Bild.de Hier geht es zurück zu Bild.de
StartseiteNews

Oberammergau: Wo die halbe Stadt alle 10 Jahre nicht zum Friseur darf

Haareschneiden verboten!

Warum die Männer in dieser deutschen Kleinstadt alle 10 Jahre nicht zum Frisör dürfen 

Oberammergau
Nur alle zehn Jahre finden die Passionsspiele in Oberammergau statt. Schauspieler, die daran teilnehmen, sind angehalten, bereits ein gutes Jahr vorher auf Friseurbesuche zu verzichtenFoto: picture alliance / Jürgen Schwenkenbecher

Alle zehn Jahre wird es in der bayerischen Kleinstadt Oberammergau so richtig haarig. Und das ist wörtlich gemeint. Wenn hier die legendären Passionsspiele anstehen, darf die Hälfte der Bevölkerung mehr als ein Jahr lang quasi nicht mehr zum Frisör. Der sogenannte „Barterlass“ ist eine alte Tradition, die sehr ernst genommen wird.

Oberammergau in Bayern ist eigentlich eine ganz normale deutsche Kleinstadt. Doch alle zehn Jahre verwandelt sich der gesamte Ort, wenn hier die legendären Passionsspiele aufgeführt werden, die das Leben und Sterben von Jesus Christus schildern. Ein mehrere Monate dauerndes Spektakel, an dem sprichwörtlich die halbe Stadt mitwirkt. Und so wird es für etwa 2500 Menschen in Oberammergau alle zehn Jahre so richtig haarig. Und zwar bildlich gesprochen.

Gemeint ist der sogenannte „Barterlass“, laut der offiziellen Seite der Passionsspiele eine etwa 200 Jahre alte Tradition. Dieser besagt, dass sämtliche Laienschauspieler, die an der gigantischen Inszenierung mitwirken, bereits ein Jahr vorher damit beginnen müssen, sich das Haupthaar, und bei den Männern auch Bärte wachsen zu lassen. Ein Friseurbesuch ist zwar nicht offiziell verboten – doch wer als Schauspieler auf der Bühne mitwirken möchte, hat laut Erlass die Haare lang zu tragen. Eine Tradition, die die Einwohner von Oberammergau sehr streng befolgen, wie eine Sprecherin der Passionspiele TRAVELBOOK auf Anfrage verriet.

Sprießen lassen

Passionsspiele Oberammergau
Solche Szenen gehören während der Passionsspiele Oberammergau zum Alltag auf der StraßeFoto: dpa Picture Alliance/Angelika Warmuth

„Die Einhaltung ist für die Mitwirkenden durchaus wichtig. Die wachsenden Haare und Bärte zeigen die gemeinsame Teilnahme an den Passionsspielen. Es ist jedoch gestattet, Haare und Bärte zu pflegen und z.B. Spitzen leicht zu kürzen, bzw. den Bart in Form zu halten.“  Ausgenommen seien nur Laienschauspieler, die römische Soldaten darstellten. Diese trugen die Haare nämlich auch damals schon kurz geschoren. Nachdem die Passionsspiele wegen Corona zweimal verschoben werden mussten, finden sie dieses Jahr von Mai bis Oktober wieder statt.

Die Passionsspiele von Oberammergau selbst gehen zurück auf das 17. Jahrhundert. Als in dem Ort 1632 die Pest ausbrach, gelobten die Menschen, fortan alle zehn Jahre Spiele zu Ehren von Jesus Christus abzuhalten, wenn fortan niemand mehr stürbe. So kam es dem Glauben nach auch, und die ersten Passionsspiele sind für das Jahr 1634 belegt. Seitdem finden sie normalerweise alle zehn Jahre statt. Wegen Corona mussten nun Einheimische wie Gäste aus aller Welt sogar noch zwei Jahre länger warten. Und so mancher Oberammergauer hat sich demnach wohl tatsächlich seit 2019 nicht mehr „scheren lassen“.

