27. Juli 2026, 17:23 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Die Woiwodschaft Podlachien in unserem Nachbarland Polen ist vielerorts geprägt von Seenketten und tiefen Wäldern. Dennoch ist die vielleicht schönste Region Suwalszczyzna selbst bei einheimischen Touristen noch weitgehend unbekannt. TRAVELBOOK-Autor Robin Hartmann hat den Naturschatz für Sie entdeckt und verrät, wo man am entspanntesten baden kann, wie man die zahlreichen Gewässer auf ganz besondere Weise kennenlernt und wo man eine der wohl berühmtesten Frauen von ganz Polen treffen kann.
Für meine aus Polen stammende Freundin, ihre Eltern und mich startete unsere Traumreise in deren Heimatstadt Warschau. Sobald wir nach etwa zwei Stunden die Autobahn verlassen hatten, nahm uns die liebliche Landschaft innerhalb kürzester Zeit völlig für sich ein. Verträumte Dörfer flogen vorbei, dazwischen nichts als weite, goldgelb leuchtende Getreidefelder. Immer mal wieder schimmerte kurz ein See auf, wie eine Verheißung auf das, was da noch kommen sollte. Störche staksten träge über Äcker, auf denen tuckernde Traktoren das Korn einbrachten, die zwei großen Taktgeber eines sorglosen Sommers auf dem Land. Und irgendwann, nahe der Mini-Ortschaft Strękowizna, hörte die Straße dann einfach auf und wir tauchten in einen tiefen Wald wie aus einem Märchenbuch.
Dieses Essen gibt es in Deutschland nicht
Nach ein paar Kilometern Schlaglochpiste erwartete uns dann ein Anblick, der unsere Herzen höher schlagen ließ. Drei kleine Bungalows mitten im Nirgendwo der waldigen Einsamkeit, auf einem Feld ab und zu das Muhen weidender Kühe, ansonsten vollkommene Stille über dem abendlichen Land. Erste Erkundungsgänge brachten eine reiche Ausbeute an Waldfrüchten ein, von Himbeeren über Erdbeeren und Blaubeeren bis hin zu Pilzen. Ein kleiner Teich vor unserer Unterkunft, in dem Karpfen platschten. Eine Feuerstelle, an der wir abends Würstchen grillten und in die Unendlichkeit des klaren Nachthimmels blickten.
Die erste Fahrt zurück in die „Zivilisation“ führte uns dann in das gemütliche Blockhaus „Bar Abro“, wo man zu vergleichsweise niedrigen Preisen vorzüglich essen kann. Für mich ist in einem Urlaub in der Nähe von Seen schon von vornherein klar, dass es die gesamte Zeit über immer Fisch geben muss, aber hier ist wirklich für jeden Geschmack etwas dabei. Aus bester Erfahrung kann ich die Schleie in Sahnesoße empfehlen – ein köstlicher Fisch, den ich bislang nur in Polen gegessen habe, auf deutschen Speisekarten habe ich ihn jedenfalls noch nie gesehen. Innerhalb von drei Tagen waren wir insgesamt dreimal in der „Bar Abro“, auch eine entspannte Kaffeezeit kann man hier nehmen.
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Stille als Luxusgut
Jeder unserer Tage begann mit einem kurzen Spaziergang zu unserem Nachbarn, dem Bauern Piotrek, der uns dann frische Eier verkaufte. Ganz in der Nähe, bei der kleinen Station Blizna, ratterte etwa jede Stunde ein Zug vorbei, eine Verbindung dieses Niemandslandes zur Außenwelt. In nur vier Stunden wäre man von hier, einmal umsteigen inklusive, in Warschau. Und doch wirkt die Region Suwalszczyzna im besten aller Sinne derart entlegen, dass man auch auf dem Mond sein könnte. Und was wäre hier schöner als ein langer Badetag an einem der Seen, die die Gegend wie auf einer Perlenkette aufgereiht durchziehen? Unsere Suche führte uns wiederum mitten in den Wald, zum großen Rospuda-See vor den Toren von Augustów, einem schönen Kurort.
Das Wasser ist, trotz hochsommerlicher Temperaturen, herrlich kühl. Nur das Kreischen eines Fischadlers war zu hören, ansonsten auch hier absolute Ruhe. Diese Stille, die eine tiefere innere Einkehr ermöglicht, ist vielleicht auch das wahre Luxusgut dieses Naturparadieses am Rande von Polen. Hier kommt die Seele völlig zur Ruhe, störende Gedanken fliegen vorbei wie die wenigen Wolken am sommerlichen Firmament. Besonders schön badet es sich am Rospuda-See direkt bei dem Campingplatz im Wald, wofür mitunter allerdings eine kleine Gebühr anfallen mag.
