Antarktis Anfang des 20. Jahrhunderts

Amundsen gegen Scott – das tödliche Duell um den Südpol

Roald Amundsen mit seinen Gefährten am Südpol
Roald Amundsen (ganz links) im Dezember 1911 am Südpol. Insgesamt erreichten mit ihm vier weitere Männer den südlichsten Punkt des Planeten, doch nur vier schafften es auf das Foto, weil der fünfte den Auslöser drücken musste.
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Der eine gelangte zu Weltruhm, der andere fand den Tod: Das Duell am Anfang des 20. Jahrhunderts zwischen dem Norweger Roald Amundsen und dem Briten Robert Falcon Scott um den Südpol war von Anfang an ein unfairer Kampf. In unserer neuen TRAVELBOOK-Serie „Epic Travels“, die über historische Reisen berichtet, begeben wir uns auf die Spuren der beiden Pioniere.

Zu diesem Zeitpunkt sitzen Scott und zwei Gefährten gefangen in einem seit Tagen wütenden Schneesturm, ohne jegliche Vorräte, nur 20 Kilometer von einem rettenden Lager entfernt, wo sie frischer Proviant erwarten würde. Doch das Wetter und ihre Kraftlosigkeit machen es ihnen unmöglich, auch nur einen weiteren Schritt zu tun. Acht Monate später findet man drei tiefgefrorene Leichen, „die Gesichter der Toten … zum friedvollen Schlaf verklärt“, wie der Autor Rainer-K. Langner in seinem Buch „Duell im Ewigen Eis“ schreibt.

Dabei hatte alles so ausgesehen, als würde Robert Falcon Scott als strahlender Sieger in die Geschichte eingehen, als der Mann, der als Erster den Südpol erreicht habe. Als er am 17. Januar 1912 tatsächlich dort angekommen war, hatten er und seine Männer bereits Übermenschliches geleistet: Sie waren weiter gelangt, als jeder Brite vor ihnen – vor allem, und das war Scott lange Zeit am wichtigsten, weiter als sein ewiger Rivale Ernest Shackleton auf dessen Mission 1909. Am Ende wurde aber alle Mühe zum Drama, denn im Ewigen Eis hatte Scott einen Rivalen gehabt, den Norweger Roald Amundsen. Mit ihm hatte er sich einen fatalen Wettlauf geliefert.

Schließlich schlug ihn dieser Amundsen sogar um 34 Tage. Mehr als einen Monat vor Scott war Amundsen damit tatsächlich der erste Mensch gewesen, der den südlichen Pol der Erde erreicht hatte. Scott notierte, maßlos enttäuscht, in sein Tagebuch: „Das ist ein grausiger und entsetzlicher Ort… So viel Schwerstarbeit und nicht einmal der Lohn, Erster zu sein…“

Ein bedeutender Vorsprung

Die Mitglieder auf Scotts Expedition, Lashly, B.C. Day, Lieut. Evans und Hooper, posieren vor einem der drei Motorschlitten

Die Mitglieder auf Scotts Expedition, Lashly, B.C. Day, Lieut. Evans und Hooper, posieren vor einem der drei Motorschlitten, die den Briten Vorteile verschaffen sollten – und sie am Ende letztlich nur behinderten
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Das vorangegangene Duell der beiden Polarforscher hatte zuvor drei Jahr lang die Weltöffentlichkeit in Atem gehalten, seit Scott 1909 bekannt gemacht hatte, mit seinem Schiff, der Terra Nova, zum Südpol aufzubrechen und diesen bislang unbekannten Ort erreichen zu wollen. Als Scott am 29. November 1910 jedoch vom Hafen des neuseeländischen Port Chalmers in Richtung terra incognita aufbricht, begleiten ihn Sorgen, denn bereits sechs Wochen zuvor hat er ein beunruhigendes Telegramm erhalten: „Erlaube mir mitzuteilen, dass die Fram zur Antarktis fährt. Amundsen.“ Die Fram ist das bereits damals legendäre norwegische Forschungsschiff, mit dem Amundsens Idol Fritjof Nansen von 1893-96 seine Nordpol-Expedition durchgeführt hatte. Zudem gedenke Amundsen im antarktischen McMurdo-Sound an Land zu gehen, genauso, wie auch Scott es geplant hatte.

