Tausende Tiere auf Südgeorgien in Gefahr

Riesiger Eisberg treibt auf das „Galapagos der Antarktis“ zu

Südgeorigien wird auch als Galapgos der Antarktis bezeichnet – und aktuell von dem größten Eisberg der Welt bedroht, der darauf zutreibt
Südgeorigien wird auch als Galapgos der Antarktis bezeichnet – und aktuell von dem größten Eisberg der Welt bedroht, der darauf zutreibt
Foto: Getty Images

Auf der Insel Südgeorgien in den eisigen Gewässern der Antarktis gibt es mehr Tierarten als auf den Galapagos-Inseln. Doch das fragile Ökosystem ist immer wieder Bedrohungen ausgesetzt. Und zurzeit ganz besonders: Ein riesiger Eisberg treibt gerade direkt auf Südgeorgien zu!

Wie die europäische Weltraumbehörde (ESA) am Dienstag mitteilte, ist der Koloss-Eisberg, der sich am 12. Juli 2017 vom Larsen C-Schelfeis der Antarktis getrennt hatte, nur noch etwa 350 Kilometer von Südgeorgien entfernt und befindet sich auf direktem Kollisionskurs mit der Atlantik-Insel.

Laut ESA handelt es sich bei dem Eisberg um den derzeit größten der Welt, er hat in etwa dieselbe Größe wie Südgeorgien selbst. Es wird befürchtet, dass der Eisberg sich in den seichten Gewässern vor der Insel festsetzen und dort für die nächsten zehn Jahre verbleiben könnte – was für die Tierwelt Südgeorgiens verheerende Folgen haben könnte.

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Pinguine und Robben benötigen Zugang zum Meer, um sich zu ernähren“, so die ESA. „Der Eisberg kann ihre Nahrungswege blockieren und das Leben auf dem Meeresboden zerstören.“ Wie berechtigt die Sorge der ESA ist, zeigt eine ähnliche Katastrophe aus dem Jahr 2004, als ein Eisberg vor Südgeorgien auf Grund gelaufen war. Laut ESA wurden damals „viele tote Pinguinküken und Robbenbabys entlang der Küste“ gefunden.

Im jetzigen Fall gebe es aber noch Hoffnungen, dass Meeresströmungen den Eiskoloss an Südgeorgien vorbeileiten.

Die Entdeckungsgeschichte von Südgeorgien

Es ist das Jahr 1775, als der britische Entdecker James Cook auf seinen Reisen weiter südlich vorstößt, als jemals ein Mensch vor ihm gesegelt ist – Cook erreicht die eisigen Gewässer nahe der Antarktis, und macht dabei eine spektakuläre Entdeckung: Eine Insel, 160 Kilometer lang, 32 Kilometer breit, fast 3800 Quadratkilometer reinste Naturgewalt. Zu Ehren seines Königs, George III., nennt der Seefahrer die Insel Südgeorgien.

Was ihm bereits damals aufgefallen sein dürfte, ist der unglaubliche Reichtum an Tierarten, der Südgeorgien zu einem der größten Naturwunder unseres Planeten macht: Robben und Pinguine tummeln sich zu Millionen , laut „BBC” kommen hier etwa 1500 Spezies vor und damit mehr als auf den weltberühmten Galapagos-Inseln von Ecuador. Doch diese Vielfalt der Arten, die Südgeorgien auch den Spitznamen „Serengeti der Antarktis” eingebracht hat, war besonders in der Vergangenheit stark gefährdet.

Ein Wal brachte mehr als 300.000 Euro ein

Antarktis

Dieses Bild aus dem Jahr 1932 gibt Einblick in das Leben der Walfänger, hier in dem Ort Grytviken
Foto: Getty Images

Denn bereits im 19. Jahrhundert wurde in den Gewässern rund um Südgeorgien exzessiv Walfang betrieben, 1904 bauten die Norweger mit dem Dorf Grytviken die größte von insgesamt sieben Siedlungen, in denen Jäger wohnten. Laut „Encyclopedia Britannica” annektierte 1908 die britische Regierung sowohl Südgeorgien als auch die Südlichen Sandwichinseln. 1927 erhob dann auch Argentinien Anspruch auf das Gebiet – denn die Jagdgründe waren überaus einträglich.

