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Nachgefragt beim Gesundheitsministerium und RKI

Wie wird entschieden, wann eine Region kein Risiko- oder Virusvarianten-Gebiet mehr ist?  

Frau in Lissabon, Corona Portugal
Portugal steht mit sechs anderen Regionen in Europa auf der Liste der Virusvarianten-Gebiete – wie lange noch?Foto: Getty Images

Corona-Mutationen breiten sich in vielen Ländern weltweit aus, in Deutschland stehen sie deshalb auf der Liste der besonderen Risikogebiete. Einreisen aus diesen Ländern werden erschwert bis komplett verboten. Doch wie genau wird eigentlich entschieden, wann eine Region ein Virusvarianten-Gebiet ist? Was muss dort passieren, damit sie nicht mehr als solches gilt? Und inwiefern haben die steigenden Mutantenzahlen in Deutschland Einfluss darauf? TRAVELBOOK hat beim Robert-Koch-Institut, dem Auswärtigen Amt sowie dem Gesundheits- und Innenministerium nachgefragt.

Das Coronavirus hat die Welt seit Anfang 2020 fest im Griff. Ende des letzten Jahres kamen Virusmutationen hinzu, die die Bekämpfung der Pandemie noch einmal erschweren. Die Bundesregierung unterteilte die Welt in der Folge 2020 zunächst in Risiko- und Nicht-Risikogebiete. Anfang 2021 kamen zwei weitere Kategorien hinzu: Hochinzidenz- und Virusvarianten-Gebiete oder „besondere Risikogebiete mit einem besonders hohen Infektionsrisiko“. Jede Kategorie ist mit Einschränkungen für Reisende verbunden. (Was die Einstufung eines Landes als besonderes Risikogebiet für Reiserückkehrer bedeutet, lesen Sie hier.)

Für die Einstufung der Länder in Risiko- und besondere Risikogebiete sind das Auswärtige Amt, das Innen- und das Gesundheitsministerium zuständig. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat eine Liste der Risikogebiete veröffentlicht, die regelmäßig aktualisiert wird.

Kategorien der Risikogebiete im Überblick

Unterschieden wird bei den drei Kategorien nach Zahlen und Form des Coronavirus:

Risikogebiete

Staaten gelten als Risikogebiete, wenn ihr Inzidenzwert über 50 liegt. Das bedeutet, dass sich in den letzten sieben Tagen mehr als 50 Menschen pro 100.000 Einwohner nachweislich neu mit dem Coronavirus infizierten. In einem zweiten Schritt wird untersucht, ob Gründe vorliegen, die die Einstufung als Risikogebiet bei einem niedrigeren oder höheren Wert rechtfertigen. Dabei geht es vor allem um die Lage vor Ort. Das RKI nennt „getroffene Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie“, „Infektionszahlen und die Art des Ausbruchs“ sowie Testkapazitäten und durchgeführte Tests als zugrundeliegende Kategorien.

Hochinzidenzgebiete

Hochinzidenzgebiete sind Risikogebiete mit einem besonders hohen Aufkommen von Coronafällen. Regionen werden als Hochinzidenzgebiete eingestuft, wenn die Inzidenz bei über 200 liegt. In einem zweiten Schritt wird laut RKI „anhand weiterer qualitativer und quantitativer Kriterien“ festgestellt, ob trotz eines Unter- oder Überschreitens der Inzidenz ein besonders erhöhtes bzw. nicht besonderes erhöhtes Infektionsrisiko begründet ist.

Virus-Varianten-Gebiete

Die Kategorie der Virus-Varianten-Gebiete hat weniger mit Inzidenzwerten, als viel mehr der Form des Coronavirus zu tun. Dabei geht es um Mutationen, vom RKI sogenannten „besorgniserregenden Virusvarianten (variants of concern, VOC)“. Aktuell sind das die, zuerst in Großbritannien aufgetretene, Variante B.1.1.7, die südafrikanische Mutation B.1.351 sowie P.1, die zuerst im brasilianischen Staat Amazonas auftauchte. Für Staaten, in denen sich die Virusmutationen verbreiten, besteht aktuell ein Beförderungsverbot seitens der Bundesregierung. Das heißt, Einreisen aus diesen Ländern sind nur noch für Deutsche und in Ausnahmefällen erlaubt.

Auch interessant: Bundesländer-Übersicht – Die Corona-Regelungen für Reiserückkehrer aus Risikogebieten

Mutationen in Deutschland – was bedeutet das für Virusvarianten-Gebiete?

