12. Oktober 2026, 7:04 Uhr | Lesezeit: 13 Minuten
Welche Ängste begleiten eine Frau auf einer Weltreise, die im Rollstuhl sitzt? Wie barrierefrei ist die Welt? Und wie kann man sich am besten auf eine Reise im Rollstuhl vorbereiten? Diese und andere Fragen beantwortet Baden-Württembergs Landes-Behindertenbeauftragte und Autorin des Reiseberichts „Im Rollstuhl um die Welt“, Nora Welsch, im Interview mit TRAVELBOOK.
Reisen mit Behinderung ist bis heute ein Randthema in der Reiseindustrie, wenn auch stückweise mehr passiert, um Menschen mit körperlichen Einschränkungen das Leben auf Reisen zu erleichtern. Eine, die aus eigener Erfahrung zu erzählen weiß, wie es ist, mit einem Rollstuhl um die Welt zu reisen, ist Nora Welsch.
Wer ist Nora Welsch?
Nora Welsch sitzt seit frühster Kindheit wegen einer Spinalen Muskelatrophie im Rollstuhl. Vom Reisen hält sie das nicht ab, im Gegenteil. Die gebürtige Heidelbergerin hat sich im Jahr 2024 einen Traum erfüllt: Mit Rollstuhl und Rund-um-die-Uhr-Reiseassistenz hat sie eine achtmonatige Weltreise unternommen. Über ihre Erfahrungen schreibt sie in ihrem Reisebericht „Im Rollstuhl um die Welt. Warum ich tat, was andere für unmöglich hielten“. Das Buch ist am 1. Oktober 2026 im Knesebeck Verlag erschienen. Nora Welsch ist Kommunikationswissenschaftlerin und arbeitet als Landes-Behindertenbeauftragte in Baden-Württemberg.
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Nora Welsch im Interview mit TRAVELBOOK
TRAVELBOOK: Seit wann träumen Sie vom Reisen und wann haben Sie damit begonnen?
Nora Welsch: „Vom Reisen träume ich eigentlich immer schon. Besonders als Jugendliche ist der Wunsch, mehr von der Welt zu sehen, stark geworden. Mit 16 Jahren war ich dann für zweieinhalb Monate in den USA. Damals ging das schon los, die Sehnsucht danach, etwas von der Welt zu sehen.“
Sind Sie in Ihrer Kindheit gereist? Wie waren diese Erfahrungen?
„Ja, ich bin mit meinen Eltern und meinen Brüdern gereist. Das waren klassische Urlaube in verschiedene Länder, wie zum Beispiel nach Ägypten, Spanien oder Italien. Das war nicht mehr als andere Familien es vielleicht auch machen, aber da habe ich schon gesehen, wie spannend es ist, etwas Neues zu sehen.“
Was hat Sie zu Ihrer Weltreise veranlasst?
„Ich war 30 Jahre alt, als ich angefangen habe, mich intensiv mit der Reiseplanung zu beschäftigen. Damals hatte ich das Gefühl, dass ich ein neues Projekt brauche. Ich habe mich ein bisschen orientierungslos gefühlt. Ich war zwar angekommen in meinem Alltag, aber da war etwas in mir, das mir gesagt hat: „Du musst jetzt nochmal raus hier, nochmal ein Abenteuer erleben.“ Ich hatte das Gefühl, ein bisschen im Trott zu stecken. Mein Job hat mir zwar sehr viel Spaß gemacht, aber dennoch war da so eine Sehnsucht in mir.“
Wo und wie lange waren Sie unterwegs?
„Ich war acht Monate in zwölf verschiedenen Ländern unterwegs, darunter Kenia, die Arabischen Emirate, Oman, Japan, Thailand, Albanien und Italien. In einigen von ihnen habe ich verschiedene Städte und andere Orte besucht. Zwischendrin war ich in Deutschland, das heißt ich hatte zwei Reiseetappen von jeweils drei bis vier Monaten.“
Welche Ängste hatten Sie vor Ihrer Reise? Welche haben sich unterwegs bewahrheitet, welche nicht?
