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Kommentar einer Vielfahrerin

Verspätungen im Fernverkehr – darum kam ich 100 Minuten zu spät an  

ICE vor Köln zu Verspätung bei der Deutschen Bahnn
Die Fahrt von Köln bis Berlin wurde für unsere Autorin (mal wieder) zur GeduldsprobeFoto: picture alliance/dpa | Roberto Pfeil

Die Verspätungen bei der Deutschen Bahn sind so schlimm wie seit 7 Jahren nicht mehr. Grund dafür sollen Baustellen und Grenzkontrollen sein. Das spiegelt allerdings kaum die Fahr-Realität unserer Autorin, die regelmäßig pendelt. Ein subjektiver Blick nach der Fahrt in einem ICE mit 100 Minuten Verspätung.

Gerade erst machte die Nachricht die Runde, die Fernverkehrszüge der Deutschen Bahn hätten im April so viel Verspätung gehabt wie schon lange nicht mehr. Weniger als 70 Prozent der Züge kamen pünktlich ans Ziel – wobei man immer bedenken muss, dass nur Züge mit mehr als 6 Minuten Verspätung überhaupt reinzählen, ausgefallene Züge sind ebenso gar nicht in der Zählung eingerechnet. Wenig überraschend ist, dass seit Jahresbeginn der Anteil der pünktlichen Fernverkehrszüge stetig sank. Schließlich fahren ja auch stetig mehr Menschen, dank Corona-Lockerungen. Wirklich überraschend hingegen war die Begründung der DB für die Verspätungen der ICE- und IC-Züge.

Grund seien, so ein Bahnsprecher laut „Tagesschau“, die vielen Baustellen und Grenzkontrollen. Ich möchte an dieser Stelle keineswegs der Bahn absprechen, dass die immer zahlreicher werdenden Baustellen die Pünktlichkeit drücken. Auch Grenzverkehr wird sicher eine Rolle spielen. Aber die Verspätungen darauf abzuwälzen, erscheint angesichts meiner jüngsten Bahn-Miseren etwas kurz gedacht.

Kaputte Züge, Chaos statt Problem-Management

Verständnis für Großbaustellen kann ich nämlich in den meisten Fällen schon aufbringen – wenn wir schneller und mehr Zug fahren wollen, kommt man an neuen Gleisen kaum vorbei. Doch bei meinen Verspätungen war zuletzt nie eine Baustelle Schuld, sondern immer fehlende oder kaputte Züge. In einer Häufigkeit, die es meiner Meinung nach vor der Pandemie nicht gab, sehe ich mich derzeit „Ersatzzügen“ ausgesetzt. Ersatzzug bedeutet dabei in der Realität fast immer ein Downgrade von einem ICE zu einem (alten) IC.

In solchen Situationen tun mir mittlerweile nicht nur meine Wenigkeit und die anderen Fahrgäste leid, sondern zunehmend auch das Zugpersonal. Das scheint, den Ansagen zufolge, oft selbst erst kurzfristig über die kaputten Züge informiert zu werden und darf sich dann mit den zu Recht frustrierten Passagieren auseinandersetzen.

Auch interessant: Welche Entschädigung steht Bahnreisenden bei Verspätungen zu?

ICE hat 100 Minuten Verspätung – ohne Baustelle, ohne Grenze

Jüngstes Beispiel ist zufälligerweise die gestrige Fahrt mit dem ICE-Sprinter von Köln nach Berlin. Sprinter bedeutet in diesem Fall, dass der Zug keinen Halt zwischen Köln und Berlin macht und dadurch deutlich schneller ist. Mein Super-Zug sollte deswegen eigentlich um kurz nach 22 Uhr in Berlin ankommen – Realität war eine Einfahrt im Bahnhof gegen Mitternacht.

Das Elend begann schon in Köln, als der eigentlich geplante ICE nicht „bereitgestellt“ werden konnte. Stattdessen kam, wie könnte es anders sein, ein bummeliger IC. Und der stand und stand und stand. Wichtig zu erwähnen ist noch, dass eine halbe Stunde später der reguläre ICE nach Berlin mit Halt unter anderem in Hamm und Hannover vom selben Gleis abfuhr. So wurden dann in regelmäßigem Abstand Durchsagen gemacht, dass es sich bei unserem Ersatzzug nicht um den normalen ICE handelte, der ja Zwischenhalte macht und erst eine Stunde nach uns in Berlin wäre. Ich blieb natürlich in unserem Zug sitzen, dachte ich doch, dass ich selbst mit der bereits in Köln angesammelten Verspätung von 30 Minuten eher als der andere Zug in Berlin ankommen würde.

Doch es kam, wie es immer kommt. Wir tuckerten los und hielten schon bald in Hagen, von wo wir eine Umleitung über Dortmund fuhren. In einem Dorf irgendwo in Niedersachsen gab es, ohne genannten Grund, einen weiteren Aufenthalt. Nachdem wir Hannover gegen 22.15 Uhr (unserer eigentlich Ankunftszeit in Berlin) im Schneckentempo durchquerten, kam schließlich eine Ansage. Wir würden Berlin mit 100 Minuten Verspätung erreichen. Mein Sitznachbar kommentierte das nur lakonisch mit: „Also nach Mitternacht.“

Zuhause war ich dann auch erst nach Mitternacht, anstatt wie geplant um 22.30 Uhr. Und das, obwohl auf meiner Strecke keine einzige Baustelle lag und ich auch keine Grenzen überschritten habe. So muss ich zur Begründung der Bahn zu den Verspätungen bei den ICE- und IC-Zügen sagen: Ja, beides mögen Gründe sein. Aber veraltete und kaputte Züge mindestens ebenso.

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