Die Einstufung der Virusvarianten-Gebiete und das damit verbundene Beförderungsverbot werfen Fragen auf, seit sich die Mutationen, allen voran die britische Variante B.1.1.7, auch in Deutschland verbreiten. Erhebungen in Laboren ergaben laut einem Bericht des RKI vom 17. Februar 2021 22 Prozent Mutanten in circa 25.490 untersuchten positiven Coronafällen in Deutschland. Virologe Christian Drosten schätzte die Verbreitung bei den Neuinfektionen bei NDR-Info am 2. März 2021 bereits auf 50 Prozent.

Gerade die britische Variante ist es, die sich in den letzten Monaten auch in anderen europäischen Ländern massiv ausgebreitet hat. Beispiele sind etwa Portugal, Irland oder Großbritannien. Sie alle stehen auf der Liste der Virusvarianten-Gebiete, bei allen drei sinken die Inzidenzen aktuell. In Deutschland steigt der Wert hingegen wieder leicht an. Aktuell ist er mit 66 auf einem ähnlichen Niveau wie Portugal (Stand: 1. März 2021). Trotzdem zählen die Länder nicht nur weiterhin zu den (besonderen) Risikogebieten, wodurch Reisende bei der Rückkehr unter anderem sofort in Quarantäne müssen, Deutschland verweigert vielen Menschen, die aus diesen Ländern kommen, komplett die Einreise.

Gesundheitsamt: Risiko entscheidend

TRAVELBOOK fragte dazu beim Gesundheitsministerium nach und erhielt diese Antwort: „Maßgeblich für die Einstufung eines Staates im Ausland als besonderes Risikogebiet aufgrund des Auftretens einer Virusvariante, ist die Verbreitung einer Virusvariante (Mutation), welche nicht zugleich im Inland verbreitet auftritt und von welcher anzunehmen ist, dass von dieser ein besonderes Risiko ausgeht.“ Das Gesundheitsministerium erklärt weiter: „Anhand weiterer qualitativer und quantitativer Kriterien“ kann festgestellt werden, „ob trotz eines Unter- oder Überschreitens der Inzidenz ein besonders erhöhtes bzw. nicht besonders erhöhtes Infektionsrisiko begründet ist.“

Welche genau diese qualitativen und quantitativen Kriterien sind, bleibt offen. Das RKI, auf das das Ministerium hinsichtlich der Kriterien verweist, schreibt das Gleiche und erklärt das „besondere Risiko“. Das bestehe zum Beispiel dann, wenn die Mutation leichter übertragbar sei. Außerdem wenn sie anderweitig „die Infektionsausbreitung beschleunigen, die Krankheitsschwere verstärken“ oder die Immunität durch Impfung oder bereits durchgemachte Corona-Infektion abschwäche.

Die größere Ansteckungsgefahr durch die britische Variante scheint bereits klar zu sein. Das Gleiche wird von der südafrikanischen Mutation angenommen. Außerdem weisen laut RKI mehrere Studien darauf hin, dass die Immunität durch Impfung oder nach einer Coronaerkrankung durch B.1.351 beeinträchtigt wird. Ähnliche Annahmen gibt es für die südamerikanische Variante. Entsprechend ist nachvollziehbar, wieso Länder, in denen diese beiden Varianten verbreitet sind, weiter auf der Liste stehen. Fraglich ist allerdings, was genau passieren muss, damit sie wieder von der Liste gestrichen werden, also zum Beispiel, welchen Inzidenzwert sie erreichen müssen oder ob die Mutationen komplett verschwunden sein müssen. TRAVELBOOK fragte beim Bundesinnenministerium sowie beim Gesundheitsministerium nach. Bisher gibt es jedoch keine Antwort.

Wann werden Länder von der Liste der Virusvarianten-Gebiete gestrichen?

Pressesprecher Dr. Markus Lammert äußerte sich allgemein in der Regierungspressekonferenz vom 19. Februar 2021: „Allgemein kann man sagen, dass die Faktoren, die zu einer Einstufung als Virusmutationsgebiet führen, vielfältig sind und sich nicht allein – zwar insbesondere, aber nicht allein – auf das Infektionsgeschehen beziehen.“ Laut Lammert müssen „Maßnahmen innerhalb der betroffenen Staaten und auch grenzüberschreitende Gegenmaßnahmen, die getroffen werden könnten“ in Betracht gezogen werden. Lammert: „Das ist also ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren.“

Aktuell gibt es in Europa sieben Länder oder Regionen, die als Virusvarianten-Gebiete eingestuft werden: das Département Moselle in Frankreich, Irland, das Bundesland Tirol in Österreich, Portugal, Slowakei, Tschechien sowie das Vereinigtes Königreich Großbritannien und Nordirland. Für alle Länder, die in diese Kategorie fallen, besteht ein Beförderungsverbot. Das gilt noch bis zum 3. März 2021, verschiedene Medien haben jedoch bereits vermeldet, dass es auf den 17. März 2021 verlängert werden soll.

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