29. März 2026, 14:50 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
In der bayerischen Gemeinde Roggenburg findet mit dem Leiberfest einmal im Jahr eine sehr ungewöhnliche Veranstaltung statt. Dann bahrt man dort die sterblichen Überreste von vier Heiligen aus der örtlichen Klosterkirche auf, und trägt sie festlich geschmückt durch die Straßen. Und das ist nicht das einzig Skurrile. Der Brauch feiert dieses Jahr sein 300-jähriges Jubiläum. Doch die einmalige Tradition ist bedroht.
Der 15. August ist für alle Katholiken in Deutschland ein wichtiger Feiertag. An diesem Tag gedenkt man traditionell der Maria Himmelfahrt. Doch in der bayerischen Gemeinde Roggenburg feiert man dieses Fest auf eine einzigartige Weise. Die vielleicht berühmtesten „Bewohner“ der Stadt putzen sich für diesen Anlass auf ganz besondere Weise heraus, denn seit nunmehr 300 Jahren wird ihnen an Maria Himmelfahrt eine eigenwillige Ehre zuteil. Laurentia, Severina, Valeria und Venantius werden, festlich geschmückt, in einer großen Prozession einmal rund um das Kloster Roggenburg durch die Straßen getragen. Dann feiert man hier das Leiberfest. Das Besondere: Seine Hauptdarsteller sind die sterblichen Überreste von vier Heiligen.
Richtig gelesen, denn bei Laurentia, Severina, Valeria und Venantius handelt es sich um vier wertvolle Ganzkörper-Reliquien, die laut der „Katholischen Sonntagszeitung“ bereits im Jahr 1722 in das Prämonstratenser-Kloster zu Roggenburg „einzogen“. Der damalige Abt Dominikus Schwaninger folgte damit einem zu der Zeit europaweit grassierenden Trend. Kirchen wollten sich mit den sterblichen Überresten von angeblich heiligen Menschen schmücken. Ein Hype, der in Rom ausgelöst wurde, als man dort im Zuge der Reformation und nach dem 30-jährigen Krieg (1618 bis 1648) diverse frühchristliche Massengräber entdeckte. Die darin bestatteten Personen wurden mitunter pauschal zu Märtyrern (v)erklärt. Und mindestens einen solchen wollte ein jedes Gotteshaus, das etwas auf sich hielt, haben. 1726 fand dann wohl das erste Mal das Leiberfest statt.
Tragt die Toten durch die Straßen
In diesem Jahr feierte das Kloster ein beeindruckendes Jubiläum, nämlich sein 600-jähriges Bestehen. Laut der offiziellen Seite des Ortes wurde die Abtei zu Roggenburg im Jahre 1126 von Graf Bertold von Bibereck und seiner Frau gestiftet. Schnell weitete sich ihr Einflussbereich bis in die Schweiz aus, wo Ableger des „Mutterschiffs“ entstanden. Der Brauch, dass sich Kirchen zur damaligen Zeit mit den sterblichen Überresten von vermeintlichen Heiligen schmückten, lässt sich auch mit dem Zeitgeist erklären, den das Barock aufbrachte. Da der Tod ohnehin allgegenwärtig war, versuchte man, ihm durch die plastische Darstellung der oft reich verzierten Heiligenfiguren den Schrecken zu nehmen. Feierlichkeiten wie das Leiberfest trugen weiter dazu bei.
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Denn bei diesem trägt man die vier Heiligen von Roggenburg auch heute noch, in prunkvollen, mit Blumen-Ornamenten verzierten Schreinen, durch die Straßen. Der Tag beginnt traditionell mit dem sogenannten Patroziniumsgottesdienst. Darauf folgt dann der besondere Umzug, an dem auch Musiker teilnehmen. Auch die lebendigen Teilnehmer des Leiberfests werfen sich in volles Ornat. Viele tragen Standarten. Dem Prozessionszug voran läuft immer ein kleiner Junge, der sogenannte Edelknabe. Die Bewandtnis dieser Tradition ist unklar. Sie geht jedoch vermutlich zurück auf die Stifter des Klosters Roggenburg. Deren kleiner Sohn war 1126, dem Gründungsjahr der Abtei, in einem Teich ertrunken. Sein Tod gilt als Anlass zur Schenkung des Klosters.
Makabre Tradition
Eine besondere Aufgabe kommt den Trägern der Heiligen-Schreine zu. Sie müssen dafür sorgen, dass deren sterbliche Überreste den Ausflug einmal im Jahr unbeschadet überstehen. Dabei ist es eine Tradition, dass junge Mädchen die drei weiblichen Heiligen Laurentia, Severina und Valeria tragen. Venantius wiederum transportieren junge Männer. Nicht immer finden sich für diese ehrenvolle Aufgabe jedoch genug Freiwillige. Schon manches Jahr konnte eine Reliquie daher nicht teilnehmen. Das hat aber auch noch einen anderen, etwas makabren Grund. Die Fräcke, die die Männer bei der Prozession traditionell tragen müssen, werden von Generation zu Generation weitervererbt.
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Neben den Gläubigen aus Roggenburg nehmen auch Menschen aus den zur örtlichen Pfarrei gehörenden Dörfern Meßhofen und Ingstetten am Leiberfest teil. „Atlas Obscura“ zufolge finden die Feierlichkeiten dann traditionell im Klosterbiergarten bei Speis und Trank ihren Abschluss. Dieses Jahr dürfte zu Maria Himmelfahrt sogar noch etwas größer gefeiert werden als ohnehin schon. Denn 2026 begeht das Leiberfest sein 300-jähriges Jubiläum. Zudem zelebriert das Kloster Roggenburg sein 900-jähriges Bestehen, weswegen es laut offizieller Website das ganze Jahr über besondere Veranstaltungen wie Konzerte, Vorträge und Führungen geben soll. Die Abtei ist heute auch ein beliebter Ort für Schullandfahrten und Tagungen, die Kloster-Gaststätte ist ein Drei-Sterne-Superior-Hotel.
Aus dem Roggenburger Rathaus heißt es auf TRAVELBOOK-Anfrage: „Das Leiberfest ist in unserer Region einzigartig und jedes Mal sehr feierlich. Es kommen keine Busladungen an Touristen deswegen, aber in der Vergangenheit war es stets gut besucht. Besonders die Kirche ist dann immer voll.“ Nachdem die Prozession nun in den letzten zwei Jahren wegen der Renovierung der Klosterkirche habe ausfallen müssen, plane man für 2026 nun wieder dafür. Das bestätigt auch die örtliche Pfarreiengemeinschaft gegenüber TRAVELBOOK: „Wir befinden uns bereits in der Planungsphase. Allerdings kann es dieses Jahr wegen der andauernden Bauarbeiten wohl noch keinen Festumzug der Leiber geben. Aber das Jubiläum wird natürlich trotzdem gebührend gefeiert.“