30. April 2026, 14:56 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
TRAVELBOOK-Autor Robin Hartmann unternimmt in seiner Freizeit regelmäßig lange, mitunter auch mehrwöchige Wanderungen. Während er im Alltag gerne unter Leuten ist, genießt er seine Zeit in der Natur aber am liebsten ganz alleine. Was das mit Selbstheilung zu tun hat, und welche Erlebnisse zu der Entscheidung geführt haben, draußen lieber solo unterwegs zu sein – hier berichtet er von seinen Erfahrungen.
Ein Morgen Anfang Herbst, die Nacht hat eine empfindliche Kühle über das Land gebracht, das Thermometer zeigt drei Grad Außentemperatur. Verträumt schäle ich mich aus meinem Schlafsack, rein in klamme, tagelang getragene Klamotten. Seit fast zwei Wochen geht das nun schon so, jeden Morgen aufs Neue. Eine schnelle Mahlzeit auf dem Campingkocher zubereitet, einen Tee, und dann wieder los, den ganzen Tag laufen, einen Fuß vor den anderen, das Mantra des Wanderers. Außer meinen Schritten nur das Konzert der Vögel in den Baumwipfeln, das Rauschen des Windes, das Gluckern eines Baches. Und ich bin glücklich, vollständig bei mir selbst, absolut frei. Das Gefühl, das ich gerade beschreibe, finde ich nur bei meinen geliebten Wanderungen. Und auch nur, wenn ich alleine unterwegs bin.
Ich würde mich durchaus als sozialen Menschen beschreiben. Im Alltag habe ich viele Interessen, die Gemeinschaft erfordern. Regelmäßig gehe ich mit meiner Freundin auf Brettspielabende, mache genauso häufig mit Freunden in einem Pub Musik. In meinem liebsten Café gleich um die Ecke treffe ich fast jeden Tag Freunde und neue spannende Menschen und pflege generell einen regen Austausch. Aber dann ist da auch diese andere Seite von mir, die viel Alleinsein braucht, was ich keinesfalls mit Einsamkeit gleichsetzen würde. Ich bin mir selbst eine sehr gute Gesellschaft, langweile mich ob meiner zahlreichen Hobbys auch solo eigentlich nie. Meine größte Kraft ziehe ich dabei aus Aufenthalten in der Natur. Und hier vor allem aus langen Wanderungen ganz für mich.
Ein verborgener Schatz
Natürlich gibt es auf solchen Touren zahlreiche Momente, in denen ich mir wünsche, sie jetzt mit einer lieben Person teilen zu können. Meine Freundin wandert im Herzen immer mit, wenn wir nicht gerade ohnehin zusammen unterwegs sind. Aber genauso genieße ich es, diese Momente auf Wanderungen ganz für mich alleine zu haben. Wie einen Schatz, den ich gefunden habe, weil die Natur mich als dafür würdig erachtet – so stelle ich es mir in meinem Kopf vor. Weil ich alleine mein eigenes Tempo gehen kann, mich niemandem anpassen, auf niemanden aufpassen muss. Und so mit allen Sinnen und einem Maximum an Achtsamkeit immer wieder wunderbare Dinge entdecke.
Ich will es mal ganz ehrlich sagen: Ich bin ein klassischer Sturm-und-Drang-Charakter. Himmelhoch jauchzend, zutiefst betrübt – diese Extreme liegen bei mir im Alltag mitunter nur einen Wimpernschlag bzw. ein paar Gedanken voneinander entfernt. Was mir meine Wanderungen in der Natur schenken, ist eine innere Mitte, ein Ausgleich, ein Einfach-sein-dürfen. Doch diesen nirvana-artigen Zustand finde ich eben nur, wenn ich draußen ganz für mich alleine bin. Ich möchte nicht direkt sagen, dass andere Menschen mich dabei stören würden. Aber vielleicht haben Sie auch schon einmal bemerkt, auf wie viel mehr Sie eigentlich achten, wenn Sie sich mit niemandem unterhalten, nicht aufs Telefon gucken, sich bewusst auf Momente einlassen.
Auch interessant: Die schönsten mehrtägigen Touren im Harz
Ort der inneren Einkehr
Möglichst ablenkungsfreie Wanderungen sind mir daher eine der wichtigsten Auszeiten in meinem Leben geworden. Und glauben Sie mir, dass ich weiß, wovon ich spreche, wenn ich sage, man kann die Natur tatsächlich kaputtreden. Diese Erfahrung machte ich regelmäßig, als ich ein paar Jahre lang als Wanderleiter in Berlin und Brandenburg arbeitete. Bereits morgens am Bahnhof, auf der Fahrt ins Freie, erwartete mich eine fröhlich schnatternde Gruppe meist älterer Damen, deren Schnäbel dann den gesamten Tag lang nicht stillstanden. Viele der Ausflüge, die wir gemeinsam unternahmen, hatte ich auch schon alleine gemacht, doch in der Gruppe war plötzlich alles anders, anstrengender. Statt heilender Ruhe, nette, aber letztlich doch belanglose Gespräche, und der wachsende Wunsch, doch endlich wieder alleine sein zu können.