„Angst hatte ich besonders davor, dass an den Hilfsmitteln etwas kaputt gehen könnte. Ich hatte einen Rollstuhl mit einer Elektrounterstützung dabei, die meine fehlende Kraft in den Armen ausgleicht. Gerade mit Elektronik zu reisen und viel zu fliegen ist ein großes Risiko, weil da häufig Dinge kaputtgehen. Außerdem hatte ich eine Umsetzhilfe in einem Koffer dabei, zu der ich mein gesamtes Gepäck gepackt habe. Ich bin also mit einem großen Koffer plus Handgepäck gereist – auch da hatte ich Angst, dass etwas kaputt geht.
Ich hatte für den Fall, dass ein Reifen kaputtgeht Flickzeug dabei sowie etwas Werkzeug. Das wurde mir an einem Flughafen weggenommen, weil man es dort als gefährlich eingestuft hat. Tatsächlich ist während eines Flug mal etwas am Rollstuhl kaputtgegangen. In Kairo hat zudem ein Teil vom Rollstuhl gefehlt, das anscheinend abgefallen war. Und in einem Taxi ist etwas an der Elektronik für meine Rädern kaputtgegangen, das ich aber reparieren lassen konnte. Es ist nie so schlimm gewesen, dass ich die Reise hätte abbrechen müssen.
Meine zweite Angst, die ganz große Angst war, dass etwas mit der Assistenz schiefgeht. Ich hatte neun verschiedene Reisebegleitungen während der Reise dabei. Auf meine Assistenzperson bin ich angewiesen, ohne sie kann ich quasi nicht überleben. Ich kann nicht einen Tag komplett alleine bleiben. Deswegen hatte ich natürlich Angst, dass es mit denen keinen Spaß machen könnte, sie sich nicht wohl fühlen oder auch, dass sie die Situation zuvor anders eingeschätzt haben. Ich hatte auch Angst, dass sie mich zurücklassen könnten. Diese Ängste waren natürlich da. Selten haben sie sich auch bewahrheitet. Es gab eine Situation, in der ein Assistent gekündigt hat und innerhalb von zwei Wochen weg war.
Aber mir war vorher klar, dass Weltreise nicht bedeutet, dass alles rosarot und toll wird. Dass auch schwierige Situationen entstehen werden. Und die habe ich dann gelöst. Damit umgehen zu können war dann ein befreiendes Gefühl.“
Welcher war der schönste Moment Ihrer Reise?
„Es gab jede Menge schöne Momente. Ich bin ein Fisch, nicht nur vom Sternzeichen. Ich liebe das Wasser und auf dieser Reise bin ich in so vielen tollen Meeren geschwommen und war auf Schiffen unterwegs. Außerdem war ich das erste Mal schnorcheln. Das Liegen auf dem Wasser habe ich vorher extra geübt. Ich kann mich selbst aus dieser Position nicht befreien, deshalb ist das für mich eine große Vertrauenssache.
Außerdem habe ich viele tolle Menschen kennen gelernt. Manchmal konnte ich mein Glück kaum fassen. Wenn ich zum Beispiel einen Sonnenuntergang gesehen habe, dann habe ich bei mir so gedacht: Wow, ich sitze hier auf den Philippinen am Meer, sehe das hier, bin hier — das waren besonders schöne Momente.“
Wie sah es mit der Barrierfreiheit unterwegs aus? Welche Länder haben Sie dahingehend positiv überrascht, welche negativ und warum?
„Ich wusste, dass Barrierefreiheit eine der großen Herausforderungen auf der Reise für mich wird und vermutlich viele Länder auf mich warten werden, die baulich weniger barrierefrei sind als Deutschland. Das war teilweise auch so. Deswegen hatte ich mich entschieden, nicht mit einem komplett elektrischen Rollstuhl zu reisen. Der hätte mich noch weiter eingeschränkt. Den kann man nicht so gut hochheben, der ist schwerer zu verladen, da braucht man teurere Unterkünfte. Ich hatte nicht so viel Geld zur Verfügung für die Reise und zusätzliche Mehrkosten, weil ich die Reisekostenassistenz bezahlen musste. Von daher musste ich ein bisschen aufs Budget schauen und habe dadurch auch Situationen erlebt, in denen ich ohne Assistenz im Öffentlichen Raum überhaupt nicht zurecht gekommen wäre.
