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Einzigartiges Wetterphänomen

Über Venezuelas größtem See blitzt es bis zu 60 Mal in der Minute

Lago Maracaibo
Über dem Lago Maracaibo in Venezuela toben fast jede Nacht heftige Gewitter. Der Ort steht deshalb sogar im Guinnessbuch der Rekorde Foto: Picture Alliance

Über dem Lago Maracaibo, Venezuelas größtem See, wütet fast jede Nacht ein weltweit einzigartiges Wetterphänomen: Bis zu 60 Blitze in der Minute entladen sich hier, weshalb der Ort sogar im Guinnessbuch der Rekorde steht. Der Anblick lockt auch Touristen an, doch die Naturgewalt ist gefährlich.

Im Südwesten von Venezuela liegt der Lago Maracaibo, ein gewaltiger See, über dem man an bis zu 300 Tagen im Jahr ein weltweit einzigartiges Spektakel beobachten kann: Sobald hier die Abenddämmerung hereinbricht, beginnt es zu gewittern, und das bis zu neun Stunden lang, Nacht für Nacht. Und obwohl das Phänomen bereits seit Jahrhunderten berüchtigt ist, gab es lange keine Erklärung dafür.

Laut der wissenschaftlichen Seite „Scienceline“ schlägt über dem Lago Maracaibo pro Minute bis zu 60 Mal ein Blitz ein, durchschnittlich sind es 28 Blitze alle 60 Sekunden und bis zu 40.000 über eine ganze Nacht. Im Jahr 2014 wurde der Lago Maracaibo deswegen sogar ins Guinnessbuch der Rekorde aufgenommen, als der Ort mit den meisten Blitzschlägen pro Stunde. Die Naturgewalt wird heute von den Einheimischen ehrfurchtsvoll Relámpago del Catatumbo genannt. 

Gewitter als Navigations-Hilfe 

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Der Name, der übersetzt „Blitz von Catatumbo“ bedeutet, stammt daher, dass sich die Gewitter immer über derselben Stelle im Lago Maracaibo entladen – und zwar an der Fluss-Mündung des Catatumbo. Während eines solchen Unwetters ist es auch nachts so hell, dass man sogar Zeitung lesen kann. Die Menschen, die rund um den See leben, verschließen ihre Fensterläden, weil man ansonsten nicht schlafen könnte.  

Laut der NASA, die das Phänomen bereits seit geraumer Zeit untersucht, dienten die Gewitter, da sie derart regelmäßig auftauchten, bereits im 16.Jahrhundert Seeleuten zur Navigation – quasi als natürlicher Leuchtturm. Die Blitze sieht man noch aus einer Entfernung von 400 Kilometern. Der Lago Maracaibo könnte sogar dem Land Venezuela seinen Namen gegeben haben: Demnach segelte der italienische Entdecker Amerigo Vespucci auf dem See, als er eine Fischersiedlung auf Pfahlbauten entdeckte. Diese habe er nach einer heute weltberühmten Stadt benannt: Venezuela, oder „Kleines Venedig“. 

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Wie entsteht das Phänomen vom Lago Maracaibo? 

Die Menschen rund um den Lago Maracaibo haben sich mit dem Extrem-Wetter längst arrangiert, denn seit Jahrhunderten leben sie auch vom Fischfang, den sie auf Venezuelas größtem See betreiben. Dies ist allerdings ein durchaus gefährlicher Brot-Erwerb. Laut „New York Times“ sterben hier bis zu drei Menschen pro Jahr durch Blitzschläge. Und die Fische beißen ausgerechnet bei Abenddämmerung besonders gut, wenn sich gerade ein Gewitter zusammenbraut.  

Lange war unklar, wie die Unwetter über dem Lago Maracaibo entstehen. Von April bis Oktober wüten sie besonders stark, um dann im Januar und Februar etwas abzuflauen. Laut NASA liegt es vermutlich daran, dass sich hier, wie vor jedem Gewitter, Luftströme verschiedener Temperatur miteinander vermischen. Dadurch entsteht elektrische Spannung in der Luft. Dass das passieren kann, liegt wiederum an der Lage von Venezuelas größtem See. 

10 Minuten Gewitter könnten ganz Südamerika beleuchten 

Der Lago Maracaibo ist zu drei Seiten quasi umstellt von den Ausläufern des Anden-Gebirges, von denen besonders nachts kalte Luft über den See strömt. Diese mischt sich dann mit der warmen Luft, die wiederum aus dem Golf von Venezuela ins Inland gelangt. Denn über den Catatumbo-Fluss ist der Lago Maracaibo direkt mit dem karibischen Meer verbunden. Treffen diese zwei extrem unterschiedlich temperierten Luftschichten aufeinander, entsteht die besagte elektrische Spannung, die sich in den vielen Blitzen entlädt.  

Mit der Energie aus nur einem von ihnen könnte man demnach 100 Millionen Glühbirnen zum Leuchten bringen. Würde man diese Energie auch nur für 10 Minuten ernten, könnte man damit ganz Südamerika beleuchten. Die Wissenschaftler der NASA haben über einen Zeitraum von 17 Jahren Wetterdaten gesammelt, um in etwa voraussagen zu können, wie sich die Gewitter über das Jahr entwickeln werden – das gibt den Menschen vor Ort etwas mehr Sicherheit in ihrem Leben.  

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Gewitter-Report 

So lagern unter dem Lago Maracaibo immense Mengen Erdöl, dass hier abgebaut wird. Bei Gewitter wäre dies aber zu gefährlich. Deshalb können schätzungsweise pro Jahr bis zu zehn Prozent weniger gefördert werden als unter „normalen Umständen“. Das Ziel der Wissenschaftler ist es daher, quasi einen Blitz-Report herauszugeben, der über Monate verlässlich die zu erwartende Schwere der Unwetter voraussagen könnte.

In den Zeiten vor Corona hatte sich der Lago Maracaibo vor allem unter Besuchern aus dem eigenen Land durchaus auch als Touristen-Attraktion etabliert. Leider kann man aber Venezuela aktuell nicht als sicheres Reiseland empfehlen, was auch das Auswärtige Amt bestätigt.

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