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Die berühmteste Frau von Polen
Wer es dann doch etwas belebter möchte, kann die schöne Kleinstadt Augustów besuchen. An warmen Tagen pulsiert auf den Straßen, in den vielen Restaurants, Bars und Cafés das Leben. Dementsprechend selbstbewusst zeichnet eine Broschüre denn auch gleich ganze 32 Orte als Sehenswürdigkeiten aus, die teils wohl wirklich nur hier als solche gelten würden. Am schönsten flaniert es sich in Augustów am Wasser. Dank seiner Lage an einer Seenkette ist der Ort ein kleiner Geheimtipp. Auf Schritt und Tritt findet man hier Angebote zum Speisen und für zwischendurch ein Eis oder eine Waffel. Es gibt wenig, das Polen mehr lieben als Sommer und Waffeln.
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Sehenswert sind in der Stadt außerdem die Basilika sowie der Marktplatz, auf dem ein Haus steht, in dem 1812 einmal Napoleon höchstpersönlich übernachtete. Erfrischungen bekommt man entweder bei der Eisdiele „Rico Lody“ oder dem Café „Kawiarka“. Und dann hat man noch die Chance, eine der wohl berühmtesten Frauen des Landes in Augustów zu treffen. Jeden Tag sitzt sie auf einer Bank vor dem Restaurant „Albatros“ und wartet auf Fans und Verehrer. Die Rede ist von der fiktiven Figur Beata. Berühmt wurde sie 1965 durch den Rock-Song „Beata z Albatrosa“ von Janusz Laskowski. Sie ist in Polen so bekannt, dass 2017 eine Bronze-Figur von ihr vor dem legendären Restaurant eingeweiht wurde.
Entdeckung vom Wasser aus
Wer die Seen-Welt von Suwalszczyzna vom Wasser aus erkunden möchte, hat dazu die Gelegenheit bei einer der zahlreichen täglichen Bootsfahrten. Diese dauern von einer Stunde bis zu einem ganzen Tag und führen über die Gewässer und mitunter auch die zahlreichen Schleusen des über 100 Kilometer langen Augustów-Kanals. Einer Wasserstraße, die auf der Bewerbungsliste für das UNESCO-Welterbe steht. Den Fahrtwind um die Nase kann man vor allem auf dem Sonnendeck die von dichtem Wald umwachsenen Seen so richtig entdecken. Währenddessen erzählt der Kapitän, leider nur auf Polnisch, Wissenswertes zur Region. Trubelig wird es mitunter an den Stadtstränden von Augustów. Besonders lebendig ist es am Pier, der der zweitlängste in ganz Polen ist. Noch so ein Superlativ, den man wohl nur hier bewerben würde.
Es sind Immobilienprojekte wie „Villa Park“, auf großflächigen Plakaten vollmundig beworben, die davon zeugen, dass es in Augustów wohl nicht mehr allzu lange so beschaulich zugehen dürfte. Schon jetzt stehen an den Ufern des Necko-Sees vollverglaste Hotelfronten und Luxus-Eigentumswohnungen mit Seeblick. Und doch findet man immer noch auch in der Nähe der Stadt kleine Zufluchten. So wie den mitten im Wald gelegenen Strand des Sajno-Sees. Diesen teilten wir bei unserem Aufenthalt vielleicht gerade einmal mit zehn Leuten. Und schlugen uns auf dem Spaziergang vom Parkplatz wiederum die Bäuche mit Waldhimbeeren voll.
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Richtig gut und in vornehmem Ambiente speist man in Augustów im „Nowa Szekla“ direkt am Jachthafen der Stadt. Natürlich ist es etwas hochpreisiger. Doch dafür sitzt man ausgezeichnet und schlemmt noch besser. Hier kann ich vorbehaltlos das Rindertatar und den Barsch empfehlen. Etwas skurril mutet es ob des edlen Ambientes an, dass sich direkt neben den Tischen des Lokals auch mehrere Hüpfburgen für Kinder befinden. In der Hochsaison dürfte es hier mitunter sehr laut werden. Das ist dann wohl auch einer der ganz wenigen Orte in Suwalszczyzna, wo Sie Ihre Ruhe mal für einige Momente lang teilen müssen. Aber keine Sorge, Sie finden sie sicher bald ganz in der Nähe wieder.