Es gab aber auch immer wieder positive Überraschungen, wo an Rollstuhlfahrer und Rollstuhlfahrerinnen gedacht wurde. Zum Beispiel habe ich in Palermo einen Weg am Ufer gesehen, der dort extra für Rollstuhlfahrer eingerichtet wurde. Mit Schild und allem. Da war ich total begeistert. In Mailand in der Straßenbahn gab es einen Extraknopf, den man drücken konnte, um dem Fahrer zu signalisieren, dass man jetzt richtig steht und er weiterfahren kann. So etwas habe ich in Deutschland und anderen Ländern noch nie gesehen. In Japan gab es im Zug eigene Rollstuhlabteile. Da konnte man einen Sitz auch hinlegen, so dass Menschen, die vielleicht schwerer pflegebedürftig sind oder die sich einfach mal ausstrecken müssen, gut reisen können. Es gab immer wieder Momente in denen ich dachte: Cool, das habe ich noch nie gesehen. Das ist ein echter Zugewinn an Barrierefreiheit.“
Welche waren die größten Hindernisse in Sachen Barrierefreiheit?
„In erster Linie waren es bauliche Hindernisse. Zum Beispiel Bordsteinkanten, fehlende Aufzüge, fehlende Transportmöglichkeiten, solche Sachen. Und dann war das Ganze auch ein großes finanzielles Unterfangen für mich. Ich musste sehr viel Geld sparen und sehr viel Geld ausgeben – deutlich mehr Geld als ich es ohne Behinderung gebraucht hätte. Zum einen, weil ich immer mit mindestens zwei Assistenten unterwegs war, für die ich sämtliche Reisekosten übernommen habe. Zum anderen aber auch, weil barrierefreie Unterkünfte und Transportmöglichkeiten oft teurer sind.“
Wie viel Spontaneität war auf Ihrer Weltreise möglich?
„Ich bin vom Spirit her ein sehr spontaner Mensch und lasse mich auf viele Situationen ein. Meine Behinderung zwingt mich allerdings, viel vorab zu planen und zu organisieren. Ich musste mich zum Beispiel frühzeitig um Flüge kümmern, um den Rollstuhl anzumelden. Teils musste ich Unterkünfte neu buchen, weil manche für den Rollstuhl nicht funktionierten, und ich musste mich vorab um meine Assistenten kümmern.
Gleichzeitig habe ich auch gemerkt, wie viel Spontanität während der Reise zu mir gekommen ist. Zum Beispiel in einer Situation, in der ich innerhalb weniger Tagen entschieden habe, dass wir nach Japan weiterfliegen. So etwas hätte mich früher sehr gestresst, also ein paar Tage vor Ende des Aufenthalts in Ägypten noch nicht zu wissen, wie es weitergeht. Während der Reise hat mich das dann schon nicht mehr so gestresst. Ich bin relaxter geworden. Aber natürlich hat die Reise bis zum Ende viel Vorplanung und Organisation für mich bedeutet.“
Welche Länder möchten Sie anderen – mit und ohne körperliche Einschränkungen – empfehlen?
„Natürlich gibt es Länder – vor allem die, die mehr Geld haben –, die in Sachen Barrierefreiheit in der Regel besser aufgestellt sind. Dubai beispielsweise wirbt gezielt um Touristen mit Behinderung. Aber Menschen im Rollstuhl sind ganz unterschiedlich, haben ganz unterschiedliche Bedürfnisse. Ich persönlich habe immer versucht, barrierefreie Ferienwohnungen zu finden, weil die oft günstiger sind als Hotels. Aber hat man die Möglichkeit, Hotels zu buchen, dann hat man da sicherlich mehr Komfort. Ansonsten weiß jeder Einzelne schon, wonach er sich sehnt und was er gerne erleben möchte. Danach sollte man auch gehen. Ich bin ein Mensch, der warme Länder bevorzugt, Wasser und schwimmen. Ich war natürlich auch immer wieder in Städten unterwegs, aber es hat mich schon sehr ans Wasser gezogen. Das ist mir einfach wichtig.“
Welche Tipps haben Sie für Menschen, die im Rollstuhl reisen möchten? Worauf sollte man achten, was mitnehmen, vorbereiten etc.?