Scott, ein Absolvent des strengen britischen Militärdrills und seit dem 13. Lebensjahr im Dienst der Royal Navy, fühlt sich nun in seiner Ehre gekränkt und herausgefordert, denn er weiß um Amundsens Qualitäten als Polarforscher. Amundsen wollte eigentlich als erster Mensch den Nordpol erreichen, doch nachdem dies 1909 bereits dem Amerikaner Robert Edmund Peary gelungen war, wollte er nun ebenfalls, und um jeden Preis, den Südpol sehen. Sozusagen als letzte verbleibende Trophäe.

Was Scott noch nicht wissen konnte: Amundsen, unterwegs mit der Fram, ist bereits am 9. September 1910 aus dem Hafen von Madeira ausgelaufen und hat auf der 14.000 Seemeilen dauernden Reise keinen einzigen weiteren Hafen angelaufen, sodass er bereits am 14. Januar 1911 in der im McMurdo-Sound gelegenen Bucht der Wale anlegen kann. Und obwohl Scott dort schon zehn Tage vorher gelandet ist, war das Duell eigentlich bereits entschieden, bevor es begann. Der Grund: Amundsens Anlegestelle befindet sich 150 Kilometer näher am Pol als der Platz, an dem Scott schließlich an Land ging.

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Norwegische Überlegenheit

Auch rächt es sich nun, dass Scott, obwohl er bereits 1902 eine Expedition in die Antarktis absolviert hatte, bei der Vorbereitung der jetzigen Reise einen „verblüffenden Mangel an planerischem Geschick“ offenbart, wie Diane Preston in ihrem Buch „In den eisigen Tod“ beschreibt: So setzt der Engländer anders als Amundsen auf schwerfällige Ponys als Transporttiere – Amundsen benutzt Hunde – und schwere Motorschlitten, von denen einer schon vor Beginn der strapaziösen Reise im Eis einbricht. Auch sind seine Männer im Gegensatz zu Amundsens Leuten völlig unerfahren im Umgang mit Langlaufskiern und marschieren zu Fuß.

Amundsen und seine Männer an einem Abend in ihrem Basislager Framheim. Amundsen ist der Mann hinten rechts

Amundsen und seine Männer an einem Abend in ihrem Basislager Framheim. Amundsen ist der Mann hinten rechts
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Am 4. Februar 1911 kommt es zu einer Begegnung der Besatzungen beider Schiffe, denn auch Amundsens Fram hatte zuvor die günstigen Wetterbedingungen genutzt und war in die Bucht der Wale eingelaufen. Laut einem Crewmitglied Scotts sind die Engländer darüber sehr erbost, denn sie betrachten diese Gewässer aufgrund früherer Expeditionen quasi als ihr Hoheitsgebiet, die Norweger damit als Eindringlinge. Wie in „Duell im Ewigen Eis“ erläutert wird, ist auch Amundsen nicht sonderlich erpicht auf das Zusammentreffen, denn er ist sich seines „unsportlichen“ Verhaltens durchaus bewusst. Dennoch lädt er die Briten auf die Fram ein – wohl auch, um Scott seine Überlegenheit in Sachen Vorbereitung für den Sturm zum Pol zu demonstrieren.

Der Wettlauf wird zum Duell

Die Tragik dieser Begegnung liegt in der Tatsache, dass es der gekränkte Stolz den Briten verbietet, auf Amundsens Vorschlag einzugehen, ihr Winterlager direkt neben dem norwegischen zu errichten. Langner analysiert: „Denkbar, dass damit aus der Rivalität eine wie auch immer geartete Zusammenarbeit gewachsen wäre.“ So aber wird aus dem Wettlauf endgültig das Duell, das Scott und seine Begleiter schließlich das Leben kostet.

