Familienbesitz oder Freunde, die Zimmer freihaben. Oder sie haben mit den Jahren selbst einen Weg gefunden, mehr Kapital aus den zunehmenden Touristenströmen zu schlagen.
Denn zusehends zieht das kleine Paradies mehr Menschen an, die sich auf ihren Reisen ein bisschen mehr leisten können und wollen. Auch das schlägt sich in den Preisen so mancher Unterkünfte und Restaurants nieder. Nicht ohne Grund wird die Region, besonders die angrenzenden Dörfer am Meer, von Einwohnern inzwischen spöttisch als „Beverlyzur“ bezeichnet. Noch immer gibt es den Hippie-Lifestyle, das einfache, ruhige Leben. Doch es ist anders, kostspieliger und ein bisschen aufgeräumter geworden. Das stelle ich bei jedem Besuch mehr fest.
Hochsaison im Touristenort
Neben den Effekten von Tourismus, etwa auf die Wohnraumfrage in einem Touristenort, beeinflussen auch die Touristen selbst natürlich das Leben. In meinem Fall waren es oft schöne Begegnungen, aus denen teils Freundschaften geworden sind, die über die gemeinsame Zeit in Portugal hinausreichten. Ich habe eine Weile als Yogalehrerin in Surfgasthäusern gearbeitet und dort jeden Morgen fast nur schöne Begegnungen gehabt. Allerdings ist Aljezur auch keine touristische Massenhochburg, sondern ein Urlaubsort von Familien, Surfern und anderen, sagen wir alternativen Reisenden und Ruhesuchenden. So waren selbst die Urlaubszeiten im Vergleich zu anderen Orten in Portugal und anderen Ländern selten stressig und auch nicht allzu überlaufen.
Ich schreibe bewusst im Vergleich, denn das eigene Empfinden ist ein anderes, wenn sich der Verkehr in einer sonst leeren Hauptstraße plötzlich nur noch im Schritttempo voranbewegt. Oder wenn man an seinem Lieblingsstrand, den man klammheimlich als Eigentum betrachtet, plötzlich keinen Parkplatz mehr findet und, hat man es doch geschafft, den Strand schließlich mit hunderten anderen teilen soll. Mir ist vollkommen bewusst, dass das Jammern auf hohem Niveau ist und an Egoismus grenzt. Doch meine Realität außerhalb der Sommermonate waren Strände, auf denen ich zum Teil allein war oder die ich zumindest nur mit wenigen Surfern, Spaziergängern und ihren Hunden teilte. Das war eine schöne Realität, von der ich mich gern verwöhnen ließ.
Denke ich zurück an mein Leben in Aljezur und an die Touristen, sind es die Sommermonate, die einen leicht schlechten Beigeschmack hinterlassen haben. Das kleine ruhige Paradies platzte gerade im August förmlich aus allen Nähten. Mir war es dann mitunter so zu voll und zu unruhig, dass ich in dem Monat zurück nach Berlin flog. Ob das angesichts von Fülle und Unruhe nun sinnvoll war, sei dahingestellt. Das bringt mich vielleicht zum Fazit dieses Texts: Leben in einer Urlaubsregion empfinde ich persönlich bis heute als traumhaft – besonders außerhalb der Urlaubszeit.