„Generell macht es Sinn, so minimalistisch zu reisen wie möglich. Wie das aussehen kann, ist für jeden Menschen mit Behinderung unterschiedlich. Für mich hat es bedeutet, mit einem Aktivrollstuhl unterwegs zu sein und meine Hilfsmittel, das Ladegerät für den Rollstuhl und noch ein paar Dinge im Koffer zu transportieren. Das hat wiederum dazu geführt, dass ich nicht so viele andere Dinge mitnehmen konnte und das Maximalgewicht überschritten habe. Aber je minimalistischer man reisen kann und je besser man Dinge vorab plant, um vor Ort weniger Stress zu haben, desto einfacher. Letztendlich muss man sich auf das Abenteuer einfach einlassen. Es wird nie zu 100 Prozent perfekt geplant und vorbereitet sein, da braucht es einfach Mut zur Lücke.“
Was muss sich in der Reisebranche verbessern, um das Reisen mit Behinderung einfacher zu gestalten?
„Es braucht Barrierefreiheit, die standardmäßig durchgesetzt wird. Außerdem braucht es mehr Informationen zur Barrierefreiheit. Herausfinden, ob Unterkünfte oder touristische Attraktionen für mich nutzbar sind, hat sehr viel Zeiten in Anspruch genommen. Es braucht Erfahrungswerte anderer Reisender. Generell braucht es mehr Angebote an Reisen für Menschen mit Behinderung. Es gab ganze Länder oder auch Städte, die ich ausgelassen habe, weil ich in meiner Onlinerecherche zu dem Schluss gekommen bin, dass das zwar ein schöner Ort ist, ich da im Rollstuhl mit Assistenz aber nichts machen kann.
Menschen mit Behinderung einzubeziehen, auch in die Reiseerlebnisse, das wäre super wichtig. Die wollen schließlich auch etwas von der Welt sehen und brauchen Möglichkeiten, sich zu informieren. Da müssen gängige Plattformen noch besser durchdacht werden. Ich habe Plattformen wie Booking.com oder Airbnb genutzt, es fehlten aber oft die Informationen, die ich gebraucht hätte.“
Was haben Sie unterwegs über sich selbst, über das Reisen im Rollstuhl und über die Welt gelernt?
„Ich habe auf der Reise erlebt, dass die Welt einfach wunderschön ist. Das wusste ich zwar vorher, aber es ist mir noch klarer geworden, dass wir Menschen, die wir immer denken, dass wir so viel wissen und so überheblich durch die Welt marschieren und sie auch kaputt machen, dass wir nur ein ganz kleines Gebilde sind in einem viel größeren Getriebe. Ich habe überall so viele nette Menschen kennen gelernt. In allen Kulturen, allen Nationen, auf allen möglichen Sprachen.
Ich bin natürlich an meine Grenzen gekommen, aber auch diese Grenzen konnte ich weiter verschieben. Ich bin an Orte gekommen, von denen ich nie gedacht hätte, dass ich dort einmal hinkomme. Hätte man mir vor fünf Jahren gesagt, dass ich mal in der Wüste übernachte, hätte ich das nicht glauben können. Aber genau das habe ich getan und das hat mich selbst natürlich stärker gemacht. Zu sehen, ich kann meine Träume umsetzen. Vielleicht nicht jeden einzelnen, aber ich kann Träume erreichen, die vielleicht erst einmal unerreichbar scheinen und dann meine eigenen Grenzen, die bei jedem individuell sind, immer wieder und weiter herausfordern und verschieben. Und diejenigen, die ich nicht überwinden kann, kann ich akzeptieren lernen. Diese vielen Bilder, die ich auf der Reise gesehen habe, die bleiben einfach und die haben mich auf jeden Fall wachsen lassen.“
Welche Reisen stehen in Zukunft an?
„Ich suche aktuell für das nächstes Jahr eine barrierefreie Unterkunft in Griechenland, in deren Nähe es einen Strand mit einem Seatrac gibt. Das ist ein Sitz auf Schienen, der ins Wasser fährt. Das gibt es unter anderem in Griechenland und auch in einigen anderen europäischen Ländern. Das muss eine sehr angenehmer Art sein, ins Wasser zu kommen, wenn man im Rollstuhl sitzt. Auch andere Reiseziele, die ich auf der Weltreise gesehen habe, würde ich gerne noch einmal besuchen. Dann mit mehr Zeit. Mein großer Traum ist es auch, tauchen zu gehen oder mit Delphinen zu schwimmen, beides konnte ich auf der Reise nicht realisieren. Neue Ideen habe ich immer.“