So berichtet die „BBC”, dass aus einem einzigen Wal Produkte samt Zutaten mit einem heutigen Gegenwert von 330.000 Euro gewonnen werden konnten: Lampenöl, Schmalz, Margarine, Treib-, Sprengstoff und andere. Pinguine und Robben wurden wegen ihrer Pelze und ihres Fleisches gejagt. Erfahrene Jäger konnten demnach an nur einem Tag bis zu 30 Finnwale, jeder von ihnen bis zu 20 Meter lang, komplett zerlegen, und so 200 Tonnen Öl gewinnen.

 

Fremde Arten bedrohten das Ökosystem

Bis 1965, als der Walfang in den Gewässern um Südgeorgien schließlich eingestellt wurde, hatte man die Giganten der Meere hier fast ausgerottet, schätzungsweise 175.000 Tiere getötet. Dem fragilen Gleichgewicht des Habitats setzte aber auch die Tatsache zu, dass die Jäger fremde Arten eingeschleppt hatten: Rentiere, die sie als Fleischquelle nutzten, und unfreiwillig auch Ratten, die hier perfekte Bedingungen für eine explosionsartige Vermehrung vorfanden: Sie fraßen die Eier und die Küken der am Boden brütenden Seevögel.

Laut „Süddeutscher Zeitung” fand daher ab 2016 die größte bis dahin jemals dagewesene „Säuberungsaktion” in einem Ökosystem statt – die Rentiere, deren Zahl sich von 20 auf 3000 vermehrt hatte, wurden erlegt, danach die Rattenpopulation mit Giftködern vernichtet. Das Ergebnis war, dass sich die heimische Tierwelt erholte, ausgestorben geglaubte Vogelarten wie der Pitpit wieder anfingen zu brüten. Und auch im Meer rund um die Insel regenerierte sich die Fauna langsam, so gibt es hier heute laut „BBC” wieder zwei Millionen Antarktische Pelzrobben, 250.000 Albatrosse, 400.000 See-Elefanten.

Die Population der Buckelwale stieg von 500 auf 25.000, und Südgeorgien ist heute die Heimat von sieben Millionen Pinguinen – und diese sorgen jedes Jahr für ein ganz besonderes Spektakel: Es ist ein lautes Geschnatter, wenn sich die Königspinguine treffen. An einem rund drei Kilometer langen Strand stehen die Tiere dicht an dicht. Sind die Jungtiere geschlüpft, begeben sich die Eltern auf Nahrungssuche im Meer. „National Geographic“ hat ein beeindruckendes Video von dem Pinguin-Treffen bei Facebook veröffentlicht:

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Zusammen sind sie stark

Als Kolonie sind die Königspinguine besser gegen ihre natürlichen Feinde geschützt. Dazu gehören zum Beispiel bestimmte Möwenarten, die es besonders auf schwache Jungtiere abgesehen haben. Die Insel Südgeorgien liegt im Südatlantik etwa 1.400 Kilometer von der argentinischen Küste entfernt. Sie gehört zur gleichnamigen Inselgruppe im britischen Überseegebiet, wird aber ähnlich wie die Falkland-Inseln auch heute noch von Argentinien beansprucht. Abgesehen von einigen Forschern und Regierungsbediensteten ist die Insel unbewohnt. Außer Königspinguinen leben auch noch rund fünf Millionen Spitzkopfpinguine auf dem Archipel.

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Wie kommt man nach Südgeorgien?

Im Rahmen von Polar-Kreuzfahrten oder Rundreisen können Touristen dem Pinguinspektaktel in der Subarktis beiwohnen. Im Sommer hat in der Inselhauptstadt Grytviken sogar ein kleines Museum geöffnet, in dem es um die Entdeckung durch James Cook und die Geschichte als ehemaliges Zentrum des Robben- und Walfangs geht. Auch das Shackleton-Monument kann man hier besichtigen, errichtet zu Ehren des wohl größten britischen Polarforschers aller Zeiten, der auf Südgeorgien starb. Ein Besuch ist zugegebenermaßen nur etwas für Menschen mit großem Geldbeutel, aber auch so etwas wie eines der letzten exklusiven Abenteuer auf diesem Planeten: Pro Jahr kommen nur etwa 10.000 Menschen nach Südgeorgien.