Auch interessant: 11 Dinge, die man auf einem Festival vermeiden sollte

ANZEIGE
Ab München: Schloss Neuschwanstein & Linderhof Premium-Tour
Überspringen Sie die Warteschlangen vor den Schlössern Neuschwanstein und Linderhof und genießen Sie den bequemen Transfer in einem Fernreisebus
220 Bewertungen
ZUM PRODUKT

Der Erlass wird gerne befolgt

Lukas Stege, der für eine Dokumentation im Mai 2022 in Oberammergau war, kann das bestätigen. Er sagt TRAVELBOOK: „Der Erlass ist zwar kein Gesetz, das man bricht, wenn man doch zum Friseur geht. Aber es ist schon so, dass die Menschen diesem Wachsen-Lassen-Befehl Folge leisten – und das in der Regel gerne.“ Die Sprecherin der Passionsspiele ergänzt: „Der Haar- und Barterlass ist ein Zeichen für alle, die bei den Passionsspielen teilnehmen. Im Ort ist es dann alltäglich, dass Junge und Alte, Frauen, Männer und Kinder lange Haare haben.“

Laut Steges Eindrücken ist der „Barterlass“, sogar ein wichtiger sozialer Faktor in Oberammergau. „Diese Tradition ist fest verankert. Das passiert ja auch nur alle zehn Jahre, und damit allein ist es schon etwas ganz Besonderes. Es trägt, glaube ich, auch zum Zusammengehörigkeitsgefühl der Menschen dort bei. Eine Friseurin aus Oberammergau meinte zu mir, dass bei manchen Kindern die Tränen kullern beim Gang zum Haarsalon nach den Spielen. Denn mit dem Haareschneiden merken auch die Kleinsten, dass das Spektakel vorbei ist, und man wieder zehn Jahre warten muss.“

Lockerungen wegen Corona

Passionsspiele Oberammergau
Mehr als 2000 Menschen wirken alle zehn Jahre mit, und machen die Passionsspiele Oberammergau zu einer gigantischen VeranstaltungFoto: dpa Picture Alliance/Angelika Warmuth

Wegen der immer noch aktuellen Corona-Situation wurde der „Barterlass“ dieses Mal am Aschermittwoch 2021 nur in einer „Light-Version“ verabschiedet. Auf der Webseite der Passionsspiele heißt es dazu, für das Wachsen lassen der Bärte genüge dieses Mal eine Vorlaufzeit von vier bis fünf Monaten. Niemandem soll es schließlich unter der Maske unangenehm werden. Trotz der Corona-Einschränkungen waren die Veranstalter übrigens sehr zufrieden mit der ersten Hälfte der Festspiele, wie einer entsprechenden Pressemitteilung zu entnehmen ist.

So habe die Auslastung der Veranstaltungen bei 85 Prozent gelegen, eine Belegung von bis zu 90 Prozent halte man noch für möglich. Festspiel-Leiter Christian Stückl sagte dazu: „Wir sind froh, dass es
so gut läuft. Wir müssen wirklich dankbar sein, noch im Januar wussten wir nicht, wie viele Besucher im Theater sein dürfen, und ob internationale Gäste uns besuchen dürfen.“ Dennoch seien bisherigen Vorstellungen auch von Corona geprägt gewesen. So habe es zu Hochzeiten bis zu 20 positiv getestete Fälle pro Tag unter den Laiendarstellern gegeben.

Auch interessant: 11 Fakten über Bayern, die garantiert nicht jeder kennt

Ein Selfie mit Jesus

Maps4News Placeholder
An dieser Stelle findest du Inhalte aus Maps4News
Um mit Inhalten aus Maps4News zu interagieren oder diese darzustellen, brauchen wir deine Zustimmung.

Wie ernst die Menschen in Oberammergau ihre Festspiele nehmen, schildert auch einer der Laienschauspieler auf der offiziellen Webseite: „Normal verwandelt man sich ja in der Maske in ein bis zwei Stunden in die Figur, die man spielt. Hier aber wird man über die Monate allmählich zu dem, den man spielt. Man schaut jeden Tag in den Spiegel, sieht die Veränderung, und wächst in die Rolle rein.“

Wer jetzt Lust bekommen hat auf das haarige Spektakel in Oberammergau: Die Passionsspiele dauern noch bis zum 2. Oktober. Die Spieltage und -zeiten sowie die Preise kann man auf der offiziellen Webseite nachsehen. Gefragt nach einer bleibenden Erinnerung an die Passionsspiele in Oberammergau, sagt Stege grinsend: „Ich habe ein Selfie mit Jesus gemacht. Wer kann das schon von sich behaupten?!“ Gemeint ist natürlich einer der etwa 2500 Laiendarsteller aus Oberammergau. Dem bayerischen Dorf, in dem es alle 10 Jahre so richtig haarig wird.

Themen

Deine Datensicherheit bei der Nutzung der Teilen-Funktion
Um diesen Artikel oder andere Inhalte über Soziale-Netzwerke zu teilen, brauchen wir deine Zustimmung für