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Romantischer Aberglaube

Das Geheimnis der Bächle in Freiburg

Die Bächle sind heute so etwas wie ein inoffizielles Wahrzeichen der Stadt Freiburg. Sie existieren bereits seit dem 13.Jahrhundert
Die Bächle sind heute so etwas wie ein inoffizielles Wahrzeichen der Stadt Freiburg. Sie existieren bereits seit dem 13. Jahrhundert. Foto: picture alliance / DUMONT Bildarchiv | Martin Kirchner
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Robin Hartmann Autorenkopf
Freier Autor

15. April 2026, 10:26 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Die Innenstadt von Freiburg ist durchzogen von zahlreichen schmalen, mit Wasser gefüllten Kanälen. Im Volksmund Bächle genannt, gibt es die Rinnen, die heute eine Touristenattraktion der Stadt im Breisgau sind, bereits seit mehreren hundert Jahren. Doch auswärtige Gäste sollten bei einem Freiburg-Besuch ganz genau aufpassen, wo sie hintreten. Denn um die Rinnsale rankt sich ein romantischer Aberglaube.

Ich erinnere mich noch an viele Details meines ersten und bisher einzigen Freiburg-Besuchs im Jahr 2005. Ich war zu Gast bei einem Berliner Freund, der für ein sehr kurzes Intermezzo zum Studieren hierhergezogen war, es war November, und ziemlich kalt. Dennoch brachen wir aus dem Vorort Kirchzarten zwei Abende hintereinander mit dem Regionalzug auf, um in der Freiburger Innenstadt feiern zu gehen. Bei unseren ausgedehnten, bierseligen Streifzügen fielen mir auch immer wieder kleine, wassergefüllte Rinnsale auf, die sich durch die Gassen der Altstadt schlängelten. „Das sind die Bächle“, sagte mir mein Freund, stolz auf sein neu gewonnenes Lokal-Wissen. „Aber pass auf, dass du nicht hineintrittst. Sonst heiratest du eine Freiburgerin.“

Ich hatte zunächst gedacht, seine Warnung bezog sich auf die kalten, nassen Füße, die ich bei einem Fehltritt in ein Bächle unweigerlich bekommen würde. Aber sogleich folgte Geschichtsstunde, Teil Zwei. Denn tatsächlich existiert in Freiburg, wohl schon seit Ewigkeiten, ein süßer und romantischer Aberglaube. Demnach wird jeder, die in ein solches Bächle stolpert, unweigerlich einen Freiburger heiraten. Damit sich dieses Schicksal aber erfüllt, müsse es sich unbedingt um ein unabsichtliches Fußbad handeln. Wer bewusst in einen der schmalen Kanäle trete, bleibe unverheiratet. Und zwar generell. Tatsächlich erinnere ich mich auch daran, dass ich in diesen zwei Nächten gleich mehrere weibliche Bekanntschaften machte. Aber die Bächle umging ich, damals gerade 22 Jahre alt, nach dieser Märchenstunde sehr bewusst.

Der ADAC wollte die Bächle abschaffen

Laut „Schwarzwald aktuell“ geht die Geschichte der Bächle in Freiburg bis ins 13. Jahrhundert zurück. Damals wurden die kleinen Kanäle, gespeist aus dem Wasser des Flusses Dreisam, erstmals angelegt. Sie dienten zur Brauchwasserversorgung, für die Bekämpfung von Bränden und als Tränken für das Freiburger Vieh. Auf einer Strecke von insgesamt etwa neun Kilometern fließen sie heute durch die Stadt. Insgesamt beträgt ihre Länge sogar gut 15 Kilometer, da einige Bächle auch unterirdisch verlaufen. Heute sind die offenen Wasserkanäle hauptsächlich eine Touristenattraktion geworden, in der sich aber auch Einheimische im Sommer bei einer kurzen Pause gerne mal die Füße kühlen. Kaum zu glauben also, dass es gleich mehrfach Bestrebungen gab, die Bächle einzudämmen bzw. gar abzuschaffen.

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Demnach galten sie, damals schon mehr als fünfhundert Jahre alt, im 19. Jahrhundert als nicht mehr zeitgemäß, und sollten daher unter einer Vergitterung verschwinden. In den 1950er-Jahren dann bezeichnete sie der Automobilclub ADAC gar als Verkehrshindernis, wollte sie mit dieser Begründung zurückbauen lassen. Nach heftigem Protest der Einheimischen wurde dieser Gedanken aber wieder verworfen. Obwohl er vielleicht gar nicht so abwegig war, wie es auf den ersten Blickjdoxs scheint. Denn 2011 blieb tatsächlich die Frau des verstorbenen ehemaligen Kanzlers Helmut Kohl mit ihrem Mercedes in einem der Bächle stecken. Der Wagen musste mit einem Kran geborgen werden.

Die Bächle sind heute bei Einheimischen wie Touristen gleichermaßen beliebt
Die Bächle sind heute bei Einheimischen wie Touristen gleichermaßen beliebt Foto: picture alliance / imageBROKER | Gabriele Hanke

Die „Bächle-Putzer“ arbeiten sechs Tage die Woche

Und generell scheint die Beziehung Bächle-Politiker eine, nun ja, etwas heikle zu sein. So tappte der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder bei einem Freiburg-Besuch im Jahr 2001 unabsichtlich in eines der Rinnsale, als er gerade mit seinem damaligen Amtskollegen Jacques Chirac unterwegs war. Wegen der Liebes-Legende um die Bächle erregte der Rein-Fall damals einige mediale Öffentlichkeit und launige Kommentare. Ansonsten lieben vor allem Kinder natürlich die Wasserkanäle, und so ist ein lokaler Laden auf eine ziemlich clevere Geschäftsidee gekommen. In der Kaiser-Joseph-Straße 179 werden nämlich in vielfacher Ausfertigung Bächle-Boote verkauft, die die Kleinen dann auf den Rinnsalen in See stechen lassen können. Einmal im Jahr gibt es auch ein großes Rennen der Nachwuchs-Kapitäne.

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So wichtig ist ihr Wahrzeichen den Freiburgern, dass die Stadt sogar zwei „Bächle-Putzer“ beschäftigt. Diese reinigen laut der offiziellen Seite der Stadtentwässerung an sechs Tagen in der Woche die Kanäle, und kümmern sich um die Wasserregulierung. Befanden sich noch im Mittelalter die Bächle in der Mitte der Straßen, wurden sie seit einer Restrukturierung im Zeitraum von 1840-58 sukzessive an deren Rand verlegt. Als ab 1969 die Freiburger Innenstadt zur Fußgängerzone deklariert wurde, entdeckte man die Bächle als schmucke Elemente wieder, und modernisierte sie. Heute sind sie ein beliebtes Wahrzeichen der Stadt. Ich blieb damals übrigens bei meinem Besuch trockenen Fußes, und bin nach vielen Irrungen und Wirrungen in der Liebe seit mehr als 14 Jahren glücklich vergeben. Meine Freundin hat mein Herz damals übrigens auch mit einer Art Trick geöffnet. Sie stand nämlich eines Tages mit selbstgebackenen Muffins vor meinem Fenster. Liebe geht eben durch den Magen. Oder stolpert, zumindest in Freiburg, in ein Bächle.

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