22. August 2025, 17:08 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Laut, beengt, nervig: Als Hauptstädter hatte unser Autor stets gewisse Vorurteile gegen die Institution Freibad. Doch dann kam der Sommer 2025, und mit ihm ein Besuch in einer solchen Badeanstalt im Harz. Dabei wurden nicht nur sehr viele schöne Kindheitserinnerungen geweckt, sondern die Feststellung reifte: Auch als Erwachsener kann man einen Tag im Freibad genießen. Eine späte Liebeserklärung.
Zugegeben: Hätte man mich noch vor einem Monat gefragt, welchen Ort in meiner Geburts- und Heimatstadt Berlin ich auf gar keinen Fall freiwillig besuchen würde, hätte ich sicher wie aus der Kanone geschossen mindestens drei Antworten gegeben. Der Alexanderplatz, absolute Nummer eins. Die Warschauer Straße, in meiner Jugend Schauplatz zahlreicher durchfeierter Nächte, heute für mich eine No-Go-Area. Doch spätestens als Drittes hätte ich gesagt, ich würde niemals bei klarem Verstand ein Freibad betreten. Sie wissen schon, diese Orte, die im Sommer aus allen Nähten platzen und nicht selten wegen Massenschlägereien oder anderer Widrigkeiten in den Abendnachrichten landen.
Sicher, in meiner Kindheit hatte ich die Besuche im Freibad Gatow sehr genossen. Begleitet von meiner Mutter oder mit Freunden hatten wir sorglos im Wasser getobt, waren todesmutig mit Kopfsprung vom Dreimeter-Brett geplumpst. Sonnengedörrte Gummitiere für zehn Pfennige (ja, Pfennige, nicht Cents!), eine Flasche brühwarme, kohlensäurearme Coca-Cola, eine handtuchgroße Decke für eine Bande von zehn Mann. Vom Beckenrand springen, wo die Schilder es ausdrücklich verboten, vor dem Bademeister flüchten, sich gegenseitig kichernd aus der „Bravo“ vorlesen. Doch mit der Zeit stellte sich irgendwann auch ein Gefühl der Enge ein. Das in einem Bade-Käfig mit anderen Menschen, die man sich nicht aussuchen konnte, eingepfercht sein.
Gang-Gewalt und chronische Überfüllung
Denn schon damals gab es im Freibad leider mitunter Stress. Weil diese Enge, gepaart mit einigen wenigen zu großen Egos, mitunter zu Konflikten führte. Die, zum Glück nur ganz selten, auch körperlich ausgetragen wurden. Als Spandauer genoss ich daher bald schon immer öfter das Privileg, sozusagen als Freiland-Badegast meine Nachmittage (und ganze Sommerferien) an einem unserer wunderschönen Seen zu verbringen. Schwimmen, so weit und wohin ich wollte, statt nur im abgegrenzten Beckenbereich. Mit der Decke einfach ganz weit wegziehen, wenn jemand zu laut oder penetrant wurde. Keine roten Augen mehr vom Chlor im Freibadwasser. Und so vergaß ich nach und nach diese Institution, die ich einmal so gern gehabt hatte. Regelmäßige Fernsehreportagen über Gang-Gewalt und chronische Überfüllung ließen keinen Zweifel daran: Dies war einfach kein Ort mehr für mich.
Doch dann, kurz vor meinem 42. Geburtstag, passierte kürzlich Folgendes: Ich war, wie so oft, in meiner Freizeit mal wieder in den Harz geflüchtet. Und nun schlug eine Freundin, die ihren Sohn mitgebracht hatte, einen Besuch in einem nahen Freibad vor. Zuerst mal stellten sich meine Nackenhaare auf. Denn wir hatten doch einen Fluss direkt vor der Tür unserer Unterkunft, in dem man in herrlich kaltem, klarem Wasser schwimmen konnte. Warum sich also freiwillig in ein Bade-Gatter begeben, wo wir mit zahllosen anderen eingesperrt sein würden? Zumal ich als Alternative auch schon einen schönen Karstsee vorgeschlagen hatte, der zumindest auf Google überirdisch blau leuchtete. Doch schnell war ich überstimmt, und so fuhren wir einer ungewissen Zukunft entgegen, einem ganzen Tag im Freibad.
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VIPs und Freibad-Pommes
Spoiler-Alarm: Es wurde ein sorgenfreier, sonniger, rundum entspannter Tag. Eine so schöne Erfahrung, dass ich während meiner kurzen Reise noch zweimal mit meiner Freundin in das Freibad zurückkehrte. Eine Wiederentdeckung eines heiligen Ortes meiner Kindheit, ein Wiederaufflammen zu einer alten Liebe. Zunächst einmal die Ankunft: Am Kassenhäuschen sitzt eine gemütliche Oma, für die eine Schlange von fünf Personen wahrscheinlich schon absoluten Höchstbetrieb bedeutet. Die Dame lässt sich jedenfalls beim Abkassieren durch nichts aus der Ruhe bringen, fragt hier mal nach der Familie, lacht da über einen Scherz. Innerhalb von zwei Minuten sind wir drinnen, in einem kleinen, von steilen Felswänden eingerahmten Freibad.
