Versunkenes Dorf Graun in Südtirol

Die tragische Geschichte des „Atlantis der Alpen“

Der Kirchturm im Reschensee ist heute ein beliebtes Foto-Motiv
Mahnmal einer Tragödie: Noch immer ragt der Kirchturm des versunkenen Dorfes Graun aus den Fluten des Reschensees
Foto: Getty Images

Der Reschensee in Südtirol birgt ein düsteres Geheimnis – denn in seinen Wassern wurde einst ein ganzes Dorf ertränkt. Ganz verschwunden ist es aber dennoch nicht. TRAVELBOOK erzählt die tragische Geschichte.

Am 16. Juli 1950 läuteten in dem kleinen Dorf Graun im italienischen Südtirol zum letzten Mal die Kirchglocken. Kurze Zeit später versank der Ort und auch das Gotteshaus im Reschensee. Grund dafür war nicht etwa eine Naturkatastrophe, sondern vielmehr menschliche Gier nach Fortschritt und Profit.

Die Katastrophe, die die Bewohner von Graun nicht nur aus ihrer Heimat vertrieb, sondern diese einfach von einem Tag auf den anderen auslöschte, hatte sich bereits in den Vorjahren angekündigt: Die Naturseen in Graun und dem nahen Ort Reschen sollten zu einem einzigen, deutlich größeren Gewässer aufgestaut werden, dank dem dann Strom aus Wasserkraft erzeugt werden würde – ein Plan, der laut dem neuen Buch „Secret Places Europa“ bereits lange gefasst war, denn Norditalien und die nahe Schweiz lechzten nach Energie.

Reisigstecken gegen Maschinengewehre

Laut WELT rechneten die Bewohner ursprünglich damit, dass der Wasserspiegel durch die Stauung nur um fünf Meter ansteigen würde – tatsächlich ließ man das Wasser aber um 22 Meter steigen, was den sprichwörtlichen Untergang von Graun besiegelte. Demnach standen damals wütende Bauern mit Maschinenpistolen bewaffneten Carabinieri gegenüber, schlugen in verzweifelter Wut mit Reisigstecken auf die Autos der Stromfirma Montecatini ein, die den Zuschlag für den Bau erhalten hatte. Vergeblich.

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Als der Plan schließlich in die Tat umgesetzt wurde, sprengte man zunächst bis auf die Kirche zahlreiche Häuser. Graun und Teile von Reschen versanken in den Fluten, doch damit begann das Drama für viele der ehemaligen Einwohner erst: Der Plan, sie in andere Gemeinden umzusiedeln, war von Anfang an eine miserabel geplante Farce, gab es doch besonders für die Bauern einfach nicht genug Platz. Und dennoch wurden über Nacht 523 Hektar Grund und Boden sowie 181 Häuser einfach versenkt.

Italien

Der Kirchturm im Reschensee ist heute ein beliebtes Foto-Motiv
Foto: Getty Images

Nicht einmal der Papst konnte helfen

Daran konnte auch eine Reise des Dorfpfarrers zum damaligen Papst Pius XII. nichts ändern, und so fand mehr als die Hälfte der Einwohner des „Atlantis der Alpen“ im „neuen” Graun keinen Platz mehr. An die Tragödie erinnert nur noch der Kirchturm des versunkenen Dorfes, denn er ragt bis heute wie ein Mahnmal aus dem Reschensee – ein bei Urlaubern mittlerweile sehr populäres Ziel, das regelmäßig von einem Ausflugsschiff angesteuert wird. Die Gemeinde Graun betreibt es seit 20 Jahren.

Buchcover Secret Places Europe


Foto: Bruckmann Verlag

Das Drama ging als das „Grauen von Graun” in die Geschichte ein, als Symbol und Warnung gleichzeitig, was der Mensch anrichten kann — das Wasserkraftwerk im heute mehr als sechs Kilometer langen und ein Kilometer breiten Reschensee produziert 250 Millionen Kilowatt Strom im Jahr. Erst Anfang der 2000er Jahre erhielt die Gemeinde schließlich durch eine Beteiligung am Gewinn des Stromkraftwerks eine minimale Entschädigung. Doch auch diese musste es sich gerichtlich erstreiten.

Dieses und 69 weitere unbekannte Reiseziele in Europa finden Sie im neuen Buch „Secret Places Europa“, erschienen im Bruckmann Verlag am 14. Oktober.

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