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Nachgefragt

Darf ich mich in einem überfüllten ICE in die 1. Klasse setzen?

Die Bahn ist voll und Sitzplätze gibt es nur noch in der Erste Klasse: Doch solange keine Freigabe durch den Schaffner erfolgt, darf sich keiner ohne entsprechendes Ticket dort hinsetzen.
Die Bahn ist voll und Sitzplätze gibt es nur noch in der 1. Klasse: Doch solange keine Freigabe durch den Schaffner erfolgt, darf sich keiner ohne entsprechendes Ticket dort hinsetzen.Foto: dpa picture alliance

Wer oft mit der Bahn verreist, wird vermutlich auch erleben, dass Züge völlig überfüllt sind. Und wer schon einmal auf dem Teppichboden im ICE saß und einen Blick ins leere Abteil gegenüber geworfen hat, wird sich auch schon die Frage gestellt haben: Darf man in einem solchen Fall in die 1. Klasse wechseln? Oder gelten immer noch die Konditionen des gekauften Tickets? TRAVELBOOK hat nachgefragt.

„Sehr geehrte Fahrgäste, leider fehlt ein Zugteil.“ Wer öfters Bahn fährt, kennt Durchsagen dieser Art. Die Fahrgäste müssen sich dann auf die verbleibenden Waggons verteilen, die Sitzplatzreservierungen werden oft aufgehoben – und es wird richtig voll im Zug. Noch schlimmer wird es, wenn mehrere Züge hintereinander ausfallen, etwa weil es ein Unwetter, eine Bombenentschärfung oder einen Unfall gab. Dann stapeln sich mitunter die Reisenden bis in die Gänge. Auf den nächsten Zug zu warten ist in den wenigsten Fällen eine Option. Manch einer kommt dann vielleicht auf die Idee, sich mit seinem Ticket für die 2. Klasse im ICE in die 1. Klasse zu setzen. Doch darf man das überhaupt?

Es gibt keinen Anspruch auf die 1. Klasse im ICE, aber Ausnahmen

Nein, grundsätzlich ist es nicht erlaubt, sich in einem vollen ICE einfach in die 1. Klasse zu setzen. Wer in der 1. Klasse mitfahren möchte, brauche auch eine Fahrkarte dafür, sagt die Juristin Sabine Fischer-Volk von der Verbraucherzentrale Brandenburg. Einen gesetzlichen Anspruch, einfach in die höhere Klasse wechseln zu können, gibt es nicht, bestätigt die Deutsche Bahn. Allerdings könne der Zugchef bei stark ausgelasteten Zügen die 1. Klasse, insofern diese leerer sei, auch für weitere Fahrgäste freigeben. 

Dabei entscheide der Zugchef auch darüber, welche Gäste ohne Zahlung eines Zuschlags in der 1. Klasse reisen dürfen. „Vorrangig werden hilfsbedürftige Personen, wie Schwangere und Reisende mit Mobilitätseinschränkungen, behandelt“, erklärt eine Bahn-Sprecherin TRAVELBOOK. Wer nicht vom Zugchef ausgewählt wird und ein Flexticket in der 2. Klasse habe, könne noch während der Fahrt eine sogenannte „Übergangsfahrkarte“ kaufen und damit dann ebenfalls in der 1. Klasse sitzen. Ob das den jeweiligen Aufpreis wert ist, ist dann jedem selbst überlassen.

Nervig, ärgerlich und unverständlich

„Ich halte nichts davon, der Bahn für alles die Schuld zu geben. Gibt es, wie in der vergangenen Woche, schwere Unwetter und ganze Ortschaften, die im Chaos versinken, so ist es schlicht nicht angebracht, sich darüber zu beschweren, wenn der Zug ausfällt. Auch wenn es, wie am vergangenen Sonntag im Großraum Hannover, eine Bombenentschärfung gibt, kann die Bahn nichts für ausgefallene Züge und massive Verspätungen. Stichwort: Höhere Gewalt.

Wofür die Bahn aber sehr wohl etwas kann: Den Frust der zahlreichen Fahrgäste, die dicht gedrängt im ersten ICE zusammenhocken, der nach Stunden wieder fährt. ‚Da zahlt man so viel, nur um dann hier auf dem Boden zu sitzen‘, heißt es von einer Passagierin links von mir. Die Lautsprecherdurchsage, dass man doch bitte auf jeden Fall die Maske korrekt tragen müsse ist bei dem Gedränge zwar aus Pandemie-Gesichtspunkten relevant. Doch gießt sie auch Öl ins Feuer. Mindestabstand? Unmöglich. Nun kommt rechts von mir die Frage auf, ob man nicht gesammelt in die 1. Klasse gehen wolle. ‚Alles schon versucht. Da wird man direkt wieder weggeschickt‘, berichtet der dritte Fahrgast. Auch die Schaffnerin, die sich wenige Minuten später vorbeischlängelt, bestätigt, dass niemand der umstehenden Reisenden ohne Aufpreis in die 1. Klasse dürfe. Das alles ist in meinen Augen nicht nur nervig und ärgerlich, sondern auch einfach unverständlich.

Dass bei einem vollen ICE nicht jeder in die 1. Klasse gelassen wird, ist mir klar. Aber wenn unvorhersehbare Ereignisse zu einem solchen Passagieraufkommen führen, hat die Bahn meiner Meinung nach die Pflicht, den Schaden der Fahrgäste abzumildern. Zumal in einer Zeit, in der das Wort ‚Mindestabstand‘ in jedem dritten Satz fällt.“

Larissa Königs, TRAVELBOOKRedakteurin

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Grundsätzlich handele es sich bei der Nutzung der 1. Klasse mit Zweite-Klasse-Fahrkarte um die Erschleichung einer Beförderungsleistung. Reisende sollten dem Hinweis des Personals also besser Folge leisten – sonst kann ein Bußgeld drohen.

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