Auf der sehr gepflegten Liegewiese aalen sich bereits zahlreiche, zum Teil auffällig stark tätowierte Menschen in der Sonne. Aus den zwei kleinen Becken klingt fröhliches Kindergekreische. Und obwohl der Parkplatz bei unserer Ankunft brechend voll war, gibt es für uns Neuankömmlinge, immerhin sechs Menschen, mehr als genug Platz. Sogar einen der Sonnenschirme spannt eine weitere Mitarbeiterin auf, um uns, als wären wir VIPs, bei Bedarf ein wenig Schatten zu spenden. Die unvermeidliche Imbissbude verströmt bereits jetzt einen Duft nach Freibad-Pommes aus einer Fritteuse, deren Fett vermutlich das letzte Mal im vorvorletzten Jahrhundert gewechselt wurde. Mit anderen Worten: Es könnte kaum besser sein.
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Zufriedene Nilpferde
Das wird es dann aber doch, als wir uns das erste Mal in das Wasser wagen. Ein angenehmer Schock, denn es ist kälter als das im Fluss, in dem ich heute eigentlich baden wollte. Eine göttliche Erfrischung bei 30 Grad Außentemperatur. Immer, wenn es uns auf der Decke (schnell) zu heiß wird, lassen wir uns wie zufriedene Nilpferde in das kalte, zudem kaum gechlorte Nass gleiten. Zwei meiner Freundinnen suchen sich dann irgendwann ein paar Felsen am Beckenrand und tun ihr Möglichstes, um beim Bräunen auszusehen, als fände hier gerade ein Fotoshooting für Bademode statt. Aus mehreren Rohren rauscht das Bergwasser mitunter so stark, dass man davon nicht nur nass, sondern gleich auch noch massiert wird.
Und dann ist da noch die Rutsche. Eine kurze, aber sehr rasante Wahnsinnspartie, die einen teilweise meterweit in das Becken hineinkatapultiert. Und spätestens jetzt sind wir endgültig wieder Kinder. Kaum unten angekommen, rennen wir lachend und mit Wasser in Nase und Ohren wieder auf den Turm, um noch einmal zu rutschen. Und dann noch einmal. Und noch einmal. Vor allem die zahlreichen Kinder belagern die Rutsche rund um die Uhr regelrecht. Doch auch viele deutlich ältere Herrschaften genießen das unschuldige Vergnügen, das wohl auch sie in Gedanken wieder an glückliche Orte zurückbringt. Die Rutsche ist auf jeden Fall das unbestrittene Highlight meiner insgesamt drei Besuche in dem Freibad.
Ein Messer zwischen den Rippen
Dann heißt es anstehen, denn der einzige Ort, der noch stärker frequentiert ist als die Rutsche, ist der Imbiss. Wir haben Lust auf Eis und natürlich auf die obligatorischen Freibad-Pommes. Labbrig wie Pappmaché, ertränkt in Ketchup und Mayo, da können einem sämtliche Michelin-Sterne dieser Welt gestohlen bleiben. 80 Kilo davon jagt der gute Mann hinter der Theke in der Hochsaison durch die Fritteuse, wie er lachend verrät. „Nur frische Kartoffeln“, sagt er nicht ohne Stolz und das schmeckt man auch. Pommes, wie sie eigentlich immer sein müssten. Knusprig, knackig, großzügig gesalzen. Der Theken-Mann ist Vollprofi aus Leidenschaft, betreibt das Catering für gleich mehrere Badeanstalten. Davon hat er sich ein Haus in der wunderschönen Stadt Wernigerode gekauft, das heute auf 800.000 Euro taxiert wird. Irgendwie merkt man im Urlaub besonders häufig, dass man den falschen Job hat.
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Als er hört, dass ich als Journalist leidenschaftlich gern im Harz unterwegs bin und mindestens genauso gern über ihn schreibe, lässt er die Schlange hinter mir einfach immer länger werden, um mit uns zu plauschen. Nicht ein einziges Murren ertönt derweil von den Wartenden. Geduldig stehen die Leute für ihre Portion Pommes an. In Berlin hätte man jetzt wahrscheinlich schon ein Messer zwischen den Rippen, denke ich sarkastisch. Oder zumindest eine ruppige Diskussion am Laufen. Irgendwie scheinen die Menschen in dieser großen Stadt immer in Eile zu sein, immer gestresst. Hier hingegen, zwischen kaltem Wasser und klarer Bergluft, strömt das Leben noch ganz gemächlich vor sich hin. Ich habe richtig Spaß, genieße jede Minute des wiederentdeckten Freibad-Feelings und irgendwann wird mir klar: Ich habe es, ohne es zu wissen, richtig vermisst.
Bei den weiteren Besuchen werden meine Freundin und ich schon begrüßt wie alte Bekannte. Als ich mir mit dem Argument, dass ich heute Geburtstag hätte, einen kostenlosen Eintritt erbetteln möchte, lacht die Kassiererin nur. „Wir arbeiten alle ehrenamtlich, du kannst gern einen ausgeben.“ Ja, so sehr habe ich meine Zeit im Freibad genossen, dass ich sogar meinen gesamten Geburtstag dort verbrachte. Was nicht heißen soll, dass ich nicht trotzdem in meinem geliebten Fluss gebadet hätte. Oder als Naturbursche generell trotzdem lieber an einem See liege. Aber wer weiß, vielleicht möchte ja in Zukunft einer meiner Berliner Freunde doch irgendwann nochmal in ein heimisches Freibad. Eines ist sicher: Ich werde der Sache zumindest mal eine wohlwollende Chance geben.