16. März 2026, 17:07 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Indien gehört zu den größten und vielfältigsten Reisezielen der Welt. Dennoch reisen bislang vergleichsweise wenige Deutsche dorthin. Das möchte Indiens Tourismusminister Gajendra Singh Shekhawat ändern. Im TRAVELBOOK-Interview erklärt er, welche Bedeutung der deutsche Markt für Indien hat, wie sehr das Land in den Tourismus investiert und warum er seit 13 Jahren keinen Urlaub genommen hat.
TRAVELBOOK: Wie wichtig ist der deutsche Markt für Indiens Tourismus?
Gajendra Singh Shekhawat: „Deutschland gehört für uns zu den wichtigsten Märkten. Die meisten internationalen Besucher kommen aus den USA, danach aus dem Vereinigten Königreich. Deutschland steht an sechster Stelle mit rund 250.000 Touristen pro Jahr.“
Das klingt überschaubar.
„Das relativiert sich allerdings, wenn man die Gesamtzahl der Deutschen betrachtet, die ins Ausland reisen. Gerade deshalb gibt es großes Potenzial für den Tourismus nach Indien. Aber auch umgekehrt: Deutschland ist für uns ein wichtiger Partner, weil jedes Jahr mehr als 350.000 Inder nach Deutschland reisen.“
Was betrachten Sie als die wichtigsten Hebel, um den Tourismus in beide Richtungen anzukurbeln?
„Eine Herausforderung ist das Schengen-Visum für Inder, die nach Europa reisen möchten. In Indien haben wir bereits ein E-Visa-System eingeführt. Fast alle Länder sind darin eingeschlossen, nur zwei oder drei besonders sensible Staaten nicht. Wer nach Indien reisen möchte, muss nicht zur Botschaft gehen. Der Antrag kann online gestellt werden, sogar über das Mobiltelefon, und das Visum wird innerhalb von 48 Stunden erteilt. Das hat das Reisen nach Indien erheblich erleichtert. Für indische Reisende nach Europa bleibt das Schengen-Visum jedoch weiterhin ein Thema. Hinzu kommt als noch größeres Thema die Konnektivität.“
Also die Flugverbindungen zwischen beiden Ländern…
„Die Zahl der Flüge, die wir eigentlich benötigen, ist noch nicht erreicht. Indien ist schließlich ein Land, das die Größe eines Kontinents hat.“
… und sehr viele unterschiedliche Attraktionen und Ziele bietet.
„Ich glaube, es ist das wohl vielfältigste Land der Welt. Wir haben schneebedeckte Berge und mit der Blauen Flagge ausgezeichnete Strände. Unsere Küste erstreckt sich über Tausende Kilometer, ebenso unsere Gebirgszüge. Indien hat Wüsten und tropische Wälder und ist auch kulturell außerordentlich reich. Es ist eine Zivilisation, die seit mehr als 10.000 Jahren existiert. Es gibt unzählige archäologische Stätten, historische Festungen und Paläste. Gleichzeitig verfügen wir über moderne Infrastruktur und ein großes Potenzial im Wellness-Tourismus, der besonders für deutsche Reisende interessant ist. Auch im medizinischen Tourismus bieten wir zahlreiche Möglichkeiten. Ganz gleich, wofür sich Reisende interessieren: Indien hat für jeden etwas zu bieten. Deshalb sagen wir: Indien ist unglaublich, und Indien ist für alle da.“
3 Milliarden Reisen im Jahr: Indiens Inlandstourismus wächst rasant
Sie haben das Visum bereits angesprochen. Wird es weitere Vereinfachungen für Touristen geben, speziell für Deutsche?
„Wir arbeiten daran, und zwar nicht nur für Deutsche, sondern generell. Wir reformieren unser Visumsystem weiter, um das Reisen zu erleichtern. Zum Beispiel verkürzen wir das Formular und reduzieren die Zahl der erforderlichen Angaben, damit die Antragstellung einfacher wird. Außerdem arbeiten wir daran, das Visumformular mehrsprachig anzubieten. Deutsche Reisende können es dann auch auf Deutsch ausfüllen.“
Wie viele Touristen reisen jährlich nach Indien?
„Die Zahl der internationalen Besucher liegt derzeit bei rund 20 Millionen pro Jahr und wächst weiter. Indien gehört zu den wenigen Ländern, die das Niveau von vor der Pandemie bereits wieder erreicht haben. Noch dynamischer wächst jedoch der Inlandstourismus. Definiert man eine Reise als eine Nacht, die man außerhalb des eigenen Wohnorts verbringt, sprechen wir inzwischen von mehr als drei Milliarden Reisen pro Jahr innerhalb Indiens.“
Woran liegt das?