Robert Falcon Scott und seine Männer vor dem Start der tragischen Expedition

Robert Falcon Scott und seine Männer vor dem Start der tragischen Expedition
Foto: dpa Picture Alliance

Scott notiert, obwohl mittlerweile alle um die technische Überlegenheit und auch die günstigere Ausgangsposition der Norweger wissen, trotzig in sein Tagebuch: „Ich möchte noch einmal wiederholen, dass diese Expedition ihre Pläne fasst und ihre Arbeit durchführt, als existiere Amundsen nicht.“ Langner beschreibt eine wachsende Distanz zwischen Scott und seinen Männern und berichtet auch, er habe „seine Marschtabelle ohne ausreichende notwendige Sicherheitsmargen“ geplant.

Am 8. September 1911 bricht Amundsens Mannschaft, acht Männer mit sieben Schlitten und 86 Hunden, schließlich Richtung Südpol auf. Durchschnittlich schaffen sie pro Tag 28 Kilometer, nachts fällt die Temperatur auf weit unter minus 50 Grad Celsius. Diese Kälte macht ihnen so zu schaffen, dass sie schließlich umkehren müssen. Amundsen zerstreitet sich darüber mit seinem Begleiter Hjalmar Johansen, den er daraufhin von der Polexpedition ausschließt und nach seinem Sieg so sehr in Misskredit bringt, dass dieser sich das Leben nimmt.

Erst am 20. Oktober kann der finale Sturm auf den Pol beginnen, Amundsen hat die Größe seiner Crew von acht auf fünf Männer reduziert, dazu nur noch vier Schlitten und 48 Huskys dabei.

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Harte Arbeit

Als Scotts Team am 24. Oktober losmarschiert, liegt es gegenüber Amundsen, ohne sich überhaupt bewegt zu haben, bereits vier bis fünf Tagesmärsche zurück – denn dessen Depot für Nahrungsmittel und andere Vorräte, das er auf dem 80. Breitengrad errichten lässt, liegt 270 Kilometer näher am Pol als das britische Basislager. Ein Mitglied von Scotts Crew schreibt in einem Brief an seine Mutter über die Ausrüstung der britischen Expedition: „ … mit dem Dreck, den wir haben, wird es ganz schön schwer werden und wir werden hart arbeiten müssen.“ In der Aufregung vergisst Scott beim Aufbruch, eine britische Flagge mitzunehmen, die Motorschlitten versagen in der Kälte schnell ihren Dienst, auch die Ponys halten den Bedingungen nicht annähernd so Stand wie erwartet.

Kapitän Robert Falcon Scott während seines tödlichen Abenteuers in der Antarktis

Kapitän Robert Falcon Scott während seines tödlichen Abenteuers in der Antarktis
Foto: dpa Picture Alliance

Der gnadenlos effiziente Amundsen hat derweil nur mit seinem eigenen Gewissen zu kämpfen, denn er lässt 27 seiner Hunde erschießen, damit die verbleibenden Tiere auf dem Weg zum Pol und zurück genügend Nahrung haben werden. Die Norweger kommen gut voran, 25 bis 35 Kilometer pro Tag, alle vier Tage ein Breitengrad. Zuversichtlich schreibt Amundsen: „Was wir alles aufs Spiel setzen, wenn wir durch diese unerfreulichen Gebiete ziehen! (…) Aber niemand möchte umkehren – das ist gut zu wissen.“

Die größte Herausforderung liegt aber noch vor den beiden Teams: Die Überquerung einer bis zu 4000 Meter hohen Bergkette, die den Weg zum Pol blockiert. Während Scott der bereits vorgezeichneten Route seines Rivalen Shackleton folgt, muss Amundsen seinen Weg hier alleine hindurch finden, wobei seine Mannschaft unter anderem einen knapp 14 Kilometer langen Gletscher mit einem Gefälle von 2250 Metern bezwingt. Am 21. November ist der Vorsprung auf Scotts Team bereits auf 460 Kilometer angewachsen.