Es ist einfach so: Die ganze Magie der Natur wird sich nur dem offenbaren, der auf seinen Wanderungen mit allen Sinnen geschärft unterwegs ist. Die wundervollsten Details, die eine Tour unvergesslich machen, entdeckt man nur alleine. Die Natur ist für mich ein Ort tiefer innerer Kontemplation mit mir selbst, einer Verbindung vielleicht gar zu unser aller Vorvätern. Auf wie viel Komfort bin ich bereit zu verzichten? Welche Strecke kann ich heute schaffen? Wird es unterwegs genügend Wasser geben? Welche Erlebnisse erwarten mich? Wenn man das Leben und unseren ach so hektischen Alltag auf diese Fragen zusammenschmilzt, dann wird auf einmal alles ganz ruhig. Nur die Natur ist in der Lage, auf alle Probleme des Lebens eine heilende Antwort zu finden.
Auch interessant: Zwei der schönsten Wanderungen im Schwarzwald
13 Tipps für das Alleinreisen
Was mich meine Solo-Reisen für mein Leben gelehrt haben
Unbegrenzter Freiheitsdrang
Es gibt noch einen anderen Grund, warum ich vor allem lange Wanderungen nur alleine unternehme. Ich bin hauptsächlich deshalb Freiberufler geworden und geblieben, um Herr über meine eigene Zeit zu sein. Mitunter habe ich jedoch im Alltag ein gewisses Übermaß davon. Und fühle mich vom Leben unterfordert, in meiner sehr schönen Wohnung regelrecht eingesperrt. Dann weiß ich, es wird Zeit, wieder für ein paar Tage nach draußen zu verschwinden. Und hier pushe ich mich selbst gerne an Grenzen. Es gibt kaum ein berauschenderes Gefühl, als die Macht zu begreifen, die der eigene Kopf über den Körper, ja, über unser gesamtes Leben hat. Eigentlich mit den Kräften am Ende zu sein, aber trotzdem weiterzulaufen. Sich irgendwann doch irgendwo hinsinken zu lassen, die Isomatte aufzublasen, in den Sternenhimmel zu schauen und zu denken: Ja, heute habe ich gelebt.
Und genau deshalb muss ich lange Wanderungen alleine unternehmen. Ich möchte mir unterwegs keinerlei Gedanken machen müssen, ob mein Begleiter vielleicht schon längst über sein Limit hinaus ist. Auch Diskussionen, wo es denn jetzt lang und wie überhaupt weitergehen soll, würden mich in meinem Drang nach Freiheit begrenzen. Zumal ich über die Jahre leider auch die Erfahrung gemacht habe, dass viele Menschen nicht in der Lage oder bereit dazu sind, sich selbst und anderen ihre Grenzen vor der Natur einzugestehen. Und das sind dann Situationen, in denen es schlimmstenfalls richtig gefährlich werden kann. Wo sich nämlich jemand versehentlich oder aus Entkräftung verletzt. Ich werde hier keine Beispiele nennen, habe diese aber in der Vergangenheit mit Freunden bereits mehrfach erlebt.
Auch interessant: Warum das Allgäu die perfekte Wanderregion ist
Alleinsein ist Seelenfrieden
Vielleicht haben Sie außerdem selbst im Urlaub schon einmal gemerkt, dass man alleine ganz anders agiert, als wäre man zu zweit oder gar in einer Gruppe. Andersherum wird man von anderen Menschen, ist man nicht alleine, mitunter als nach außen abgeschlossene Einheit wahrgenommen. Meiner Erfahrung nach schränkt dieser Umstand die Wahrscheinlichkeit nicht alltäglicher Erlebnisse erheblich ein. Ich zumindest bin auf meinen Wanderungen sehr gerne alleine, aber so auch viel offener für zufällige Begegnungen. Und oft genug ändert sich durch diese ein ganzer Tagesplan. Wenn man nämlich bei Gesprächen vielleicht von einem interessanten Ort oder einem guten Gasthaus erfährt. Dinge, die man selbst gar nicht auf dem Schirm hatte.
Mir ist durchaus klar, dass diese Art des Naturgenusses nicht jedermann anspricht. Zum Glück, sonst wäre der Wald ja voll von Sonderlingen wie mir. Dennoch möchte ich jedem empfehlen, sich auf das Abenteuer, alleine draußen zu sein, einmal ganz bewusst, und möglichst ohne Ablenkungen, einzulassen. Was ich auf meinen Wanderungen finde, ist ein Seelenfrieden, den mir die Stadt und mein alltägliches Leben nicht zu geben vermögen. Alleine mir eine Karte anzugucken und eine kommende Tour im Geist vorzustellen, macht mich glücklich. Genauso, wie mich an vergangene Streifzüge zu erinnern. Denn in meinem Herzen kann ich immer an diese Orte und zu diesen Gefühlen zurückkehren. Es werden solche Momente sein, die mir eines hoffentlich fernen Tages einmal das Gefühl geben werden, mein Leben richtig gelebt zu haben.