„Die indische Wirtschaft ist in den vergangenen zehn Jahren stetig gewachsen. Gleichzeitig wurde massiv in die Infrastruktur investiert. Als Premierminister Modi 2014 sein Amt antrat, gab es in Indien 74 funktionierende Flughäfen. Heute sind es rund 160. Die neuen Flughäfen zählen zu den besten der Welt. Zudem wurden in den vergangenen Jahren mehr als 31.000 Kilometer neue Bahnstrecken gebaut. Alle Bundesstaaten und wichtigen Attraktionen sind über den Zugverkehr miteinander verbunden. Auch Bahnhöfe und Züge werden modernisiert. Parallel entwickeln wir unsere Wasserwege und haben beispielsweise Flusskreuzfahrten eingeführt.“
Portugals Tourismus-Staatssekretär: »Haben derzeit nicht die gleichen Probleme wie die Balearen
Angolas Tourismusminister Márcio Daniel: »Tourismus ist das grüne Öl unseres Landes
Bis 2047 soll Indien ein entwickeltes Land sein
Sind so viele Reisende innerhalb Indiens nicht dennoch eine Herausforderung für die Infrastruktur?
„Durch das Wachstum des Inlandstourismus und die steigende Kaufkraft bauen große Ketten Hotels im ganzen Land. Gleichzeitig bieten sowohl die Zentralregierung als auch die Bundesstaaten Hoteliers und Investoren Anreize, in die touristische Infrastruktur zu investieren. Die Zahl der Hotels wächst kontinuierlich. Parallel investieren wir in touristische Destinationen, um das Erlebnis für Reisende zu verbessern. Zugleich entwickeln wir neue Reiseziele, damit bestehende Orte entlastet werden und es nicht zu Überlastungen kommt. Das ist ein fortlaufender Prozess, und wir stehen erst am Anfang. Unser Premierminister hat das Ziel formuliert, dass Indien bis 2047, zum 100. Jahrestag der Unabhängigkeit, ein entwickeltes Land sein soll. Daran arbeiten wir.“
Gibt es Ziele in Indien, die Sie besonders empfehlen würden?
„Die Regierung hat deshalb eine Initiative gestartet, um solche Orte gezielt zu entwickeln und als alternative Reiseziele zu fördern. Insgesamt arbeiten wir derzeit an rund 50 neuen Destinationen im ganzen Land, mindestens einer in jedem der 28 Bundesstaaten. Einige Regionen im Nordosten waren lange Zeit sehr abgelegen und schwer zugänglich. Diese Regionen bieten beeindruckende Landschaften sowie eine faszinierende traditionelle Kultur.“
Für Reisende spielt das Thema Sicherheit eine große Rolle. Planen Sie hier spezielle Maßnahmen?
„Indien ist eines der sichersten Länder für Alleinreisende. Auch für Frauen, die allein reisen, ist es absolut sicher. Für Reisende besteht keinerlei Sicherheitsbedrohung.“
Auch interessant: Was Frauen bei Reisen durch Indien beachten sollten
Indiens Tourismusminister: »Habe seit etwa 13 Jahren keinen Urlaub genommen
Was würden Sie deutschen Reisenden für ihre erste Reise nach Indien empfehlen?
„Heute informieren sich Reisende ohnehin sehr intensiv selbst. Informationen sind jederzeit verfügbar, direkt auf dem Smartphone. Auf unserer nationalen Tourismus-Website ‚Incredible India‘ können Reisende ihre Interessen eingeben, zum Beispiel Wildlife, und auch angeben, wie viele Tage sie reisen möchten. Daraufhin werden automatisch Reisevorschläge erstellt. Man kann sie kombinieren und anschließend direkt über Buchungsplattformen buchen.“
Wohin reisen Sie, wenn Sie selbst Urlaub machen?
„Früher bin ich viel durch Indien gereist, oft mit dem Auto. Jedes Jahr sind wir als Familie unterwegs gewesen, meine Frau, unsere drei Kinder und ich. Wir sind quer durch das Land gefahren und haben verschiedene Regionen entdeckt. Heute lässt mein Amt das kaum noch zu. Ich habe in den vergangenen 13 Jahren keinen einzigen Urlaub genommen.“
Dann anders gefragt: Wo werden Sie Urlaub machen, wenn Sie wieder Zeit dafür finden?
„In meinem Heimatbundesstaat Rajasthan. Er liegt an der Grenze zu Pakistan. Es ist die am dichtesten besiedelte Wüste der Welt und gleichzeitig eine der farbenreichsten und kulturell reichsten Regionen der Erde. In meiner Geburtsstadt steht eine Festung, die vor etwa 850 Jahren gebaut wurde und bis heute bewohnt ist.“