Sieger am Südpol

Scotts Truppe hingegen ist eigentlich gar keine, da ihre Mitglieder je nach zu tragender Last jeden Tag aufs neue unterschiedlich spät starten – Männer und Pferde brechen immer wieder im tiefen Schnee ein, die mitgebrachten Skier werden weiterhin ignoriert, so kommt man pro Stunde nur zwei bis maximal vier Kilometer voran. Tagelang hält ein Schneesturm Scott und seine Männer noch vor dem Aufstieg auf das antarktische Hochplateau über den Beardmore-Gletscher auf.

Als sie am 9. Dezember endlich mit dem Aufstieg beginnen können, ist Amundsen nur noch 171 Kilometer vom Südpol entfernt. Die Ponys sind von den Strapazen derart verausgabt, dass man sie erschießt, ab da müssen die Männer ihre Schlitten selbst ziehen.

Ein Mitglied der Scott-Expedition stellt Vermessungen an

Ein Mitglied der Scott-Expedition stellt Vermessungen an
Foto: dpa Picture Alliance

Amundsens Tagebucheinträge zu dieser Zeit lesen sich wie die Beschreibungen eines Sonntagsspaziergangs: „Gelände und Laufen wie gewohnt, erstklassig. Schlitten und Ski gleiten leicht und angenehm.“ Ein Expeditionsmitglied notiert wenige Tage später, kurz vor dem Erreichen des Ziels: „Wir sind alle aufgeregt. Werden wir die englische Flagge sehen? Gott sei uns gnädig! Ich glaube es nicht.“

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Ernüchterung und Tod

Er verwirklicht, so schreibt es Langner in „Duell im Ewigen Eis“, damit den Lebenstraum eines anderen: Robert Falcon Scott, der zu diesem Zeitpunkt noch 640 Kilometer vom Pol entfernt ist, und der diesen Traum mit dem Leben bezahlen wird. Scott macht in einer Reihe katastrophaler Fehler schließlich einen weiteren, indem er mit vier statt wie eigentlich geplant nur mit drei Gefährten zum Pol aufbricht – die vorher berechnete Verpflegung muss nun für einen Mann mehr herhalten. Scotts letzte Freude wird sein, dass er am 9. Januar 1912 jenen Punkt überschreitet, an dem sein Konkurrent Shackleton einst umkehren musste. Es folgt die herbe Ernüchterung am 17. Januar gegen 18.30 Uhr, als Scott und seine Männer ebenfalls den Südpol erreichen und dort die norwegische Flagge sehen müssen. Kurze Zeit später, am 26. Januar 1912, sind Amundsen und seine Männer bereits wieder zurück in ihrem sicheren Basislager.

Roald Amundsen, links, auf einem Bild von 1926 mit dem Piloten Lieutenant Undahl

Roald Amundsen, links, auf einem Bild von 1926 mit dem Piloten Lieutenant Undahl
Foto: dpa picture alliance

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Während die US-Zeitung „New York Times“ im März 1912 Amundsens Errungenschaft mit der Zeile „Die ganze Welt ist jetzt entdeckt!“ feiert, sind zwei Mitglieder aus Scotts Mannschaft bereits gestorben, irren die übrigen drei immer orientierungsloser durch die unerbittliche Eiswüste. Am Ende ist es wieder ein Fehler Scotts, der ihr Schicksal besiegelt – ein tödlicher Fehler: Scott hatte das letzte Basislager, dass ihre Rettung bedeutet hätte, ein Jahr zuvor früher als geplant errichten lassen, um eines der Ponys zu retten. Nun, gefangen in einem erbarmungslosen Schneesturm, ist es zwar nur 20 Kilometer entfernt, aber dennoch unerreichbar.